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https://youtu.be/mNrq0a5FLes?list=PLADhsC4wgKBMacaVz7XQ7bnsa7NFCS81q

 

Schon als kleines Kind kam Afrob nach Deutschland, wo er in Braunschweig, Karlsruhe und Stuttgart aufwuchs. In Stuttgart begann er 1994 seine Rap-Karriere als Feature-Artist für befreundete HipHop-Crews wie die Massiven Töne, Freundeskreis und die Berliner Spezializtz und führte dann seinen musikalischen Werdegang innerhalb der Stuttgarter Posse Die Kolchose, den FK Allstars (u. a. mit Max Herre, Joy Denalane, Gentleman und Sékou) und bei den Brothers Keepers fort. Eine enge Freundschaft verbindet ihn zudem mit Samy Deluxe, an dessen Soloalben er sich beteiligte und mit dem er auch das gemeinsame Projekt ASD gründete. In letzter Zeit war es etwas ruhiger um den deutschen Rap-Pionier geworden – Ende Mai meldet sich Afrob jedoch mit seinem mittlerweile siebenten Solo-Album zurück. Das nahmen wir zum Anlass, uns mit ihm in Berlin-Kreuzberg zu treffen und etwas ausführlicher über Musik, Politik, Gott und Cannabis zu sprechen.

Dein neues Solo-Album heißt Push – da drängt sich ja regelrecht die Frage auf, wen oder was du mit Push pushen willst?

Mich und die Musik, die auf dem neuen Album ist. Ich habe versucht, mit diesem Titel zu zeigen, dass man immer mit mir rechnen muss und dass ich auf jeden Fall drücke – und zwar in alle Richtungen, quasi dreidimensional: nach oben, nach unten, nach links, nach rechts, nach vorne und zurück. Egal wo du mich findest oder wo ich gerade musikalisch unterwegs bin – es ist immer auch ein gewisser Druck dabei. Das gilt natürlich nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen Rapper.

Was unterscheidet dein neues Album von den Vorgängern?

Meine neue Platte ist schon etwas melodischer als die anderen – aber es gibt auch wieder harte Beats, nur eben mit ein bisschen mehr Melodie und vielen Licks dazu. Ich finde ja, in Deutschland fehlen immer so ein bisschen die Licks – das sind kleine, melodiöse Zweitakter, die von der Gitarre oder anderen Instrumenten stammen können. Ansonsten habe ich bei meinem neuen Album sehr darauf geachtet, dass es nicht so flächig ist – ich wollte einfach, dass es für die Leute besser nachvollziehbar bleibt, indem es eine klare Melodie gibt und eine ähnlich klare Counter-Melodie. Insofern war es schon eine recht aufwendige und anspruchsvolle Album-Produktion – die fünf Produzenten, allen voran Rik Marvel, hatten da richtig was zu tun, denn ich hatte ja auch meine eigene Vorstellung von einem klassischen HipHop-Sound, der trotzdem zeitgemäß und sehr modern ist.

Mit welchen Künstlern hast du für Push zusammengearbeitet?

Mit Max Herre, Samy Deluxe, Megaloh, Telly Tellz, Der Stamm und She-Raw – ich hoffe mal, ich habe jetzt keinen vergessen.

Hast du – thematisch oder musikalisch – einen Lieblingssong auf Push?

Ja, den habe ich – das ist der Titelsong Push, denn der ist mein Baby, da ich hier auch die Beats mitproduziert habe. Das ist eigentlich kein klassischer Single-Track, sondern eine ziemlich schwere, sozialkritische Nummer, die nichtsdestotrotz vielleicht doch noch als Single ausgekoppelt wird. Aber das wird sich erst noch zeigen.

Das klingt, als wäre Politik nicht uninteressant für dich – wie sehr interessierst du dich für das politische Weltgeschehen?

Ich interessiere mich zumindest sehr für die internationale Politik – ich schaue auch amerikanisches Fernsehen und beobachte, was so da drüben passiert. Das verfolge ich schon sehr genau und ich habe mittlerweile das Gefühl, dass immer mehr Menschen begreifen, was auf der politischen Weltbühne wirklich abgeht. Das ist inzwischen eine so große Masse an Menschen, dass bestimmte Entscheidungen, die von dieser Masse getroffen werden, mittlerweile ganz zwangsläufig umgesetzt werden – das kann man zum Beispiel ganz gut an den vielen Bioprodukten sehen, die heutzutage überall im Angebot sind. Die wichtigsten Wahlen werden doch heutzutage mit dem Portemonnaie gewonnen – das ist doch in den meisten Bereichen so. Ich glaube, die Leute verstehen langsam das System. Und es werden immer mehr – deshalb muss man heute auch nicht mehr zwangsläufig auf die Straße gehen, wenn man etwas verändern will. Denn da kriegst du ja eh nur in die Fresse.

Das kann schon mal passieren…

Was heißt „das kann schon mal“? Ob du nun in Hamburg demonstrieren gehst, in Frankfurt oder in Stuttgart – du kriegst überall aufs Maul! Und das, während wir gleichzeitig in fremde Länder ziehen und dort Bomben werfen, weil auch dort Polizisten die Bevölkerung schlagen – das ist für mich nicht nachvollziehbar. Und ich glaube, vielen Menschen geht es ebenso – da ist es doch kein Wunder, dass eine derartige Politikverdrossenheit herrscht.

Fühlst du dich von irgendeiner politischen Partei vertreten?

Nein, denn ich glaube nicht an links oder rechts oder diese oder jene Ideologie. Außerdem glaube ich auch nicht daran, dass Politiker tatsächlich etwas ändern können – das sind doch auch nur Getriebene mit minimalen Entscheidungsspielräumen. Aber ich kann mich schon manchmal mit bestimmten Ideen oder Aussagen von Politikern identifizieren – es ist auch schon vorgekommen, dass ich einen CSU-Abgeordneten etwas sagen hörte, was für mich richtig Sinn macht. In dem Augenblick interessiert es mich dann auch nicht, was für eine Partei er repräsentiert. Und genau so ist es dann auch, wenn ich zum Beispiel Sahra Wagenknecht von den Linken höre und mir dabei denke: Genial! Genau so muss man das sagen!

Ich glaube, uns steht die Ideologie noch viel zu oft im Wege – denn dann scheint es, als ob es nur die Wahl zwischen Neoliberalismus und Kommunismus gäbe. Vielleicht ist das alles ja nur ein perfides Spiel der Eliten – und auf der Straße hauen sich die einfachen Leute für die eine oder andere Ideologie die Köpfe blutig.

Manchmal tun sie das ja auch für ihre Religion, die in gewisser Weise auch eine Ideologie ist. Das bringt mich zu meiner nächsten Frage: Glaubst du an Gott?

Ja, natürlich.

Findest du das heutzutage wirklich „natürlich“? Für mich ist es eher natürlich, nicht an Gott zu glauben…

Deine Meinung respektiere ich – und ich will dich ja auch in keiner Weise bekehren.

Das kann ich nur genauso zurückgeben…

Klar, aber dann gibt es auch Leute, die sagen: „Wie kann man nur an etwas glauben, was man noch nie gesehen hat?“ Da antworte ich dann immer gerne mit der Frage, ob der oder diejenige mir denn irgendwie beweisen kann, dass es Gott tatsächlich nicht gibt. Natürlich kann ich ihm auch nicht beweisen, dass Gott existiert – aber so wie ich das sehe, stehen die Chancen damit 50 zu 50. Und wenn keiner den anderen vom Gegenteil überzeugen kann, sind halt Respekt und Toleranz gefragt. Leider aber werden Gläubige heutzutage auch oft diffamiert – dabei machen die meisten doch gar nichts Schlimmes. Ganz im Gegenteil – sie versuchen, Gutes zu tun. Was kann man nur dagegen haben?

Gar nichts – ich finde, wenn der Glauben einen zu einem besseren Menschen macht, dann ist er gut. Wenn er dich aber dazu bringt, einen Bombengürtel umzuschnallen, dann stimmt damit was nicht…

Ich versteh’ schon, was du meinst, und sehe das ganz ähnlich. Übrigens bin ich selbst auch gar kein Fan der Kirche oder einer speziellen Religion. Ich bin eher spirituell und glaube an etwas Höheres. Manchmal kann es aber schon passieren, dass ich in eine Kirche gehe, um hier meine Spiritualität zu beleben – das tut mir dann auch richtig gut.

Apropos „richtig gut tun“ – in „Immer weiter” klingt es so, als ob du immer noch ganz gerne mal einen drehst…

Das stimmt. Als ich 19 Jahre alt war, habe ich mit dem Kiffen angefangen – etwa ein Jahr später habe ich dann schon regelmäßig geraucht und dabei ist es bisher auch geblieben. Dabei glaube ich eigentlich nicht, dass man in meinem Alter noch kiffen muss – andererseits lasse ich mir das aber auch nicht verbieten. Leute, die aufhören zu kiffen, kompensieren das oft, indem sie mehr Zigaretten rauchen oder Alkohol trinken. Da bleibe ich doch lieber bei Cannabis, als mir die Birne wegzusaufen – es ist einfach die Droge meiner Wahl, mit der ich halbwegs gelernt habe umzugehen. Inzwischen rauche ich nur noch wegen dem Geschmack – und den Turn dazu nehme ich halt billigend in Kauf.

Hast du selbst auch mal schlechte Erfahrungen mit Cannabis gemacht?

Ich selbst habe nie schlechte Erfahrungen mit der Raucherei gemacht, aber ich bin ja auch kein Hardcore-Kiffer mehr und rauche zum Beispiel auch gar keine Bongs, sondern immer nur Joints. Langfristig musste ich aber schon feststellen, dass Cannabis auch eine Droge ist, die sich – wenn man als langjähriger Intensiv-Kiffer plötzlich mal aufhört zu rauchen – ganz schön krass auf den Stoffwechsel auswirken kann. Insofern habe ich die schlechtesten Cannabis-Erfahrungen ganz ohne Cannabis gemacht. Bei mir ist das zum Beispiel so, dass ich – wenn ich mal nicht kiffe – auch keinen Hunger kriege und dann den ganzen Tag nichts essen kann. Außerdem schwitze ich dann immer ziemlich doll und auch meine Laune ist dann nicht die beste. Das sind schon ein paar Punkte, die für mich kein Witz sind, sondern mich eher veranlassen, mein eigenes Konsumverhalten auch immer mal wieder kritisch zu hinterfragen. Ich kenne auch ein paar Leute, die sind mit Cannabis so gar nicht klargekommen bzw. sie haben gar nichts mehr hinbekommen, weil sie immer nur phlegmatisch und dauer-high irgendwo herumhingen.

Rauchst du heute eigentlich eher mehr oder weniger als in deinen ersten Jahren?

Mein Cannabiskonsum hat sich im Laufe der Zeit schon deutlich reduziert – aber es ist immer noch mehr als genug.

Das klingt so, also würdest du deinen Konsum am liebsten noch weiter einschränken…

Ja, manchmal habe ich schon noch das Gefühl, dass weniger irgendwie besser wäre. Aber dann gibt es auch wieder Phasen wie diese, in denen ich weniger rauche – gestern Abend habe ich zum Beispiel nur einen einzigen Joint geraucht, nachdem ich die zwei Tage davor überhaupt nicht gekifft habe. Normal wäre eher gewesen, dass ich jetzt – also nachmittags gegen 16 Uhr – schon ein bis zwei Tüten intus hätte, ich rauche im Augenblick also eh gerade weniger, als für mich normal ist. Aber vielleicht ist das ja auch der Anfang vom Ende meiner Kifferei – auch wenn ich solche Anfänge schon häufiger hatte und bisher immer noch rauche. Ich glaube, letztendlich kommt es einfach darauf an, mit wem du so rumhängst. Wenn du immer nur mit Hardcore-Stonern abhängst, wirst du selbst nie davon loskommen – vor allem nicht, wenn du selber einer bist.

Weil immer neue Joints in die Rotation geschickt werden?

Das ist doch schon lange nicht mehr so – dieser gesellige Aspekt ist doch heute nur noch eine Träumerei aus den 60er Jahren. Heute raucht doch fast jeder seinen eigenen Joint – und das ist nur einer der Punkte, die in der Realität ganz anders sind, als sie immer dargestellt werden. Mit Peace, Love and Happiness hat Cannabis heutzutage nicht mehr viel zu tun. Es ist eine alltagstaugliche Droge geworden, die gesellschaftlich immer mehr akzeptiert wird und deren Wirkung auf den Menschen nicht verallgemeinert werden kann.

Wie viel Cannabis hast du denn als Hardcore-Kiffer so verbrannt?

Zu der Zeit habe ich schon bis zu zehn dicke Joints am Tag geraucht – in jeder Tüte waren da zwischen einem und anderthalb Gramm Gras. Das ging dann auch schon ganz schön ins Geld – ein Bekannter von mir hat sich für seinen exzessiven Cannabiskonsum hoch verschuldet. Und auch heute noch ist alles grün auf meiner Hand, wenn ich einen baue – der Tabak dient bei mir nur als Abbrennhilfe. Schließlich will ich ja Gras rauchen, wenn ich kiffe – und keinen Tabak. Aber heute sind es eben keine zehn Joints mehr pro Tag, sondern nur zwei oder drei…

Rauchst du bestimmte Cannabissorten oder einfach nur das, was gerade zu kriegen ist?

Meistens rauche ich schon meine Lieblingssorte: Lemon Haze – da bin ich regelrecht verrückt danach.

Hast du auch Erfahrungen mit anderen Drogen außer den legalen und Cannabis gesammelt? 

Ja, bis auf Ecstasy und Heroin habe ich alles mal probiert. Von Ecstasy und Heroin habe ich lieber die Finger gelassen, da ich auch diese Drogen früher einmal selbst vertrieben habe und sah, was sie mit den Menschen machten. Wenn man sieht, wie die Leute jedes Wochenende wiederkommen und von mal zu mal immer mehr Pillen kaufen – erst zwei, dann vier, dann acht und so weiter – und sich letztendlich hoffnungslos verschulden, dann kriegt man schon einen höllischen Respekt vor dieser Droge. Bei Heroin war es so ziemlich das Gleiche: Ich hatte ein paar Kumpels, die haben sich das durch die Nase gezogen und sind danach immer erstmal aufs Klo gegangen, um zu kotzen. Das war für die ganz normal, einen Großteil dieses Giftes gleich wieder auszukotzen – aber danach fühlten sie sich immer so gut, dass sie oft zu mir sagten: „Wenn dir kiffen schon Spaß macht, dann ist das hier der absolute Hammer…“ Ich habe trotzdem lieber meine Finger davon gelassen, aber ansonsten so ziemlich alles mal probiert: Kokain, Amphetamine, LSD und THC. Vor Kokain habe ich übrigens schon immer sehr großen Respekt gehabt. LSD hast du einmal genommen und hattest danach erst einmal die Schnauze voll davon – das ist halt keine alltagstaugliche Droge. Koks ist da schon anders – in dem Augenblick, in dem du drauf bist, ist das einfach so eine verfickt geile Droge, aber deine Synapsen stellen sich relativ schnell darauf ein und die Abhängigkeit ist da. Das kann schon nach einem halben Jahr der Fall sein. Das ist dann zwar keine extrem körperliche Abhängigkeit, sondern eher eine stark psychische – aber wenn du einmal von Kokain abhängig bist, dann ist es vorbei. Denn dann bist du es für immer – und davor hatte und habe ich einen Riesenrespekt.

Bist du für eine Legalisierung von Cannabis und vielleicht auch für eine Legalisierung von anderen Substanzen?

Nein, ich bin gegen eine Legalisierung von Cannabis – aber ich bin für eine Entkriminalisierung, denn ich finde es schwachsinnig, einem 16-Jährigen wegen ein paar Joints die Zukunft zu verbauen. Letztendlich ist das doch nur ein Kulturproblem – es ist halt ein Rausch, der gesellschaftlich noch nicht so akzeptiert ist. Schließlich sind wir hier im Land der Biertrinker und da passt eine solche Alternative noch nicht rein. Denn natürlich funktioniert – auch was andere Drogen betrifft – in der Praxis keine Verbotspolitik. Da muss man sich schon etwas Besseres einfallen lassen. Ich glaube aber, dass es im Augenblick noch nicht gesellschaftlich vermittelbar ist, Heroin zu legalisieren oder auch nur zu sagen, Kokainkonsum wird nicht mehr bestraft. Das kannst du keinem erzählen – schließlich gibt es ja auch Leute, die haben Kinder, und die haben auch ihre Rechte. Zum Beispiel das Recht, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, in der sie beschützt werden – das kann ich schon gut verstehen. Auf der anderen Seite kenne ich aber auch ein paar Kokain-Dealer und möchte nicht, dass die in den Knast kommen. Wenn man glaubt, was die sagen, dann ist Koks ja heute so etwas wie das Kiffen in den 90er Jahren. Das Zeug ist nahezu überall – egal, wohin du gehst. Trotzdem würde ich keinem Jugendlichen sagen: „So schlimm ist das nicht, das kannst du ruhig ab und zu mal nehmen.“ Selbst im Vergleich mit Alkohol empfinde ich Kokain als die gefährlichere Droge, auch wenn Alkohol viel mehr Gewalt provoziert. Der Konsum von Drogen wie Kokain, Heroin oder auch Crystal Meth hat eines gemein: Er artet immer aus – und er führt ganz häufig auch zu Beschaffungskriminalität. Denn wenn man abhängig ist, dann braucht man das Zeug einfach, und dann ist auch völlig egal, wo man das Geld dafür herholt. Letztendlich habe ich auf die Frage „Wer will wem was verbieten?“ auch keine umfassende Antwort. Aber ich bin jemand, der sagt: Die Bürger müssen frei entscheiden dürfen – und zwar in allen Themenbereichen ihres Lebens!