Die Cannabis-Sortenwelt wird seit einiger Zeit von „Autos“ förmlich überrollt. Gemeint sind Autoflowering-Sorten, also solche, die unabhängig von der Lichtperiode nach einer gewissen Zeit automatisch in Blüte gehen, dank der Cannabis Ruderalis-Genetik, die sie enthalten. Fast jede Seed Bank hat sie, fast jede Seed Bank bringt derzeit kontinuierlich neue Autoflowering-Sortenvarianten auf den Markt, es ist der ganz große Hype, alle Saatgut-Produzenten wollen sich vom Kuchen ein möglichst großes Stück abschneiden. Die Zahl der momentan auf dem Samenmarkt verfügbaren Autos liegt geschätzt bei mehreren hundert, schon bald wird sie eine vierstellige Höhe erreicht haben. Sind Autos in ihren diversen Ausprägungen also tatsächlich segenbringende Züchtungswunder, oder nur ein künstlicher Hype?
Der letzte Schrei sind für viele Homegrower sogenannte AutoFem-Sorten, also feminisierte Autos, die laut ihren Züchtern nicht nur immer verlässlich weiblich und automatisch blühen, sondern selbstverständlich auch hohe Erträge leisten und sehr potent sein sollen. Potenziell getoppt wird dies nur noch von sogenannten „Super Autos“ und „Super AutoFems“, einer neuen Generation von Autoflowering-Sorten, die eine viel längere Kulturzeit als herkömmliche Autos haben (zwischen 90 und 120 Tagen statt 60 bis 80 Tage) und daher auch deutlich größer und ertragsschwerer werden sollen als diese.
Doch bevor die Vor- und Nachteile von Autos hier unter die Lupe genommen werden, zunächst noch ein Überblick über die Geschichte dieser ganz speziellen Spezies.
1987 zierte ein Foto einer “Roadside Ruderalis”-Pflanze die Frontseite des Samenkatalogs von „The Seed Bank“, der legendären holländischen Samenbank des gebürtigen Australiers Neville Schoenmakers.
Neville hatte einige Jahre zuvor auf der Suche nach zuchtgeeigneter Ruderalis-Genetik sogar eine erfolgreiche Reise ins russisch-ungarische Grenzgebiet unternommen und seinen Fund schon 1985 unter der schlichten Sortenbezeichnung „Ruderalis“ in den Seed Bank-Katalog aufgenommen, in naturbelassener, reiner Form, in der Beschreibung ausdrücklich zu Kreuzungszwecken empfohlen.
Im hochkommerzialisierten Seed Business der heutigen Zeit ein absolut unvorstellbarer Vorgang! Wer legt schon (falls vorhanden) freimütig exklusive reine Landrassen auf den Präsentierteller? Neville verdiente sicherlich eine Zeitlang auch viel Geld mit Cannabissamen, aber er zeichnete sich trotzdem auch durch großen Idealismus aus.

Bald darauf startete Neville die ersten Kreuzungsversuche mit Indica- und Sativa-Sorten. Er träumte von der Erschaffung einer „ultimativen Cannabissorte, einer potenten bonsai-artigen Pflanze für drinnen wie draußen, die innerhalb von zwei Monaten nach der Aussaat erntereif und niemals höher als ca. 60 cm wird“ – und die aus der Luft (mit Hubschraubern) praktisch nicht entdeckt werden kann.
Nevilles erste Kreuzungsergebnisse hießen 1987/88 „Ruderalis Sativa“ (Ruderalis, Thai und Mexican Sativa) und „Ruderalis Indica“. Letztere wurde später von Sensi Seeds fortgeführt und ist dort immer noch erhältlich, Nevilles Ruderalis Sativa wurde hingegen nicht ins Programm übernommen.
Auch ansonsten gab es über ein Jahrzehnt lang praktisch keine andere Autoflowering-Sorten auf dem Samenmarkt, das Thema war mehr oder weniger eingeschlafen und fristete ein Schattendasein. Dies sollte sich erst ändern, als The Joint Doctor 2003 seine automatisch blühende Lowryder-Sorte einführte und damit langfristig eine Renaissance in der Autoflowering-Sortenforschung einläutete.
Lowryder spaltete zwar die weltweite Grow-Gemeinde, viele Leute gelangten mit ihr nur zu dürftigen Erträgen, während andere sich zufrieden äußerten, vielleicht auch, weil sie einfach nur andere, geringere Maßstäbe an eine solche Sorte setzten. Etliche Seed Banks eigneten sich Lowryder an, branchenüblich natürlich in der Regel ohne Erlaubnis, und kreuzten sie mit eigenen Sorten.
Einen frischen Schub in der Autoflowering-Sortenlandschaft gab es erst wieder, als Dutch Passion 2008/2009 mit seinen neuen Autos Snow Storm, Polar Light, Taiga und Tundra eine Marktoffensive in diesem Bereich startete. Dieses züchterische Engagement eines der Marktführer im Seed Business (obgleich die Ergebnisse dieser vier neuen Autos ebenso wenig wie bei Lowryder durchgängig überzeugen konnten) schien dann auch vielen Marktkonkurrenten das Signal zum Besetzen dieses Feldes zu sein. Autoflowering kam nun richtig groß in Mode bei den Seed Banks.
Paradise Seeds brachte z. B. Automaria, Automaria II und Pandora auf den Markt, DNA Genetics wartete mit 60 Day Wonder auf. Besonders die beiden letztgenannten Sorten haben bei etlichen mir bekannten Growern bereits viel Zuspruch erfahren und gelten ihnen als gut gelungene Vertreter einer neuen, leistungsfähigeren Generation von Autos.
Auch die inzwischen nicht mehr existente spanische Samenbank DinaFem bekam für seine Autos wie z. B. Roadrunner und Haze Automatic gute Kritiken, ebenso wie Sweet Seeds für z. B. Cream Caramel Auto und Flash Seeds für Annapurna (Super Autos).
Und Dutch Passion wollte schon 2012 mit der neuen Auto-Sorte Think Different neue Maßstäbe auf diesem Gebiet setzen, extrem hohe Erträge von 250 bis 300 g pro Pflanze sollen hiermit im Gewächshaus möglich sein.
Doch Konkurrenzsorten sind mittlerweile äußerst zahlreich vertreten: Ob Auto Affie, Early Bud Bonsai, Flying Skunk, Rapid Afghan, Speed Ryder #2, Turbo Jack, White Express, Sweet Dwarf, Auto Soviet, Auto Bomb, Speedy Gonzales, Quicksilver oder Green-O-Matic – mit klangvoller Namensgebung hatten die Seed Banks noch nie Probleme. Aber halten die Autos inzwischen auch, was sie versprechen?
Sie sind ganz sicher sehr gut geeignet für Leute, die wenig Aufwand betreiben möchten und nicht auf Massenerträge aus sind, ihre Pflanzen zu einer beliebigen Zeit im Frühling oder Sommer einfach raussetzen und dann innerhalb von zwei bis drei Monaten zur Reife gelangen lassen, unabhängig von der Lichtperiode. Oder ihre Autoflowering-Pflanzen auf einer sonnigen Fensterbank oder in einem kleinen Grow-Verschlag platzieren.
Die Tatsache, dass herkömmliche Autos auch draußen meist nicht höher als einen Meter werden, ist besonders bei einer Outdoor-Kultur ein klarer Vorteil, denn solch kleine „Camouflage“-Pflanzen sind aus der Ferne oder aus der Luft kaum zu entdecken, und bei höherer Umgebungsvegetation auch nicht aus der Nähe.
Den im Vergleich zu regulären Outdoor-Sorten tendenziell deutlich geringeren Ertrag kann der Grower ja durch eine erhöhte Anzahl von Pflanzen wettmachen. Je früher im Jahr man die Pflanzen nach draußen setzt, desto blättriger werden (aufgrund der längeren Tage/Lichtperioden) die Blütenstände meist sein, was zu einem herberen, „grünerem“ Geschmack führt. Keine Abstriche wird man hingegen bei der Harzigkeit und Potenz machen müssen.

Für Indoor-Grower, die zwecks (höherem) Eigenbedarf einen technisch voll ausgerüsteten Raum betreiben und vom Samen auf growen, stellt sich allerdings die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Autos. Kaum jemand mit größeren, standardmäßigen Ertragsansprüchen wird bei einem Grow nur auf Autos vertrauen wollen. Also wird man gleichzeitig auch reguläre Sorten anbauen, die nach der Wachstumsphase ein künstliches Einleiten der Blüte durch Verkürzung der Lichtperiode erfordern. Und wenn man eh die Lichtperiode wechseln muss, fällt der wesentliche Vorteil von Autos weg.
Zudem bringen sie deutlich weniger Ertrag als reguläre Sorten, man würde sie also nur mal interessehalber dazustellen, dann aber wohl eher am Rande des Gartens, wo das Ergebnis dann auch mager ausfallen darf.
Ein weiterer Nachteil: Wird die Lichtperiode wegen der regulären Sorten zur Blütezeit auf die üblichen 12 Stunden verkürzt, geht dies zu Lasten des Ertrages der Autos, denn diese profitieren auch in ihrer Blütephase von längeren Lichtperioden (20 Stunden/Tag, 24 Stunden sind aber auch möglich).
Dieser Umstand bedingt auch, dass Autos indoors (beim Betreiben eines einzigen Grow-Raums ausschließlich mit Autos) nur vermeintlich einen großen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber regulären Sorten haben, denn die Rechnung (kürzere Kulturzeit gleich weniger Stromverbrauch) geht nicht immer auf.
Ein Beispiel: Eine reguläre schnellblühende Sorte bekommt vier Wochen Wachstumszeit bei täglich 18 Stunden Licht (= 504 Stunden) und in ihrer achtwöchigen Blütephase dann 12 Stunden pro Tag (= 672 Stunden), macht insgesamt 1.176 Lichtstunden. Eine Autoflowering-Sorte mit einer schnellen Kulturzeit von insgesamt 60 Tagen bei 20 Stunden Licht täglich würde hingegen 60 x 20 = 1200 Lichtstunden erfordern.
Besser sieht die Rechnung aus, wenn ein Grower über zwei separate Grow-Räume verfügt (einen für die vegetative Phase und einen für die Blütephase) und diese kontinuierlich nutzt, dann könnte er im vegetativen Raum jederzeit einige Autoflowering-Pflanzen dazustellen und diese dort auch blühen lassen, auf diese Weise also ergänzend zu den Erntezeiten der regulären Sorten im Blüteraum noch öfter und flexibler Ernten einfahren.
Die Frage ist nur, ob im vegetativen Raum genug Platz für zusätzliche AutoS vorhanden ist oder ob diese nicht die Aufhängung weiterer Lampen erfordern, den Energieverbrauch also deutlich erhöhen würden.
Ganz klar ist der Fall indessen bei der profitorientierten Indoor-Grow-Gemeinde: Für kommerzielle Grower gibt es gar keinen Grund, auf Autoflowering-Strains zu setzen, hier ist das Arbeiten mit Mutterpflanzen und Stecklingen ertragreicher regulärer Sorten das wirtschaftliche A & O.
Es wäre schlichtweg ökonomischer Unsinn, für teures Geld hunderte Autoflowering-Samen einzukaufen und damit eine kommerzielle Anlage zu bestücken. Und wer die Stecklinge nicht selbst produziert, sondern zukauft, profitiert ohnehin bereits von einer äußerst kurzen Kulturzeit. Schneller als 45 Tage (bei schnellblühenden kommerziellen regulären Sorten) können auch Autos nicht sein, ganz im Gegenteil.
Zudem gilt indoors für alle Autos: Ihnen sind in Sachen Ertrag (genetisch bedingt) ganz einfach natürliche Grenzen gesetzt, bei einer superkurzen Kulturzeit und Indoor-Pflanzenhöhen von lediglich 30 bis 80 cm kann prinzipiell kaum ein hoher einstelliger oder gar dreistelliger Ertrag pro Pflanze herausspringen.
Tatsächlich beißt man sich in der Praxis oft schon an der 30- oder 40-g-Marke die Zähne aus. Und selbst die neue Generation von „Super Autos“ bietet hier nicht wirklich einen Ausweg aus dem Indoor-Dilemma. Diese Sorten mögen zwar aufgrund ihrer längeren Kulturzeit deutlich höhere Erträge produzieren als reguläre Autos, dann aber stellt sich schon wieder die Frage, worin hier überhaupt der Vorteil liegt, wenn sie insgesamt genauso lange oder gar länger brauchen als reguläre Sorten.
Im Outdoor-Bereich können Super AutoS dagegen potenziell schon eher auftrumpfen, man könnte sie z. B. schon zum Frühlingsbeginn ansetzen und bereits im Frühsommer eine erste Ernte einfahren.
Auch der THC-Gehalt ist bei Autos ein wichtiges Thema. Es muss jedem klar sein, dass auch die potenteste Autoflowering-Sorte niemals so potent sein kann, wie besonders THC-reiche reguläre Sorten, auch hier setzt der Ruderalis-Anteil natürliche Grenzen.
Das High von Autos ist in den meisten Fällen deutlich kürzer als das von regulären Strains, es hält bei vielen Sorten nicht deutlich länger als eine Stunde an und ist auch längst nicht so heftig wie bei regulären Sorten. Oft weisen Autos zudem einen deutlich höheren CBD-Gehalt auf, was ihr High etwas abschwächt.
Fazit: Auto-Strains sind sicherlich eine Bereicherung der Sortenlandschaft, eine interessante neue Spielart auf der Klaviatur der Hanfgenetik und für bestimmte Grower-Typen sicherlich sehr gut geeignet. Sie sind aber auch weit entfernt davon, ein segenbringendes Grow-Wunder für jedermann zu sein. Man sollte sich daher sehr genau überlegen, welche Bedürfnisse man hat und welche Ziele man beim Growen erreichen möchte, bevor man die Kultivierung von Autoflowering-Strains ernsthaft in Betracht zieht.



