Eine Befragung des Portals Weed.de von über 500 Teilnehmenden zeigt: Die größte Hürde auf dem Weg zum Cannabis-Rezept war und ist vor allem die Suche nach einer aufgeschlossenen Ärztin oder einem aufgeschlossenen Arzt…
Der Weg zu einer Cannabis-Verschreibung begann für viele Betroffene mit Jahren des Leidens und der unbegleiteten Selbstbehandlung – und scheiterte zunächst vor allem an einem: der erfolgreichen Suche nach einer aufgeschlossenen Ärztin oder einem aufgeschlossenen Arzt. Das zeigt eine Online-Befragung der Telemedizin- und Wissensplattform weed.de unter 535 Teilnehmenden ganz deutlich.
Die Ergebnisse dieser Umfrage gewinnen zusätzliche Brisanz durch eine aktuelle gesetzliche Weichenstellung: Erst vor kurzem hat der Bundestag beschlossen, dass Cannabisblüten künftig gar nicht mehr und Cannabis-Extrakte nur noch nach einem erfolglosen, sechsmonatigen Therapieversuch mit einem cannabishaltigen Fertigarzneimittel von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erstattet werden.
Für Patientinnen und Patienten (wie die in der Umfrage befragten) dürfte sich der ohnehin lange Weg zur Therapie damit noch weiter verlängern.

Bei fast der Hälfte (45 %) bestanden die gesundheitlichen Hauptbeschwerden schon länger als fünf Jahre, bevor sie die erste ärztliche Verschreibung erhielten; bei mehr als jedem Vierten (28 %) sogar länger als zehn Jahre. In dieser Zeit behandelten sich 70 % der Patienten bereits selbst mit Cannabis, fast die Hälfte davon über mehr als fünf Jahre.
Als größte Hürde nannten 71 % die Suche nach einer aufgeschlossenen Ärztin oder einem aufgeschlossenen Arzt, mit deutlichem Abstand vor mangelndem Wissen über die Therapieoption (29 %).
Aktiv hingewiesen auf die Möglichkeit einer Cannabis-Therapie wurden dabei nur die Wenigsten: Nur 8 % erfuhren von ärztlicher Seite von dieser Möglichkeit.
Dass die Arztsuche immer noch so schwierig ist, hat handfeste Gründe. Auch wenn Cannabis seit dem Medizinal-Cannabisgesetz von 2024 nicht mehr als Betäubungsmittel eingestuft wird und durch ein gewöhnliches Rezept verordnet werden kann, bleibt die ärztliche Zurückhaltung nach wie vor groß. Denn bei einer Verordnung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung greifen enge Voraussetzungen – und viele Ärzte fürchten dann sogenannte Regresse (nachträgliche finanzielle Forderungen gegenüber dem Arzt, wenn eine zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung ausgestellte Verordnung im Prüfverfahren als unzulässig oder unwirtschaftlich beurteilt wird).
Hinzu kommt die Unsicherheit im praktischen Umgang mit den Cannabis-Therapieoptionen. In den Freitext-Antworten der Befragung tauchen genau diese Erfahrungen immer wieder auf – etwa „mangelndes und voreingenommenes Wissen der Ärzte“ oder die „Stigmatisierung als Cannabispatient“. Für Betroffene bedeutet das: Nicht der bürokratische Prozess ist die eigentliche Mauer, sondern der erste Schritt – also überhaupt jemanden zu finden, der ihnen die Arztpraxis-Tür öffnet.
Cannabis war für die meisten Patienten auch längst nicht der erste Therapie-Versuch: Drei Viertel (75 %) hatten es zuvor auch schon mit konventionellen verschreibungspflichtigen Medikamente probiert. Bei Betroffenen mit mehr als fünf Jahren Beschwerdedauer waren es sogar 79 % – nach eigener Angabe aber ohne ausreichende Linderung.
„Wer keinen legalen Zugang zu medizinischem Cannabis findet, verharrt oft über Jahre in der Selbstmedikation, ohne ärztliche Begleitung und mit erheblichen Gesundheitsrisiken. Sieben von zehn unserer Befragten hatten sich schon vor ihrer Verschreibung selbst behandelt. Auch internationale Studien deuten darauf hin, dass Selbstmedikation unter vermeintlichen ‚Freizeitkonsumenten‘ weit verbreitet ist“, sagt Dr. Sebastian Marincolo (Director of Strategic Content & Editorial bei weed.de).

Die anonyme und freiwillige Patientenbefragung wurde mit 535 auswertbaren Teilnehmern im März 2026 durchgeführt. Der Patientenstatus wurde dabei per Selbstauskunft erfasst und nicht überprüft: 78 % der Teilnehmenden hatten zum Zeitpunkt der Befragung eine gültige Cannabis-Verschreibung, 9 % früher einmal und 13 % noch nie.
Die Erhebung erfolgte anonymisiert und im Einklang mit der DSGVO; es wurden keine personenbezogenen Daten veröffentlicht. Die Auswertungen zum Weg bis zur ersten Verschreibung beziehen sich daher vor allem auf die große Mehrheit mit aktueller oder früherer Verordnung.
Weil über den plattformeigenen Newsletter zu dieser Befragung eingeladen wurde, ist die Gruppe der Teilnehmenden selbstselektiert, denn es sind Menschen, die sich ohnehin für das Thema interessieren und größtenteils bereits einen Zugang zu einer Cannabis-Therapie gefunden haben.
Bei der Befragung fehlen allerdings all jene, die nie einen Therapiezugang für sich gefunden haben, die Suche aufgegeben oder von solchen Angeboten nie erfahren haben – gerade sie hätten die Hürden möglicherweise noch drastischer beschrieben.
Das tatsächliche Ausmaß der Zugangsprobleme könnte die Befragung damit eher unterschätzen als übertreiben. Für alle Patienten oder die Allgemeinbevölkerung ist sie aber ausdrücklich nicht repräsentativ.
Nichtsdestotrotz unterstreichen die durch die Befragung gewonnenen Erkenntnisse den dringenden Handlungsbedarf im deutschen Gesundheitswesen. Eine verbesserte medizinische Aufklärung, der Abbau von Vorbehalten sowie eine stärkere Entstigmatisierung sowohl in der Gesellschaft als auch in der Ärzteschaft bleiben unerlässlich.
Nur durch einen erleichterten Zugang zu professioneller medizinischer Beratung und Begleitung lassen sich riskante Selbstmedikationen reduzieren und Betroffenen können jahrelange Leidenswege erspart bleiben.


