Bevor ich in den Urlaub nach Irland flog, befragte ich meine KI, wer in Irland der wichtigste Cannabis-Legalizer sei. So erfuhr ich von Gino Kenny, der dort schon seit Mitte der Neunzigerjahre politisch aktiv ist und sich längst nicht mehr nur für die Legalisierung von Cannabis einsetzt. Gino lebt im Dubliner Vorort Neilstown und war direkt bereit, sich mit uns im Zentrum der irischen Hauptstadt zu treffen…
Vorab noch ein paar Eckdaten aus dem politischen Leben von Gino Kenny: Bevor er in die Politik ging, arbeitete er als Altenpfleger in verschiedenen Krankenhäusern und erwarb einen „Master in Public Health“. 1994 trat er der „Socialist Workers Party“ bei und nahm im Laufe der Zeit an zahlreichen Protesten (u. a. an den Globalisierungskritik-Protesten beim 27. G8-Gipfel in Italien) teil.
2009 wurde er in die „South Dublin County Council“ für die Organisation „People Before Profit“ gewählt und blieb bis zu seiner Wahl zum irischen Parlamentsabgeordneten auch Mitglied dieses regionalen Gemeinderats. Im Februar 2016 wurde er im dritten Anlauf in das irische Parlament gewählt, er war damit der erste Abgeordnete aus Neilstown, der ins irische Parlament einzog. Direkt nach seiner Wahl brachte er im Parlament einen Gesetzesentwurf zur Legalisierung von Cannabis als Medizin ein. Nachdem dieser Gesetzentwurf von einem parlamentarischen Ausschuss zunächst wegen „zu vieler Mängel“ abgelehnt worden war, bezeichnete er das Parlament als „Kackhaufen“.
Gino blieb am Ball und wurde in den folgenden Jahren eine der treibenden politischen Kräfte hinter der Legalisierung von medizinischem Cannabis in Irland im Jahr 2019. Er spielte auch eine entscheidende Rolle bei der Einrichtung und späteren Weiterentwicklung des „Medical Cannabis Access Programme“ (MCAP).
Im November 2022 brachte Gino im irischen Parlament einen Gesetzentwurf ein, der Cannabis für den persönlichen Gebrauch und den Besitz von bis zu sieben Gramm Cannabis legalisieren sollte. Darüber wurde aber nicht abgestimmt, da zu viele der anderen irischen Parlamentarier dagegen waren.
Wir trafen Gino in einem gemütlichen Café und freuten uns, ihn ausführlich befragen zu können.

Wann und wie bist du zum ersten Mal persönlich mit Cannabis in Berührung gekommen?
Über meinen jugendlichen Freundeskreis, in dem auch Haschisch geraucht wurde – auch wenn ich damals noch nicht selbst konsumierte. Wobei ich bis heute nicht rauche, da mir diese Konsumform einfach nicht passt. Außerdem habe ich auch bald gelernt, dass Cannabis eine effiziente Medizin sein kann, da ein erkranktes Familienmitglied eines guten Freundes sehr positive Erfahrungen damit gemacht hat. Vorher war mir gar nicht klar, dass diese sogenannte „Hippie-Droge“ auch medizinisch so vielfältig genutzt werden kann. Als ich dann ins Parlament gewählt wurde, wollte ich dieses Thema natürlich voranbringen.
Wann und wie hast du dann zum ersten Mal Cannabis konsumiert – und wie war diese Erfahrung?
Da ich nicht rauche, vaporisiere oder esse ich es gelegentlich. Meine allererste Konsumerfahrung habe ich im Alter von 20 Jahren in den Niederlanden gemacht, wo ich ein Space-Cookie verzehrt hatte und anschließend der Meinung war, gar nichts davon zu merken. Rückblickend war ich aber doch ganz schön stoned – auch wenn ich mir das damals nicht eingestehen wollte. Auch heute konsumiere ich eher selten – also nur ein paar Mal jährlich. Ich bin kein regelmäßiger Gewohnheitskonsument.
Wie ist es dann dazu gekommen, dass du dich so sehr für die Legalisierung einsetzt?
Das liegt daran, wie ich gewisse Sachen sehe. Ich glaube nämlich nicht, dass die Verbotspolitik gegenüber Cannabis die Bevölkerung schützt, ganz im Gegenteil. Durch die Prohibition wird Cannabis dem Schwarzmarkt überlassen, der völlig unkontrolliert und unreguliert ist. Schwarzmarkt-Cannabis ist für viele Konsumenten nicht sicher, da man nie weiß, ob hier irgendwelche gesundheitsschädlichen Streckmittel verwendet wurden. Daher habe ich mich schon immer dafür eingesetzt, dass Cannabis legalisiert, reguliert und besteuert wird – denn mit der viel stärkeren und gefährlicheren Droge Alkohol funktioniert das ja auch. So hat dann die Regierung die Kontrolle über die Substanz und nicht der Schwarzmarkt.
Aber wie wurdest du schließlich – zumindest laut meiner KI – zu DEM irischen Aktivisten für die Legalisierung von Cannabis? Schließlich liegen dir auch noch viele andere Themen am Herzen…
Das stimmt, ich setzte mich nicht nur für die Legalisierung von Cannabis ein, sondern auch für viele andere Dinge, die ich wichtig finde. Aber die Drogenpolitik war mir schon immer sehr wichtig, da das eine sehr ungerechte Politik ist, die ganz viele unbescholtene Bürger pauschal kriminalisiert, während gleichzeitig ein paar Wenige dadurch sehr reich und gewalttätig werden. Unsere Drogengesetze müssen daher dringend reformiert werden – und das nicht nur in Bezug auf Cannabis, sondern in Bezug auf alle Drogen. Ich finde, der reine Konsum darf keine juristische Frage mehr sein, sondern viel eher eine gesundheitspolitische. Alkoholiker werden ja auch nicht ins Gefängnis gesteckt, sondern kommen in eine Entzugsklinik. Mit solchen Argumenten habe ich eine politische Debatte angestoßen, die im Parlament hitzig geführt wurde und die in der irischen Gesellschaft immer noch nachhallt. In diesem Zusammenhang kam es auch zu einigen drogenpolitischen Verbesserungen wie der Legalisierung von Cannabis als Medizin, die wir aber noch deutlich erweitern wollen – vermutlich hat mich deine KI deshalb zu einem wichtigen irischen Legalizer erklärt, auch wenn ich mich selbst gar nicht so sehe.
Was ist eigentlich „People before Profit“ genau?
„People before Profit“ ist eine linke Partei, die von manchen sogar als linksradikal bezeichnet wird. Es gibt sie schon ungefähr 20 Jahre, und zu unseren besten Zeiten stellten wir damit sechs Parlamentsabgeordnete. Unsere Themen waren und sind vor allem soziale Gerechtigkeit und Antikapitalismus, aber eben auch die Legalisierung von Cannabis.
Gibt es noch weitere irische Parteien, die eine Cannabislegalisierung im Wahlprogramm haben?
Ja, neben „People before Profit“ gibt es da auch noch die Labor-Party und die Green Party, sowas wie eure GRÜNEN.
Welche Droge ist in Irland eigentlich am populärsten?
Leider ist Alkohol auch hier immer noch die populärste und am weitesten verbreitete Droge. Aber Cannabis holte in den letzten Jahren mächtig auf – und zwar gleichermaßen in Hinsicht auf Verfügbarkeit, Wirkung und Verbreitung. Und auch die Meinung der Menschen hat sich in Bezug auf Cannabis deutlich geändert. Vor 20 Jahren war die Mehrheit noch gegen eine Cannabislegalisierung und -regulierung, heute ist sie dafür. Nicht zuletzt, weil reguliertes Cannabis auch sauberer und damit sicherer ist. Aber unsere alten Politiker hinken da immer noch gewaltig hinterher, die müssen das alles erst noch begreifen.
Wobei in Kalifornien, wo Cannabis ja legal ist, inzwischen auch immer mehr mit Pestiziden und Herbiziden kontaminiertes Gras in den Dispensarys verkauft wird…
Man darf die Qualitätskontrollen natürlich nicht allein dem freien Markt überlassen, denn sonst passiert genau das. Schließlich kann man durch den Einsatz von Pestiziden und Herbiziden den Ernteertrag und damit den Profit maximieren. Aber das ist dann eher eine Auswirkung des ungebremsten Kapitalismus und keine direkte Folge der Legalisierung. Außerdem wollen wir das in Irland natürlich besser umsetzen.
Wie ist die aktuelle irische Rechtslage in Sachen Cannabis?
In Irland wurde ja schon in den 70er Jahren ein Gesetz gegen den Drogenmissbrauch verabschiedet, unter dem auch Cannabis als Genussmittel illegal ist. Nachdem ich Parlamentsabgeordneter war und einen entsprechenden Gesetzesentwurf im Parlament eingebracht habe, ist inzwischen zumindest Cannabis als Medizin auch in Irland legal. Es gibt zwar noch nicht viele Cannabis-Patienten hier, aber ein Anfang ist gemacht, und unser Fernziel ist nun die möglichst weitgehende Legalisierung von Cannabis für den Freizeitgebrauch.
Wie verbreitet ist Weed in Irland?
Es ist verbreitet genug, um sich eingehender damit zu beschäftigen. Und wenn man durch bestimmte Ecken von Dublin geht und da ständig diesen unverwechselbaren Rauch riecht, dann merkt man auch, dass manche Leute heute schon zu glauben scheinen, dass Cannabis bereits legal ist. Was es aber nicht ist. Auch wenn sich das eine Mehrheit der Iren wünscht – rund 60 % sind inzwischen dafür.
Wie hart geht die Polizei hier gegen Kiffer vor?
Vor gut 20 Jahren hätte dich die Polizei mit einem Joint in der Hand direkt angehalten und festgenommen. Das ist heute anders. Wenn dich die Polizei heute mit Weed für ein paar Joints erwischt, dann landet das in der Regel nicht vor Gericht. Theoretisch ist das zwar immer noch möglich, in der Praxis wird das aber kaum noch so gehandhabt. Unsere Drogengesetze sind sehr willkürlich, daher entscheidet hier oft die jeweilige Auslegung der ausführenden Beamten. In den allermeisten Fällen ist es aber mit einer Verwarnung getan – hier hat sich in den letzten fünf Jahren schon eine Menge verbessert.
Und wie hart ist die irische Polizei gegenüber Weed-Dealern?
Viel härter. Wenn man dir gewerbsmäßigen Handel mit Cannabis nachweisen kann, dann landest du mit hoher Wahrscheinlichkeit im Gefängnis. Das kostet den Staat dann zwar rund 100.000 Euro im Jahr für einen Strafgefangenen – aber das wird ohne zu Murren bezahlt. Würde man Cannabis legalisieren und nur einen Teil dieser Unsummen in vernünftige Aufklärungs- und Präventionsarbeit stecken, dann gäbe es bald kaum noch solche so teuer unterzubringenden Gefängnisinsassen.
Auch dank dir ist Cannabis in Irland als Medizin inzwischen legal – war es eigentlich schwierig, das durchzubekommen?
Ja, das war schon eine wirklich lange und harte Kampagne, die wir da geführt haben. Übrigens auch mit vielen Familien, die kranke Kinder haben, für die eine Behandlung mit Cannabis von großem Vorteil ist. Das waren zum Schluss so viele Familien, die sich da sehr aktiv für eine Gesetzesänderung eingesetzt haben, dass uns die hohe Politik schließlich nicht länger ignorieren konnte – auch wenn es in der medizinischen Community heftige Kritik an dieser Entwicklung gab. Einige Doktoren waren von dem medizinischen Potential der Pflanze so gar nicht überzeugt und daher regelrecht feindselig gegenüber unserer Kampagne. Aber das hat uns nicht aufhalten können – und die Gesetze änderten sich.
Wie schwer oder einfach ist nun für irische Cannabis-Patienten, an ihre grüne Medizin zu kommen?
Es ist vor allem sehr schwer diesen seltenen Status zu erlangen, in ganz Irland besitzen derzeit nur etwa 80 Patienten eine staatliche Lizenz, um Cannabis als Medizin nutzen zu können. Einige davon kenne ich, das sind ganz verschiedene Arten von Patienten. Manche erhalten Cannabis in seiner natürlichen Blütenform, manche – vor allem Kinder – nur in flüssiger Form. Beziehen tun sie ihre Cannabis-Präparate alle aus niederländischen Apotheken, die grüne Medizin wird von Holland aus per Kurier direkt an die lizensierten Patienten geliefert. Bezahlen müssen die allermeisten Patienten aber selbst dafür, nur in wenigen Ausnahmefällen werden diese Kosten von den Krankenkassen erstattet. Das Programm für Cannabis-Patienten soll zwar im nächsten Jahr erweitert werden, aber ob das auch geschieht, bleibt abzuwarten.
Wie sehr ist mittlerweile in der irischen Öffentlichkeit bekannt, dass Cannabis für viele Menschen auch eine sehr hilfreiche Medizin ist?
Jedenfalls mehr als noch vor 10 Jahren, da dachten viele – mich selbst eingeschlossen – dass Cannabis nur eine weiche Freizeitdroge ist. Dass es aber auch ein großes medizinisches Potential hat, wurde mir erst im Laufe der Zeit bewusst. Erst durch unsere großen, von betroffenen Familien angeführten Kampagnen hat die irische Öffentlichkeit auch davon erfahren – aber inzwischen ist man sich hier zu 99 % bewusst, dass Cannabis auch eine wertvolle Medizin ist. Keine Wundermedizin, aber eine sinnvolle therapeutische Ergänzung in vielen Bereichen.
In Deutschland hat die Legalisierung von Cannabis als Medizin vermutlich die Tür für die Teillegalisierung als Freizeitdroge geöffnet – das könnte ja auch in Irland so passieren…
Uns wurde auch schon vorgeworfen, dass wir die Legalisierung von Cannabis als Medizin als eine Art trojanisches Pferd für die Legalisierung als Freizeitdroge benutzen. Dabei sind das zwei völlig verschiedene Kampagnen, die wir nie vermischt haben. Denn auf der einen Seite geht es um das Leben von Kindern, auf der anderen um das Vergnügen von Erwachsenen. Das kann und sollte man nicht in einen Topf werfen.
Welche Art der Cannabis-Legalisierung würdest du für Irland bevorzugen? Eher den kanadischen Weg – mit vielen Cannabis-Shops aber ohne Eigenanbau – oder den deutschen Weg mit Eigenanbau aber ohne Shops?
Jedes Land ist natürlich anders und muss hier seinen eigenen Weg finden. Was mir für Irland gar nicht gefallen würde, wäre so eine übermäßige Kommerzialisierung von Cannabis, wie sie in Nordamerika zu erleben ist. Hier haben sich ein paar große börsennotierte Konzerne den ganzen Markt unter den Nagel gerissen und ein Monopol aufgebaut. Für mich wäre es am wichtigsten, dass Cannabis staatlich reguliert wird und Lizenzen für den Anbau ausgegeben werden, deren Ernte dann auch unter gesundheitspolitischen Aspekten überprüft wird, bevor man sie verkauft. So wird Cannabis dann sauberer und damit sicherer für die Konsumenten. Der Verkauf könnte über Coffeeshops oder andere zugelassene Cannabis-Verkaufsstellen erfolgen, und zusätzlich sollte man auch die Möglichkeit haben, sein eigenes Cannabis anzubauen oder einem Cannabis Social Club beizutreten. Mir wäre also eine bedachte Kombination des kanadischen und des deutschen Weges am liebsten – aber eben ohne die ausufernde Kommerzialisierung dieser Branche, bei der es dann nur noch ums Geldverdienen geht. Denn wenn es nur noch um Profite geht, dann leidet auch die Qualität darunter.
Wie hoch schätzt du die Chancen ein, dass Irland Cannabis in nicht allzu ferner Zukunft auf irgendeine Art legalisiert bzw. teillegalisiert?
Mit der aktuellen Regierung wird das sicher nichts, aber irgendwann in der Zukunft – vermutlich in ungefähr zehn Jahren – wird es bestimmt geschehen. Seit zwei Jahren gibt es in Irland die Möglichkeit, mit der Regierung ein bestimmtes Thema im Rahmen der „Citizens’ Assembly“ zu debattieren, wenn sich mindestens 100 Bürger dafür interessieren. Über dieses Thema wird dann einen Monat lang diskutiert und die Regierung muss abschließend einen Report dazu verfassen. Hier wurde auch schon eine Cannabislegalisierung diskutiert, mit zunehmender Unterstützung durch die Bevölkerung. Und erst vor kurzem kam wieder ein staatliches Komitee zu dem Schluss, dass Cannabis eigentlich legalisiert werden sollte, und sprach gegenüber unserer Regierung eine entsprechende Empfehlung aus. Was von unserer aktuellen und sehr konservativen Regierung aber erwartungsgemäß ignoriert wurde.
Wäre der nächste logische Schritt dann vielleicht eher eine Entkriminalisierung?
Das wäre natürlich auch schon ein Fortschritt, aber dann existiert der Schwarzmarkt ja auch weiterhin und wird sogar noch staatlich gefördert. Nicht zuletzt wegen all der Gewalt, die die Drogenkriminalität mit sich bringt, bin ich persönlich kein großer Fan einer Entkriminalisierung. Denn woher sollen die Leute ihr Weed legal beziehen, wenn es keine offiziellen Verkaufsstellen gibt?
Das ist in Deutschland auch immer noch so, aber man kann es inzwischen selbst anbauen, einem CSC beitreten oder sich als Cannabispatient ausgeben, um es kaufen zu können. Nach der Einschätzung großer Online-Umfragen beziehen heute zwischen 80 und 90 % aller deutschen Cannabiskonsumenten ihr Weed aus legalen Quellen – also braucht es eigentlich nicht zwingend auch noch Cannabis-Shops, oder?
Der Schwarzmarkt wird so oder so immer noch weiter bestehen – das sieht man ja auch bei Tabak und Alkohol. Aber er ist natürlich viel kleiner, wenn die Substanzen legal sind. Insofern ist Deutschland da wirklich auf einem guten Weg. Aber noch gibt es weltweit viele Regierungen wie Irland, die bestimmte Drogen pauschal verbieten und damit den Handel und die Profite daraus komplett der organisierten Kriminalität überlassen. Und da dieser Markt sehr lukrativ ist, ist er auch stark umkämpft. Mit Waffen, brutaler Gewalt und allem, was dazu gehört. Und das kann einfach nicht im Interesse des Staates oder der jeweiligen Konsumenten sein. Also müsste man eigentlich alle illegalen Drogen legalisieren. Also wirklich alle.
Da stimme ich dir zu, aber bis dahin ist es sicherlich noch ein langer Weg. Vielen Dank für deine Zeit und das interessante Gespräch.




