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Psychoaktive Naturstoffe – Neuentdeckungen in Pflanzen, Pilzen und symbiotischen Beziehungen


Die Welt der psychoaktiven Naturstoffe erweist sich als weitaus komplexer und überraschender als bisher angenommen. Jüngste Forschungen haben gezeigt, dass bekannte Kulturpflanzen nicht die einzigen Quellen dieser Substanzen sind. Wissenschaftler haben z. B. Ketamin (bislang ausschließlich als synthetisches Pharmazeutikum bekannt) auch in natürlicher Form im Pilz Pochonia chlamydosporia gefunden. Die afrikanische Traumwurzel Silene undulata überraschte Forscher mit dem Vorkommen von Beta-Carbolinen und sogar Ibogain. Bei Windengewächsen ist es nicht die Pflanze selbst, sondern symbiotische Pilze, die LSA produzieren. Und das neuseeländische Lebermoos Radula marginata enthält cannabinoidähnliche Verbindungen. Archäologische Funde (darunter ein 1.000 Jahre altes Ritualbündel aus den Anden) liefern Belege für die frühe und gezielte Verwendung psychoaktiver Pflanzenmischungen. Diese Erkenntnisse erweitern unser Verständnis natürlicher Psychedelika und werfen neue Fragen zu ihrer biologischen Herkunft und kulturellen Bedeutung auf.

Ketamin als natürlich vorkommende Pilzverbindung

Die überraschende Entdeckung von Ketamin in Pochonia chlamydosporia, einem nematodenfressenden Pilz, sorgte 2020 für erhebliches Aufsehen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Wissenschaftler zeigten in der Fachzeitschrift „Parasites & Vectors“, dass ein Ethylacetat-Extrakt aus diesem Pilz eine starke Wirkung gegen Nematoden aufweist. Mithilfe fortschrittlicher Analyse-Techniken (GC-MS, UPLC-MS/MS und NMR) identifizierten sie Ketamin als Hauptwirkstoff in zwei Subfraktionen.
Um die biologische Aktivität zu testen, führten die Forscher sowohl Laborversuche mit dem Fadenwurm Caenorhabditis elegans als auch Tierstudien mit Hamstern durch, die mit Ancylostoma ceylanicum, sowie mit Mäusen, die mit Ascaris suum infiziert waren. Die Ergebnisse zeigten, dass 6 mg Ketamin ebenso wirksam waren wie die Standardmedikamente Albendazol oder Ivermectin – sowohl bei der Reduzierung von Wurmlarven im Darm als auch bei der Verringerung der Lungeninfektion. Diese Studie ist faszinierend, weil sie zwei bisher getrennte Bereiche verbindet: Sie liefert analytische Beweise dafür, dass Ketamin in einem Pilz vorkommt, und demonstriert gleichzeitig, dass diese Substanz als Antiparasitikum effektiv wirkt, vergleichbar mit etablierten Behandlungen. Bis jetzt galt Ketamin als rein synthetisch. Die Arbeit der Wissenschaftler wirft nun die faszinierende Möglichkeit auf, dass Ketamin tatsächlich ein natürlich vorkommendes Molekül sein könnte. Falls Pochonia chlamydosporia Ketamin tatsächlich durch Biosynthese produziert, würde dies nicht nur den Status von Ketamin als rein synthetisches Arzneimittel infrage stellen, sondern auch völlig neue Ansätze für die Schädlingsbekämpfung eröffnen. Ketamin oder ketaminähnliche Substanzen könnten potenziell als neuartige antiparasitäre Wirkstoffe in der Landwirtschaft und Tierhaltung eingesetzt werden. Dies stellt ein erfolgreiches Beispiel für Drug-Repositioning dar – bei dem ein ursprünglich in der Humanmedizin verwendetes Molekül für die Schädlingsbekämpfung „recycelt“ wird. Allerdings existiert bisher keine unabhängige Replikation dieser Befunde. Es gibt keine Belege für einen genetisch und biochemisch etablierten Biosyntheseweg in Pochonia chlamydosporia. Daher sind weitere Studien dringend erforderlich: erstens, um eine mögliche Kontamination auszuschließen, und zweitens, um Enzyme und Vorläufermoleküle durch verschiedene Analysen zu identifizieren. Nur so lässt sich zuverlässig feststellen, ob Ketamin in diesem Pilz tatsächlich natürlich vorkommt oder lediglich einen Laborfehler darstellt.