Der internationale „War on Drugs“ – der verharmlosend auch gerne als Drogenpolitik bezeichnet wird – ist ein Krieg gegen  Menschen. Wie immer in einem Krieg trifft es auch hier vor allem die Schwächsten in der Gesellschaft. Ganz besonders deutlich wird das in den USA, dem Land mit den meisten Gefangenen der Welt. Im „Land of the Free“ fristen mittlerweile über 2,3 Millionen Menschen ihr Leben hinter Gittern – die meisten Gefangenen stammen aus armen Verhältnissen, gehören ethnischen Minderheiten an, sind sehr jung oder sehr alt und sitzen nicht etwa wegen Gewalttaten und Schwerverbrechen ein, sondern vor allem wegen gewaltloser Drogendelikte.

Ramarley Graham wurde von der Polizei wegen einem Tütchen Gras ermordet. Der 18-jährige US-Bürger jamaikanisch-afrikanischer Abstammung aus der New Yorker Bronx wurde am 2. Februar 2012 von der Polizei in der Wohnung seiner Familie erschossen. Die Polizisten waren dem Jugendlichen gefolgt, nachdem sie ihn an einem Ort beobachtet hatten, von dem sie vermuteten, dass dort mit Cannabis gehandelt wird. Bei der Wohnung angekommen, verschafften sie sich gewaltsam und ohne Durchsuchungsbefehl Zutritt zu der Wohnung (indem sie einfach die Eingangstür eintraten) und stellten Ramarley auf der Toilette. Einer der Polizisten erschoss den Jugendlichen, weil er vermutete, dass dieser eine Waffe in seinem Hosenbund versteckt hatte und es für ihn wohl danach aussah, als würde Ramarley danach greifen. Später stellte sich heraus, dass der Junge unbewaffnet war und die Polizisten gaben zu Protokoll, sie hätten ein Tütchen mit Cannabis in der Toilette gefunden – Ramarley hatte offensichtlich versucht es noch schnell herunterzuspülen. Obwohl Videoaufnahmen zeigen, dass Ramarley ganz normal nach Hause ging, behaupteten die Polizisten, er sei vor ihnen davongelaufen und habe sich in der Wohnung verschanzt. Zum Zeitpunkt des Zwischenfalls befanden sich auch die Grossmutter und der kleine Bruder des Opfers mit in der Wohnung. Die anklagende Frage der 58-jährigen Frau, warum er ihren Enkel erschossen habe, soll der Polizist mit “Verpiss dich, bevor ich dich auch noch erschiesse!” erwidert haben, bevor er sie brutal beiseite schob. Der Polizist, der den Schuss abgegeben hatte, wurde zwar wegen Totschlags angezeigt, plädierte dann aber auf „nicht schuldig“ und wurde nie verurteilt.

Leider ist das nur einer der jüngsten, zahlloser Fälle, bei denen junge Afroamerikaner von Polizisten oder Mitgliedern sogenannter Bürgerwehren getötet werden und straffrei ausgehen. Spätestens seit Michael Brown in Ferguson und Kajime Powell im benachbarten St. Louis in kurzen Abständen im Sommer 2014 von weißen Polizisten erschossen wurden – beide Opfer waren wie Ramarely Graham unbewaffnet – und den Protesten und teilweise gewalttätigen Ausschreitungen, die daraufhin im ganzen Land ausbrachen, ist in den USA wieder einmal eine Debatte über den latenten Rassismus amerikanischer Polizeibehörden und in der Gesellschaft im Allgemeinen entstanden.

Hier ein paar Fakten dazu: Seit den 80er Jahren und dem offiziellen Beginn des “War on Drugs” hat sich die Zahl der Gefangenen in den USA von damals 500.000 auf heute 2,3 Millionen mehr als vervierfacht. Von den Inhaftierten sind über die Hälfte afroamerikanischer Abstammung. Beim derzeitigen Trend wird einer von drei Afroamerikanern früher oder später eine Gefängnisstrafe verbüßen – zur Jahrtausendwende war es einer von sechs.

Besonders im „War on Drugs“ sprechen die Zahlen für ein System der Ungerechtigkeit. Aktuelle Statistiken des Amts für Gesundheit und Drogenmissbrauch (Substance Abuse and Mental Health Services Administration) in den USA zeigen, dass weiße und afroamerikanische Bürger ähnlich viel illegale Drogen nehmen – trotzdem werden Afroamerikaner viel öfter dafür verhaftet und deutlich härter bestraft. Das hat dazu geführt, dass (auch wenn Afroamerikaner lediglich 13% der US-Bevölkerung ausmachen) fast zwei Drittel der Häftlinge, die wegen Drogendelikten im Strafvollzug sitzen, afroamerikanischer Herkunft sind. Der “Feind” im Krieg gegen die Drogen ist nicht etwa das organisierte Verbrechen, sondern das letzte und schwächste Glied in der Kette: die Konsumenten. Bei vier von fünf Drogendelikten, die in den USA zur Anzeige gebracht werden, handelt es sich um Drogenbesitz und nicht Handel.