Das menschliche Leben hält sicher nicht viele Erfahrungen bereit, die in ihrer Intensität derart faszinierend sind wie das Phänomen der sogenannten Ich-Auflösung. In diesem außergewöhnlichen Bewusstseinszustand scheint sich das individuelle Ego und damit verknüpft folglich auch sämtliche Filtermechanismen aufzulösen. Die Identität, also das Ich-Konstrukt einer Person, schwindet unter Umständen zur Gänze, wodurch in Erfahrungsbereiche eingetreten werden kann, die weit jenseits des rational Vorstellbaren liegen und mit Worten nur schwer zu beschreiben sind. Abhängig davon, wie eine Person die Aufhebung der Ich-Du- und Raum-Zeit-Grenze erlebt, kann diese Erfahrung sowohl himmlisch-schöne, als auch abgrundtief-erschreckende, ja sogar höllengleiche Formen annehmen.

Für die meisten Personen – nämlich Ekstatiker, Mystiker, Sadhus, Schamanen, Sufis, Yogis oder Psychonauten – die eine solche Erfahrung bewusst anstreben und auf unterschiedliche Weise herbeizuführen versuchen, bedeutet die Auflösung des Ich und der damit einhergehenden kosmischen Verschmelzung etwas unvergleichlich Bereicherndes. In zahlreichen spirituellen Systemen wird die Auflösung des Egos als das zentrale Element der Selbstfindung angesehen, denn nur dadurch ist es einem Menschen möglich, seine wahre und ursprüngliche Natur zu erkennen.

Schauen wir uns dieses Phänomen, das vermutlich jede Person kennt, die schon einmal mit psychoaktiven Substanzen aus der Stoffgruppe sogenannter Psychedelika, holotropen Atemtechniken, Floating, Yoga, Meditation oder anderen bewusstseinserweiternden Techniken experimentiert hat, genauer an. Doch bevor auf die Ich-Auflösung eingegangen wird, erscheint eine kurze Erklärung des Begriffes Ich bzw. Ego sinnvoll.

Das Ich, umgangssprachlich auch Ego (lat./griech.), Selbst oder Selbstkonzept bezeichnet ein psychologisches Konstrukt, das es dem Menschen ermöglicht, sich in Abgrenzung zu seiner Umwelt zu erleben und als individuelle Persönlichkeit zu denken, zu fühlen und zu handeln. Dieses Ich-Konstrukt oder Selbstbild, das sich im Verlauf der sogenannten Ich-Entwicklung – beeinflusst und konditioniert durch Enkulturation, Sozialisation und Personalisation – sukzessive herausbildet und manifestiert, impliziert bei den meisten Menschen eine vollständige Identifikation mit dem physischen Körper, den Gefühlen und Emotionen, dem Namen, Beruf, akademischen Titel sowie dem materiellen Besitz oder der geografischen Herkunft.

Mystische Lehren beschreiben die durch das Selbstbild verliehene positiv anmutende Individualität jedoch sehr häufig auch als Trennung von des Menschen wahrem Selbst („Atman“) und folglich auch als Trennung von Gott, respektive zur universellen Weltenseele („Brahman“). In Anbetracht dessen wird das Ego in zahlreichen mystisch-spirituellen Ansätzen als täuschendes und illusorisches Hindernis auf dem Weg zur Selbstverwirklichung angesehen, dessen Transformation und damit einhergehender Auflösung festgefahrener Persönlichkeitsstrukturen absolut notwendig erscheinen, will man seine wahre Natur, also sein göttliches Selbst, entdecken. Der Bewusstseinszustand der Ichlosigkeit als zentrales Thema zahlreicher spiritueller Systeme (Buddhismus, Hinduismus, Sufismus u. a.) wird meist mit spiritueller Befreiung gleichgesetzt und ist gemäß dem US-amerikanischen Mystiker und Arzt David R. Hawkins die zentrale Voraussetzung für spirituellen Fortschritt bzw. Wachstum, wobei der Zustand der Ich-Auflösung sicher nur dann befreiend wirkt, wenn er bewusst und gewollt in einem angemessenen Setting herbeigeführt wird. Und selbst dann ist es möglich, dass es zu Unsicherheiten und Verwirrungen kommt.

In der Literatur finden sich zahlreiche Begriffe, die synonym zur transzendierenden Ich-Auflösung verwendet werden, wie zum Beispiel Ego-Tod, Erleuchtung, Ich-Entgrenzung, Ichlosigkeit, Selbstentgrenzung, spirituelles Erwachen, All-Einheitserfahrung, kosmischer Bewusstseinszustand, Samadhi, Satori, Unio Mystica oder Buddha-Bewusstsein.