Wenn man in die Hanf- und Cannabisszene schaut, entsteht schnell der Eindruck einer Männerdomäne. Die meisten Aktivisten sind männlich, das Growen und die Expertise scheint fest in Männerhand zu sein und auch bei den einschlägigen Messen und Konferenzen sitzen oft (bis auf wenige Ausnahmen) nur Herren auf den Panels. Was in den USA schon funktioniert, mehr Frauenpräsenz in der Szene, eigene Themensetzung, Synergien und die Vernetzung untereinander, wollen einige Frauen nun auch in Deutschland angehen, damit die Szene sichtbar weiblicher wird und beim Thema Cannabislegalisierung auch endlich ein Haltungswechsel in Politik und Gesellschaft passiert.

Bei der Hanfparade sind sie beliebtes Fotomotiv, auf Messen und Konferenzen leider unterrepräsentiert: Die Cannabisaktivistinnen und -konsumentinnen. Allerdings ergeht es ihnen sonst in der Szene so, wie in anderen Bereichen auch: Inhaltlich, bei den Jobs, oder auch in der ersten Reihe der Aktivisten sind sie unterrepräsentiert oder marginalisiert. Die Liebhaber der weiblichen Pflanze sind scheinbar in erster Linie männlich. Dass auch viele Frauen in der Szene aktiv sind, zeigt nicht zuletzt, dass in den USA etliche Frauen im Canna-Business aktiv und auch sehr erfolgreich sind – und die haben sicherlich nicht über Nacht, als die Legalisierung in Oregon oder Kalifornien voran ging, plötzlich die Liebe zu Cannabis entdeckt – im Gegenteil, sie waren schon immer da. Doch erst mit der Legalisierung wurden sie auch sichtbarer. Heute besteht in den USA ein stetig wachsendes eigenes Netzwerk von Frauen, die in ganz verschiedenen Bereichen in Sachen Cannabis aktiv sind. Das scheint auch bereits zu wirken, denn das Canna-Business in den USA wird zunehmend weiblicher. Die amerikanische Cannabis-Industrie hat eine Quote von 63 Prozent Frauen in Führungspositionen, davon auch 36 Prozent in den obersten Geschäftsetagen, so eine Umfrage von Marijuana Business Daily aus dem letzten Jahr.

Ein solches Netzwerk namens CannaFem soll nun auch in Deutschland und darüber hinaus entstehen und Frauen stärken, aber vor allem vernetzen und ihre Themen auf die Agenda der Szene setzen. „CannaFem soll eine Plattform speziell für Frauen sein, auf der man Ansprechpartnerinnen findet, wenn man sich in der Branche gerade selbstständig machen möchte, sich für Cannabis interessiert oder Kontakte zu jemandem sucht, der einem Informationen zu medizinischem Cannabis geben kann“, so der Plan. Die ersten Schritte sind schon gemacht, wie Janika Takats von Sens Media und Mariana Pinzón vom Hanfverband im Gespräch mit der THCENE erzählen. Sie sind zwei der – in der Berliner Hanfszene nicht mehr unbekannten –  Frauen, die sich der Sache in Berlin angenommen haben. Mit Unterstützung der Strukturen, für die sie hauptamtlich arbeiten, sind sie seit März auch in Deutschland aktiv und haben der Unterrepräsentanz von Frauen in der Szene den Kampf angesagt. Ihr großes Anliegen ist, dass sich die Frauen hierzulande, aber auch in ganz Europa, vernetzen, sichtbarer werden und eigene Impulse setzen. Denn keine Frage: Die Cannabisnutzung von Frauen ist anders. „Im März diesen Jahres gab es die ersten Berliner Runden, seither treffen wir uns recht regelmäßig zum Austausch und überlegen, wie unsere Struktur genau aussehen kann. Die erste nationale und internationale Veranstaltung hatten wir im Sommer diesen Jahres bei der Mary Jane in Berlin“, erzählt Mariana. Momentan besteht der harte Kern des Netzwerks erst aus einem knappen Dutzend Frauen, aber mit Bekanntwerden des Netzwerks kommen immer mehr Interessentinnen dazu. „Natürlich haben wir geschaut, was es in dem Bereich schon gibt, aber so wie Women Grow in den USA soll unser Netzwerk nicht sein, denn bei Women Grow sind es eher frauenspezifische Business- und Motivationstrainings, da es dort ja schon um ganz andere Fragen geht“, erklärt Janika. „Diese ‚Hey, jetzt packen wir’s an’-Mentalität ist ja auch sehr amerikanisch. Uns geht es hier erst mal darum, Ideen auszutauschen, uns zwanglos kennenzulernen und Unterstützerinnen zu finden. Da aufgrund der rechtlichen Situation das Canna-Business hier noch klein ist, geht es hier noch um andere Themen, als in den USA.“ Dort geht es bereits stark darum, sich als Frau in dem Bereich aufzustellen, eigene Geschäftsideen voranzubringen, frauenspezifische Business-Coachings abzuhalten und mehr. Selbst Cannabis-Feministinnen haben sich in den USA schon zusammengefunden. Die Frauen in den USA sind den Aktivistinnen hierzulande einfach schon ein paar Jahre voraus, denn dort ist die medizinische Legalisierung (und in einigen Bundesstaaten auch darüber hinaus) bekanntermaßen schon eine ganze Ecke weiter. „Wir wollen auch nicht nur Frauen ansprechen, die schon beruflich mit Cannabis zu tun haben, sondern Aktivistinnen, Politikerinnen und Expertinnen, aber auch Frauen, die erst anfangen, sich für Cannabis zu interessieren und vielleicht erst künftig in dem Bereich etwas tun wollen“, erklärt Mariana. Die Frauen sind zuversichtlich, dass sich die Legalisierung auch hierzulande nicht ewig aufhalten lässt. Sie wollen sich schon mal in Position bringen und in der Szene etwas mehr Weiblichkeit zeigen.

„Unsere erste Aktion auf der ICBC im Frühjahr in Berlin war, dass wir einfach mal ein gemeinsames Foto von den Frauen auf der Messe gemacht haben“, erzählt Mariana. Sicher ein Tropfen auf den heißen Stein, denn auch das Foto unterstreicht die Situation: Wenige Dutzend Frauen in einer Männerwelt. Der Männeranteil bei Fachtreffen, Cannabismessen oder Foren bleibt gefühlt auch 2017 bei 90 Prozent. Spannend wird daher sein, wenn aus einem solchen Netzwerk heraus auch Forschungen oder Studien angeregt werden können. Beispielsweise, warum so wenige Frauen bisher in der Szene sichtbar sind. „Meine Vermutung ist, dass Frauen weniger präsent sind, da das Bild des Kiffers hierzulande ja noch recht klischeehaft ist und gerade erst einen Wandlungsprozess durch die medizinische Nutzung erfährt. Außerdem ist die Szene hier wirklich sehr männlich dominiert und es gibt beispielsweise auf Messen kaum Plätze für den Austausch der Frauen untereinander oder für frauenspezifische Themen“, erzählt Mariana. „Frauen aus Spanien, mit denen wir gesprochen haben, sagen uns, dass sie sich doppelt diskriminiert fühlen: Innerhalb der Szene haben sie schnell das Gefühl, nirgends dazu zu gehören und nach außen haben Frauen das Problem, dass sie  – wenn sie sich als Konsumentin outen – oft erleben, dass ihre Verantwortung als Mutter gleich thematisiert oder gar in Frage gestellt wird.“ Das sollte man mal in Bayern tun, wenn dort jeden Herbst das große Oktoberfestgelage startet und Alkohol in Strömen fließt. Dort käme aber niemand auf die Idee, dass jemand, der eine Maß oder zwei trinkt, keine Kinder erziehen kann. Frauen, die also Angst haben müssen, das Jugendamt vor der Tür zu haben, weil sie mit einer Tüte gesehen wurden, werden nicht offen mit ihrem Konsum umgehen. Dabei wären sie aber ein gutes Beispiel dafür, dass das Bild des Kiffers, der sich ständig die Rübe wegknallt, eben vor allem nur eines ist: ein Klischee. Bei Männern, da sind sich beide Frauen einig, gibt es eine viel größere gesellschaftliche Akzeptanz dahingehend, dass sie Verbotes tun und z.B. Dinge wie Cannabisrauchen ausprobieren, dass solche Erfahrungen eben irgendwie zum Erwachsenwerden dazugehören. Niemand zweifle deshalb an, dass sie später auch gute Väter sein können. Die positive Kehrseite liegt maximal darin, dass Frauen beispielsweise bei Polizeikontrollen viel seltener in Verdacht geraten und der Fahndungsfokus in Sachen Cannabis viel mehr auf den Männern liegt. Das ist aber ein schwacher Trost und glücklicherweise muss wegen der medizinisch legalen Nutzung nun auch die Sache mit dem Führerschein und die Frage der Grenzwerte für die Fahrtüchtigkeit in Angriff genommen werden. Schließlich zeigen ja auch andere Länder, wie die USA, dass man Konsument und Fahrzeugführer sein kann und es klare Regeln wie beim Alkoholkonsum geben kann. Hierzulande muss ja auch niemand den Führerschein abgeben, weil er am Vortag eine Flasche Wein oder ein Bier getrunken hat oder gerade einen Kasten Bier im Auto durch die Stadt fährt.

Auch über diese Fragen hinaus sind die Frauen im Austausch. Vielleicht ist es dem ein oder anderen ja schon mal beim Rundgang über die letzte Cannabismesse aufgefallen: Auch dort verträgt die Szene gut und gern noch mehr Weiblichkeit. „Wenn man sich die Szene, aber auch die Werbung und die Produktentwicklung anschaut, dann ist da bisher wenig dabei, was auch Frauen toll finden“, sagt Janika. „Auch wenn man sich die Entwicklung der Sorten-Züchtungen anschaut, dann geht es da um immer höher, immer mehr, immer doller und ich weiß nicht, ob Frauen das selbe Ziel haben, sich mit möglichst wenig schnell und heftig wegzuballern, oder ob sie einen anderen Fokus haben, der bisher nur nicht bedient wurde.“ Dass das Spektrum viel breiter als der Konsum ist, dass es auch um Nutzhanf geht, dass Frauen Cannabis anders nutzen oder wie Cannabis bei frauenspezifischen Krankheitsbildern angewendet werden kann, ist CannaFem ein großes Anliegen. Wenn man in die USA oder nach Kanada schaut, zu Vereinigungen wie Moms For Marijuana, Women Grow oder anderen, dann wird klar, dass die Frauen erheblich zur steigenden gesellschaftlichen Akzeptanz und zur Regulierung in zahlreichen Bundesstaaten beigetragen haben. Vielleicht gerade weil sie ein anderes Konsumverhalten haben. Somit ist die Hoffnung der Frauen, dass ein solches Netzwerk und die Sichtbarkeit von Frauen auch hierzulande die Legalisierung befördern kann. Man sieht ja bereits erste Effekte, die die medizinische Nutzung mit sich bringt, sei es bei der Platzierung des Themas in den Mainstream-Medien oder bei einem sich langsam wandelnden Bild und steigenden Zahlen in Umfragen zur Legalisierung von Cannabis.

Nach der Bekanntmachung der Idee und regelmäßigen Treffen ist der Plan, so sagen die beiden Frauen, für die kommenden Monate recht ambitioniert, da man bei „Cannabis normal“, dem Treffen des Hanfverbands Anfang November in Berlin, ein Panel anbieten will. Dort sollen Konzept und Vision von CannaFem präsentiert und weitere Frauen motiviert werden, sich einzubringen. Eigentlich beinhaltet das auch eine Struktur, auf die sich die Frauen verständigen wollen, aber Marina und Janika sind nicht sicher, ob das bis Anfang November schon gelingt. Die Frauen wollen das Treffen im November auch noch als Möglichkeit nutzen, sich über die Struktur mit Mitstreiterinnen auszutauschen und sie zu diskutieren, statt jetzt schon in Stein zu meißeln. Momentan arbeiten verschiedene kleinere Gruppen der Frauen an verschiedenen Fragestellungen, wie eben auch der Struktur und damit verbundenen rechtlichen Fragen. Vielleicht ist ja auch diese Herangehensweise – erst mit einer Idee in die Öffentlichkeit zu gehen, sich viele Modelle anzusehen, zu prüfen was passt und sich für diesen sehr diskursiven Prozess auch Zeit zu nehmen – recht weiblich. Jedenfalls ist allen Frauen die Augenhöhe des Austauschs wichtig und so etwas braucht eben auch Zeit. „Es geht uns ja auch um die Menschen im Netzwerk, was sie sich wünschen und was sie brauchen. Dieses Miteinander ist für uns eine sehr wichtige Komponente“, sagt Janika. Alle Frauen, so das bisherige Feedback, schätzen vor allem den Austausch miteinander und dass nicht eine fertige Struktur, die sich zwei oder drei Frauen überlegt haben, präsentiert wird.

Dass jetzt eine gute Zeit ist, auch als Frau in den Startlöchern zu stehen, davon sind beide Frauen überzeugt. Sie sind sich sicher, dass beim Umgang mit dem Thema Cannabis gerade ein Wandel einsetzt – eben weil in vielen Ländern die medizinische Nutzung – oder auch darüber hinaus – inzwischen legal ist, sich also die Märchen vom gefährlichen Cannabis nicht mehr erzählen lassen. Längst gibt es auch einen anderen Umgang mit dem Thema in den Medien und immer mehr Menschen befassen sich sachlich mit Cannabis. Auch in der Politik – wenn auch längst nicht bei allen Parteien – habe ein Umdenken stattgefunden und wandelt sich das Bild, wie Mariana anmerkt. „Oft kommen die starken Vorbehalte und Ablehnungen von Menschen, die sich mit dem Thema einfach nicht beschäftigt haben“, sagt sie. „Ich habe das auch bei der letzten Wahlanalyse gesehen“, erklärt Mariana. Die hat sie für den Hanfverband gemacht, der ebenso wie Sens Media das Engagement der beiden Frauen durch Freistellungen innerhalb ihrer Jobs unterstützt. „Bei den Antworten von CDU und SPD habe ich mir an den Kopf gegriffen“, sagt Mariana, „weil man da sehr deutlich gesehen hat, dass die ein vorgefestigtes Bild haben, wie z.B. die Annahme, Cannabiskonsumenten seien unzuverlässig. Gern wird auch der Konsum in die Nähe von Suchterkrankung gestellt.“ Nach der medizinischen Legalisierung wurde es gar noch absurder. Jetzt wird einerseits von Menschen gesprochen, die sicher ein im Sinne der Medikation vernünftiges Konsumverhalten haben, die durchaus auch ein Fahrzeug fahren können, aber der Rest wird in die Schublade „drogenabhängig“ sortiert – und das, wo Teile der Welt längst viel weiter sind. Auch deshalb braucht es die Frauen, denn „die gesellschaftliche Mehrheit bekommen wir nur mit den Frauen“, sind sich Mariana und Janika einig.

Auf der Facebook-Seite von CannaFem werden Geschichten aus der weiblichen Perspektive erzählt, momentan leider noch nicht so stark mit Stories von hier, aber erste Anfänge sind gemacht. Die Frauenzeitschrift Brigitte, ein Medium mit unglaublich großer Reichweite in der Gesellschaft, hat erst im September einen Artikel über eine Frau aus den USA veröffentlicht, in dem die Vielfältigkeit der Anwendung unterstrichen wird. „Es kam mir zu der Zeit so vor, als würde ich in einer Welt aus Schwarz und Weiß leben. Doch als ich begann, Cannabis zu konsumieren, lebte ich plötzlich in Technicolor. Schlafen half plötzlich wieder gegen die Ängste. Alles veränderte sich. Ich fühlte mich nicht high. Ich war nicht stoned. Ich fühlte mich einfach nur ruhig und ausgeglichen“, wird dort die postpartale Depression von Frauen thematisiert. Viele Frauen kennen diese, schätzungsweise 100.000 Frauen im Jahr sind davon allein in Deutschland betroffen, leider wird gegen diese in der Regel heute – weitaus bedenklicher – schwere Antidepressiva verschieben.

Und die Herren der Szene, wie reagieren die auf die Gründung von CannaFem? „Wenn Frauen sich organisieren, dann bekommen sie von Männern Widerstand. Das ist leider immer noch so“, sagt Janika. Auch wenn die Frauen bisher noch nichtmal so weit gekommen sind, etwas zu fordern, oder gar keinen Angriff auf die Herren gestartet haben, gab es Nachfragen, über den Sinn einer solchen Vernetzung, aber auch harte Angriffe und Hater unter im Netz veröffentlichten Artikeln über CannaFem. Die Frauen unterstreichen, dass bisher niemand ausgeschlossen wurde. „Wir richten uns an jemanden und nicht gegen jemanden und hätten wir uns statt CannaFem vielleicht Cannabis-Tampon-Club genannt, dann hätte sich auch kein Mann damit auseinandergesetzt“, sagt Janika. Sie findet solche Angriffe lächerlich. „Wenn bei uns jemand kommen würde, weil er für seine Mutter Unterstützung sucht, würden wir ihn nicht vor die Tür setzen“, sagt Janika. Ohne Frage: Es braucht aber bei bestimmten Themen den geschützten Raum für Frauen, denn ganz sicher ist ja die Verwendung von Cannabis gegen Regelbeschwerden und postpartale Depressionen kein Thema, das Männer unbedingt auf der Agenda haben, geschweigedenn Frauen mit Männern diskutieren wollen.

Mitmachen können Frauen, indem sie sich einfach direkt bei CannaFem melden. Das kostet weder Geld, noch ist es mit Verpflichtungen verbunden. Jede Frau soll sich so einbringen, wie sie kann und will und die gemeinsame Basis ist momentan ein Emailverteiler. Natürlich bietet sich an – da es deutschlandweit und auch aus dem europäischen Ausland Interessentinnen gibt – dass sich die Frauen auch regional vernetzen. Wie man das Netzwerk auch über Deutschland hinaus weiter bündeln kann, werden die kommenden Monate zeigen – doch die Idee funktioniert durchaus dezentral, ob in Berlin, München, Prag oder anderswo.

Mehr dazu:

www.cannafem-network.com