Die Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. Dennoch wissen wir heutzutage erstaunlich viel aus der unrühmlichen Geschichte der Menschheit, was die Sieger nicht vollständig „bereinigen“ konnten – sei es die Praxis der Inquisition im Mittelalter oder die weitgehende Ausrottung der Indianer Nordamerikas. Das Endziel der Eroberer war dabei immer die Vorherrschaft über geopolitisch wichtige, meist rohstoffreiche Gebiete und so ist es auch heute noch. Dabei geht es nicht mehr um sichere Handelswege für Gewürze oder Seide, sondern um Den Treibstoff des ausgehenden zweiten Industriezeitalters – um Rohöl. Ein fossiler Brennstoff, um den immer wieder Kriege geführt werden.

Um die Kontrolle über die fossilen Rohstoffvorkommen des Nahen und Mittleren Ostens an sich zu reißen, scheint Washington nach und nach Krieg gegen die dortigen Länder zu führen, um unabhängige Regimes durch willfährige zu ersetzen. Der Ausdruck „Arabischer Frühling“ ist dabei nur ein Schlagwort, das in weit entfernten Büros in Washington, London, Paris oder Brüssel von Personen oder Gruppen erfunden wurde, die sehr wenig über die Araber wissen. Aber sie wissen, dass sie humanistische Vorwände brauchen, um aus rein wirtschaftlichen und machtpolitischen Gründen gegebenenfalls auch militärisch zu intervenieren. Ziel dieses Prozesses ist die Vorherrschaft über den Nahen und Mittleren Osten, Nordafrika und Zentralasien bis an die Grenzen zu Russland und China. Ein weiteres zentrales Ziel ist dabei, den Einfluss letzterer zwei Weltmächte in der Region zurückzudrängen. Das kann kritisch werden.

Das wirtschaftlich mittlerweile erstarkte Russland ist nach wie vor Washingtons schärfster militärischer Widersacher. Beide Mächte kontrollieren gemeinsam etwa 97 Prozent des globalen Atomwaffenarsenals und verfügen über hochentwickelte Trägersysteme, die weltweit gegen alle denkbaren strategischen Ziele gerichtet werden können. Aber auch China hat sich inzwischen hochgerüstet: Einem offiziellen Bericht des Pentagons aus dem Jahr 2009 zufolge verfügt das Land mittlerweile über eine bemerkenswerte Kriegsmarine, die etwa 260 Schiffe (darunter mindestens 75 größere Kriegsschiffe und über 60 U-Boote) umfasst. Darüber hinaus besitzt Peking inzwischen hunderte nukleare Gefechtsköpfe, hochentwickelte Trägersysteme und viele andere strategische Waffen. Infolgedessen ist China die vorherrschende Militärmacht in der zentralasiatischen Region und unangefochtene Nummer drei der zweifelhaften militärischen Weltrangliste.

Natürlich will die Nummer eins auch immer die Nummer eins bleiben und so suchte US-Präsident Obama auf dem ASEAN-Gipfeltreffen Mitte November 2011 in Bali nach Bündnispartnern für seine gegen China gerichtete Koalition. Denn wenn Washington „seine Position in der Region stärken“ will, dann geht es dabei im Kern um militärische Überlegenheit – schließlich erklärte Obama ganz unverhohlen in Bali: „Amerika ist eine pazifische Macht. Wir sind hier und wir wollen hier bleiben“. Dieses Vorgehen kalkuliert erhöhte militärische Spannungen mit China ein – und Peking ist sich der Kriegslust der USA und ihres Strebens nach Weltherrschaft auch durchaus bewusst. Während seines Aufenthalts in Bali erklärte Obama ganz deutlich, dass die verstärkte US-amerikanische Militärpräsenz Teil einer umfassenderen und stärkeren militärischen Positionierung sei, die sich vor allem gegen China richte. Gemeinsam mit Südkorea bauen die USA ihre Präsenz in Asien vor allem auf der Insel Jeju-do mit der Errichtung eines strategisch gelegenen Flottenstützpunkts (Marinebasis Gangjeong) für Kampfschiffe aus, die mit dem elektronischen Warn- und Feuerleitsystem AEGIS ausgestattet sind. Diese Schiffe verfügen darüber hinaus über hochentwickelte schiffsgestützte Boden-Luft-Raketen für Angriffsoperationen sowie leistungsfähige Computer- und Radar-Tracking-Systeme für riesige (Erstschlags)Kapazitäten. Das alles auf einer strategisch wichtigen Position: Jeju-do befindet sich südwestlich von Japan und östlich von China zwischen dem Ostchinesischen und dem Japanischen Meer, mitten in der Straße von Korea, durch die alle wichtigen Schifffahrtsrouten der Region verlaufen. Ganz offensichtlich empfinden auch Pentagon-Strategen die Lage dieser Insel als ein Schlüsselelement zur Kontrolle der lebenswichtigen Schifffahrtswege und der regionalen Gewässer.

Das weiß auch China und sieht sich durch die wachsende amerikanische Militärpräsenz ernsthaft bedroht – schließlich ist damit auch Chinas regionale Vorherrschaft in großer Gefahr. Auf dem Weltmarkt und damit in global-wirtschaftlicher Hinsicht sind Peking und Washington längst schon erbitterte Konkurrenten. In seinem „World Economic Outlook 2011“ geht der Internationale Währungsfond davon aus, dass China (gemessen an der sogenannten Kaufkraftparität) die USA im Jahr 2016 überflügeln wird. Allerdings benötigt China aufgrund seiner rasch wachsenden Wirtschaft für seine Industrien (und eine ausreichende Versorgung von mittlerweile mehr als 1,3 Milliarden Chinesen) stets wachsende Mengen an Rohstoffen – insbesondere Erdöl und Erdgas. Bei der Sicherung der Versorgung mit diesen lebenswichtigen Rohstoffen stehen sich China und die USA als erbitterte Konkurrenten gegenüber. Die nach dem Ausbau der weltweiten Vorherrschaft strebende USA tut alles, um die eigene Versorgung mit Rohstoffen zu sichern und um dabei mögliche Konkurrenten zu schwächen oder auszuschalten, setzt man in Washington nach wie vor auf eine unnachgiebige wirtschaftliche, politische und militärische Politik. Demgegenüber setzen Russland und China derzeit eher auf eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen durch gegenseitige Investitionen, die beiden Seiten zugute kommen. Langfristig gesehen wird sich das auszahlen und gemeinsam haben China und Russland schon heute die wirtschaftliche und militärische Stärke, um es mit den USA und ihren europäischen Alliierten aufzunehmen.

Aber nicht nur in Asien verhärten sich die Fronten, die USA haben nach Afghanistan und dem Irak nun auch den Iran und Syrien im Visier. Dabei geht Washington wieder nach dem „Vorbild“ Libyens vor, um einen Regimewechsel herbeizuführen: Erneut sind schwerbewaffnete Aufständische und Länder wie die Türkei, Jordanien, Saudi-Arabien und Israel an Protesten beteiligt, die ganz eindeutig auf einen Regimewechsel ausgerichtet sind. Bisher ist zwar noch kein offener Krieg ausgebrochen, aber sollten die bisherigen „Hilfestellungen“ nichts fruchten, wird es womöglich dazu kommen.

In Libyen setzte die NATO den Nationalen Übergangsrat (TNC) ein, um Gaddafi und die Dschamahirija-Bewegung zu ersetzen und nun werden die Mitglieder eines vorgeschobenen Syrischen Nationalrats aufgeboten, um das Regime von Baschar al-Assad nach dessen Sturz zu ersetzen. Doch da China und Russland in der UNO ihre schützende Hand über Syrien halten, wagten die USA bisher keine klare Intervention und so wüten seit Monaten gewalttätige Konflikte in diesem Land, die auch von außen weiter angeheizt werden. Die frühere FBI-Mitarbeiterin Sibel Edmonds berichtete unlängst, Washington und andere NATO-Mitglieder unterhielten auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik in der Türkei ein „geheimes Ausbildungslager“. Im April 2011 sei dort damit begonnen worden, syrische Oppositionelle „zu organisieren und ihre Zahl zu erhöhen“. Edmonds erklärte weiter, Washington und die NATO-Einheiten bereiteten türkische Soldaten auf einen möglichen Einsatz in Syrien vor. Zusätzlich wurden amerikanische Einheiten am 8. Dezember 2011 vom irakischen Luftwaffenstützpunkt „Ain al-Assad“ nach Jordanien verlegt, anstatt zurück nach Hause geflogen zu werden. Insofern markiert der Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak lediglich eine regionale Umgruppierung und es bleibt bei einer weiteren Präsenz amerikanischer Truppen in bestimmten größeren US-Stützpunkten im Irak, die von der US-Armee „natürlich“ auch weiterhin betrieben werden. Weiteren Planungen laufen darauf hinaus, die Zahl der Soldaten in der Region durch einen oder mehrere Stützpunkte in Libyen und größere Truppenkontingente in Kuwait zu erhöhen. Außerdem wird an einer Ausweitung der Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien, Bahrain, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman gearbeitet, um eine umfassende „Sicherheitsarchitektur“ aufzubauen, die US-amerikanische Luft-, Boden- und Marineeinheiten für zukünftige Kampfeinsätze koordiniert.

Wie wir wissen, behaupten die USA nun schon seit geraumer Weile, Teheran stelle eine Bedrohung des Weltfriedens dar und das iranische Atomprogramm diene der Entwicklung von Atomwaffen – allerdings ohne bisher entsprechende Beweise vorgelegt zu haben. Das alles erinnert ganz stark an den Irak. Denn auch da plapperten die westlichen Massenmedien zunächst ganz ungeprüft nach, was ihnen „von oben“ serviert wurde. Doch als sich der Rauch der Militärinvasion verzogen hatte, waren da gar keine Massenvernichtungswaffen…

Im Oktober 2011 behauptete ein US-Regierungssprecher, der Iran habe ein Mordkomplott gegen den saudi-arabischen Botschafter in den USA geschmiedet. Diese Anschuldigung erwies sich allerdings schon auf den ersten Blick als substanzlose Propaganda. Im November wurden dann veraltete, manipulierte und bereits seit langem entlarvte Dokumente benutzt, um den Vorwurf zu untermauern, der Iran entwickle tatsächlich in aller Heimlichkeit eigene Atomwaffen. Auch in diesem Fall wurden keine überzeugenden Beweise vorgelegt – nichtsdestotrotz versucht Washington nach wie vor, mit haltlosen Beschuldigungen seine Behauptung zu belegen, der Iran bedrohe „ernsthaft den Weltfrieden“.

Am 15. Dezember letzten Jahres kündigte der New Yorker Bundesrichter George B. Daniels ein Urteil an, in dem der Iran, die Hisbollah und al-Qaida für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich gemacht werden. In dem Verfahren, das von Angehörigen von Opfern der Anschläge angestrengt worden war, behauptete Daniels, der Iran habe al-Qaida materiell unterstützt. Als Grundlage dienten ihm dabei manipulierte Aussagen dreier iranischer Überläufer, deren eidesstattliche Erklärungen während des Prozesses versiegelt blieben. Sachverständige, die diese Behauptungen hätten widerlegen können, wurden gar nicht erst vorgeladen – stattdessen gründete Richter Daniels sein Urteil ausschließlich auf die Aussagen von Personen, die dem Iran gegenüber feindlich eingestellt sind. Die hervorgebrachten Beschuldigungen wurden nicht einmal ansatzweise bewiesen.

Machen wir uns nichts vor: Der Krieg ist das Geschäft Amerikas schlechthin – denn es ist ein überaus profitables Geschäft. Unterworfene Nationen werden wegen ihrer Ressourcen, ihres Reichtums, ihrer Stärke oder ihrer einflussreichen Position zum Ziel von Plünderung und Unterwerfung. Und das ist wahrlich kein Phänomen der Neuzeit – die ersten Pläne für eine Umgestaltung des Nahen und Mittleren Ostens wurden bereits Jahre vor dem Ersten Weltkrieg geschmiedet. Obwohl Briten, Franzosen und Italiener als Kolonialmächte den Arabern jegliche Freiheiten verwehrten, gelang es ihnen, sich in der Außenwahrnehmung als Freunde und Verbündete der „arabischen Befreiung“ zu präsentieren. Im Verlauf der „arabischen Revolte“ (1916-1918) benutzten Engländer und Franzosen die Araber als Fußsoldaten gegen das Osmanische Reich, um ihre eigenen geopolitischen Ziele durchzusetzen. Das geheime Sykes-Picot -Abkommen vom 16. Mai 1916 (in dem London und Paris den Nahen Osten nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches unter sich aufteilten) ist ein klassisches Beispiel dieser Politik. Frankreich und England gelang es, die Araber zu manipulieren, indem sie ihnen die „Befreiung vom Joch“ des Osmanischen Reichs vorgaukelten – dabei war das Osmanische Reich ein echter Vielvölkerstaat gewesen, der seinen unterschiedlichen Bevölkerungen weitgehende lokale und kulturelle Autonomie einräumte.

Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs waren es dann London und Paris, die den Arabern die Freiheit verweigerten und gleichzeitig Zwietracht unter den verschiedenen arabischen Völkern säten. Viele lokale arabische Herrscher waren korrupt und damit auch an diesen Machenschaften beteiligt – und sie alle schätzten sich glücklich, nun zu den „Freunden“ Englands und Frankreichs zu gehören. Ganz ähnlich läuft das auch heute noch: Vor allem die USA, England und Frankreich sind dabei, mit Hilfe korrupter Stammesführer die arabische Welt und Afrika neu zu strukturieren. So ist es keineswegs ein Zufall, dass (zeitgleich zum Exodus der irakischen Christen, der sich unter den wachsamen Augen der amerikanischen und britischen Besatzungssoldaten vollzog) die Stadtviertel Bagdads streng nach den konfessionellen Kriterien von Muslimen übernommen wurden. Dabei zwang man die schiitischen und sunnitischen Gruppen mit aller Gewalt, jeweils nach konfessioneller Zugehörigkeit getrennte Enklaven zu bilden. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Washington, Tel Aviv und Brüssel ganz bewusst separieren, um dann die verschiedenen Volksgruppen gegeneinander aufzuhetzen.

Auch in Afrika wird mit ganz ähnlichen Methoden versucht, die Entstehung einer gemeinsamen arabisch-afrikanischen Identität zu verhindern. Die Pläne laufen darauf hinaus, in Afrika eine Spaltung zwischen vermeintlichen „Arabern“ und so genannten „Schwarzen“ herbeizuführen – dieses Fernziel steht auch hinter dem absurden Identitätskonflikt des „afrikanischen“ südlichen und des „arabischen“ nördlichen Sudans, der immer wieder heraufbeschworen und kräftig geschürt wird. Aus einem ganz ähnlichen Grunde wurden auch sehr dunkelhäutige Libyer zum Ziel einer „farbigen Säuberung“. Gleichzeitig versucht man die zahlenmäßig umfangreiche Gruppe „schwarzer Araber“ in den Süden zu vertreiben oder auszurotten, so dass man eine klare Trennungslinie zwischen einem südlichen „Schwarzafrika“ und einem neuen „Nichtschwarzafrika“ im Norden ziehen kann. Das die Gebiete um diese willkürlich gezogene Trennungslinie herum zum Schauplatz von Kämpfen zwischen den verbleibenden „nicht schwarzen“ Berbern und den Arabern würden, liegt nahe und wird in Kauf genommen. Schon heute werden Spannungen zwischen Muslimen und Christen in Afrika geschürt, um weitere Risse und Spannungen (und somit weitere Sollbruchstellen für Konflikte) zu erzeugen. Indem man diese Spannungen und das Trennende auf der Grundlage von Hautfarbe, Religion, ethnischer Zugehörigkeit und Sprache fördert, sollen Zwietracht und Uneinigkeit in Afrika als Teil einer umfassenden Strategie gesät werden, mit der man sicherstellen will, dass man an alle Rohstoffe des Kontinents gelangt ohne jedoch befürchten zu müssen, dass sich hungerleidende schwarzafrikanische Menschenmassen ungehindert auf den Weg in unsere ach so freie „erste Welt“ machen.

Schon heute werden auf dem afrikanischen Kontinent unzählige regionale Konflikte mit Waffengewalt ausgetragen – auf dem geopolitischen Schachbrett spielt jedoch vor allem der Iran eine wichtige (wenn nicht gar entscheidende) Schlüsselrolle. Schließlich verfügt das Land über etwa zehn Prozent der nachgewiesenen weltweiten Erdölreserven und was seine Erdgasvorkommen von etwa 33 Billionen Kubikmeter angeht, wird es allein von Russland übertroffen. Sollte ein am südlichen (iranischen) Ufer des Kaspischen Meeres vermutetes Erdgasvorkommen tatsächlich bestätigt werden, würde der Iran sogar an die erste Stelle vorrücken und hätte damit die größten Erdgasreserven der Welt.

Wen mag es da noch zu verwundern, dass die energiehungrige USA den iranischen Rohstoffreichtum begehrt – allerdings will man nicht nur seine Verteilung und den Weltmarktpreis kontrollieren, sondern auch alleine (oder vielleicht noch in Absprache mit England) darüber bestimmen, welche Länder wie viel von dem iranischen Rohstoffkuchen abbekommen. In der von Wirtschaftsinteressen geschaffenen Krisenregion ist der Iran das einzige noch verbliebene Kronjuwel und Washington verfolgt schon seit langem das Ziel, die jetzige iranische Regierung durch ein deutlich US-freundlicheres Regime zu ersetzen. Am 16. Dezember erklärte US-Präsident Barak Obama vor der 71. Vollversammlung der amerikanischen „Union für eine Reform des Judaismus“ (URJ), Amerika werde auch weiterhin seinen Druck auf den Iran erhöhen – und dabei stünden „noch alle Optionen offen“. Eine von diesen Option ist Krieg. Eine Option, für die sich die USA schon sehr häufig entschieden haben.

In der Vergangenheit haben die westeuropäischen Kolonialmächte immer wieder erfolgreich ihre Bevölkerung indoktriniert, um auf diese Weise die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit für ihre kolonialen Eroberungen zu gewinnen. Dazu verbreitete man den christlichen Glauben und „förderte“ christliche Werte mit Unterstützung bewaffneter Händler oder gleich mit ganzen Kolonialarmeen. Parallel dazu wurden rassistische Ideologien entwickelt – die Menschen, deren Land man kolonialisierte, wurden stets als „Untermenschen“, als „unterlegen“ oder gar „seelenlos“ bezeichnet. Wer weiß denn heute noch, woher das Sprichwort „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ tatsächlich kommt? Das hat nichts mit Tapferkeit oder Selbstkontrolle zu tun, sondern das war in den Anfangstagen der Besiedlung Nordamerikas eine weit verbreitete Ansicht unter den weißen Siedlern, die ihnen suggerierte, dass die „Rothäute“ keine echten Menschen, sondern eher so etwas wie empfindungslose Tiere seien. Und obwohl der weiße Mann überall in der Welt fleißig andersfarbige Menschen abschlachtete und ihrer Reichtümer stahl, wurde in der Öffentlichkeit stets ein anderes Bild transportiert. Wer will schon an seine schlechten Eigenschaften erinnert werden – kann man das nicht auch irgendwie positiv darstellen? Man konnte – und so wurde bald davon gesprochen, wie selbstlos der „weiße Mann“ seine „Bürde schultern“ würde, indem er die Aufgabe übernahm, die sogenannten „unzivilisierten Völker der Welt“ im christlichen Sinne zu zivilisieren. Dieser geschlossene ideologische Rahmen stellte den „Kolonialismus“ als eine durch und durch „gerechte Sache“ dar. Und für eine „gerechte Sache“ galt es manchmal auch „gerechte Kriege“ zu führen – die heutigen Vorstellungen der USA, Englands, Frankreichs und auch Deutschlands haben sich demgegenüber kaum verändert. Lediglich die Vorwände und Rechtfertigungen der neo-kolonialen Kriege sind andere geworden. Die heutigen „gerechten Kriege“ werden natürlich stets unter dem Banner von Menschenrechten, humanitären Grundsätzen, Freiheit und Demokratie geführt – selbst wenn man nur Jagd auf vermeintliche Terroristen macht. Gleichzeitig werden grundlegende Bürgerrechte weitgehend eingeschränkt, wobei Toleranz und Fremdenfreundlichkeit immer mehr auf der Strecke bleiben.

Bereits in der Anfangsphase des Konflikts in Libyen erklärten der französische Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premierminister David Cameron unmittelbar nacheinander, dass die Zeit des Multikulturalismus in ihren jeweiligen westeuropäischen Gesellschaften zu Ende gehe. Der frühere amerikanische nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski erläuterte in einem Interview, warum Multikulturalismus mittlerweile als Bedrohung angesehen wird: „In dem Maße, in dem Amerika zunehmend multikultureller wurde, wuchsen die Schwierigkeiten, in politischen Fragen einen Konsens zu finden – eine Ausnahme bildete nur eine wirklich massive und allgemein anerkannte direkte Bedrohung von außen. Ein solcher Konsens existierte im Zweiten Weltkrieg und selbst während des Kalten Krieges.“

Im zweiten Weltkrieg waren es die deutschen Nazis und die Japaner, im Kalten Krieg war es die zum „Reich des Bösen“ hochstilisierte Sowjetunion. Seit dem 11. September 2001 sind es nun unheimliche arabische Terroristen (die sich immer und überall in die Luft jagen können), die als vereinendes Feindbild herhalten müssen. Das hat mit den wirklichen Hintergründen der aktuell geführten Kriege (auch wenn sie nie offiziell erklärt wurden) nicht viel zu tun. Alle heutigen Kriege drehen sich ausschließlich um Rohstoffe und Einflusssphären – bereits mit dem Angriff auf Afghanistan begann unter dem Schutzmantel eines Krieges „gegen den Terror“ der 3. Weltkrieg.

Die Frage ist nun, wie weit er sich noch ausbreiten wird.