Ich habe Sebastian* vergangenes Jahr beim Skifahren in Tschechien kennengelernt. Ich hatte beim Liftfahren einen mir bestens vertrauten Geruch wahrgenommen und sofort den im Liftsessel vor mir hängenden Skifahrer als Quelle lokalisiert, der die Zwangspause im Lift dreist dazu nutzte, einen kleinen Joint zu rauchen…

Oben angekommen habe ich ihn dann gefragt, ob er bei der nächsten Bergfahrt mal mein namenloses, tschechisches Outdoor-Sativa probieren wolle, mit dem ich mir die Skitage im Riesengebirge versüßt hatte. So hatte ich für die nächste Liftfahrt und auch für die nächsten Tage einen Begleiter auf der Piste, denn Sebastian und ich hatten uns viel zu erzählen und eine nicht ganz geringe Menge gutes Gras zu teilen. Nach ein paar gemeinsamen Urlaubstagen habe ich meinen neuen Freund dann gebeten, mir für die LeserInnen des Thcene-Magazins ein Interview zu geben, weil seine Leidenschaft für Sport nicht gerade dem Klischee entspricht, das Hanfliebhabenden anhaftet. Sebastian ist übrigens bei Weitem nicht der einzige Kiffer aus meinem Bekannten- und Freundeskreis, der regelmäßig und viel Sport treibt und fast allabendlich Cannabis raucht. Aber Sebastian ist mit Sicherheit der extremste, denn er ist erst zufrieden, wenn es richtig weh tut…

Du meintest einmal zu mir, du seist ein ʼSport-Kifferʼ. Kannst du das bitte mal genauer erklären?

Ich habe seit meinem siebten Lebensjahr viel Sport getrieben, als Kind viele Sportarten ausprobiert und bin ein richtig guter Fußballer geworden. So gut, dass ich in einigen Auswahlen gespielt habe, aber das hatte seinen Preis: Ich hatte bereits mit zwölf Jahren kaum noch Zeit für Privates, es gab nur Schule und Sport. So mit 14 oder 15 entdeckte ich den Reiz des weiblichen Geschlechts sowie des Rausches, was meine Lust auf sportliche Aktivitäten wiederum negativ beeinflusste. Meine bevorzugte Droge war selbstredend der Alkohol. Haschisch war in unserem dörflichen Umfeld der frühen 1980er Jahre komplett verpönt und meine Kumpels und ich wollten ja damals auch noch nix mit den drogensüchtigen Hippies gemein haben, die man im Jugendzentrum der nächstgrößeren Stadt rumlungern sehen konnte.

Leider hatte ich, genau wie im Sport, ein leichtes Problem, mein rechtes Maß beim Stemmen von Selbigem einzuschätzen und so kam es häufiger vor, dass ich mich bis zur Besinnungslosigkeit betrank und auf dem Weg ins Delirium alles vollkotzte, was sich mir in den Weg stellte; inklusive meiner ersten zarten Jugendliebe. Ich hatte zu dieser Zeit nur so nebenbei fünf Mal die Woche Training, mit Leistungszentrum, Begabten-Sichtung und allem Pipapo. Kurzum: It was too much für einen 15-Jährigen. Meine Eltern waren ziemlich mit sich selbst beschäftigt und selbst dem Suff nicht ganz abgeneigt und haben so, mit Ausnahme der sportlichen Erfolge, vom Privatleben ihres Sohnemanns fast nix mitbekommen. ‚Wir haben früher auch öfter mal einen über den Durst getrunken, geschadet hatʼs nicht‘, höre ich meinen Vater heute noch sagen, als ich einmal fast besinnungslos zu Hause abgeliefert wurde. Ich war so damit beschäftigt, Schule, Wochenend-Suff und die zunehmende Zahl der Kneipengänge unter der Woche unter einen Hut zu bringen, dass meine sportlichen Aktivitäten langsam aber sicher weniger wurden. Kurz vor dem Abitur, also so mit 18, habe ich dann angefangen, ab und zu zu kiffen und hatte eine Menge Spaß dabei, allerdings spielte das in meiner Freizeitgestaltung damals noch eine sehr untergeordnete Rolle. Meine Leidenschaft galt dem Suff sowie dem anderen Geschlecht, und zwar genau in dieser Reihenfolge. Kiffen war absolute Nebensache. Als ich dann mit knapp 19 Jahren Abi machte, hatte ich den Sport komplett aufgegeben und durch die ständige Biertrinkerei fast zehn Kilo zugenommen, kurzum: Ich hatte zwar mein Abitur in der Tasche, sah aber scheiße aus und hatte, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, bereits mit 19 Lenzen ein mittelschweres Alkoholproblem.

Aber dafür kaum gekifft?

Bei uns auf dem Lande gab es ja fast nie was zu Kiffen, aber Saufen war fast normal. Ich bin dann nach dem Abi nach Berlin gezogen, um zu studieren. In Berlin habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine richtige ‚Kiffer-Szene‘ kennengelernt. Ich fand das unglaublich, wie offen ich vor fast 25 Jahren schon in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg kiffen und Hasch oder Gras kaufen konnte. Am Anfang habe ich dann erst einmal die totale Party gefeiert, alles ausprobiert und ziemlich schnell festgestellt, dass die Dauer-Party auch nicht das Wahre ist. Während der Anfangszeit meines Studiums habe ich dann LSD, Pilze und (fast) die ganze Palette illegalisierter Drogen ausprobiert, nur von Opiaten habe ich die Finger gelassen, was bei meiner Anfälligkeit für Alkohol sicher eine weise Entscheidung war.