Die USA benehmen sich spätestens seit Ende des zweiten Weltkrieges – und unter Trump nun wieder ganz besonders – wie die stärkste und mit Abstand wichtigste Nation der Erde, nach der sich alle anderen Länder zu richten haben. Doch das stimmt so längst nicht mehr, in aller Stille hat sich die Volksrepublik China in vielen Bereichen bereits an die Spitze geschoben. Diese Entwicklung hält an und wird sich wohl auch fortsetzen – denn China hat aus der langen eigenen Geschichte seine Lehren gezogen…
Beginnen wir mit etwas Weltgeschichte, die hierzulande kaum bekannt ist – beginnen wir mit einem Zitat aus längst vergangenen Zeiten: „Wir haben mehr als hunderttausend Li des gewaltigen Ozeans befahren und haben darin riesige Wellen bezwungen, die sich wie Berge himmelhoch erhoben, und haben unseren Blick auf barbarische Gegenden geworfen, in weiter Ferne, halb verborgen in blauen Nebelschleiern…”
Der Seefahrer, der da von einer 1432 zu seinen Ehren errichteten Steintafel herab zu uns spricht, heißt Zheng He. Doch trotz seiner Lebensbilanz und seiner maritimen Großtaten (die in China heute wieder jedes Kind kennt) ist sein Ruhm bisher kaum in den Westen gelangt, obwohl man schon Ende des 15. Jahrhunderts zum ersten Mal in Europa von seinen Reisen erfuhr.
Und das kam so: Nachdem die Karavellen des Portugiesen Vasco da Gama 1498 das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas umsegelt und (sechs Jahre nach Kolumbus’ Amerika-Reise) den Seeweg nach Indien erschlossen hatten, trafen die Seefahrer in Ostafrika auf Menschen, die sich weder von den sonst so hoch geschätzten Mitbringseln (den Perlen, Glöckchen und Korallenketten) noch von den stolzen Schiffen der Portugiesen sonderlich beeindruckt zeigten. Dorfälteste berichteten den Europäern schließlich von weißen „Geistern“, die sie vor langer Zeit besucht hätten, in Schiffen, neben denen sich die Karavellen der Portugiesen wie Nussschalen ausmachten.
Nun gäbe es viele mögliche Erklärungen für so einen Spuk, schließlich war der Indische Ozean als „afro-asiatisches Mittelmeer“ seit der Antike ein intensiv genutzter Seehandelsraum. Persische und arabische Schiffe segelten bereits im 10. Jahrhundert regelmäßig bis nach China, und zwischen dem 7. und 12. Jahrhundert hatten muslimische Händler ihre Handelsbeziehungen entlang der ostafrikanischen Küste bis nach Madagaskar hin ausgedehnt. Aber Schiffe, die drei- bis viermal so groß waren wie die portugiesische Karavellen? Das können nur die Schiffe der Chinesen gewesen sein – und zwar die Flotte von Admiral Zheng He.
1405 stieß die chinesische Flotte das erste Mal in See und bis 1433 unternahm sie sieben weite Reisen und stellte dabei alles in den Schatten, was Europa damals aufzubieten hatte. Die Hauptreiserouten des chinesischen Admirals führten nach Südwesten über Siam bis nach Java, durch die Straße von Malakka über Ceylon bis ins südwestindische Handelszentrum Kalikut und nach Hormuz am Persischen Golf, Nebenrouten bis hinab nach Madagaskar und Timor. Und die Spekulationen darüber, ob zumindest Teile seiner Flotte Australien oder gar Amerika erreicht haben könnten, reißen nicht ab – in China betrachtet man das übrigens längst als eine historisch gesicherte Tatsache.
In chinesischen Museen gibt es alte Seekarten des Admirals zu bestaunen, die doch schon ziemlich nah an unseren heutigen Weltkarten sind. Wie sonst hätte man diese Karten erstellen können, wenn nicht durch konsequentes Absegeln der Weltmeere? Technisch wäre das auch kein Problem gewesen – die „mehr als hunderttausend Li“, (von denen Zheng He auf seiner Gedenktafel spricht) hätten für eine Weltumsegelung der gesamten Flotte locker ausgereicht, vieles spricht aber dafür, dass sich die Flotte gelegentlich aufteilte und verschiedene Routen nahm.
Die chinesische Armada umfasste in ihrer Blütezeit etwa 300 Schiffe und zählte an die 30.000 Mann Besatzung. Die größten Einheiten – gewaltige, neunmastige „Schatzschiffe“ – maßen in der Länge bis zu 120 und in der Breite bis zu 50 Metern. Das ist tatsächlich ein Vielfaches der Größe von Kolumbus’ „Santa Maria“ mit ihren gerade mal 27 Metern Länge.
Auch die Ausstattung der Chinesen zeigte neue Dimensionen: Es gab wasserdichte Schotten, Ausgleichsruder und Luxuskabinen mit Balkonen. Spezielle Tankschiffe für die Trinkwasserversorgung, Pferdetransporter, die auch ungezähmte Elefanten an Bord nehmen konnten, begleiteten die Expeditionen. Hinzu kamen Dolmetscher, Astronomen und Beamte für das diplomatische Protokoll, die für den reibungslosen Ablauf der Missionen sorgten.
Mit ihren Segeln aus roter Seide, den geschnitzten Tierköpfen und den aufgemalten „Augen“ am Bug muss jedes dieser Schatzschiffe für sich schon einen atemberaubenden Anblick geboten haben. Und es reizt die Vorstellungskraft, sich auszumalen, wie ein von etlichen leichteren Schiffen begleiteter Verband aus Neunmastern eine kleinere Kurskorrektur ausführte.
Große Flaggen, Signalglocken, Wimpel, Trommeln, Gongs und Laternen sorgten dabei für Kommunikation und Koordination – größere Entfernungen wurden von Brieftauben überbrückt. Diese Flotte war der Stolz des chinesischen Reiches, aber als die Portugiesen und andere Europäer etwa 80 Jahre später mit deutlich kleineren Schiffen in den Indischen Ozean eindrangen, war von Chinas Seemacht schon nichts mehr zu sehen. Zheng Hes Schiffe, selbst deren Logbücher hatte man vernichtet.
Was war geschehen? Warum hat die damals größte Macht der Erde, deren Wirtschaftskraft und Technik weltweit ihresgleichen suchte, sich nach einigen Jahrzehnten unangefochtener Herrschaft über die Weltmeere freiwillig zurückgezogen und ist schließlich zu einem Opfer der aufstrebenden Kolonialmächte Europas und ihres Nachbarn Japan geworden?
Um sich einer Antwort zu nähern, muss man zunächst Europa betrachten und was es damals einem anspruchsvollen Chinesen an Neuem so zu bieten hatte. Die wenigen interessanten Produkte – wie z.B. venezianische Brillengläser – hätten die aufwändige Umschiffung Afrikas oder Südamerikas unter dem Strich kaum gerechtfertigt. Und sie war dafür auch gar nicht nötig, denn über die Seidenstraße und den Indischen Ozean gab es schon seit der Antike einen regen Warenaustausch.
Hätte Admiral He nun die unwirtlichen Küsten West- oder Nordwesteuropas erreicht, so hätten die landestypischen Mitbringsel auch kaum die „Ewige Freude“ des Kaisers erregt: Ein Fass Heringe, das Fragment einer gälischen Abschrift des Neuen Testaments oder die Kunde vom seltsamen Volk der Basken, das am Golf von Biscaya seit Jahrhunderten Kühe hütete, hätten das welthistorische Potenzial dieses westlichen Wurstzipfels Asiens wohl kaum beglaubigen können.
Was war dagegen China zu jener Zeit! Trotz leidvoller Erfahrungen mit fremden Barbaren, trotz der fast einhundertjährigen Mongolen-Herrschaft, die der Ming-Dynastie vorausging, sah es sich als „Reich der Mitte“ – also als unangreifbares Zentrum der Welt. In den konfuzianischen Vorstellungen dieser Epoche erschien die Gier nach Edelmetallen und Gewürzen der spanischen und portugiesischen Eroberer, der britische Freibeuter-Geist und der ausbeuterische Geschäftssinn der niederländischen Kompanien als überaus verachtenswert.
Und trotz so einer Einstellung – die heute noch viele Großkapitalisten als Schwäche interpretieren würden – konnte sich China damals zu Recht als die große und zur Führung berufene Zivilisation verstehen. Und das nicht nur in Asien und am Indischen Ozean, wo die chinesischen Schatzflotten eingesammelten Reichtümer stets nach Nanjing (in die „südliche Hauptstadt“) brachten. Ganz so pazifistisch waren die alten Chinesen dann auch nicht – Kaiser Zhu Di führte damals einige groß angelegte Feldzüge zu Lande und sicherte die Grenzen des Großreiches durch die Vollendung der Großen Mauer.
Aber er ließ auch das Wissen seiner Zeit in einer 11.000-bändigen Enzyklopädie niederschreiben und in Beijing (der „nördlichen Hauptstadt“) eine Metropole errichten, wie sie die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte. Und nicht zuletzt mit seiner gewaltigen Staatsflotte zeigte sich China als mächtiger, wohlwollender Herrscher, der „zehntausend Länder zu seinen Gästen“ machen wollte.
Gegen unwillige Partner oder Regionen ging Zheng He dann auch schon mal mit starken Landungstruppen vor und sorgte so dafür, dass sie „weise“ (also kooperationsbereitere) Verhandlungsführer erhielten. Meistens war es aber gar nicht nötig, einige der 24 Bronzekanonen an Bord abzufeuern – allein die Pracht der riesigen Schiffe sowie der Wert der dargebrachten Handelsgüter, (darunter Seide und Porzellan) dürfte allen klargemacht haben, dass hier jemand kam, von dessen Wohlwollen man nur profitieren konnte.
Und so ließe sich lange von diesem temporären Welthandel berichten, von all den Schätzen, den wilden Tieren, Zebras und Löwen, von kostbaren Hölzern, Essenzen, von seltenen Vogelfedern und siamesischen Elefanten, die Zheng Hes Schiffe mit nach Hause brachten. Besonders das Eintreffen der ersten Giraffe in China, die man für das Fabeltier quilin hielt, sorgte für eine Sensation. An Gold oder Landnahme war man dagegen nicht interessiert.
Zheng Hes Flotte hatte im 15. Jahrhundert ganz verschiedene Aufgaben: Sie verkörperte die Macht und die Machtansprüche des chinesischen Kaisers und war gleichzeitig Handelsmission, schwimmender Marktplatz und naturkundliche Expedition in einem. Sie brachte Tribute nach China und deren Überbringer zurück in ihre Heimat. Doch die Lasten, die der Kaiser seinem Land mit dem Bau und dem Unterhalt dieser Flotte auferlegte, waren ebenso immens.
Schon der Bau eines einzigen Schatzschiffes muss große Waldflächen verschlungen haben. Dazu kamen all die anderen wertvollen Materialien, die benötigt wurden, um Schiffe zu bauen und auszurüsten. Insofern spricht Manches dafür, dass die Staatsmissionen zu See letztendlich einem nüchternen Controlling hinsichtlich Kosten und Nutzen nicht standgehalten haben. Oder wurde die ruhmreiche Armada doch ein Opfer der konfuzianischen Staatsphilosophie (nach der privater Handel ebenso suspekt war wie die Vorstellung, dass es außerhalb der eigenen Welt – als deren Zentrum man sich verstand – noch eine andere gäbe, die es zu erobern oder zu kolonisieren lohne)?
Sicher ist heute nur, dass China die Chancen einer weltweiten militärisch-wirtschaftlichen Expansion – die sich dem Großreich zu Beginn des 15. Jahrhunderts boten – einfach ungenutzt verstreichen ließ. Wie gesagt: Goldritter, Piraten und skrupellose Händler wurden im damaligen China allgemein verachtet – heute ist das ganz anders. Auch Glücksritter, Produktpiraten und finanzstarke Geschäftsleute zählen inzwischen zur chinesischen Elite.
China heute
Frage: War die spürbare Annäherung zwischen Nordkorea und Südkorea tatsächlich ein toller diplomatischer Coup von US-Präsident Trump? Zeigt sich hier vielleicht die große Vermittler-Kraft der USA? Nein, hier zeigt sich leider nur das totale Unverständnis vieler westlicher Beobachter für das aktuelle Kräfteverhältnis zwischen der VR China und den USA. Das Wesen dieser Entwicklung ist viel eher eine zunehmende Annäherung Südkoreas an China – quasi eine Befreiung Südkoreas aus dem Status eines anti-chinesischen Frontstaats der USA. Und diese Entwicklung zeichnet sich nicht erst in jüngster Zeit ab, tatsächlich vollzieht sich der Prozess einer diplomatischen Annäherung schon seit einigen Jahren:
Am 31. Oktober 2017 kündigten Seoul und Peking eine Vereinbarung an und veröffentlichten koordinierte Erklärungen, die die Wichtigkeit ihrer Beziehung anerkennen. Die Vereinbarung signalisierte den Wunsch der beiden Staaten, die gegenseitigen Beziehungen wieder auf Kurs zu bringen, um sich auf ihr gemeinsames Ziel zu konzentrieren und die koreanische Halbinsel komplett von Atomwaffen zu befreien.
Am 11. November 2017 fand ein erstes direktes Treffen zwischen dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Rande des APEC-Gipfels in Da Nang (Vietnam) statt. Beide Führer bekundeten dabei ihre Absicht, „den Austausch und die Zusammenarbeit in allen Bereichen schnell auf einen normalen Kurs zu bringen“. Gleichzeitig nahm Moon eine Einladung zu einem weiteren Gipfeltreffen in Peking an.
Nur zwei Tage später – auf dem ASEAN-Gipfel in Manila – trafen sich dann Südkoreas Präsident Moon und der chinesische Premierminister Li Keqiang auch mit dem japanischen Premierminister Shinzo Abe, der mit Blick auf Trumps Wirtschaftspolitik dabei u.a. erklärte: „Um einem Erstarken von Protektionismus und Anti-Globalisierungs-Tendenzen entgegenzuwirken und um die regionalwirtschaftliche Entwicklung zu fördern, ist die 10-plus-3 Zusammenarbeit im Bereich der Finanzen von besonders großer Bedeutung.“
10+3 bedeutet hier der Verbund der zehn ASEAN-Mitgliedstaaten (Brunei, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam) mit China, Japan und Südkorea (den drei größten „Playern“ im asiatischen Raum).
Südkorea hat nun ein immer schwierigeres Loyalitätsproblem zwischen seinen beiden wichtigsten bilateralen Beziehungen – auf der einen Seite bleibt Seoul existenziell mit seinem langjährigen Militär- und Wirtschaftspartner USA verbunden. Auf der anderen Seite ist China, mit dem Seoul eine direkte geografische Nähe und tiefe kulturelle und historische Verbindungen teilt, der größte und damit wichtigste Handelspartner Südkoreas und integraler Bestandteil jeder diplomatischen Lösung der nordkoreanischen Nuklearfrage.
Seit Trump Präsident der USA ist, orientiert sich Südkorea nun zunehmend in Richtung China, und so plädierte der südkoreanische Präsident Moon auf dem ASEAN-Gipfel auch für eine rasche Wiederaufnahme von hochrangigen Wirtschaftsberatungsgremien, die Umkehrung einer chinesischen Politik, die Subventionen für südkoreanische Produkte verbietet und die Aufhebung von Antidumping-Vorschriften für südkoreanische Importe. Moon schlug auch Verbesserungen in der Konvertierbarkeit der beiden Landeswährungen Won und Yuan sowie eine größere finanzielle Zusammenarbeit vor.
Währenddessen stiegen die südkoreanischen Exporte nach China bereits im Zeitraum Januar bis August 2017 um 12 Prozent (auf 88,1 Milliarden US-Dollar) im Vergleich zum Vorjahr. Doch selbst 2016 – im Jahr der THAAD-Krise – exportierte Südkorea bereits Güter im Wert von 124 Milliarden US-Dollar nach China, in die USA dagegen nur knapp die Hälfte (66,7 Milliarden US-Dollar). Gleichzeitig importierte Südkorea schon 2016 doppelt so viel Waren aus China (93,7 Milliarden US-Dollar) wie aus den USA (42,3 Milliarden US-Dollar).
Der weiteren wirtschaftlichen Annäherung war ein heftiger Konflikt zwischen beiden Staaten vorangegangen, nachdem sich Südkorea 2016 entschieden hatte, ein in den USA produziertes Raketen-Abwehrsystem namens THAAD zu installieren. Diesen Rückfall in altes Frontstaat-Verhalten quittierte China prompt mit dem Einsatz seiner stärksten Waffe: mit der Macht seiner Wirtschaft.
Allein der daraufhin verhängte chinesische Tourismus-Boykott kostete Südkorea zwischen 6,8 und 8,5 Milliarden Dollar binnen eines einzigen Jahres. Schließlich stellen Touristen aus China rund die Hälfte der jährlich 17 Millionen Südkorea-Reisenden. Im Zuge des THAAD-Konflikts wies die staatliche Tourismusbehörde einfach alle chinesischen Reisebüros an, keine Gruppenreisen nach Südkorea mehr anzubieten. Daraufhin brach die Zahl der chinesischen Touristen um rund 60 % ein.
Seitdem rudert Südkorea immer weiter zurück. Für das Land wird der Seiltanz zwischen dem immer stärker werdenden China und dem traditionellen Verbündeten USA nun immer schwieriger – doch die Tendenz ist mittlerweile eindeutig. Seit vielen Jahren gibt es Zoff um die Militärbasen der USA in Südkorea.
Gleichzeitig heißt der mit weitem Abstand wichtigste Handelspartner der Südkoreaner längst China. Die Wiedervereinigungsouvertüren zwischen Nord- und Südkorea als Errungenschaften von Donald Trump misszuverstehen, ist vor diesem Hintergrund eine analytische Eselei ersten Ranges. Im Fall einer (noch rein hypothetischen) Vereinigung Koreas würde China einen mächtigen Verbündeten gewinnen, die USA verlören hier die gewohnte strategische Stellung und ihren großen Einfluss auf die koreanische Halbinsel.
Gleichzeitig formiert sich in ganz Asien ein gigantischer Wirtschaftsraum: Die wichtigsten Exportnationen für Indonesien sind (gemessen am Handelsvolumen) China, die USA, Japan, Singapur und Indien. Bei den Importen verlieren die USA aber immer weiter an Bedeutung, hier sind die wichtigsten Partner Indonesien (nach jährlichem Handelsvolumen) China, Singapur, Japan, Malaysia und Südkorea. Und so ist es bei fast allen der anderen 48 Nationalstaaten Asiens mit seinen insgesamt bald 5 Milliarden Einwohnern: Der mit Abstand wichtigste Handelspartner ist China, Tendenz steigend.
Einzige Ausnahme von dieser Regel stellt lediglich Indien mit seiner robust wachsenden Wirtschaft dar. Aber auch diese Situation ist dabei, sich gewaltig zu verändern: 2025 erreichte das indisch-chinesische Handelsvolumen einen historischen Höchststand, mit 155,62 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig stiegen die Exporte von Indien nach China innerhalb eines einzigen Jahres um satte 40 % – auch hier scheint man sich also immer mehr anzunähern.
Der dritte wirtschaftliche Elefant in Asien neben China und (weit dahinter) Indien heißt nach wie vor Japan. Und dieses Land steht unverbrüchlich an der Seite der westlichen Allianz. Mit China droht eher Krieg als Kooperation.
Ach, ja? Wie so oft ist dieses Allgemeinwissen veraltet und falsch. Auch Japan ist sehr bemüht, seine Beziehungen zu China zu verbessern und so wurde unlängst eine historische Vereinbarung zwischen den beiden ehemaligen Erzfeinden getroffen und ein maritimer und luftgestützter Kommunikationsmechanismus eingerichtet, um zufällige Begegnungen der Militärkräfte zu vermeiden.
Die neue Hotline wird chinesische und japanische Militärchefs über ihre Botschaften verbinden und so eine schnellere und reibungslosere Kommunikation zwischen den Entscheidungsträgern im Falle eines Zwischenfalls auf See oder in der Luft ermöglichen.
Der Pakt verpflichtet auch die Verteidigungsbeamten zu regelmäßigen Treffen und setzt einen Mechanismus für die direkte Kommunikation ihrer Marineschiffe um, in Übereinstimmung mit dem Code für unerwartete Begegnungen auf See, zu denen beide Parteien gehören.
Klingt nicht so, als ob Japan und China demnächst aufeinander losgehen würden – ganz im Gegenteil: Die Wiederaufnahme eines hochrangigen, offiziellen Wirtschaftsdialogs nach immerhin acht Jahren hat in China Spekulationen über die Aussicht auf eine deutliche Verbesserung der bilateralen Beziehungen zu Japan ausgelöst.
Die „China Daily“ schrieb dazu: „Dass beide Parteien beschlossen haben, nach einer so langen Pause die Beziehungen wiederherzustellen und den wirtschaftlichen Dialog auf hoher Ebene wieder aufzunehmen, hat natürlich große Hoffnungen geweckt In beiden Ländern werden sich substanzielle Verbesserungen in weiteren Beziehungen ergeben. „
Der japanische Außenminister Taro Kono sagte in diesem Zusammenhang, die Länder „teilen die Auffassung, dass Handelskriege einen extrem großen Einfluss auf den Wohlstand der Weltwirtschaft haben werden“. An Trumps Handelskrieg-Ambitionen scheint hier keiner ein Interesse zu haben – manche sehen in dem seltsamen US-Präsidenten gar den Grund, warum sich viele Staaten nun plötzlich verstärkt China annähern.
Auch in Bezug auf Japan ist der Hauptgrund für die Annäherung an China das rasch ansteigende bilaterale Handelsvolumen. Lange war der größte Exportmarkt Japans die USA, im Jahre 2025 waren das immer noch ca. 227 Milliarden US-Dollar. Aber China hat die USA hier längst überholt und ist nun mit rund 292 Milliarden US-Dollar der wichtigste Exportmarkt für Japan. Was die chinesischen Exporte betrifft, so liefert China hier schon seit vielen Jahren rund doppelt soviel wie die USA nach Japan. Überhaupt hat China den USA in Sachen Industrieproduktion längst den Rang abgelaufen, schon 2011 endete die langjährige Dominanz der Vereinigten Staaten – und China setzte sich an die Spitze des globalen Warenausstoßes.
Diese unwiderrufliche Verschiebung der weltwirtschaftlichen Gewichte von West nach Ost ist die wohl bedeutendste Tatsache der aktuellen Zeitgeschichte. Das Tempo der Modernisierung Asiens ist dabei atemberaubend – und niemand sollte glauben, dass die Folgen rein wirtschaftlicher Natur sein werden.
Wir reden bisher immer über eine Welt, die nach dem Willen des Westens geformt wurde. Mit der teilweisen Ausnahme der UNO, die diesen Sonderstatus mit weitestgehender Handlungsunfähigkeit bezahlt, sind alle wesentlichen Institutionen der Welt vom Westen erschaffen und dominiert. Da ist es einfach albern zu glauben, dass diese institutionelle Dominanz auch in Zukunft fortbestehen wird, während China zum absoluten Giganten aufsteigt und bereits damit beginnt, die Karten neu zu mischen.
So ist die „Asian Infrastructure Investment Bank“ (AIIB) die von China initiierte Antwort auf die IWF und die Weltbank. Die Liste der „regionalen“ Mitgliedsländer, die sich bereits an der AIIB beteiligt haben ist beindruckend – wobei „regional“ hier sehr tolerant ausgelegt wird, da auch Israel und Australien regionale Mitglieder der AIIB sind. Russland ist natürlich auch dabei, ebenso Katar, Saudi-Arabien und der Oman. Sensationell ist auch die Liste der „überregionalen“ Mitgliedsländer: Österreich, Kanada, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Holland, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, Polen, Norwegen, Malta, Luxemburg, Irland, Island, Ungarn, Ägypten, Äthiopien, Finnland…
Selbst Großbritannien ist bei der AIIB dabei – die Briten waren sogar die ersten, die mit eingestiegen sind, obwohl Obama das damals ausdrücklich verboten hatte. Und auf der Warteliste für eine Aufnahme stehen derzeit Kuwait, Bahrain, Brasilien, Venezuela, Peru, Ecuador, Chile, Argentinien, Bolivien, Kenia, Südafrika, Sudan, Griechenland, Rumänien, Armenien und viele andere Länder. Nur die USA fehlen bis heute in diesem Who-is-Who der globalen Weltwirtschaft.
Aber auch ohne die USA ist die AIIB heute längst wichtiger als Weltbank und IWF zusammen – sie ist auch mit mehr Kapital ausgestattet. Diese Show läuft doch tatsächlich ganz ohne die Amis, die einmal mehr beleidigt in der Ecke stehen anstatt zu bereifen, dass keine Region und kein Land der Erde vom Aufstieg Chinas unbeeinflusst bleiben wird. Schon jetzt ist der chinesische Faktor weitaus wirkmächtiger, als wir uns klarmachen.
Aktuell beeinträchtigt der Krieg der USA und Israels gegen den Iran auch den Zugverkehr nach China, ebenso den internationalen Handel. Aber die totale Fixierung der USA auf ihre militärische Trumpfkarte ist auch längst kein Zeichen ihrer alles in den Schatten stellenden Stärke mehr. Tatsächlich versuchen die US-Amerikaner so eher auszugleichen, dass sie wirtschaftlich immer weiter zurückfallen.
Aber sind die USA nicht zumindest noch im Internet die Weltmacht Nr. 1? Schließlich sind alle großen Cyber-Riesen wie Google, Amazon, Facebook & Co amerikanische Unternehmen. Auch diese Annahme zeigt eher, dass man von der (ganzen) Welt keine Ahnung hat, da man selbst irgendwo im Westen wohnt.
Aber selbst im Westen hat man längst von fernöstlichen Mitbewerbern wie Alibaba gehört, denn der chinesische Internet-Riese gehört zu den zehn mächtigsten Firmen der Welt. Die Online-Verkäufe und -Gewinne von Alibaba übertrafen schon vor 10 Jahren das Ergebnis von Walmart, Amazon, eBay und allen anderen US-Konkurrenten ZUSAMMEN.
Und im Medienbereich weist Alibaba seit Jahren Wachstumsraten im dreistelligen Prozentbereich auf. Schon heute ist Alibabas Cloud-Operation größer als die von Google, Amazon oder Microsoft und kürzlich ging der chinesische Online-Gigant auch in Deutschland mal wieder auf Einkaufstour und übernahm von Rocket Internet zwei namhafte internationale Firmen.
Währenddessen diskutieren wir in Deutschland ausschließlich über Zensur, wenn es um China und das dort angeblich so unfreie Internet geht. Das ist eine grundsätzlich legitime, aber natürlich völlig verlogene Debatte, die von der zunehmenden Online-Zensur bei uns zu Hause ablenken soll. Vor allem aber verpassen wir so einmal mehr die eigentliche Story: das Internet ist nicht rein „amerikanisch“, es ist global gesehen zunehmend eine asiatische Veranstaltung – auch wenn wir das nach wie vor geflissentlich ignorieren.
Machen wir uns nichts vor: China wird auch technologisch an die internationale Weltspitze stürmen – im Bereich der künstlichen Intelligenz warnte unlängst sogar das renommierte Wall Street Journal US-Firmen wie Google oder Intel vor einer drohenden Dominanz Chinas. Und während es dem Westen ganz langsam dämmert, dass die gewohnten Spitzenpositionen unter Druck kommen könnte, ist der eigentliche Zug längst abgefahren. Schon heute arbeiten ca. 40 % der 170.000 Angestellten von Huawai in den Bereichen Forschung und Entwicklung.
Aber es gibt noch mehr Rekorde „Made in China“: In der Provinz Guizhoe gibt es beispielsweise ein 500-Meter-weites Radioteleskop für die Suche nach außerirdischem Leben. Wie schrecklich wäre es eigentlich für Hollywood und die westliche Welt, wenn sich tatsächlich die Chinesen zuallererst mit Außerirdischen treffen würden?
Der „LineShine“ ist aktuell der schnellste Computer der Welt – und auch der steht in China. Ähnliche Sensationsmeldungen, die uns im deutschen Tal der Ahnungslosen kaum erreichen, gibt es bei der Stammzellenforschung oder der Entwicklung neuartiger Batterien. Tatsächlich fangen die ElektroTech-Giganten des Westens gerade erst an, so richtig unter Druck zu geraten. Nicht nur im boomenden Markt für Kameradrohnen, wo China längst Weltmarktführer ist.
Und wie reagieren die USA unter Präsident Trump darauf? Mit Strafzöllen und einem nicht enden wollenden Handelskrieg. So gab es auch mal 25 % Strafzoll auf chinesische Roboter – dabei ist die chinesische Roboter-Industrie gerade erst dabei, so richtig abzuheben.
Die chinesische Regierung plant, bis 2030 über 400.000 Industrieroboter jährlich herstellen zu lassen. So hat der chinesische Großkonzern Midea auch den deutschen Roboter-Entwickler Kuka für 4,5 Milliarden Euro übernommen, von dem er nun ca. 95 % der Aktien hält. Wird nun auch Kuka aus Augsburg mit US-amerikanischen Strafzöllen belegt? Es sieht fast so aus – dabei ist Trumps Handelskrieg lediglich eine armselige Reaktion auf die unaufhaltsame chinesische Wirtschaftsdynamik. Denn die USA werden diesen Krieg eindeutig verlieren.
Aber ist nun der Aufstieg Chinas eine gute oder eine schlechte Nachricht für die Welt? Das lässt sich ganz einfach durch eine vergleichende Frage verdeutlichen – welches Imperium ist wohl das bessere für die Welt? Eines, was sich mit militärischen Mitteln seine globale Vormachtstellung sichert oder eines, welches sich durch globale Einkäufe den Spitzenplatz sichert?
Die Antwort fällt hier nicht schwer, denn ein Kaufangebot kann man einfach ablehnen, eine militärische Intervention dagegen nur rhetorisch. In dem einen Fall wird man gezwungen, sich dem Diktat des militärisch Stärkeren zu unterwerfen, im anderen Fall kann man sich frei entscheiden, ob man sich dem wirtschaftlich Stärkeren unterordnen möchte. Oder muss.
Okay, die Chinesen spielen auch nicht immer und überall fair, aber wer macht das schon. In der Regel benutzen sie „nur“ ihre Wirtschaft als Waffe – und das machen auch alle anderen Länder (inkl. Deutschland), die es sich erlauben können. Militärisch halten sich die Chinesen dagegen weitgehend zurück und aus internationalen Konflikten heraus. Deutschland war in den letzten 40 Jahren in mehr internationale Kriege verwickelt als China – und wir haben uns noch vornehm zurückgehalten und nicht gleich bei jedem Nato-Quatsch mitgemacht.
Insofern sollten wir ruhig einmal unsere lieb gewonnenen Scheuklappen abnehmen und die Welt ruhig mal so betrachten wie sie nun mal aussieht, wenn man sie aus einer ehrlichen, globalen Perspektive betrachtet – und nicht mit dem mittlerweile provinziellen Blick des Westens, der sich aber immer noch für den unangefochtenen Nabel der Welt hält.
Denn bei allem, was man auch am chinesischen Entwicklungsmodell immer noch mit Recht kritisieren kann: Es vollzieht sich letztendlich ein globaler Demokratisierungsschub ohnegleichen, wenn die Milliardenmasse der Asiaten endlich das Gewicht in der Welt bekommt, das ihnen durch eine gut 200 Jahre währende wirtschaftliche und militärische Dominanz des Westens konsequent vorenthalten wurde.
Machen wir uns ruhig mal bewusst, dass diese Dominanz letztendlich nur möglich wurde, weil China im 15. Jahrhundert seinerseits darauf verzichtet hatte, die Welt zu erobern und zu unterwerfen. Wären die Chinesen damals so drauf gewesen wie die Europäer 80 Jahre später, dann würden wir heute in einer ganz anderen Welt leben. Die Europäer wären dann vielleicht als Arbeitssklaven nach China oder sonst wohin gebracht worden oder hätten das tragische Schicksal der Indianer in den USA geteilt. Und als die heutigen Nachkommen von minderwertigen Weißen würden wir immer noch vielfach diskriminiert und benachteiligt werden, da uns dieser genetische Makel nach wie vor irgendwie anhaftet…
Was haben wir doch für ein verdammtes Glück, dass die Chinesen damals so anders waren als wir.



