Mein erster Besuch bei Holle* liegt jetzt gut zwei Jahre zurück. Der End-Dreißiger hatte mich damals nicht nur mit selbst selektierten Strains beeindruckt, sondern auch durch das politische Anliegen, das er mit seinem illegalen Hobby verbindet. Holle ist Überzeugungstäter, er baut sein Gras nicht nur an, weil er gerne kifft. Tagsüber geht er einem „eher öden Job“ nach, abends widmet sich der ambitionierte Hobbygärtner seinem Schränkchen, das er mit viel Liebe und Sorgfalt selbst zusammengezimmert hat. Bei meinem ersten Besuch hatte er gerade aus Marken-Seeds eigene F1-Strains produziert. Dazu hatte er die Männchen auf dem Balkon ausblühen lassen und die Buds nach dem Bestäuben in Klarsichtfolie eingewickelt, um nebenstehende Pflanzen nicht mit zu bestäuben. Den männlichen Pollen hat er dabei mit einem Pinsel außerhalb seiner Growbox aufgetragen. Das Ergebnis waren ein paar hundert Samen, von denen er heute noch „zehrt.“

Hi Holle. Sei gegrüßt. Was macht das Hobby? Immer noch am Selektieren?

Hi. Vorab möchte ich mich bedanken, dass Ihr mich besucht und mir die Gelegenheit gebt, meine Ansichten und Erfahrungen zum Hanfanbau mit den Lesern zu teilen. Meine Hobby-Selektion hat derzeit Pause, dafür habe ich mir eine kleine vegetative Kammer gebastelt. Nix großes, ein paar Bretter in einem alten Regal, Lampe und Lüfter drüber, eine Schiebetür davor, fertig. Die braucht nur 70 Watt Strom, was im Monat keine zehn Euro ausmacht. Ich habe mir damals aus meinen vielen Samen die für mich passende Sorte heraus selektiert. Um die auf Dauer zu behalten, musste ich sozusagen eine Mutter selektieren und die kleine Kammer bauen. Aber ich habe auch noch eine Menge Samen meiner botanischen Experimente. Von denen stelle ich ab und an eine dazu und hoffe, dass es eine weibliche Pflanze ist.

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Bevor wir uns deine Box genauer anschauen, verrate uns doch mal, wieso du überhaupt growst. Das ist ja schließlich nicht ganz ohne Risiko. Du hast bei meinem letzten Besuch gemeint, du kiffst gar nicht viel. Du könntest dir doch auch ab und zu mal ein Gramm leisten, oder?

Darum geht es doch gar nicht. Ich habe dir damals ja schon erzählt, dass ich es aus Gründen des Anstands, der Selbstachtung und aus botanischer Neugier tue. Ich habe das Geld, das ich für Gras ausgegeben habe, oft Leuten in die Hand gedrückt, denen ich sie im normalen Leben nicht mal zum „Guten-Tag-Sagen“ geschüttelt hätte. Auch wenn es nie um viel Kohle ging, hat mich das 2011 zu meinem ersten Grow gebracht. Weil mein damaliger Stromversorger genauso gierig wie die Dealer im Park war, habe ich schon vor dem Anbau auf Öko-Strom umgestellt. Grower sollten die großen Stromanbieter mit ihren korrumpierenden Auswüchsen nicht mit Geld füttern, denn Hanfbauern sind deren beste Kunden. Ein Staat, der mit der geringen Menge Konsumenten entkriminalisiert, sollte mein Handeln doch gutheißen – sprich weniger strafen – als den bloßen Konsum der Ware ohne Eigenanbau. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Das schreit ja geradezu nach zivilem Ungehorsam. Die Regelung der geringen Menge halte ich dabei für total unangebracht, weil sie das Konsumverhalten nicht maßgeblich beeinflusst. Auch einer friedlichen Pflanze per se ihr Existenzrecht zu entziehen, schießt weit über das Ziel hinaus. Ein verantwortungsvoller Gesetzgeber sollte auch belohnen, dass ich auf meine Gesundheit achte. Als Selbstversorger habe ich eine Garantie auf ungestreckte und einwandfreie Ware. Last but not least möchte ich einfach mehr wissen. Sativa, Indica, Ruderalis, Kush, Haze, Skunk, selbstblühend, feminisiert, F1, F2, Hybride – als Konsument blickt man gar nicht mehr durch. Es gibt ja keine Standardisierung und dem Endkunden im Coffeeshop oder gar auf der Straße kannst Du ja alles erzählen. ‚Hey, ich hab hier 420 Haze x BananaRama Kush, Digga. Für dich nur 13 Euronen. Auf so etwas kann ich verzichten. Da bau‘ ich mir lieber meine eigene kleine Welt, in der ich wenigsten den Durchblick behalte, auch wenn ich mir keine Namen, sondern Nummern für meine Sorten ausdenke. Aber selbst wenn ich die Resultate nicht konsumieren würde, erfreue ich mich an der Schönheit von Cannabis – den aromatischen Terpenen, deren Nuancenfülle, die diejenige von Wein meiner Meinung nach weit in den Schatten stellt. Sich neidlos mit Schönem zu umgeben ist gut für die Seele und macht das Leben lebenswerter.