Bewusstseinserweiterung ohne die Einnahme von psychoaktiven Substanzen?

Ja, liebe Leserinnen und Leser, das ist möglich. Und zwar gibt es dafür eine Reihe diverser Techniken, wovon einige bereits seit Jahrtausenden rituell-therapeutisch herangezogen werden, um transformierende und heilbringende Bewusstseinszustände zu induzieren.

Eine solche Technik ist beispielsweise das Holotrope Atmen, das in den 1970er Jahren durch den Psychiater, einstigen  LSD-Forscher und Begründer der Transpersonalen Psychologie Stanislav Grof und seiner Frau Christina. Es wurde als Kombination uralter schamanischer Erfahrungsweisheit mit den Erkenntnissen moderner Bewusstseinsforschung entwickelt. Womöglich handelt es sich beim Holotropen Atmen nach Grof um die effektivste und stärkste substanzunabhängige Technik der Psychotherapie und psychonautischen Selbsterforschung. Die Erfahrungsberichte der Teilnehmer von „Atem“-Workshops sind mitunter spektakulär und erinnern in ihrer Erfahrungsintensität sehr häufig an einen Bioassay über ein starkes Psychedelikum.

Der Heilpraktiker Klaus John zählt zu den erfahrensten und bekanntesten deutschen Therapeuten auf dem Sektor des Holotropen Atmens. Im Interview erzählt er uns, was es mit dieser Technik eigentlich auf sich hat, wie sie entstanden ist, wie sie wirkt, wofür sie gut ist, welche Gefahren bestehen und vieles mehr.

Hallo Klaus, erstmal danke ich dafür, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. Sei so nett und erzähle doch erstmal, was das Holotrope Atmen genau für eine Atemtechnik ist?

Durch den Atem werden latent vorhandene Spannungsmuster körperlicher und emotionaler Art aktiviert und bewusst gemacht. Dies kann sowohl zu Therapiezwecken als auch zur Selbsterfahrung oder Psychonautik genutzt werden. Es können tiefe Regressionen, Wiederbearbeitung von Traumata und Geburtserfahrungen ebenso erlebt werden wie z. B. ozeanische oder vulkanische Ekstase, mystische Einheitserlebnisse oder Transzendenz von Raum und Zeit. Wir sind eigentlich nur ein paar Atemzüge von den gleichen Bereichen der Psyche, die auch die Psychonautik bereist, getrennt. Das Wort „holotrop“ bedeutet „sich in Richtung auf eine Ganzheit bewegen“ und meint, dass es ein menschliches Grundbedürfnis nach Spiritualität gibt. Dieses zu unterdrücken, macht ebenso krank wie sexuelle Triebunterdrückung, wie es schon Sigmund Freud erkannte.

Wie ist diese Technik damals entstanden bzw. wie oder warum ist Grof damals darauf gekommen, dass diese Technik im psychotherapeutischen als auch im psychonautischen Sinne funktioniert?

Stanislav Grof wollte mit LSD in der klinischen Forschung an der Karl-Universität in Prag in den 60er Jahren die Assoziation in der Psychoanalyse verstärken. Dabei arbeitete er nach anfänglich niedrigen Dosierungen zur Auflockerung der Psyche auch mit hohen, alles überwältigenden Dosierungen (300–600 Mikrogramm intramuskulär), um sogenannte Widerstände aufzulösen. Dies führte zu der Entdeckung der „Topografie des Unbewussten“, der allgemeingültigen Landkarte der Psyche. Auch nach Stunden, wenn das applizierte LSD längst abgebaut war, gerieten Patienten immer noch in emotionale Erregung und unterdrückten oder beschleunigten ihr Atemmuster. So wurde die Verbindung von unterdrückter Emotion und Atem untersucht und schließlich allein mit dem Atem gearbeitet. Psychedelika wie LSD wirken wie Katalysatoren für psychische Prozesse. Der Zugang zu den gleichen Prozessen ist auch mit dem Atem möglich. Zusammen mit seiner Frau Christina hat Stanislav Grof die Arbeit am Esalen-Institut in Big Sur, Kalifornien, weiterentwickelt.

Wann und wie bist du auf diese Technik aufmerksam geworden? Hattest du vorher schon ein Interesse für Bewusstseinsthemen oder kam das erst durch das Holotrope Atmen?

Ich habe natürlich auch meinen eigenen Erfahrungshintergrund und mich in meiner Jugend schon mit Hypnose und Schamanismus beschäftigt. Um meine eigenen Erfahrungen zu verarbeiten, habe ich viel gelesen. Wichtig waren für mich Timothy Leary, der wohl erst in späteren Generationen mehr verstanden werden wird, Ram Dass (aka Richard Alpert) und Ralf Metzner. Die Beschäftigung mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen war so spannend, dass ich mein Maschinenbaustudium aufgab und Heilpraktiker wurde, um mit Menschen arbeiten zu dürfen. Mein Mittel war die Hypnose, mit der ich die Topografie des Unbewussten für mich bestätigte. Natürlich gibt es als Heilpraktiker auch noch weitere Interessensgebiete. 1986 begegnete ich dann zum ersten Mal Stanislav Grof in Hamburg. Ich hatte sämtliche seiner Bücher gelesen und tiefen Respekt vor seiner Forschung. Dass das alles auch mit dem Atem funktionieren solle, konnte ich mir damals aber gar nicht vorstellen.

Und das Thema hat dich dann letztlich so sehr begeistert, dass du dich entschieden hast, selbst eine Ausbildung zu machen?

Erstmal wollte ich das Atmen ausprobieren und meldete mich für einen Intensivworkshop, der Bedingung für den Beginn einer Ausbildung sein sollte, an. Von der Intensität der Erfahrung wurde ich völlig überrascht. Bis dahin hatte ich geglaubt, ich würde schon ein paar Anregungen für meine eigene Arbeit mitnehmen, vielleicht Klienten in der Hypnose mal ein bisschen mehr atmen zu lassen. Nun war es ein Gefühl, als hätte ich Tausende Jahre gewartet, genau diese Arbeit zu machen. Dieses Gefühl ist heute natürlich mehr geerdet, aber auch nach 28 Jahren ist immer noch Begeisterung da.