Wie es sich mit der Legalisierung von Cannabis in Oregon lebt

Seit 1. Juli 2015 ist der Konsum von Cannabis in Oregon legal und im Oktober eröffneten schon die ersten Shops. Vorher war nur der Konsum aus medizinischen Gründen erlaubt. Ein halbes Jahr später besuche ich erwartungsvoll eine verschlafene Kleinstadt in dem nordwestlich liegenden Staat in Amerika. Dass ich mit recht romantischen Vorstellungen hierher komme, wird mir frühestens bewußt, als ich mich gleich einen Tag nach meiner Ankunft mit Liam in seinem Haus treffe, um über das Leben vor und nach der Legalisierung zu sprechen.

Liam ist 39 Jahre alt, kommt eigentlich von der Ostküste und hat sich hier in 21 Jahren in einem öffentlichen Amt hochgearbeitet. Seit er in diesem Ort lebt, kifft und isst er täglich Cannabis. Im letzten Jahr ist noch eine medizinisch hochpotente Cannabissalbe, die er mit staatlichem Ausweis bezieht, dazugekommen. Er hat den Vorher-Nachher-Effekt in der Umstellungsperiode direkt mitbekommen. Hier meine ersten Eindrücke von einer Kleinstadt, die vielleicht noch sehr zögerlich scheint.

„Es hat unserem Städtchen einen riesigen Schrecken eingejagt!“

Das sind Liams erste Worte, bevor wir unser Gespräch überhaupt beginnen. Wir setzen uns draußen an seinem Haus versteckt auf die hölzerne Veranda, die uns durch geschickte Buschbepflanzung vor Nachbarn und anderen neugierigen Blicken abschirmt. Das Kiffen in der Öffentlichkeit ist nach wie vor gesetzlich streng verboten. Man darf einen durchziehen, aber nicht dabei gesehen werden. Es wird nichts – wie in meiner träumerischen Vorstellung – mit locker vor dem Haus in der Schaukel sitzen und einen mit den Nachbarn durchziehen. Ich bin etwas enttäuscht. Es scheint auch nicht so einfach zu sein, wie ich dachte, mit Graskonsumenten in Kontakt zu kommen. Der Touch des Verbotenen scheint noch in den Köpfen der Menschen zu hängen. Auch wenn die Menschen in diesem Ort nach außen hin als cooler gelten – im Vergleich zu Leuten in anderen Städten Oregons – gibt’s hier einfach zu viele Republikaner und Konservative.

Liam, wie ist das, wenn man sich verstecken muss, obwohl kiffen legal ist?

Es ist merkwürdig zwiegespalten, aber ich will keinesfalls dabei beobachtet werden, wie ich mein Pfeifchen durchziehe, das wäre mir irgendwie unangenehm. Ich bin hier seit langem eine öffentlich bekannte Person. Es ist zwar legal, aber trotzdem geschieht das Meiste ungesehen. In den Köpfen einiger Leute ist es immer noch eine schlimme Droge. Deshalb hat die Legalisierung vielen einen riesigen Schrecken eingejagt! Ich könnte meinen Job wegen der Kifferei verlieren. Vor meinem Sohn, der woanders lebt, kiffe ich auch nicht. Bei Freunden nur, wenn ich weiß, dass sie selber Marihuana konsumieren. Und hier in meinem Kiez können sich zum Glück höchstens die Nachbarn über den Geruch beschweren. Manche machen das. Ich beschwere mich dann immer zurück, wenn sie grillen – und so ist momentan grade Ruhe zwischen uns.

Hat sich die Haltung in der Öffentlichkeit dem Kraut gegenüber seit der Legalisierung verändert?

Die meisten Älteren haben letztes Jahr erstmal diesen riesigen Schreck bekommen, dass die „böse Droge“ plötzlich erlaubt sein soll! Für die steht die Welt noch Kopf. Ich kenne gleichfalls Leute, die früher enorme Angst hatten zu kiffen weil es illegal war und die heute täglich fröhlich einen durchziehen. Für die jungen Leute ist das jetzt allgemein viel entspannter, die haben gejubelt und in Portland am 1. Juli letzten Jahres eine Menge Tüten auf öffentlichen Plätzen gleichzeitig angezündet, obwohl genau das nicht erlaubt ist. Sie sind plötzlich keine Kriminellen mehr, werden aber trotzdem von manchen komisch wegen ihres Konsums angeschaut.

Ist es auch in manchen Berufszweigen unangebracht, offen über Cannabiskonsum zu sprechen?

Klar, in manchen Berufen ist es natürlich überhaupt nicht gerne gesehen. Bei Ärzten, Lehrern, Polizeibeamten, Rechtsanwälten, Professoren und anderen steht bei Cannabisgebrauch der Job auf dem Spiel. Und auch die, die Gras verkaufen, haben es nicht leicht. Es gibt ja diese mittlerweile die Dispenseries, in denen du Marihuana gegen Cash kaufen kannst, doch die Banken nehmen deren eingenommenes Geld nicht an. Die wollen kein „Potmoney“. Das heißt, diese Läden dürfen bisher noch kein Geschäftskonto eröffnen und ihre Einnahmen einzahlen. Nur das Finanzamt nimmt seltsamerweise die Steuer dieser Läden als Bargeld an. Das muss dann pünktlich nach Salem in die Hauptstadt gekarrt werden. So passiert es auch in anderen Staaten, in denen Cannabis legal ist. Die sitzen nun tragischerweise da mit den Millionen an Bargeld und könnten sich nicht mal ein Haus dafür kaufen und das in Cash bezahlen, weil man das hier nicht so macht! Die meisten müssen deshalb eine Sicherheitsfirma anheuern, die die großen Geldhaufen bewachen. Da sind die Gesetze z.B. noch ziemlich lahm und hinken hinterher und holen nur langsam auf, denn es gibt sehr viele Diskussionen über solche Themen. Viel mehr als früher, als es noch illegal war.

Was ist noch anders, kannst du das beschreiben?

Die ganze Stimmung Marihuana gegenüber ist zwar etwas unspektakulärer geworden, trotzdem noch sehr verhalten. Ich denke, die Leute gewöhnen sich erst langsam daran, dass Cannabis einen anderen Wert in unserer Gesellschaft bekommen hat. Oregon hört plötzlich das Gras wachsen! Neulich traf ich meine konservative, über sechzig Jahre alte Nachbarin, die mir von dem neuen Job ihrer Tochter berichtete. Sie würde jetzt Blütenspitzen abschneiden, also Cannabispflanzen trimmen. Sie wäre erst äußerst skeptisch gewesen, aber dann stellte sie fest, dass ihre Tochter damit sehr gutes Geld verdient und dass es eine legale Sache ist. Ich staunte über die Offenheit der alten Dame. Da hab ich mich getraut, ihr zu erzählen, dass ich seit letztem Jahr ein sogenannter Marihuana-Patient bin. Ihre Kinnlade klappte herunter und sie war total überrascht. Das hätte sie nie von mir gedacht! Aber neugierig stellte sie mir sofort Fragen, die sie sich vorher nicht getraut hätte zu fragen. Sie ist also in ihrem Alter noch offen für Neues. So etwas ist schön zu sehen. Es gibt aber auch Nachbarinitiativen, die geschlossen gegen die Eröffnung eines Marihuana-Ladens in dieser Gegend gewettert haben und sie konnten sich durchsetzen. Es gibt heute viele Regeln, wo diese Läden aufmachen dürfen: Nicht unter 300 Metern voneinander entfernt und ebenso weit weg von Kindergärten und Schulen. Dass überhaupt öffentlich mit so unterschiedlichen Menschen darüber diskutiert wird, ist eine sehr große Veränderung und für viele noch sehr ungewohnt.

Was wird sich voraussichtlich in den nächsten Jahren noch verändern?

Die Wähler für Cannabis waren im Durchschnitt entweder junge Leute oder die ganz alten Hippies. Und die konservativen Lokalpolitiker Mitte 30, also so in meinem Alter und aufwärts, entschieden letztendlich über die Gesetze. Wenn sich das ändert, wenn also die heute jungen Leute später in den hohen Positionen sitzen, dann wird sich das alles bestimmt noch einmal grundlegend entspannen, denke ich. Wer weiß, ob man in einigen Jahrzehnten überhaupt noch in so intensiver Form darüber diskutiert. Bis dahin werden sicher immer weitere Gesetze ausprobiert, den neuen Konsum irgendwie zu regeln. Selbst wenn sie eine Methode finden, zuverlässig und schnell Pot beim Autofahren nachzuweisen, werden diese Konsumenten ja auch wieder bestraft und so kann vieles vielleicht schnell wieder kippen.

Und bei den Jugendlichen?

Ausser dass die meisten das ziemlich cool finden, dass sie kiffen können, ohne gleich Angst vor dem Knast zu bekommen, befürchte ich auch, dass es mehr und mehr Jugendliche geben wird, die evtl. durch übermäßig starken Konsum in psychotische Zustände kommen könnten. Weltweit verlangen immer mehr User stärkeres Gras und es wird dementsprechend gezüchtet. Ärzte schlagen hierzulande schon Alarm und berichten von gehäuft auftretenden Fällen von Schizophrenie bei Jugendlichen. Zumindest haben die jungen Leute keine Angst mehr ins Krankenhaus zu gehen um zu berichten, dass sie sehr starkes Gras in großen Mengen zu sich genommen haben. Bisher ist allerdings nicht erforscht, ob diese Jugendlichen auch ohne Cannabis in einen psychotischen Wahn geglitten wären. Wir werden sehen, wie sich die Situation entwickelt. Momentan ist das Land noch wie in einem Rausch. Interessant ist, seit es staatlich kontrolliert wird, werden hier keine Forschungen mehr bezahlt, für welche weiteren Zwecke das medizinische Marihuana noch genutzt werden kann. Wohin wird das führen?

Jeder kann jetzt hier einfach in so einen Laden gehen und Gras kaufen? 

Ja, wenn du mit deiner ID Karte nachweisen kannst, dass du über 21 Jahre alt bist. Es gibt bei uns eine handvoll Läden im Ort. Aber ich sag dir gleich, die normale Qualität hier ist ziemlich mies. Rauchen möchte ich den Kram nicht. Ich bin zwar nicht unbedingt verwöhnt, aber das törnt bei mir einfach nicht. Selbst die Salben aus dem Zeugs sind schwachpotent. Das merkte ich aber erst, nachdem ich das erste Mal eine Cannabissalbe mit Bienenwachs auf mein schmerzendes Knie auftrug, deren hochpotenter Inhaltsstoff für medizinische Anwendung angebaut wurde und ich den Vergleich hatte. Da blieb mir doch echt der Mund offen stehen! Innerhalb von drei Sekunden waren die Schmerzen bis auf ein Minimum verschwunden. Kein Vergleich zu dem anderen normal käuflichen Zeug.

Was zahlt man denn im Durchschnitt für den Stoff in so einem Laden?

Gras wird dort per Gramm verkauft und kostet je nach Sorte zwischen 5 und 15 Dollar. Seit 1. Januar diesen Jahres wird Marihuana leider besteuert, außer das für medizinischen Nutzen. Das heißt im Klartext, dass sie auf den Preis noch 25% draufschlagen. Deshalb haben sich vor Jahresende hier viele Einwohner nochmal richtig eingedeckt und die Läden machten einen fantastischen Umsatz! Anfang des neuen Jahres ist der Verkauf dementsprechend stark zurück gegangen. Und die Leute kaufen es jetzt wieder unter dem Tisch. Keiner will noch extra für den Staat was bezahlen und die Steuer dem Oregon Department of Revenue in den Rachen schmeißen. Man kommt dafür nur nicht mehr in den Knast. Das ist der Unterschied.

Wer kontrolliert das Ganze?

Im Moment kontrolliert noch die ‘Oregon Liquor Controll Association’ den Verkauf von Marihuana, so wie sie seit Jahren den Alkoholverkauf überwacht und die Promille am Steuer. Stoned sein beim Autofahren ist ebenso verboten wie betrunken sein. Sie tüfteln an einer schnellen Prüfmethode und gaben auch ein Aufklärungsblättchen heraus: „Educate befor you recreate!“ Wenn die aufhören, wird auch die Besteuerung niedriger werden und bei etwa 17% liegen. Es soll hier in Oregon sogar Läden geben, in denen der Besitzer die Steuer von seinem Einkommen zahlt und nicht den Kunden aufgebrummt wird, in der Hoffnung, dadurch mehr Käufer anzulocken. Von der Steuer fließen 40% in Schulen, 20% ins Gesundheitswesen für Drogenkranke, 15% in die staatliche Polizei, 20% in andere Organisationen und nur 5% in kompetente Drogenaufklärung.

Wie bist du zum medizinischen Cannabis gekommen?

Seit 2014 gibt es verstreut Abgabestellen, in denen ich medizinisches Cannabis legal erhalten kann. Der Staat Oregon war vorher ziemlich unnachgiebig, was das Beziehen von Gras als Medizin angeht – und hat diese Institutionen einfach geschlossen. Ich beziehe es seit 2015, weil mein Arzt vorher immer wieder fragte, was meinem kranken Knie geholfen hatte, wenn ich schmerzfrei in seine Praxis kam und ich beichtete ihm dann eines Tages, dass das Pot-Rauchen seit vielen Jahren die Schmerzen erheblich abschwächt. Für ihn machte das Sinn und daraufhin versuchten wir eineinhalb Jahre lang mir einen Ausweis für 200 Dollar zu beantragen, um Cannabis legal zu beziehen, weil ich alle Kriterien erfülle. Für das hochpotente und sehr gute Gras zahle ich selbst nichts. Ich halte das aber bis heute vor Angestellten und manchen Freunden geheim. Man wird komplett durchleuchtet, z.B. ob man jemals eine Straftat begangen hat. Schließlich bekam ich letztes Jahr den Ausweis, den ich nun jedes Mal mit meiner ID Karte zusammen vorzeigen muss, wenn ich an einem zertifizierten Ort meine Medizin abholen will. Dieser Ausweis ist zur Zeit ebenso in Michigan, Maine, Montana, Rhode Island und Arizona gültig.

Was erwartet einen denn in solch einem Laden?

Na los, komm mit! Fahren wir in eine kleine Bude, nicht weit von hier.

Mit seinem nicht mehr ganz neuen Truck brausen wir über den Highway und keine 10 Minuten später betreten wir einen Laden im Nachbarort, der ihm sicher erscheint, weil er hier niemanden treffen wird, der ihn kennt. Die Unsicherheit, nicht doch etwas Verbotenes zu tun, sitzt noch tief. Und außerdem ist Anonymität bei ihm Zuhause mit so wenig Einwohnern nicht gegeben. „Hilfe, ich darf kiffen!“ So wirkt es ein bisschen auf mich als Aussenstehende.

Im Laden traue ich meinen Augen kaum! Paradiesisch! Bestimmt dreißig verschiedene Sativa und Indica! Man kommt rein und die unterschiedlichen Grassorten in großen Gläsern stehen gleich vorne auf dem Tresen. Es duftet vertraut. Ein sehr bunter und angenehmer Kräuterladen. Das für medizinischen Gebrauch angebaute Pflänzchen ist auch hier das absolut Potenteste im ganzen Staat, es steht extra an der Seite und ist nur für Leute mit Ausweis zu bekommen. Die Läden, die früher nur dieses ‘medical grass’ verkauft haben, dürfen jetzt auch ‘recreational marihuana’ zur Erholung an normale User verkaufen. Hier gibt es auch ziemlich starkes Öl, Bonbons und Lutschstangen, verschiedene Kuchen, Brownies, Popcorn, Eiskrem (2 Kugeln für 10 Dollar), Salsa für Chips und anderes. Nicht superbillig – aber zumindest frei verkäuflich. Ich wusste nicht, wohin ich zuerst schauen sollte, ringsum türmte sich das angereicherte Zeug. Die Verkäufer waren eher etwas gelangweilt und wortkarg. Liam lädt mich auf ein ziemlich heftiges Eis ein. Ich zeigte meinen deutschen Reissepass vor. „Darf’s ein bisschen mehr sein?“  Einen kleinen Hanf-Lolly bekam ich von einer Verkäuferin geschenkt. Ich entdeckte noch Samen, Cremes, Lotionen und Klamotten mit kleinen Cannabisblättern drauf und kam ein wenig ins Schwärmen.

Der Laden war mäßig von jungen Leuten besucht und bald darauf fuhren wir wieder zurück in Liams Kleinstadt. Gras hatten wir keines gekauft. Denn Liam darf mit seinem Ausweis jemanden engagieren, der für ihn sein Gras selber anbaut. Sechs Pflanzen darf er über das Jahr verteilt für seinen begründeten Genuss anbauen lassen, aber abgeben darf er offiziell natürlich nichts davon. Eineinhalb amerikanische Pfund getrocknete und medizinisch hochpotente Blüten sind in seinem Besitz erlaubt, das sind über 680 Gramm und dazu 18 kleine Stecklinge. Alle anderen dürfen ab 21 Jahren vier Pflanzen pro Haushalt – egal wieviele Menschen dort leben – für den persönlichen Gebrauch anbauen, das aber nur unsichtbar versteckt hinter hohen Zäunen – und sie dürfen ihr Gras teilen und verschenken, aber nicht damit handeln.

Liam hat deshalb diesen jungen offiziellen Outdoor Gärtner, der ihm einmal im Jahr im Herbst die ganze Ernte auf einmal vorbeibringt. Einen ganzen Kanister voll verschiedener Sorten. Buddha Kush kam gut letztes Jahr, meint Liam. Er lagert den Überschuss natürlich immer aus. Früher war das Anbauen kostenlos, jetzt nimmt sein Grower allein fürs wachsen lassen schon 50 Dollar. Dafür soll die Gegend hier für den Anbau eine der besten sein, denn hier stimmt das Wetter und die vulkanische Bodenbeschaffenheit. Ich kann mich persönlich davon überzeugen. Wir sind zurück auf der lauschigen Veranda, das Wetter ist mild und bei Temperaturen um die 15°C unterhalten wir uns weiter.

Wie findet man denn jemanden, der gutes Gras nach eigenen Wünschen anbaut?

Damals bin ich in so einen Marihuana-Laden gegangen, in dem eine Infotafel hing. Da standen alle möglichen Leute drauf, die meist dringend jemanden für den Anbau suchten. Ich sollte einfach meinen Namen und meine Telefonnummer mit da ran pinnen. Aber genau das wollte ich ja wegen meines Bekanntheitsgrades nicht tun. Schließlich hat mir der Ladenbesitzer sechs Monate später einen jungen, sympathischen Typen unter der Hand vermitteln können, mit dem ich mich gut verstand. Heute, in der legalen Zeit, läuft das genauso ab, nur etwas öffentlicher und viel schneller. Die Anzeigen sind auch erheblich mehr geworden. Die Beziehungen zwischen Patient und Produzent sind sehr unterschiedlich. Manche Hanfbauern geben dir eine Unze (28,34 Gramm) im Monat, das sind die Indoor-Grower. Andere geben dir erst im Oktober die ganze Ernte auf einmal, das sind natürlich die Outdoor-Grower, so wie meiner. Die Menge kontrolliert niemand so richtig. Ich habe mich beraten lassen, welche Sorten für meine Beschwerden in Frage kämen, und die hat er mir dann angebaut. Wir verstehen uns wirklich gut.

Kann man den Unterschied von Indoor- und Outdoor-Gras erkennen?

Manchmal ja, aber größtenteils nicht, wahrscheinlich weil das Klima hier so perfekt ist. Die Indoor-Grower haben viel mehr Probleme mit Ungeziefer, dafür haben sie keine Sorge, dass ihnen die Pflanzen geklaut werden und sie haben ganzjährige Ernten. Ich würde sagen, hier ist „halbe-halbe“ auf dem Markt. Aber noch etwas anderes kannst du hier bekommen. Ein wirklich sehr starkes Cannabisöl. Du benutzt nur die Menge eines Reiskorns und es knockt dich irgendwie für 10 Stunden aus. Es wird bereits medizinisch seit einigen Jahren angewendet. Ich bin hingegen seit Langem regelmäßiger Gras Kiffer und jetzt kommen zu dem täglichen Mindest-Gramm noch die Salben und Lotionen dazu, die ich mir machen lasse und sehr oft nutze. Das Öl ist mir zu stark.

Hattest du schon mal Ärger mit der Polizei?

Nur indirekt, in Zeiten, in denen nur medizinisches Zeug legal war und der Sheriff eines Tages mit einem Stapel Papieren vor meiner Tür stand, um mit mir über meinen medizinischen Konsum zu reden. Total erstaunt liess ich ihn herein und war froh, dass gerade keine Bong oder Pfeife herum lag. „Haben Sie Ihre Papiere zur Hand, Sir?“ fragte er und ich holte schnell die ganzen Nachweise, dass ich das Zeug bekommen darf. Er wollte von mir wissen, ob ich immer alles auf einmal von meinem Grower bekomme, oder wie oft sonst. Ich druckste herum und nuschelte, dass ich der Meinung sei, dass das auf das Verhältnis zwischen Grower und Patient ankäme. „Ihnen passiert nix!“ unterbrach er mich, als er mein verunsichertes Gesicht sah. Ich fand es trotzdem sehr merkwürdig mit einem Sheriff in meinem Wohnzimmer über meinen Cannabiskonsum zu reden und sagte ihm das auch. Immerhin war das etwas sehr privates für mich als bekannte Persönlichkeit, ich flippte innerlich also fast aus! Es stellte sich dann heraus, dass mein Grower Probleme hatte. Er baute zu viel Gras an und verschickte es auch noch außer Landes. Sie schnappten ihn und befragten nun alle, die er beliefert hatte. „Wieviel Pot haben Sie im Haus?“ bohrte der Sheriff weiter und ich fragte zurück: „Wieviel darf ich denn haben?“ „Eineinhalb Pfund, Sir!“ „Genau so viel hab ich von meinem Guy bekommen“, antwortete ich ihm erleichtert. Ich konnte einen Anflug von Lächeln in seinem Gesicht sehen. Mehr ist nicht passiert, außer dass ich mir einen neuen Grower suchen musste. Kaum war der Sheriff weg, brachte ich ein paar Pfund zu einigen Nachbarn, denn ich hatte bestimmt das Zehnfache der erlaubten Menge zu Hause.

Was würdest du den Menschen in Deutschland raten, das sie für die Legalisierung nutzen könnten?

Ja, lasst mal die jungen Leute entscheiden! Alte eingefahrene Denkmuster sollen sich auflösen. Macht nicht so ein Tamtam um das bisschen Kraut und klärt auf. Das Pflänzchen gibt’s schließlich schon lange. Ich hoffe, dass die ersten Länder, die Marihuana komplett legalisieren, mit frischen Ideen weltweit als gutes Beispiel voran gehen werden!

Ich bedanke mich bei Liam, der vor sich hinmurmelnd in einer dichten Wolke verschwunden ist. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen ich hier in den nächsten Monaten noch sammeln werde. Mich hier offenherzig als konsumierende Journalistin zu präsentieren habe ich erstmal beiseite geschoben. Ich werde das Ganze etwas ruhiger angehen, denn ich habe den Eindruck, dass man sonst nicht ehrlich mit mir kommunizieren würde. Oder ist das eine europäische Paranoia, die ich von Zuhause mitgebracht habe?