Vor kurzem wurde mal im Fernsehen in einer deutschen Fußgängerzone eine Passantin gefragt: „Welchen Buchstaben muss man im Wort Schmerz entfernen, damit man darüber lachen kann?“
Ihre Antwort: „Sch“
Mal ehrlich, da wäre ich nie drauf gekommen…
Und eigentlich soll man ja auch nicht auf Leute treten, die am Boden liegen. Aber ich glaube, für unseren Bundeskanzler kann man schon mal eine Ausnahme machen. Denn Anfang Mai feierte Friedrich Merz einjähriges Regierungsjubiläum – und so langsam fragt man sich: Was stimmt eigentlich nicht mit diesem Mann?
Ein Beispiel: Erst hat er auf einer Podiumsdiskussion öffentlich gesagt „Die Amis haben keine Strategie im Iran“. Darauf die Reaktion von Donald Trump: „Super, dann braucht ihr ja auch nicht mehr so viel von unserer Militärunterstützung – und höhere Zölle könnt ihr sicher auch gut vertragen.“
Und was lernte Friedrich Merz daraus?
Zurückhaltung?
Maulkorb?
Klappe halten?
Nö.
Er setzt einen drauf.
Und sagt auf der nächsten Podiumsdiskussion: „Ich würde meinen Kindern heute nicht empfehlen, in die USA zu gehen.“
Bam!
Dabei gebe ich dem Mann ja sogar recht, aber das ist halt nicht sein Job. Sein Job ist es, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden – also die hohe Kunst des diplomatischen Geschwurbels. Und wir Kabarettisten haben den Job, das dann ins Deutsche zu übersetzen. Aber erst nimmt der Kanzler den Satirikern die Arbeit weg, und dann meckert er wieder rum, dass wir alle zu wenig malochen würden, auf der faulen Haut rumliegen und nur die Work/Life-Balance im Sinn haben.
Was ja nebenbei betrachtet ebenfalls irre ist. Denn allein die Existenz der Wortschöpfung „Work/Life-Balance“ ist ein sicheres Indiz dafür, dass es nicht einen Fehler im System gibt, sondern das System selbst der Fehler ist. Als gäbe es eine Grenze zwischen Arbeit und Leben, die man ausbalancieren könnte. Als wäre Arbeitszeit nicht auch Lebenszeit. Als wäre Arbeitszeit lediglich dazu da, den Feierabend herbeizusehnen, das Wochenende, den Urlaub oder die Rente. Und schließlich zu sterben.
Ganz nebenbei bemerkt: Es ist ja nicht so, dass der Feierabend nicht auch mit Arbeit verbunden wäre. Und damit meine ich jetzt nicht nur die After-Work-Rituale, die man mit Kolleginnen und Kollegen hinterher noch in geselliger Runde verbringen muss, und die vor lauter Fettnäpfchen und Intrigen alles andere als Entspannung bieten.
Aber selbst, wenn man diesem sozialen Brennpunkt irgendwann entkommen ist und das Leben endlich losgehen kann, geht die Arbeit sofort weiter. Angefangen bei der Heimfahrt, dem sogenannten Feierabendverkehr, also jene Stunden, in denen man sich fragt, wann das Beamen endlich erfunden wird.
Fortgesetzt wird das Ganze nach der Ankunft im Home-Sweet-Home, wo bereits der Ernährungsplan wartet – neben Sport, Fitness, Hobbys, bis hin zu Sex. Alles eine elende Schufterei. Vor allem der Sex.
Jeder Paartherapeut begrüßt heutzutage seine Patienten mit dem Hinweis, dass eine Beziehung immer auch Arbeit bedeutet. Und jeder, der eine Beziehung hat, kann das bestätigen. Außer, man ist Bundeskanzler und hat einfach keine Zeit, um zur Paartherapie zu gehen.
Spätestens wenn das Resultat aus Paartherapie und Sex zum Vorschein kommt, nämlich der Nachwuchs, dann ist aber sowas von Schluss mit jeglicher Balance. Jeder, der die Verantwortung für ein Kind hat, weiß aus eigener Erfahrung, dass die ersten 18 Jahre aus Arbeit bestehen und nichts als Arbeit. Und die 18 Jahre danach auch.
Die einzige Zeit, in der man nicht arbeitet, ist die, wenn man am Ende des Tages völlig platt vor der Glotze sitzt und nach 10 Minuten einpennt. Außer natürlich, man hat Schlafstörungen (verursacht durch all die Arbeit). Und das ist natürlich das eigentliche Thema, das sich im Begriff „Work/Life-Balance“ versteckt hält.
Der Elefant im Raum:
Als wäre der Sinn des Lebens,
beim Arbeiten keine Erfüllung erleben zu dürfen.
Als wäre der Sinn des Lebens,
beim Arbeiten keinen Spaß erleben zu dürfen.
Als wäre der Sinn des Lebens,
beim Arbeiten keinen Sinn erleben zu dürfen.
Als wäre der Kapitalismus der Sinn des Lebens.
Aber erklär das mal Friedrich Merz!
Und als wäre das alles nicht schon genug, haute der Kanzler dann noch einen Klopper oben drüber und sagte: „Ich muss etwas an meiner Kommunikation verbessern…“
Der Mann ist ja auch erst 70 Jahre alt geworden.
Am letzten 11.11.
Vielleicht hat ihn das ja geprägt?
Wenn du auf die Welt kommst, und um dich herum sagen alle: „Jetzt beginnt die närrische Zeit!“ – vielleicht glaubst du es dann ja. Man, was bin ich froh, dass Merz nicht am 1. April geboren wurde.
Aber nun ist der Mann 70 Jahre alt und merkt, dass er etwas an seiner Kommunikation verbessern muss. Das machen normalerweise Siebenjährige.
Und das muss man sich wirklich noch mal vor Augen führen: Stell Dir vor, Du sagt, Du möchtest bei einem der größten Tankerschiffe der Welt auch mal ans Steuer. Dann stellst Du Dich einer Wahl und wirst gewählt, unter anderem auch deswegen, weil Du vorher gesagt hast: „Das wird auch gar nichts kosten.“
Kaum hast Du die Wahl gewonnen, sagst Du dann aber: „Ach nee, mir fällt gerade ein, doch nicht. Es kostet 900 Milliarden.“
Dann betrittst Du die Kommandobrücke, und im ersten Wahlgang bekommst Du gar nicht die erforderliche Mehrheit der gesamten Crew.
Also, Vertrauen sieht anders aus.
Aber egal.
Du bist am Steuerrad und sagst: „Jetzt geht die Post ab. Volle Pulle Höchsttempo!“
Und der Kahn so: „stotterstotterstotter“
Egal, Du sagst: „Nächste Woche machen wir mit 180 ne Steilkurve!“
Und der Kahn: „stotterstotterstotter“
Egal, Du sagst: „Nächsten Monat machen wir einen doppelten Salto mit dreifachem Rittberger!“
Und der Kahn immer noch so: „stotterstotterstotter“
Und weil die Leute merken, dass Du irgendwie Deine vollmundigen Versprechungen und Ankündigungen alle gar nicht einhältst, fällt Dir auf: „Mensch, wir haben doch diese Migranten bei uns im Land – ihr wisst schon, die uns die Zahnarzttermine wegnehmen, deren Söhne kleine Paschas sind, die unser Stadtbild stören und auch hinter diesen ganzen Deepfake-Pornos stecken, die unsere Töchter in den Dreck ziehen.“
Das Resultat: Unter Migranten hast du jetzt nicht mehr so viele Anhänger.
Während es unter den „Bio-Deutschen“ auch Leute gibt, die sagen: „Mensch, da gibt’s doch eine Partei, die hat genau das genau so schon immer gesagt. Na, dann wählen wir doch lieber die…“
Und zwar die Partei, die zu halbieren Du angekündigt hattest – und die sich jetzt verdoppelt hat. Noch ein Versprechen, was Du irgenwie nicht einhalten konntest.
Und dann fällt Dir ein „Ihr Deutschen, ihr arbeitet zu wenig, feiert zu viel krank, kriegt zu hohe Renten und zahlt zu geringe Krankenhausbeiträge.“
Das Resultat: Egal wohin Du kommst, wirst du gnadenlos ausgebuht. Und dann fällt Dir wieder ein: „Ach ja, ich muss etwas an meiner Kommunikation verbessern…“
Ja, aber nicht am Stil, sondern am Inhalt.
Und vor allem: Hast du eigentlich kein Beraterteam auf der Kommandobrücke? Jemand, der dir sagt: „Herr Bundeskanzler, bevor Sie was sagen wollen, dies ist ein Knopf, da können Sie ihr Mikrophon ausschalten und erstmal überlegen, was sie eigentlich sagen wollen.“
Aber was will man machen?
Friedrich Merz reagiert nach dem Motto: „Woher soll ich wissen, wie ich denke, wenn ich nicht höre, was ich rede?“
Und da muss man ihn vielleicht auch einfach mal ein kleines bisschen in Schutz nehmen. Der Mann hat doch noch nie zuvor regiert. Kein Bundesland, kein Ministerium, nicht mal eine Sauerländer Provinzzweigstelle von Blackrock hat der Mann geleitet. Insofern ist es doch einfach mal nett, dass wir dabei zugucken dürfen, wie jemand auf Steuerzahlerkosten im Bundeskanzleramt „learning by doing“ praktiziert.
Ich fände es aber besser, wenn er an seinem Jackett ein Schildchen tragen müsste, auf dem „Auszubildender“ steht – dann wissen wenigstens alle sofort Bescheid.



