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Dirty Cali-Weed – überraschend unsauber

Legal gekauftes Cannabis gilt in den USA als besonders sicher und sauber – so sehen es auch viele Kalifornier, die in Sachen Cannabis auf ihren US-Bundesstaat besonders stolz sind. In Wirklichkeit ist die Qualität von „Cali-Weed“ aber alles andere als bestens gesichert. Eine gemeinsame Untersuchung von „The Times“ und der „WeedWeek“ fand alarmierende Pestizid-Werte in zahlreichen Blüten und anderen ganz legal angebotenen Cannabisprodukten…

25 von 42 legalen Cannabisprodukten, die „The Times“ und „WeedWeek“ 2024 im kalifornischen Einzelhandel kauften und anschließend in privaten Labors testen ließen, wiesen Pestizid-Konzentrationen auf, die entweder über den vom Staat zugelassenen Werten lagen oder die Bundesstandards für Tabak überschritten. Zu den gefundenen Schadstoffen gehören Chemikalien, die mit Krebs, Leberversagen, Schilddrüsen-Erkrankungen sowie genetischen und neurologischen Schäden bei Anwendern und ungeborenen Kindern in Verbindung gebracht werden.

Die meisten der entdeckten Pestizide lagen zwar nur in verhältnismäßig niedrigen Konzentrationen vor – diese können bei wiederholter Anwendung aber dennoch langfristige Schäden verursachen (zumal das Ausmaß der Gesundheitsgefährdung eh erst in einigen Jahren bekannt sein wird).

Die bei dieser Untersuchung getesteten Vapes (mit THC-haltigen Inhaltsstoffen) von fünf bekannten Marken wiesen alle Pestizid-Belastungen auf, die die Risikoschwellen der US-Umweltschutzbehörde überschreiten, Anwender können Reizungen der Lunge, der Augen und des Rachens sowie Hautausschlag, Kopfschmerzen, Durchfall und Bauchschmerzen verspüren. Einige Produkte enthielten sogar bis zu 24 (!) verschiedene Pestizide.

Die ernüchternden Ergebnisse stehen im Einklang mit zahlreichen Beschwerden, die zwei private Cannabis-Testlabore Ende 2024 eingereicht haben und in denen Pestizide in Produkten gemeldet wurden, die von anderen Laboren als sicher zertifiziert wurden. Diese Ergebnisse (so die Labore) deuten auf Verunreinigungen in mehr als 250.000 Vapes und vorgedrehten Joints hin – das entspricht in etwa der Anzahl, die in Kalifornien innerhalb von zwei Tagen legal verkauft wird.

Leider gibt es starke Profitanreize, diese Kontamination noch weiter voranzutreiben: Wachsende legale Märkte fördern schließlich intensive Anbaumethoden zur Ertragssteigerung – und laden daher auch zum Einsatz von allen möglichen Pestiziden ein, um die wertvollen Pflanzen vor Insektenbefall zu schützen, der in Gewächshäusern relativ häufig vorkommt. Gleichzeitig hat die steigende Popularität von Vapes eine starke Nachfrage nach sogenannten „Massenölen“ geschaffen, die oft aus illegal angebautem Cannabis minderer Qualität hergestellt werden.

Überprüfungen von vertraulichen Laborberichten, öffentlichen Aufzeichnungen und Interviews zeigen, dass es die kalifornischen Aufsichtsbehörden weitgehend versäumt haben, sich mit den Beweisen für eine weitverbreitete Kontamination von Cannabispflanzen in ihrem Bundesstaat zu befassen. Die Anforderungen Kaliforniens an Cannabis-Tests wurden bisher nicht aktualisiert, um auch gefährliche Chemikalien mit einzubeziehen, die derzeit häufig beim Anbau verwendet werden – darunter auch illegale, eingeschmuggelte Pestizide, die so giftig sind, dass Polizeibeamten, die damit in Berührung kommen, geraten wird, Atemschutzmasken aufzusetzen und sich anschließend auf eine Blutvergiftung testen zu lassen.

Fakt ist: Etwa fünf Millionen Kalifornier konsumieren derzeit jeden Monat Cannabisprodukte – das geht aus jüngsten Gesundheitsumfragen der Bundesregierung hervor. Das Vorhandensein von Pestiziden ist dabei besonders problematisch für all diejenigen, die Cannabis zur Linderung ihrer Krankheitssymptome konsumieren – denn es setzt sie einem erhöhten Gesundheitsrisiko aus.

Beamte des „California Department of Cannabis Control“ lehnten es bisher immer ab, Interviews zum Thema „Cannabis-Verunreinigungen“ zu geben. Die bundesstaatliche Behörde wollte weder externe noch interne Diskussionen über Pestizid-Kontaminationen von Cannabisprodukten veröffentlichen und weigerte sich zudem, konkrete Informationen über ihre Fähigkeit zur Prüfung von Cannabisprodukten herauszugeben (da derartiges Wissen kriminelle Akteure angeblich nur ermutigen würde). In der Folge wollten kalifornische Beamte weder die Ergebnisse von Pestizidtests (die sie von anderen staatlichen Behörden erhalten hatten) berücksichtigen, noch eigene Sicherheitszertifikate für Cannabisprodukte ausgeben. Sie wollten nicht einmal sagen, welche konkreten Maßnahmen sie hinsichtlich der mindestens 85 Kontaminationsbeschwerden ergriffen haben, die sie seit letztem Herbst von privaten Labors erhalten hatten – oder auch nur offenlegen, welche verunreinigten Produkte nun aus dem Verkauf genommen werden sollen. „Wenn wir Beschwerden erhalten, bewerten wir diese rasch, führen entsprechende Untersuchungen durch und ergreifen entsprechende Maßnahmen“, erklärte die Pressestelle der kalifornischen Cannabis-Agentur. Die Behörde bemüht sich nun wohl darum, die ersten Markttests für Pestizide in Kalifornien einzuleiten. In einer entsprechenden E-Mail warnte sie unlängst Lizenzinhaber vor bevorstehenden „Produkt-Embargos, freiwilligen und obligatorischen Rückrufen und Disziplinarmaßnahmen“.

Die privaten Labore, die viele Monate lang (weitgehend ungehört) Alarm schlugen, fragen nun nicht ganz zu Unrecht, warum die Behörden nicht schon (viel) früher gehandelt haben. Die kalifornische Cannabis-Regulierungsbehörde reagierte auf diese Beschwerden ja zunächst nur mit einem einzigen (!) Produkt-Rückruf und verlangte in vertraulichen Anordnungen die Entfernung von drei weiteren schwer belasteten Cannabisprodukten aus den Regalen der THC-Shops.

Frustriert darüber, dass nicht viel mehr getan wurde, schickte Josh Swider, der Geschäftsführer von „Infinite Chemical Analysis Labs“ und Autor der meisten Beschwerden, im Dezember 2024 seine Zusammenfassung der kontaminierten Produkte in einer offenen E-Mail direkt an Gouverneur Gavin Newsom und die kalifornische Cannabis-Regulierungsbehörde: „Allein die kontaminierten Produkte umfassen etwa 150.000 Blüten-Päckchen, Vapes oder vorgerollte Joints, die an ahnungslose Verbraucher verkauft wurden. Die Verantwortung der Regierung für ihre Bürger endet nicht mit der Ausarbeitung einer Verordnung!“, schrieb Josh Swider. Nachdem er seine Email verschickt hatte, wurde kurz darauf tatsächlich noch ein weiteres Produkt wegen Pestizid-Verunreinigung zurückgerufen – die zahlreichen restlichen verunreinigten Chargen waren allerdings schon ausverkauft.

Gleichzeitig belegen zahlreiche Lizenzdateien, dass das Inventarsystem des Staates (vom Saatgut bis zum Verkauf) oft fehlerhafte Daten enthält, darunter fehlende Ernten, falsch identifizierte Produkte und Sicherheitstests, die nicht mit denen der verkauften Waren übereinstimmen. Die Tests werden normalerweise von staatlich anerkannten unabhängigen Laboren durchgeführt – aber kein einziges staatliches Labor ist für Tests auf Pestizide bei Cannabis spezialisiert. Es gibt einfach keine routinemäßigen Tests auf Chemikalien in Cannabisprodukten, wodurch Kalifornien praktisch nicht mit den von der „Cannabis Regulators Association“ verabschiedeten „Best Practices“ übereinstimmt. Denn die Lücken in der Rechtsprechung überlassen die Überwachung der THC-Branche weitgehend den privaten Laboren, die ihrerseits meist finanziell von ebenjenen Unternehmen abhängig sind, deren Produkte sie testen. Und so ist die Gesetzgebung zur Verpflichtung unabhängiger Cannabis-Kontrollfirmen in Sacramento schon seit über zwei Jahren (aufgrund von Hinterzimmer-Verhandlungen zwischen Branchenakteuren und Regulierungsbehörden) mächtig ins Stocken geraten. Und damit noch längst nicht umgesetzt.

In Kalifornien müss(t)en Cannabisprodukte eigentlich immer auf insgesamt 66 Pestizide hin getestet werden. Diese seit 2018 unveränderte Liste hat aber leider so gar nicht mit den aktuellen Anbaupraktiken Schritt gehalten. Tests, die für „The Times“ und „WeedWeek“ durchgeführt wurden, identifizierten gleich sieben nicht auf dieser Liste aufgeführte Pestizide in legalen THC-haltigen Produkten. Eine Vape-Marke enthielt sogar Fenvalerat, ein Fungizid, das nachweislich die Spermienanzahl senkt und in den USA seit 2008 verboten ist. Und gleich sechzehn Produkte enthielten Pymetrozin, ein Insektizid, das bekanntermaßen Leberkrebs verursacht und gleichzeitig menschliche Hormone imitiert. Pymetrozin ist Teil einer chemischen Klasse, die als „endokrine Disruptoren“ bekannt ist und im Laufe der Zeit auch Fortpflanzungsstörungen verursacht. Es ist daher von der US-Bundesbehörde EPA nur für eine sehr begrenzte Verwendung zugelassen – und in Großbritannien, Kanada oder Norwegen gleich ganz verboten.

Ein Pink-Acai-Vape von Stiiizy (der meistverkauften Cannabis-Marke Kaliforniens) enthielt mehr als das 60fache der von den Bundesbehörden in Zigaretten zugelassenen Höchstmenge. Da Kalifornien jedoch gar keine Pymetrozin-Tests zwingend vorschreibt, erklärte das Unternehmen (welches die Stiiizy-Vapes herstellt) offiziell und völlig zutreffend, dass es „nicht gegen staatliche Vorschriften verstößt“. Das Gegenteil sei der Fall: „Wir halten uns an alle Standards und Grenzwerte des Staates Kalifornien, der einige der strengsten Testanforderungen und Pestizid-Grenzwerte des Landes hat“, erklärte Stiiizy-Präsident Tak Sato ebenso selbstsicher wie selbstzufrieden.

Bei den Tests von „The Times“ und „WeedWeek“ wurde auch noch eine weitere nicht auf der Liste stehende gefährliche Chemikalie gefunden: Propargit, ein krebserregendes Insektizid, das Forscher der UCLA mit dem Absterben von Gehirnzellen und einer erhöhten Inzidenz von Parkinson bei Bewohnern des kalifornischen „Central Valley“ in Verbindung bringen. Vor allem der illegale Cannabis-Anbau bleibt dabei der Hauptgrund zur Sorge, denn verbotene Insektizide wie das tödliche Carbofuran oder Methamidophos (oft aus Mexiko eingeschmuggelt) tauchen auch weiterhin im ganzen US-Bundesstaat auf – was auch vom kalifornischen „Department of Fish and Wildlife“, dem regionalen Wasserverband oder von Ermittlungsakten verschiedener örtlicher Landkreise bestätigt wurde.

Nationale Gesundheitsumfragen der „U.S. Substance Abuse and Mental Health Services Administration“ zeigen, dass 18- bis 25-jährige Konsumenten den größten Teil des Cannabismarktes ausmachen – schließlich haben mehr als 40 % der jungen Erwachsenen in Kalifornien im letzten Jahr Cannabis konsumiert. Unabhängige Studien des „Institute for Social Research“ der „University of Michigan“ zeigen zudem, dass im letzten Jahr statistisch jeder dritte Highschool-Absolvent Cannabis konsumierte, zwei Drittel davon durch Verdampfen. Und obwohl es in allen Bundesstaaten Gesetze gegen die Vermarktung an Kinder gibt, spiegeln nichtsdestotrotz viele Cannabis-Marken äußerst jugendliche Anziehungskraft wider – von Cannabisbeuteln im Stil der „Happy Meals“ von McDonald’s bis hin zu Vape-Aromen, die Bonbons oder Kaugummi imitieren.

Pestizide, die lebende Organismen töten sollen, haben in der Landwirtschaft durchaus ihren Platz. Die Regulierungen der zuständigen Behörden konzentrieren sich vor allem darauf, den Pestizid-Kontakt zu Landarbeitern zu begrenzen und Rückstände auf Obst und Gemüse zu vermeiden. Durch das Rauchen oder Verdampfen gelangen derartige Chemikalien aber direkt in die Lunge – und damit auch direkt ins Blut und Gehirn des Konsumenten. Das einzige andere legale Konsumprodukt, das ausdrücklich zum Rauchen bestimmt ist, ist Tabak. Aber anstatt Studien zum Inhalieren von Pestiziden auf Tabak zu verlangen, entschied die EPA schon vor Jahrzehnten, dass Rauchen an sich schon so krebserregend ist, dass es andere Gesundheitsrisiken komplett in den Schatten stellt. Die US-Behörde legte daher eine universelle Obergrenze für Tabakverunreinigungen von 0,01 ppm fest, bevor sie die „Bestimmung der gesundheitlichen Auswirkungen“ verlangt – ein eigener Standard, den Kalifornien auch zur Festlegung von Grenzwerten für Chemikalien in Cannabisprodukten verwendet.

Der Toxikologe Max Leung von der „Arizona State University“ (der Teil des staatlichen Teams war, das 2017 die kalifornische Cannabis-Regulierungsbehörde zu Pestizid-Risiken beriet) erklärte dazu, die Gefahren durch Pestizide seien für medizinische Cannabiskonsumenten, die beispielsweise an Epilepsie, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen leiden, unverhältnismäßig größer als bei Freizeitkonsumenten. Leung sagte auch, dass die fehlende bundesstaatliche Anerkennung des weit verbreiteten Cannabiskonsums (ob staatlich genehmigt oder nicht) die Konsumenten verwundbar gemacht habe. Es mangele an konkreten Daten zu den gesundheitlichen Auswirkungen der Verunreinigungen auf Cannabiskonsumenten – denn trotz einiger (weniger) Produktrückrufe wegen zu starker Pestizidbelastungen sammelt Kalifornien solche Informationen einfach (grundsätzlich) nicht. Anstelle einheitlicher nationaler Gesundheitsstandards fanden Leung und sein Team ein Flickwerk unterschiedlicher staatlicher Vorschriften, dazu ganz verschiedene Pestizide mit unterschiedlichen Höchstwerten – und zum Teil auch mit überhaupt keinen Höchstwerten. Dabei „haben alle diese Verunreinigungen – aber was tun sie?“, fragt Leung und behauptet: „Es gibt einfach keine echte Forschung dazu.“

Nachdem durch die Verabschiedung von „Proposition 64“ ein legaler Freizeitmarkt für Cannabis in Kalifornien geschaffen wurde, schlugen Toxikologen der Abteilung für Pestizidregulierung vor, 42 Chemikalien aus inhalierbaren Cannabisprodukten zu verbannen, die laut der Behörde schädlich für Menschen, Umwelt oder Wasser sind. Die Grenzwerte wurden dann aber aufgrund von Bedenken der Industrie (hinsichtlich der Testkosten und der Laborkapazitäten) abgelehnt.

Sechs Monate später kam die Pestizidbehörde dann prompt mit ganz entspannten Regeln zurück: Sie kürzte die Nulltoleranzliste um 21 Chemikalien und setzte die Grenzwerte für die 45 verbliebenen Pestizide auf ein Niveau herunter, das dem Tabakstandard entspricht. Hersteller von Produkten, die bei der Prüfung durchfallen, können in Folge den Pestizidgehalt in ihren Produkten senken – oder das kontaminierte Gras einfach für Edibles verwenden, für die höhere Pestizidgehalte toleriert werden. Wenn sie dann erneut durchfallen, müss(t)en die Chargen gemäß den staatlichen Vorschriften komplett vernichtet werden.

Das kalifornische „Department of Pesticide Regulation“ führte in den letzten Jahren einige der anspruchsvollsten Bewertungen der Pestizidbelastung durch – es beschäftigt sogar einen Mitarbeiter mit der Berufsbezeichnung „Cannabis- und Hanf-Programm-Manager“. Aber wenn es um Cannabis gehe (so ein Sprecher der besagten Behörde) liege die Verantwortung für den Schutz der Verbraucher allein beim „Department of Cannabis Control“.

In Kalifornien gibt es tatsächlich keine einfachen Möglichkeiten, Verunreinigungen aufzuspüren. Der Bundesstaat untersucht nicht die Quellen der Pestizide in Cannabisprodukten, sondern verlässt sich zum Schutz der Öffentlichkeit völlig auf ein System von bürokratischen Anträgen und Dokumenten – und zwar vom Saatgut bis zum Verkauf.

Und so bemühten sich nach der Cannabislegalisierung in Kalifornien viele örtliche Testlabore um entsprechende Lizenzen – um ihrerseits von diesem wachsenden Markt profitieren zu können. Von Tag eins an beklagten sich professionelle Labore mit strengen Testmethoden und teurer Ausrüstung beim Staat darüber, viele Kunden an völlig neue Laborbetreiber zu verlieren, die schon im Vorfeld hohe Potenzergebnisse versprachen oder eine unrealistisch hohe Erfolgsbilanz bei der Zulassung der von ihnen getesteten Produkte vorweisen konnten.

Dazu kommt: Der Anstieg intensiver Anbaumethoden (dicht bepflanzte Gewächshäuser und Industrielager mit „Sea of Green“-Pflanzen, die durch Netze gestützt werden) lädt oft zu einem Befall durch Weiße Fliegen, Spinnmilben oder Schimmel ein. Sauberes Cannabis kann zwar auch kommerziell angebaut werden, aber es erfordert viel Zeit und große Sorgfalt – und nicht jede cannabisproduzierende Firma ist bereit, so viel Zeit und Sorgfalt aufzubringen. Viele investieren lieber in Pestizide und andere ertragsverbessernde Chemikalien.

Zudem hat die Legalisierung auch den großflächigen Anbau aus den schwer zugänglichen Bergen des Humboldt County in klassisch landwirtschaftliche Gebiete (z. B. das Ackerland im Central Valley) gebracht, wo Pestizide dann auch ganz einfach durch die Luft (von benachbarten Feldern) auf Cannabispflanzen gelangen.

Gleichzeitig hat der rasante Anstieg der Vape-Verkäufe eine starke Nachfrage nach Vape-Destillaten geschaffen. Die Verkäufe von handlichen Vaporizern in Kalifornien haben sich in den letzten Jahren mehr als verdreifacht, sie sind zu einem 1,5-Milliarden-Dollar-Markt geworden, der jetzt nur noch knapp hinter denen der verpackten Blüten liegt.

Um diese starke Nachfrage zu befriedigen, suchen viele Hersteller von Vape-Massenölen ganz gezielt nach minderwertigem Gras (das größtenteils verunreinigt ist) und kaufen es zu stark ermäßigten Preisen. Um die staatlichen Kontrollgrenzwerte dennoch einhalten zu können, werden diese extrahierten Öle oder Destillate oft mit anderen vermischt, um die enthaltenen Pestizide ausreichend stark zu verdünnen.

Ein namentlich nicht genannter Hersteller, der bei Landwirten derart „schmutziges“ Gras ankaufte, verteidigte in der „L.A. Times“ diese Praxis mit der Begründung, er habe damit den in große Not geratenen Anbauern eine letzte Einkommensquelle geboten – und gleichzeitig das sonst völlig unbrauchbare Cannabis vor der Biomülldeponie gerettet.

Aktuell dominiert das billige Massenöl den Markt, denn es wird für einen Bruchteil der Kosten verkauft, die für die Herstellung eines vergleichbaren sauberen Produkts anfallen. Diese Abhängigkeit der Cannabis-Industrie von in Massen produziertem minderwertigen Gras erzürnt altmodische Landwirte wie Mary Gaterud, die ihre Outdoor-Cannabispflanzen auf einem altmodischen Bauernhof in Humboldt County anbaut. Sie ist entsetzt über die Anfragen, die sie regelmäßig von vermeintlichen Cannabis-Geschäftsleuten erhält, die „alte, schimmelige oder schmutzige Schnittreste“ haben wollen, wie es ein Händler in einer SMS an sie ausdrückte. Ein anderer Käufer empfahl ihr sogar „Machen Sie Ihren Müll zu Geld!“ und bat in der Betreffzeile seiner Email um „Schnittreste mit allen möglichen Pestizid- und Schwermetall-Konzentrationen“.

Das lässt anständige Cannabis-Farmer wie Mary Gaterud nahezu verzweifeln: „Die Leute, die es richtig machen, werden wirtschaftlich zerquetscht, während die Übeltäter ermutigt und belohnt werden. Und die Verbraucher werden dabei vergiftet, während ihnen gesagt wird, ihre Cannabis-Produkte seien sicher.“

Schon im Februar 2022 beschloss eine Gruppe kalifornischer Cannabis-Testlabore (die sich über den ihrer Meinung nach weit verbreiteten Betrug bei Angaben zur Potenz von Cannabis aufregten), die Regulierungsbehörden zum Handeln zu zwingen. Sie organisierten dafür einen blinden Ringversuch, bei dem jedes Labor Blütenproben aus dem Einzelhandel testete, ohne dabei zu wissen, wessen Arbeit es hier gerade überprüfte.

Im Zuge dieser Prüfung auf Potenz und Schadstoffe wurde festgestellt, dass eine der getesteten Blüten-Chargen das Dreifache der zulässigen Pyrethrin-Konzentration enthielt. Daraufhin wurde umgehend die kalifornische Cannabis-Regulierungsbehörde alarmiert – doch diese führte trotzdem keinen Rückruf der kontaminierten Charge durch. Tatsächlich versuchte Kalifornien erst Ende 2023 (ganze sechs Jahre nach der Legalisierung des Freizeitverkaufs) zum allerersten Mal überhaupt, ein Cannabisprodukt wegen Pestizid-Verunreinigung vom legalen Markt zu nehmen.

Der zweite Pestizid-Rückruf des „Department of Cannabis Control“ erfolgte im Januar 2024, die betroffenen Pre-Rolls der Marke „Fog City“ waren allerdings fast schon ausverkauft, als die Öffentlichkeit von der kalifornischen Kontrollbehörde davor gewarnt wurde. Und vier Geschmacksrichtungen von „Phat Panda“-Vapes wurden zwar kurz darauf freiwillig aus dem Verkauf genommen – aber seitdem gab die kalifornische Cannabis-Kontrollbehörde keinerlei Pestizidwarnungen mehr heraus – auch wenn es seitdem zahlreiche nachweisliche Verunreinigungen gab.

Dabei ist der kalifornische „Business and Professions Code 26011.5“ ganz eindeutig, was die Mission der staatlichen Cannabis-Regulierungsbehörde angeht: „Der Schutz der Öffentlichkeit hat höchste Priorität. Wenn der Schutz der Öffentlichkeit im Widerspruch zu anderen Interessen steht, die gefördert werden sollen, hat der Schutz der Öffentlichkeit dabei die oberste Priorität.“

Bei Branchenpräsentationen bezeichnet Nicole Elliot, die derzeitige Direktorin des kalifornischen „Department of Cannabis Control“, die „Herausforderungen für Cannabis in Kalifornien“ aber häufig als „wirtschaftliche Herausforderungen“. Ihre größte Sorge, so erklärte sie letztes Jahr gegenüber der „National Cannabis Industry Association“, sei der große Teil Kaliforniens, in dem offizielle Abgabestellen noch immer verboten sind. Diese „Cannabiswüsten“ (wie Elliott sie nennt) seien die größte Einschränkung für die „Skalierbarkeit“ des legalen Marktes in Kalifornien.

Um das Geschäft mit lizenzierten Abgabestellen anzukurbeln, konzipierte Elliotts Behörde die Kampagne „Real CA Cannabis“, während die Chefin höchstselbst verkündete: „Wir wissen, dass wir einen großen Teil des Konsums auf dem illegalen Markt haben. Und wir wissen, dass wir durch Aufklärung die Möglichkeit haben, einige Verhaltensweisen auf dem legalen Markt umzustellen.“

Die im Frühjahr 2024 gestartete Social-Media-Kampagne „Real CA Cannabis“ umfasste unter anderem Anzeigen, die sich an Senioren richteten, da Umfragen zeigten, dass sich diese am stärksten von Sicherheitshinweisen beeinflussen lassen. Auch für die Besitzer von Apotheken ist der Glaube sehr wichtig, dass jedes Cannabisprodukt mit einem kalifornischen Analyse-Zertifikat (COA) ein gesundheitlich sicheres ist. „Wir nehmen nichts [zum Verkauf] an, wenn es kein COA hat“, erklärt daher auch Dave Sisson, Vorstandsmitglied von „Foothills Health and Wellness“, einer traditionellen Cannabis-Apotheke, die sich seit über zwei Jahrzehnten das Vertrauen verschiedener Ärzte und Krankenhäuser verdient hat. Nun zu erfahren, dass einige der COA-zertifizierten Produkte dennoch große Mengen an gesundheitsgefährdenden Pestiziden enthalten, ist für Dave Sisson verständlicherweise „absolut schrecklich“.

Nicole Elliott, Direktorin des kalifornischen „Department of Cannabis Control“, lehnte es bisher leider konsequent ab, zum Ausmaß der aktuellen Pestizid-Bedrohung bei kalifornischen Cannabisprodukten auch nur interviewt zu werden. Ihre Behörde reagiert sehr selektiv auf Anfragen nach öffentlichen Unterlagen und weigert sich gänzlich, Unterlagen zu Richtlinien bezüglich festgestellter Pestizid-Verunreinigungen herauszugeben. Währenddessen behauptet Elliott aber auch weiterhin, dass ihre Behörde regelmäßig stichprobenartige Tests von Produkten durchführe, die in Kalifornien verkauft werden.

Aber auch andere Behörden der kalifornischen Newsom-Regierung weigern sich, Cannabis-bezogene Unterlagen herauszugeben oder auch nur öffentlich einsehen zu lassen. Das „Department of Fish and Wildlife“ stellte zum Beispiel nur einige wenige Teilzusammenfassungen zur Verfügung – aber keinerlei Aufzeichnungen über Pestizide, die von Agenten der Behörde bei ihren Razzien gefunden wurden. Und das „Department of Toxic Substances Control“ erklärte, seine Berichte über Pestizide, die auf Cannabis-Farmen gefunden wurden, seien allesamt streng vertraulich. Selbst das „Department of Pesticide Regulation“ veröffentlichte bisher nur Teilunterlagen, die auf die „umfangreiche Arbeit“ hindeuten, die seine „Mitarbeiter zur Bekämpfung von mit Pestiziden verunreinigtem Cannabis“ geleistet hätten.

Was leider „gut“ dazu passt: Verschiedene Mitarbeiter des „Department of Cannabis Control“, die unter der Bedingung der Anonymität mit der Presse sprachen, beklagten sich über die mangelnde Bereitschaft ihrer Behörde, eine harte Linie gegenüber Pestizid-Verunreinigungen zu verfolgen. Eine Mitarbeiterin erklärte, man sei geschult worden, wie wichtig es sei, „den Markt nicht zu stören“.

Nichtsdestotrotz bat das kalifornische „Department of Cannabis Control“ die von Trump angeführte US-Legislative unlängst um eine Budgeterhöhung von 8,2 Millionen US-Dollar (pro Jahr), um endlich mehr Vollstreckungsanwälte und Laborpersonal für die Entwicklung von zeitgemäßen Testprotokollen einzustellen. Aber ob Trump dem zustimmt und (falls ja) daraufhin die Qualität von legal verkauftem Cali-Weed und anderen kalifornischen Cannabisprodukten tatsächlich wieder steigen wird, bleibt abzuwarten.