Unter dem Deckmantel eines längst gescheiterten Drogenkrieges bereitet „Friedenspräsident“ Donald Trump in Venezuela offenbar den nächsten gewaltsamen Regimewechsel vor. Er setzt damit die Tradition einer aggressiven Interventionspolitik fort, die am liebsten ganz Lateinamerika wieder US-amerikanischen Interessen unterwerfen möchte. Selbst die aktuelle Friedensnobelpreisträgerin aus Venezuela ruft offen zur gewaltsamen Übernahme ihres Landes auf, und wieder mal zeigt sich: Krieg bedeutet Frieden, und wer ein gefährlicher Drogenschmuggler oder Terrorist ist und deshalb ohne Anklage hingerichtet werden darf, entscheidet die US-Regierung ganz nach eigenem Befinden…
Als Donald Trump sein Verteidigungsministerium im September offiziell in „Kriegsministerium“ umbenennen ließ, tat er das ganz sicher nicht zum Spaß, denn fast zeitgleich ordnete er die Bombardierung mehrerer ziviler Boote vor der Küste Venezuelas an, bei der etwa 30 Menschen getötet wurden. Dass das US-Militär Zivilisten tötet, ob nun mit Absicht oder als Kollateralschaden, ist natürlich nicht neu – dass ein Präsident damit auch öffentlich angibt, ist dagegen schon etwas Neues. So veröffentlichte Trump nicht nur voller Stolz ein Video der militärischen Angriffe auf zivile Boote auf seinem Truth-Social-Account, er kündigte sogar weitere solche Anschläge an, obwohl diese eindeutig gegen internationales Recht verstoßen. Als Rechtfertigung dient ihm dabei (wie so vielen US-Präsidenten vor ihm) der „Krieg gegen die Drogen“, schließlich stünden die Getöteten in Verbindung mit der venezolanischen Gang „Tren de Aragua“, die Trump direkt als „ausländische Terrororganisation“ einstufte.
Trumps „Kriegsminister“ Pete Hegseth erklärte derweil, dass die USA (allein zum Schutz der amerikanischen Bevölkerung) das Recht hätten, verdächtige Drogenschmuggler zu beseitigen. Denn jedes Jahr würden 100.000 US-Amerikaner durch die illegal ins Land gebrachten Drogen ums Leben kommen. Wer nun aber ein Drogenschmuggler oder Terrorist ist und deshalb im Interesse der „nationalen Sicherheit“ ermordet werden darf, entscheidet die Regierung in Washington ganz offensichtlich nach eigenem Befinden. Denn es gibt für die Behauptungen von Trump und Hegseth weder Beweise noch irgendeine rechtliche Grundlage für derartige Hinrichtungen auf internationalen Gewässern. Aber solch lästige Details waren im „War on Drugs“ oder im „War on Terror“ erfahrungsgemäß noch nie von großer Bedeutung.
Während er in der Ukraine und in Gaza zuletzt auf diplomatische Verhandlungen setzte, zeigt der als „Friedenspräsident“ angetretene Trump, dass er vor der eigenen Haustür (also in der Karibik und in Lateinamerika) dieselbe kriegerische Interventionspolitik betreibt, für die die USA dort schon seit Jahrzehnten berüchtigt sind. Und das alles unter dem altbekannten Deckmantel eines Drogenkrieges, an dem schon seine Vorgänger kläglich scheiteren. Dabei ist längst bekannt, dass Venezuela im internationalen Drogenschmuggel eine eher untergeordnete Rolle spielt. Die US-Regierung hatte bis vor Kurzem noch selbst erklärt, dass der größte Teil des illegalen Fentanyls, das für die zunehmende Opioid-Krise verantwortlich ist, aus China und Mexiko stammt. Weshalb also diese plötzliche Fokussierung auf Venezuela als angeblich so gefährlichen Terror- und Drogenstaat?
Man muss kein Genie zu sein, um herauszufinden, worum es hier tatsächlich geht. Venezuela zählt zu den Ländern mit den reichsten Erdöl-, Gas-, Gold- und Mineralvorkommen der Welt. Der Verkauf von Erdöl generiert mehr als 95 % der Exporteinnahmen und ist für etwa die Hälfte der Staatseinnahmen
verantwortlich. Gleichzeitig steht das Land seit mehr als 25 Jahren unter einer sozialistischen Führung, zuerst unter Hugo Chávez und aktuell unter Präsident Nicolás Maduro. Über deren Politik gibt es natürlich sehr geteilte Meinungen, zumindest wurden sie aber demokratisch gewählt. Wer die amerikanische Geopolitik des letzten Jahrhunderts kennt, weiß allerdings auch, dass die USA im Zweifelsfall auf die Souveränität ihnen nicht genehmer Staaten pfeifen und Präsidenten bei Bedarf wie Marionetten auswechseln lassen. Auch in Venezuela wurde das schon mehrfach versucht.
Noch in Trumps erster Amtszeit kam es 2019 zu einem Putsch, in dessen Folge sich der von Washington unterstützte Oppositionsführer Juan Guaidó zunächst zum Übergangspräsidenten Venezuelas ernannte. Maduro wurde dagegen von Seiten der USA jegliche Legitimierung abgesprochen, er wurde als Diktator, Terrorist und Anführer des Drogenkartells „Cartel de Los Soles“ bezeichnet. Der Putsch scheiterte schließlich, Maduro blieb im Amt und beendete im Anschluss sämtliche diplomatischen Beziehungen zu den USA. Offiziell erklärte Trump noch im Herbst 2024, man habe nicht die Absicht, Venezuela anzugreifen – allerdings nicht ohne hinzuzufügen, dass die Tage von Präsident Maduro gezählt seien und dass er die CIA ermächtigt habe, verdeckte Operationen und Anschläge in Venezuela durchzuführen.
Ob nun durch eine offene Kriegserklärung oder verdeckte Anschläge, das Ziel scheint klar zu sein: Maduro soll unbedingt beseitigt und das Land mit seinen reichen Rohstoffvorkommen wieder unter amerikanische Kontrolle gebracht werden. Zur Unterstützung dieser Pläne wurde nach dem gescheiterten Übergangspräsidenten Guaidó nun die Oppositionsführerin María Corina Machado ins Spiel gebracht. Machado strebt bereits seit mehr als 20 Jahren nach der Macht in Venezuela, schon 2002 beteiligte sie sich an einem gescheiterten Putsch gegen den damaligen Präsidenten Chávez, unterstützt von der CIA-nahen Organisation „National Endowment for Democracy“. Während Maduros Präsidentschaft unterstützte sie dann die scharfen Wirtschaftssanktionen der USA, die zu einer drastischen Verschlechterung der Gesundheits- und Ernährungssituation in Venezuela mit tausenden Todesopfern führten – für die selbsternannte Demokratin Machado wohl kein Problem. Für wen sie aber in Wirklichkeit kämpft, bewies sie spätestens im Oktober 2024, als sie in einem Podcast mit Donald Trump Jr. ganz unverhohlen die möglichen Profite für US-Unternehmen beschwor, sollte sie endlich in Venezuela an der Macht sein: „Vergesst Saudi-Arabien, wir haben mehr Erdöl als die […] Wir werden die komplette Ölindustrie für euch privatisieren!“
María Machado macht also kein Geheimnis daraus, wem sie die Souveränität ihres Landes verkaufen will. Dafür sind ihr auch gewaltsame Mittel recht. So ruft sie immer wieder öffentlich zu ausländischen Militärinterventionen auf und forderte sogar einen international geächteten Kriegsverbrecher wie Benjamin Netanyahu dazu auf, Venezuela mit Bomben zu „befreien“. Ganz offensichtlich fühlte sie sich dabei durch die Bombardierung Gazas von Israel inspiriert. Für so viel aggressive Kriegstreiberei wurde ihr 2025 dann tatsächlich auch noch der Friedensnobelpreis verliehen, aber das ist ja nicht die erste mehr als fragwürdige Verleihung dieses Preises. Angesichts der Begründung für Machados Nominierung, bei der ihr „unermüdlicher Kampf für den Frieden in Venezuela und der Welt“ gelobt wurde, muss man sich aber schon fragen, ob sich das Nobelkomitee in Oslo mittlerweile vom berühmten Neusprech-Motto aus George Orwells „1984“ leiten lässt: „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“.
Unterstützt wurde Machados Nominierung für den Friedensnobelpreis übrigens unter anderem von Marco Rubio, dem derzeitigen US-Außenminister und obersten Sicherheitsberater Donald Trumps. Kriegstreiber unter sich, könnte man sagen, denn auch Rubio setzt sich schon seit Langem für gewaltsame Regimewechsel ein, nicht nur in Venezuela, sondern auch in Ländern wie Kuba, Nicaragua und Kolumbien. Überall dort also, wo sich eher linksgerichtete Regierungen der Kontrolle und Dominanz der USA erfolgreich widersetzen. Mit Rubio als zweitmächtigstem Mann in Trumps Kabinett war es dann auch nur eine Frage der Zeit, wann das US-Militär seine Präsenz in der Region wieder verstärken würde. Neben den bereits in der Karibik stationierten Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen wurde im November dann auch noch der größte Flugzeugträger der Welt (namens „Gerald R. Ford“) vor die Küste Venezuelas verlegt. Die Bombardierung der angeblichen Drogenschiffe war also nur der Anfang, die Zeichen stehen eindeutig auf Krieg – oder wie Pete Hegseth es bezeichnet: Militäroperation „Southern Spear“.
Die Aggressionen gegenüber Venezuela müssen daher als Teil eines größer angelegten Plans zur Umgestaltung beziehungsweise „Rückeroberung“ Lateinamerikas angesehen werden. Das hat nicht zuletzt mit dem zunehmenden Einfluss von China und der BRICS-Gemeinschaft zu tun, die Donald Trump ja schon seit Längerem ein Dorn im geopolitischen Auge ist. Die BRICS-Staaten haben sich immerhin die „Entdollarisierung“ des weltweiten Wirtschaftssystems auf die Fahnen geschrieben. Eines der Hauptziele der USA dürfte daher auch sein, möglichst viele lateinamerikanische Länder wieder vom Einfluss Chinas, Russlands und des Iran zu lösen. Vor allem China baute seinen Einfluss in den letzten Jahren immer weiter aus und ist heute auch in Südamerika der größte internationale Handelspartner. Gerade erst hat sich zum Beispiel Kolumbien der „Belt and Road Initiative“ angeschlossen, mit der China Infrastrukturprogramme in mehr als 150 Ländern weltweit unterstützt.
Chinas enge Beziehungen zu Kolumbien dürften die USA besonders verärgern, galt das Land doch lange Zeit als engster Verbündeter Washingtons in Lateinamerika. Mit Gustavo Petro kam 2022 aber erstmals ein linker Präsident an die Macht, der nach mehr Unabhängigkeit von den USA strebt, sowohl wirtschaftlich als auch außenpolitisch. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Auch Kolumbien wurde umgehend mit strengen Sanktionen bedacht, auch hier wieder unter dem Deckmantel des Drogenkrieges, was nun eine ganz spezielle Ironie der Geschichte sein dürfte. Schließlich hatte die CIA einst selbst den Drogenschmuggel aus Kolumbien dazu genutzt, um den Bürgerkrieg in Nicaragua zu befeuern. So wurden in den 80er-Jahren tonnenweise reines Kokain in die USA gebracht und verkauft, um mit den Erlösen daraus Waffen, Munition und Sprengstoff für die nicaraguanischen Contras zu beschaffen. Die damalige Crack- und Kokain-Epidemie (vergleichbar mit der heutigen Opioid-Epidemie) war also auch ein Inside-Job der CIA.
In dem Zusammenhang auch noch interessant: Marco Rubios eigener Schwager, ein ehemaliger Immigrant aus Kuba namens Orlando Cicilia, ist ein verurteilter Kokainschmuggler, dem der heutige Außenminister nach seiner Haft half, eine erfolgreiche Karriere als Immobilienmakler aufzubauen – während er gleichzeitig die Deportation anderer Immigranten wegen geringster Drogenvergehen unterstützt und den Präsidenten Venezuelas wegen seiner angeblichen Verbindungen zu kolumbianischen Drogenkartellen aus dem Weg räumen möchte. Das Problem mit den Drogen in den USA ist eben doch etwas komplexer, als es die „Law and Order“-Hardliner aus Trumps Kabinett ihren Wählern verkaufen wollen. Aber so lief das schon immer im „War on Drugs“: Man sperrt Konsumenten ein, schiebt ein paar vermeintliche Dealer ab und täuscht so gekonnt Aktivismus vor. Von den sozialen Ursachen für die immer weiter steigende Zahl an Abhängigen und der eigenen Verstrickung in den internationalen Drogenhandel lässt sich so ganz bequem ablenken. Zumindest vorübergehend.
Der Kampf gegen Drogenschmuggel ist eben nichts anderes als ein mittlerweile ziemlich durchsichtiger Vorwand, um die neue Welle aggressiver Einmischungen in die politische Landschaft Lateinamerikas zu rechtfertigen. „Make America Great Again“ – das scheint für Trump auch zu bedeuten, die politische und wirtschaftliche Dominanz über den südlichen Kontinent wiederzuerlangen, die die USA zumindest bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts noch besaßen. Neben den Sanktionen und Drohungen gegen Venezuela und Kolumbien hatte Trump zuletzt Einfuhrzölle von bis zu 50 % gegen Brasilien (eines der BRICS-Gründungsländer) erhoben und zudem angedroht, den Panamakanal wieder unter die Kontrolle der USA bringen zu wollen. Dazu kommt die verstärkte Militärpräsenz der USA – hier kämpft ein schwächelndes Imperium offenbar gegen den eigenen Bedeutungsverlust. Vielleicht ist es so etwas wie das letzte Aufbäumen, vielleicht aber auch der Beginn eines längeren gewaltsamen Konflikts. Dabei bröckelt die Zustimmung für die unsinnigen und teuren Kriege der USA auch unter den US-Bürgern immer mehr, selbst bei vielen MAGA-Anhängern.
An dieser Stelle noch eine kurze historische Einordnung, denn zur Erklärung der Interventionspolitik der USA in Lateinamerika wird oft auch die sogenannte „Monroe-Doktrin“ von 1823 zitiert. Der damalige Präsident James Monroe forderte darin die Nichteinmischung der europäischen Kolonialmächte auf dem amerikanischen Kontinent und kündigte ein Eingreifen der USA für den Fall an, dass Europa diesen Grundsätz ignorieren sollte. „Amerika den Amerikanern“ lautete seitdem das Motto. 1904 veröffentlichte Präsident Theodore Roosevelt dann einen Zusatz, der aus der eher defensiven Monroe-Doktrin die Voraussetzung für die aggressive US-Außenpolitik machte, wie wir sie heute kennen. In der Folge wurde zuerst die westliche Hemisphäre (also der gesamte amerikanische Doppelkontinent) zum potenziellen Interventionsgebiet der Vereinigten Staaten, nach dem Zweiten Weltkrieg dann auch der Rest der Welt. Über 460 militärische Interventionen in anderen Ländern sind seitdem dokumentiert – und dabei sind die zahlreichen verdeckten Operationen und Spezialeinsätze der CIA noch gar nicht mitgezählt.
Aus einer Nation, die sich einst selbst in einem blutigen Unabhängigkeitskrieg von der britischen Kolonialmacht befreite, wurde so eine Art neue Kolonialmacht. Entsprechend müssen auch die letzten Angriffe auf Venezuela und andere Staaten gewertet werden – als neokolonialer Krieg gegen die zunehmende Unabhängigkeit Lateinamerikas. Wo vor 200 Jahren noch der Einfluss der europäischen Kolonialmächte zurückgedrängt werden sollte, will Donald Trump heute offenbar sämtliche von den USA unabhängigen Regierungen und Handelsbeziehungen abwehren. Von der Monroe- zur „Donroe-Doktrin“ (Donalds Monroe-Doktrin) sozusagen. Es ist ein andauernder Kampf um globale Dominanz und vor allem auch um die Ausbeutung von international begehrten Rohstoffen. Es ist ein Kampf, der jedoch nicht mit Trump angefangen hat und der ganz sicher auch nach ihm weitergehen wird. Denn die Supermacht USA will angesichts eines sich verändernden internationalen Kräfteverhältnisses natürlich nicht klein beigeben.
Neben Kriegstreibern wie Marco Rubio und Pete Hegseth gibt es aber durchaus auch vernünftigere Stimmen in Washington, die für weniger Konfrontation und Aggression gegenüber Lateinamerika plädieren – das soll hier nicht verschwiegen werden. Laura Richardson, die ehemalige Kommandantin des „United States Southern Command“, gehört zum Beispiel dazu, ebenso Richard Grenell, der ehemalige US-Botschafter in Deutschland und ein enger Vertrauter Trumps. Daneben gibt es auch einflussreiche Geschäftsleute, die zwar ebenfalls an den reichen Rohstoffvorkommen Venezuelas interessiert sind, aber eher auf Diplomatie und Handelsbeziehungen setzen wollen als auf kriegerische Invasionen. Es besteht also eventuell noch Hoffnung auf eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Nord- und Südamerika. Zurzeit scheinen sich aber jene Kräfte in der US-Regierung durchzusetzen, die im Zweifelsfall mit Gewalt und wieder einmal über internationales Völkerrecht hinweg das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen.


