30 Jahre nach dem Fall der Mauer stehen wir vor der Frage: Wie steht es um die deutsche Einheit? Ich bin neulich mal mit dem Zug von Dresden nach Magdeburg gefahren und hab dabei aus dem Fenster geschaut: Sehr viele leer stehende, verfallende Gebäude, aus denen Gräser und Büsche empor wachsen. Da habe ich endlich verstanden, was in der DDR-Hymne mit „Auferstanden aus Ruinen“ immer gemeint war. Aber andererseits zeigte das vor allem aber auch eines: Helmut Kohl hatte dem Osten „blühende Landschaften“ versprochen, und er hat dieses Versprechen gehalten.

Ich habe ja das große Glück, als Wessi in Ostdeutschland auftreten zu dürfen. Und ich hab ja mal gesagt, ich bin weiß, männlich und hetero. Das heißt, in mir vereinigen sich drei gesellschaftlich privilegierte Dominanzgruppen. Das beste, was Du in Deutschland also sein kannst, ist eine schwarze, lesbische Transgender-Muslima.

Ich bin also weiß, männlich und hetero, und wenn ich dann als ein solches Prachtexemplar in Ostdeutschland auftrete, dann fällt mir auf, ich bin ja auch noch Mitglied einer vierten Dominanzgruppe: Ich bin ja auch Wessi.

Wessi, das heißt, ich kann gar nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn alles, was gestern noch gültig war, von einem auf den anderen Tag plötzlich nicht mehr funktioniert. Ich kenne so was nur, nachdem ich auf meinem Rechner das Betriebssystem aktualisieren musste.

Aber 30 Jahre nach der Wiedervereinigung dürfen wir feststellen, dass das mit dem „Deutschland einig Vaterland“ nicht weit her ist. Viele Wessis machen sich lustig über Ossis, verstehen die Mentalität nicht. Gut, was auch an der Aussprache liegen könnte. Also an der Aussprache der Wessis. Unterhält sich ein Bayer mit einem Ostfriesen.

Fragt sich der Gelsenkirchener: Wie viele Dolmetscher werde ich wohl brauchen, bis ich das verstanden hab?

Und was viele Wessis dabei aber gar nicht sehen: Dass Ostdeutschland bis heute vom Westen dominiert wird. Das sehen Wessis nicht.

„Wieso? Wo ist das Problem? Nach 40 Jahren DDR zeigen wir Wessis den Ossis eben, wie die Dinge funktionieren.“

„Genau“, sagen da die Ossis, „Elbphilharmonie, Stuttgarter Bahnhof, Berliner Flughafen. Man kann vieles gegen die DDR sagen, aber das letzte Bauwerk, das auf deutschem Boden pünktlich stand und funktionierte, war die Mauer.“

Aber was viele Wessis nicht wissen: Rund 80% aller Führungskräfte in Ostdeutschland in Industrie, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Justiz, Verwaltung, Behörden und Kultur kommen aus dem Westen. Selbst führende Nazi-Kader und Rechtspopulisten kommen aus dem Westen. Also Regierung und Opposition im Osten kommen aus dem Westen.

Selbst der Kabarettist, der das jetzt schreibt, kommt aus dem Westen.

Es gibt in Deutschland also vier privilegierte Dominanzgruppen, und die heißen: männlich, weiß, hetero, Wessi. Das beste, was Du in Deutschland also sein kannst, ist eine schwarze lesbische Transgendermuslima aus Leipzig, wohnhaft in der Oberpfalz.

Aber für das, was die Wessis mit Ostdeutschland machen, bekommt der Putin wegen der Krim Gegenwind.

Nein, der Vergleich hinkt natürlich, weil Ost- und Westdeutschland ja ursprünglich jahrhundertlang zusammen waren und nur nach dem Krieg getrennt wurden. Das war mit der Krim und Russland, äh, ganz genauso.

Wobei ich da nichts verharmlosen möchte. Russland ist kein Rechtsstaat und Putin kein lupenreiner Demokrat. Und wenn ich vor der Frage stünde:

Wo möchte ich zurzeit lieber leben: a) auf der Krim? oder b) in Mecklenburg Vorpommern?

Da würde ich doch lieber den Telefonjoker anrufen.

Egal, was ich jedenfalls weiß: Als die Mauer fiel, haben die Ostdeutschen sich vor allem erst mal nur über eines gefreut: Endlich diese gesellschaftliche Stasi-Atmosphäre eines permanent manipulierten Misstrauens im Angesicht eines dysfunktionalem Mangelzustandes los zu sein.

Was sie aber nicht unbedingt wollten, war dafür der Austausch gegen ein Überfluss- und Verschwendungssystems zur Aufrechterhaltung einer oberflächlichen Ellenbogen- und Statusgesellschaft.

Oder wie der große Kabarettist Hanns Dieter Hüsch das mal nannte: Vom Regen unter Umgehung der Traufe direkt in die Scheiße.

Und als die DDR dann vor dem Kapitalismus kapitulierte, und die D-Mark kam, da hatten die Ostdeutschen eine Hoffnung: Wenn wir jetzt so leben wie im Westen, dann also auch mit Chancengleichheit und fairem Wettbewerb.

Und dann kam der Kapitalismus, und hat die Ossis gefragt, ob sie sich nicht entscheiden können, was sie wollen? Entweder so leben wie im Westen? Oder mit Chancengleichheit und fairem Wettbewerb?

Und so wurden 16 Millionen Ostdeutsche ohne Narkose und bei vollem Bewusstsein dem kapitalistischen Volkskörper einverleibt. Gestern galt noch: „Hoch die Solidarität“, und schon ein Tag später: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Ein toller Spruch. „Jeder ist seines Glückes Schmied“.

Man hat bloß vergessen, eines zu sagen: Der Kapitalismus funktioniert nur, wenn nie genügend Ambosse für alle vorhanden sind.

Und wie es heute um die deutsche Wiedervereinigung bestellt ist, kann man an einem ganz einfachen Beispiel ablesen:

In der ostdeutschen Grenzregion zu Polen und Tschechien gibt es Gegenden, da ist so wenig Polizei unterwegs, dass die meisten Bewohner sich nicht fragen ob, sondern wann bei ihnen eingebrochen wird und Geld und Wertgegenstände ins Ausland verschwinden.

Das gibt es in den westdeutschen Grenzregionen zu Luxemburg und Liechtenstein nicht.

Da bringen die Leute Geld und Wertgegenstände freiwillig ins Ausland. Da wünscht man sich sogar, es wäre weniger Polizei unterwegs.

Wie es heute um die deutsche Wiedervereinigung bestellt ist, kann man auch an einer ganz einfachen Entwicklung ablesen, nämlich an den Löhnen und der Rente. Vergleicht da mal die Zahlen in Westdeutschland mit denen in Ostdeutschland. Ich sag mal so: Gegen das Gefälle ist die Eiger Nordwand eine Horizontale.

Und das müssen diese Ossis aber einfach mal kapieren, dass ihre Lebensleistung natürlich weniger Wert ist als die von Wessis.

Überleg mal, die, die einfach nur verdammtes Glück hatten, auf der einen Seite des eisernen Vorhanges geboren zu sein, stellen sich hin und sagen denen, die einfach nur das verdammte Pech hatten, auf der anderen Seite geboren zu sein: „Hier jetzt ankommen und Ansprüche stellen, Ihr seid doch einfach nur Wendeverlierer.“

Ein schönes Wort, das übrigens von Wessis erfunden wurde: Wendeverlierer.

Gibt es eigentlich eine größere Arroganz, als Leuten, denen man den Boden unter den Füßen weggezogen hat, dann noch verbal ins Gesicht zu spucken?

40 Jahre lang wurden die Ostdeutschen von den DDR-Bonzen verarscht, und danach von den richtigen Bonzen. Und dann muss man sich noch angucken, wie viele Parteien in 30 Jahren wie viele Gelegenheiten hatten, daran etwas zu ändern. Und wenn man diese Parteien dann alle nicht mehr wählen will, wer bleibt dann noch übrig? Tierschutzpartei, Die Violetten, Bibeltreue Christen, Graue Panther, Transhumane Frauen, und die urbane Hip-Hop-Pogo-Partei. Mit denen wirst du das System aus den Angeln heben.

Aber was viele Wessis nicht sehen: Es gibt Ossis, die warten seit 30 Jahren darauf, in unsere Gesellschaft integriert zu werden! Und wenn man diesen Ossis ins Gesicht sagt, dass jetzt Flüchtlinge und Migranten kommen, die hier selbstverständlich eine faire Chance zur Integration bekommen sollen. Also Leuten, die über Jahrzehnte das Gefühl haben, hingehalten zu werden, dann auch noch das Gefühl geben, dass man andere ihnen jetzt vorzieht. Puh!

Früher hatten die Ossis mal Hoffnung auf Aufstieg, jetzt haben sie Angst vorm Abstieg. Ostdeutschland ist also sowas wie eine Kombination aus Martin Schulz und Erzgebirge Aue.

Und dann kommt eine Alternative Partei für Deutschland an, und sagt: Jetzt ist Schluss. Das machen wir nicht mit. Das Blöde dabei ist, wenn Rechtspopulisten Politik gegen Flüchtlinge und Migranten machen, dann heißt das:

Die, die einfach nur verdammt viel Glück hatten, auf der nördlichen Seite des Mittelmeers geboren zu sein, stellen sich hin und sagen denen, die einfach nur das verdammte Pech hatten, auf der anderen Seite geboren zu sein:

Hier jetzt ankommen und Ansprüche stellen, Ihr seid doch einfach nur Globalisierungsverlierer. Ein schönes Wort, das von Europäern erfunden wurde: Globalisierungsverlierer.

Und jetzt kämpfen Wendeverlierer gegen Globalisierungsverlierer. Und ich weiß ja nicht, wohin dieser neue deutsche Nationalismus führen soll. Nur eines sollte allen klar sein: Noch mal wird es dann hinterher keine Wiedervereinigung geben.