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Gedanken zur Cancel Culture – Gefahr für die Meinungsfreiheit oder viel Lärm um nichts?

Menschen öffentlich anzuprangern und aus bestehenden Gemeinschaften auszuschließen, ist kein wirklich neues Phänomen. Ist die heute sogenannte „Cancel Culture“ vielleicht schon so alt wie die Menschheit selbst? Wie einflussreich diese „Kultur“ tatsächlich ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Die Vorgänge dahinter aber sind überaus real. Und sie werfen kein günstiges Licht auf unsere Streitkultur. 

Wortwörtlich übersetzt, handelt es sich bei der „Cancel Culture“ um eine „Absage-Kultur“ – aber kann man Menschen oder Meinungen wirklich so absagen wie Termine oder Veranstaltungen? Selbst im englischen Original erscheint der Begriff in diesem Zusammenhang merkwürdig. Aber so ist das wohl mit allen neumodischen Wortschöpfungen: sie müssen weder inhaltlich noch grammatikalisch einen Sinn ergeben, so lange sich nur alle über deren Bedeutung einigen können.

Aber sind wir uns denn alle einig darüber, was Cancel Culture überhaupt bedeutet? Für einige stellt sie die aktuell größte Bedrohung unserer hochgeschätzten Meinungsfreiheit dar. Andere leugnen dagegen, dass es sie überhaupt gibt und weisen darauf hin, dass man in unseren westlichen Demokratien doch alles öffentlich sagen dürfe. Man müsse eben nur mit den entsprechenden Konsequenzen rechnen. Aber genau um diese Konsequenzen geht es hier ja.

Vielleicht lässt sich für uns der Begriff auch besser aus dem deutschen „Abkanzeln“ herleiten, was so viel wie ausschimpfen, demütigen, kritisieren, niedermachen, tadeln, verunglimpfen oder zurechtweisen bedeutet. Beim Canceln sollen nämlich prominente Personen, die sich in irgendeiner Weise abseits von festgelegten Normen äußern oder verhalten, öffentlich getadelt, zurechtgewiesen und möglichst boykottiert werden. 

Losgetreten und verbreitet wird so etwas fast immer durch die sozialen Medien, denn dort findet sich dafür immer noch am schnellsten Interesse. Natürlich muss grundsätzlich jeder, der sich öffentlich äußert, auch mit Kritik und Widerspruch rechnen. Unterschiedliche Sichtweisen und widersprüchliche Meinungen sind schließlich die Grundlage jeder gesellschaftlichen Debatte. 

Die Cancel Culture lässt Debatten aber gar nicht erst zu, sondern arbeitet bewusst mit den Mitteln der Diffamierung und Ausgrenzung. Dabei geht es nicht um Meinungsfreiheit im juristischen Sinne, sondern eher um soziale Kontrolle – frei nach dem Motto: Halt dich an unsere Sichtweise, sonst machen wir dich platt! Die Prominenz der Angeklagten spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn anders als bei Terminen oder Veranstaltungen müssen Menschen erst einmal öffentlich stattfinden, bevor sie abgesagt werden können. Mit anderen Worten: nur wer etwas zu verlieren hat (einen öffentlichen Ruf, viel Geld oder eine außergewöhnliche Karriere), der kann auch gecancelt werden. Themen und Anlässe dafür gibt es offenbar zur Genüge.

Im Zuge der MeToo-Bewegung 2017 wurde bekanntermaßen eine ganze Reihe zuvor prominenter Männern gecancelt. Davon waren die wenigsten so offensichtlich schuldig wie Harvey Weinstein. Es reichte schon der Verdacht auf ein früheres Fehlverhalten, um öffentliche Schuldsprüche zu verkünden. 

Eine der am konsequentesten gecancelten Karrieren war die von Kevin Spacey. Anders als bei Weinstein wurden ihm nicht sexuelle Belästigung von Frauen, sondern von jungen Männern vorgeworfen. Daraufhin verlor Spacey im Eilverfahren seine Hauptrolle in der bis dahin hochgelobten Serie „House of Cards“. Und zwar noch bevor auch nur einer der Vorwürfe gegen ihn überprüft, geschweige denn zur Anklage gebracht wurde. Sein Name wurde sogar aus den Abspännen aller früheren Episoden gestrichen – keine Erwähnung mehr, nirgends. 

Zum Vergleich: gegen den Filmproduzenten und Regisseur Bryan Singer gab es zur gleichen Zeit bereits mehrere wesentlich schwerere Vorwürfe. Er soll auf seinen Partys seit Jahren regelmäßig junge Männer und auch minderjährige Jungs sexuell missbraucht haben. Dennoch blieb Singer weiterhin erfolgreich im Geschäft, während Kevin Spacey praktisch ausgelöscht wurde. Wenn Hollywood cancelt, dann offenbar eher aus Image-Gründen. Den Medien werden regelmäßig ein paar Bauernopfer hingeworfen, damit der Rest der Branche so weitermachen kann wie bisher. 

Bei MeToo ging es noch um moralisch unakzeptables Sexualverhalten. Bei anderen Themen reicht dagegen schon eine abweichende Meinung, um den eigenen Ruf samt Karriere zu gefährden – wie beim Thema Corona. Als sich hierzulande Pop-Sängerin Nena bei einem ihrer Auftritte gegen die Ausgrenzung von Umgeimpften aussprach, ließen Shitstorm und Boykott-Aufrufe nicht lange auf sich warten. Ähnliches erlebten jene Schauspieler, die sich mit der satirischen Aktion #allesdichtmachen zu den aus ihrer Sicht übertriebenen Lockdown-Maßnahmen und der allgemeinen Panikmache äußerten. Für sie wurden teilweise sogar Berufsverbote gefordert. 

Und bei dem Fußballer Joshua Kimmich reichte schon die anfängliche Weigerung, sich impfen zu lassen, um ihn öffentlich auseinanderzunehmen. Man kann wohl ohne Übertreibung feststellen, dass das aufgeheizte politische Klima während der Corona-Pandemie der Cancel Culture zu einer neuen Blüte verholfen hatte – was sich dann fast übergangslos in der Meinungsschlacht um den Ukraine-Krieg fortsetzte.

Auch hier gibt es offenbar nur eine akzeptable öffentliche Haltung, und wer da nicht umgehend mitmarschiert, wird als aussätzig markiert. So wurden der russischen Opernsängerin Anna Netrebko sämtliche ihrer in Deutschland geplanten Auftritte abgesagt, nur weil sie sich nach Putins Invasion nicht sofort und vollumfänglich von ihm distanziert hatte. Gleichzeitig wurde russischer Wodka aus den Supermärkten entfernt, und antirussischer Boykott war ganz plötzlich und allgemein das Gebot der Stunde. Hier wurde gleich eine ganze Kultur abgekanzelt und abgesagt.

Je nach gesellschaftlicher Wetterlage lässt sich also alles canceln: das falsche Verhalten ebenso wie sich gar nicht zu verhalten. Die falsche Meinungsäußerung, wie auch das Ausbleiben irgendeiner Äußerung – mitunter sogar einfach nur eine gewisse Nationalität. Das reinste Minenfeld, diese Cancel Culture!

Vor einigen Jahren erklärte die Autorin J.K. Rowling in ihrem mittlerweile legendären Tweet, dass man bei allem Verständnis für die Situation von Trans-Menschen nicht die Tatsache leugnen solle, dass es auch biologische Frauen gibt. Was darauf folgte, lässt sich schon fast mit der Fatwa gegen Salman Rushdie vergleichen, der bis heute für seine „Satanischen Verse“ von radikalen Muslimen Morddrohungen erhält. In Rowlings Fall waren es radikale Transgender-Aktivisten, die zum Boykott des gesamten Harry Potter-Imperiums aufriefen und auch vor Morddrohungen nicht zurückschreckten. Statt eines Boykotts gab es dann aber umfangreiche Solidaritätsbekundungen für J.K. Rowling, vor allem von feministischer Seite. 

Beim selben Thema haben sich auch Dave Chapelle und Ricky Gervais Ärger eingehandelt, denn natürlich macht die Cancel Culture auch vor Witzbolden nicht halt. Die Vorwürfe waren auch hier die altbekannten: Transphobie, Hass und Menschenfeindlichkeit. In beiden Fällen wurde Netflix unter Druck gesetzt, die Shows der Comedians aus dem Programm zu nehmen, was der Streamingdienst jedoch (erfreulicherweise) ablehnte. Und am Ende erhielten Chapelle und Gervais so nur noch mehr Aufmerksamkeit für ihre Comedy-Shows. Cancel-Versuche können also manchmal auch ungewollt zu PR-Aktionen FÜR die eigentlich unerwünschten Personen werden. 

Das Thema Transgender-Rechte ist vor allem in den USA seit vielen Jahren ein heißes Eisen. Und es macht das wohl größte Dilemma der Cancel Culture deutlich: gerade dort, wo eine ehrliche öffentliche Debatte am nötigsten wäre, soll diese mit allen Mitteln verhindert werden.

Stattdessen werden unter dem Banner des Minderheiten-Schutzes Verhaltensnormen und Wahrheiten verkündet, die nicht mehr hinterfragt, geschweige denn kritisiert werden dürfen. Dass zum Beispiel die Behauptung, auch Frauen könnten einen Penis haben, im direkten Widerspruch zu den jahrzehntelang erkämpften Rechten von Frauen und Homosexuellen steht, ist offensichtlich. Sie steht sogar im Widerspruch zu den Interessen derer, die so etwas behaupten. Denn wenn es keine biologischen Geschlechter gibt, wie kann man dann das eigene Geschlecht wechseln? 

Ein rein sozial konstruiertes Geschlecht anzunehmen, macht erst recht keinen Sinn. Es wäre für alle Seiten hilfreich, diesen logischen Kurzschluss einmal offen und auf Augenhöhe zu diskutieren. Aber wie schon gesagt: Die Cancel Culture diskutiert nicht. Und Spaß versteht sie schon gar nicht. 

Menschen öffentlich anzuprangern und aus einer Gemeinschaft auszuschließen, ist natürlich kein neues Phänomen. Es existiert, seit Menschen in Gesellschaften zusammenleben. Was heute oft als Cancel Culture bezeichnet wird, ist historisch auch als Ostrazismus bekannt. Ostrazismus bezeichnet das Ignorieren oder Ausschließen einzelner Personen oder Gruppen durch andere. So wurde schon in der griechischen Antike das sogenannte „Scherbengericht“ praktiziert, das regelmäßig darüber abstimmte, welche Personen der Gemeinschaft zu unbequem geworden waren und daher ausgeschlossen werden sollten. War sich die Mehrheit einig, mussten die betreffenden Personen das Land für mehrere Jahre verlassen. Danach durften sie allerdings zurückkehren, sie behielten dann auch ihr Ansehen und ihr Vermögen. Sie waren sozusagen vollständig rehabilitiert. Die alten Griechen verhielten sich also schon wesentlich zivilisierter als so mancher Twitter-Ankläger unserer Tage.

Es fragt sich nun, wer eigentlich hinter dieser neuen Welle des digitalen Anklagens und Abkanzelns steht. Wie kommt es, dass offenbar immer mehr (vor allem jüngere) Menschen so dünnhäutig und unerbittlich auf für sie unbequeme Äußerungen und Meinungen reagieren? 

Ihren Ursprung hat die moderne Cancel Culture im Umfeld einiger US-Universitäten und in einer ursprünglich progressiv gemeinten Identitätspolitik, die leider irgendwann zu einem neuen ideologischen Dogmatismus führte. Das „Evergreen State College“ in Washington machte damals in den USA Schlagzeilen, als der dortige Biologie-Professor Bret Weinstein wegen Rassismus-Vorwürfen entlassen wurde. Er war nicht der erste Professor (und auch nicht der letzte), der wegen solcher Vorwürfe rausgeworfen wurde. 

Das geschah aber nicht, weil die Universitäten neuerdings von Rassisten unterwandert werden (wer sich mit dem Fall von Bret Weinstein beschäftig, wird schnell feststellen, dass die Vorwürfe inhaltlich haltlos waren), sondern weil sich dort offenbar eine neue studentische Mob-Mentalität entwickelt hat, die keinen Widerspruch und keine Zweifel duldet. Die Empfindlichkeit gegenüber „Mikroaggressionen“ jeglicher Art steht dabei im krassen Gegensatz zum eigenen aggressiven Auftreten. Universitäten sollten eigentlich mal Orte der gedanklichen Freiheit sein, mittlerweile scheint dort aber immer öfter gedankliche Intoleranz praktiziert zu werden. Das uramerikanische Prinzip des „Agree to disagree“ wird somit praktisch abgeschafft.

Inwiefern all das nun auch auf den Rest der Welt abfärbt und wie einflussreich die Cancel Culture tatsächlich ist, darüber mag es unterschiedliche Meinungen geben. Die Vorgänge dahinter aber sind real. Und sie werfen kein günstiges Licht auf unsere Streitkultur. Denn wenn wir anderen nicht mehr zuhören und von unseren eigenen Vorstellungen abweichende Perspektiven nicht mehr ertragen können, ohne einander sofort abzukanzeln oder zu boykottieren, dann wird vielleicht auch unsere Demokratie bald gecancelt.

Oder um es mit den Worten von Benjamin Franklin zu sagen: „If everyone is thinking alike, then no one is thinking.“ (Wenn alle das Gleiche denken, dann denkt keiner mehr nach)