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Alter weißer Weihnachtsmann


Woran merkst du, dass du alt geworden bist? Wenn du den Fernseher einschaltest, Robbie Williams da auftaucht und Werbung für Seniorenkreuzfahrten macht. Oder spätestens, wenn Heidi Klum mit Rollator eine Flasche Doppelherz anpreist, weißt du, dass die letzte Runde eingeläutet ist. Was viele bei Heidi Klum auch kaum erwarten können. Heidi Klum – oder wie ich sie immer nenne: Die spät geborene BDM-Führerin für Frühverführbare auf Pro7.

Und mit dieser Einschätzung von Heidi Klum bin ich noch gnädig. Denn das ist kein Vergleich zu dem wunderbaren Kommentar, den der leider viel zu früh verstorbene Roger Willemsen mal über die Klum formulierte: „Eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil bringt kleine Mädchen zum Weinen, indem sie ihre orthodoxe, hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt, über ‚Persönlichkeit‘ redet, sich aber kaum mehr erinnern kann, was das ist, und sollte diese je zum Vorschein kommen, sie mit Rauswurf bestraft. Der Exzess der Nichtigkeit aber erreicht seinen Höhepunkt, wo Heidi die Nationale mit Knallchargen-Pathos und einer Pause, in der man die Leere ihres Kopfes wabern hört, ihre gestrenge‚ Entscheidung‘ mitteilt und wertes von unwertem Leben scheidet. Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre.“

Und da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Verbeugungen aus sich rausbiegen – wenn es bloß nicht so schleimscheißend wäre. Pro7 wurde übrigens kürzlich mehrheitlich von der Berlusconi-Gruppe übernommen. Und es steht zu hoffen, dass es das Aus für Heidi Klum bedeuten dürfte. Grund: Zu viel Niveau. Wie auch immer.

Woran habe ich nun eigentlich gemerkt, dass ich alt geworden bin? Als meine Nachbarn mich letztes Jahr gebeten haben, am 24. Dezember für deren 5jährigen Sohn den Weihnachtsmann zu spielen. Ausgerechnet am 24. Dezember, da möchte man sich doch eigentlich einen netten Abend machen und besinnliche Weihnachtsfilme gucken: „Stirb Langsam“ Teil 1 bis 4. Und jetzt sollte ich den Weihnachtsmann spielen. Ich meine, was habe ich mit dem Christentum zu tun? Ich bin ja Atheist. Also kein praktizierender. Ich bin ja auch Vegetarier, aber nur bei den Beilagen.

Aber die Eltern haben einfach nicht lockergelassen und wollten mich unbedingt überzeugen. Und der 5jährige Sohn von denen ist so ein richtig lieber, so ein netter und schüchterner Sunnyboy. Und wenn man dann den Weihnachtsmann spielt, hat man ja auch eine Verantwortung für die Prägung von so einem Kind. Ich zum Beispiel bin im Alter von fünf Jahren in Gelsenkirchen gegenüber dem Fußballstadion „Glück-Auf-Kampfbahn“ aufgewachsen. Was Konrad Lorenz für die Gänse ist, ist Schalke für mich. Und wenn man für einen 5jährigen den Weihnachtsmann spielt, muss man ja richtig aufpassen, dass man da nicht aus Versehen ein lebenslanges Trauma beim Anblick von Männern mit Vollbart und komischer Mütze auslöst. Ein falscher Ton von mir und Torsten Sträter hat keine Chance mehr. Also so gesehen, wäre das andererseits auch eine echte Chance.

Und deswegen habe ich mich gefragt,: Soll ich den Weihnachtsmann vielleicht mit Dialekt anlegen? Also statt Ho-HoHo lieber HöHöHö. Das würde ein Trauma auf Sachsen eingrenzen. Nein, nichts gegen Torsten Sträter. Ist ein ganz Netter, nur viel zu selten im Fernsehen zu sehen. Egal wo man hinzappt, nie sieht man Torsten Sträter. Naja, kann halt nicht jeder so berühmt sein wie ich.

Jedenfalls dachte ich, wenn ich den Weihnachtsmann spielen soll, bespreche ich das lieber vorher mit den Eltern. Weil die ja auch ganz progressiv eingestellt und gegen Diskriminierung und für Gleichstellung sind. Und deswegen habe ich ihnen gesagt: Wir müssen aus den verkrusteten Strukturen ausbrechen und uns neue Traditionen schaffen. Und um das Eis zu brechen, sage ich dann vor der Geschenke-Auspackerei erstmal was Antiautoritäres, zum Beispiel dass ich ja nur GUTEN Menschen Geschenke mache: „Und deswegen kriegen deine Eltern heute nichts.“

Und dann denke ich mir, soll man Kinder ruhig auch mal mit dem echten Leben konfrontieren. Kinder haben eh ein klares Gespür dafür, wenn man sie in Watte packen will. Und deswegen sage ich, dass wir zuerst eine Schweigeminute einlegen müssen, weil ich ganz traurig bin, weil heute auf der Anreise eines meiner Rentiere gestorben ist: „Ja, es war schon alt. Und seine Zeit war gekommen. Wie ja für jeden die Zeit mal kommen wird.“

Ich finde, es ist ganz wichtig, dass man Kindern das schon früh genug klarmacht. Wie wär’s dann als Nächstes mit einem Zeichen gegen Gender-Diskriminierung? Ich reiße den roten Mantel auf und trage darunter Strapse und sage: „Es gibt doch so viele Möglichkeiten, und manchmal ist der Papa eben gerne auch mal die Mama.“

Anschließend überreiche ich die Geschenke und frage den Kleinen: „Na, was hat denn der alte Mann da wohl in seinem Sack?“ Und dann weise ich dabei darauf hin, dass es (ganz wichtig!) so viel soziale Ungerechtigkeit gibt und dass er sich ein Geschenk aussuchen soll, das wir dann einem anderen Kind geben, das nicht so behütet in einer so wohlhabenden Familie aufwachsen darf wie er.

Und wenn er sich sträuben und quengeln sollte, sage ich: „Nein, das finde ich jetzt aber gar nicht gut. Es gibt auch Kinder, deren religiöse Indoktrination heute überhaupt keine Geschenke bringt. Bei denen kommt der Weihnachtsmann überhaupt nicht vorbei. Und irgendwie ist Weihnachten für diese Kinder dann auch eine Art von Ausgrenzung – und das willst du doch wohl nicht. Mit jedem Geschenk, das du kriegst, tust du diesen anderen Kindern richtig weh. Also solltest du doch mal schön zufrieden sein, dass du überhaupt was bekommst und dich hier nicht so undankbar und verwöhnt aufführen.“

Zum Schluss wollte ich an so einem Abend wie dem Weihnachtsabend dann auch noch an all die Obdachlosen denken, die nicht nur zu Weihnachten kein Dach über dem Kopf haben, all die Alkoholiker und Drogenabhängigen, die auf der Straße leben mit offenen Wunden und Ekzemen und Eiterpusteln. Und aus Solidarität trinken wir dann erst mal einen. Nicht lang schnacken – Kopf in den Nacken. Zur Mitte, zur Titte – zum Sack!“

Das habe ich den Eltern so vorgeschlagen – dass wir eben nicht so eine verstaubte, althergebrachte Weihnachtsversion fortführen, sondern eine zeitgemäße moderne Version entwickeln. Und dann haben die das miteinander ausdiskutiert, und dann habe ich am 24. Dezember in aller Ruhe „Stirb Langsam“ Teil 1 bis 4 geguckt. Bis es an meiner Tür klingelte und als ich öffnete, ein 1,20 m kleiner Weihnachtsmann da stand und mir Geschenke überreichte: Eine Flasche Doppelherz, ein Pullover mit Rentieren und eine CD von Torsten Sträter.

Ich wünsche Euch allen eine schöne Vor- Während- und Nachweihnachtszeit, guten Rutsch, Helau und Alaaf, und alles, was Ihr Euch sonst noch so wünscht!

Euer HG