In kaum einem anderen westlichen Industriestaat ist finanzielles Vermögen so ungerecht verteilt wie in Deutschland. Viele Experten sehen darin ein großes Problem, denn je ungleicher eine Gesellschaft wird, desto stärker wachsen die sozialen Spannungen in ihr – kann das auf Dauer unsere Demokratie ernsthaft gefährden? Und was können wir dagegen tun, dass einige Wenige immer mehr besitzen?
Unser Bundeskanzler Friedrich Merz hatte vor und nach seiner Wahl einen „Herbst der Reformen“ angekündigt, der sich inzwischen eher zu einem „Winter der sozialen Kälte“ zu entwickeln scheint. Denn mit den groß angekündigten Reformen werden die Einkommen der Reichsten erneut kaum bis gar nicht belastet, wohingegen sich die ärmsten Bevölkerungsschichten mal wieder auf saftige Kürzungen einstellen können.
Warum traut sich der deutsche Staat nicht, auch seine reichsten Einwohner zur Kasse zu bitten? Schließlich hat er es ihnen jahrzehntelang ermöglicht, im Rahmen seines Staatsgefüges unglaubliche Reichtümer anzuhäufen. Warum muss da das oberste Prozent so gut wie nichts von seinen
angehäuften Reichtümern abgeben?
Fairerweise muss man dazu sagen, dass es heute auch einige durchaus gebefreudige Superreiche (meist junge Erben alter Vermögen) gibt, die direkt einsehen, dass sie ihren Reichtum nicht im klassischen Sinne „verdient“ haben und es daher als Pflicht betrachten, etwas an die Gesellschaft bzw. den Staat zurückzugeben. Aber um diese wenigen rühmlichen Ausnahmen geht es hier nicht, daher nochmal die vielleicht schon fast ketzerische Frage: Warum traut sich der Staat nicht an seine reichsten Bürgern ran? Schon rein rechnerisch macht es für den Staat ja gar keinen Sinn, sich noch irgendwie ein paar Millionen von den Ärmsten zu holen, anstatt viele Milliarden von den Reichsten zu kassieren, die ihre Steuern aber immer noch ganz professionell „optimieren“ lassen und danach kaum bis gar keine Steuern zahlen. Man kann daher nur vermuten, dass Politik und Privatwirtschaft (die ja den allermeisten ihr übergroßes Vermögen ermöglicht) tatsächlich so eng verflochten sind, dass man sich lieber nicht gegenseitig schadet bzw. zur Kasse bittet. Fair ist das natürlich nicht – denn die größten Vermögen bleiben so unangetastet und können sich unbelastet weiter vermehren, während alle anderen hohe Steuern auf ihre Arbeitseinkünfte zahlen müssen.
Wann immer von Vermögensungleichheit gesprochen wird, kommt auch die sogenannte „Einkommensschere“ zum rhetorischen Einsatz. Dabei besteht ein deutlicher Unterschied zwischen Einkommensungleichheit und Vermögensungleichheit – ganz besonders in Deutschland. Denn während wir in Sachen Vermögensungleichheit mit an der Spitze der westlichen Welt (und damit auf dem gleichen Niveau wie z. B. Mexiko) stehen, liegen wir in Sachen Einkommensungleichheit eher im Mittelfeld der westlichen Industriestaaten und schlagen uns hier gar nicht mal so schlecht.
Also zurück zur himmelschreienden Ungerechtigkeit der Vermögensverteilung in Deutschland, machen wir dazu mal ein kurzes Gedankenspiel: Stelle Dir vor, ein Zentimeter entspräche 50.000 Euro und Du musst auf einem A4-Blatt (von unten beginnend) die Höhe Deines Vermögens in Zentimetern als vertikalen Balken zeichnen. Bei 99 % aller Deutschen endet dieser Balken irgendwo auf diesem A4-Blatt – womit ihr Vermögen irgendwo zwischen Null und 1,5 Millionen Euro liegt. Und wo befindet sich in diesem Gedankenspiel das „goldene“ Prozent? Also die reichsten Deutschen? Wie viele Zentimeter für je 50.000 Euro können sie übereinander auftürmen? Ihr ahnt es sicher schon: Eine ganze Menge. Tatsächlich kämen sie damit auf die Flughöhen ihrer Privatjets – also auf zehn bis zwanzig Kilometer! Kein Wunder, dass dieses eine Prozent so abgehoben ist.
Dabei haben wir mit unserem Steuersystem eigentlich eine demokratisch legitimierte Werkzeugkiste, um auch die Reichsten zur Kasse bitten zu können. Manche sagen sogar, dass Steuern das mit Abstand wichtigste demokratische Instrument sind, um Ungleichheit zu reduzieren und so den „sozialen Frieden“ zu erhalten.


