Wenn man bedenkt, dass einem Flüchtling so ungewiss gar nicht ist, was ihn in Deutschland von Ressentiments bis hin zu Brandanschlägen erwartet, sollte allein die Tatsache, dass er trotzdem kommt, Hinweis genug sein, wie schlecht es ihm erst in seiner Heimat gehen muss.

Auch wenn es viele fast schon nicht mehr hören können, grade für die muss man es aber anscheinend immer und immer wiederholen. Wer davon ausgeht, dass Menschen ihre Heimat verlassen, weil’s Spaß macht, bei dem liegt ein entscheidender Denkfehler vor. Es muss erst das Maß voll sein, an dem man die Entscheidung trifft, alles zurückzulassen und lieber ins Ungewisse zu gehen, als in der Perspektivlosigkeit zu bleiben. Und bei diesem Maß handelt es sich nicht um eine Getränkeeinheit im Bierzelt.

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau sagte mal: „Irgendwann kam der erste Mensch auf den Gedanken, ein Stück Land mit einem Zaun zu umgeben und zu behaupten, das gehöre jetzt ihm. Das Erstaunliche daran ist nicht, dass es einen Menschen gab, der diesen Gedanken hatte, sondern dass die anderen ihm geglaubt haben.“

Oder mal ins Neudeutsche übersetzt: Einer zieht Zäune im Äußeren, welche die anderen dann verinnerlichen. Die bloße Behauptung eines Zaunes ist also nicht das Hauptproblem, sondern das Hauptproblem ist das Problem im Haupt derer, die das glauben. Und kommen viele Leute zusammen, die einen solchen Glauben teilen, dann nennt man sie eine Glaubensgemeinschaft. Und bei den meisten dieser Gemeinschaften hat sich der Grenzglaube inzwischen so verselbständigt, dass es für viele ihrer Gläubigen völlig außer Zweifel steht, andere Menschen in Bewohner innerhalb und außerhalb ihrer Zäune einzuteilen.

Auch wenn wir 7 Milliarden Menschen sind, die alle als Heimat die selbe Kugel im Weltall haben, erreicht man leider nicht jeden Zaun, wenn man mit diesem Pfahl winkt. Denn es gibt Menschen, deren Horizont am nächsten Zaun endet und die ihre Identität dadurch bestimmen, innerhalb welcher Grenzen sie denken.