Häufig denken wir bei dem Begriff Schamanismus an ein exotisches Phänomen. Doch auch in Europa haben wir schamanische Traditionen, Mythen und Kulte. Wir haben eine schamanische Kulturgeschichte mitsamt Trance-Techniken, Trommelritualen, Tierverwandlungen, heiligen Bäumen und geistesbewegenden Ritualpflanzen. Schamanische Bräuche wurden von zahlreichen nordischen Völkern dokumentiert – so zum Beispiel bei den Slawen, den Kelten, den Germanen oder den Sami.

 

Die Rückbesinnung auf die schamanischen Wurzeln in Europa

 

Wie ich bereits in meinem Artikel über Ayahuasca (THCENE 3/2020: Ayahuasca – über ein uraltes Heilmittel der Amazonas-Stämme und die Kommerzialisierung der Psychedelik) geschrieben habe, betonen von uns auf- gesuchte Schamanen aus fremden Kulturen immer wieder, dass wir Europäer uns auf unsere eigenen schamanischen Wurzeln besinnen sollten. Schließlich haben wir all das, was für eine gelingende Rückverbindung mit der Natur benötigt wird, auch in Europa. Auch wir haben Wälder, Flüsse, Seen, Berge, geomantische Kraft- und Kultplätze, wilde Tiere, (psychoaktive) Pflanzen und Pilze sowie Mythologien von Jenseitsreisen und anderen schamanischen Phänomenen. Hinzu kommt, dass sich die sogenannte “Anderswelt” (die seit je her von Schamanen und Schamaninnen sämtlicher Kulturkreise in veränderten Bewusstseinszuständen bereist, erfahren und “erforscht” wird) ohnehin überall befindet – sie ist nicht ortsgebunden und wir sind permanent auf einer bestimmten Ebene mit ihr verbunden.

 

Da sich mit diesem Thema ganze Bücher füllen lassen, werden im Rahmen dieses Artikels lediglich einige wichtige Aspekte aufgegriffen, die zum einen das Phänomen Schamanismus beschreiben und zum anderen einen ersten exemplarischen Überblick über das schamanische Leben unserer Vorfahren in Europa geben. Ich werde mich dabei vorrangig auf die Germanen beziehen.