Cannabis ist im Jahr 2020 allgegenwärtig. Trotz Verbots und ungerechtfertigtem Stigma, stehen immer mehr Menschen zu ihrem Konsum und zu ihrer durchweg positiven Haltung gegenüber dem zur Zeit noch verbotenen Kraut. Sicherlich mag auch die Lockerung des Zugangs zu medizinischem Cannabis in Deutschland dazu beigetragen haben, aber der Hauptimpuls dürfte immer noch aus den USA kommen, wo Produkte wie Kaugummis, Tampons und Tees mit THC oder CBD in vielen Bundesstaaten mittlerweile zum Alltag gehören. Auch wir hier in Deutschland konsumieren gerne – und Trends aus den USA beeinflussen auch unser Kauf- und Denkverhalten. Aber neben all diesen Phänomenen gibt es auch Menschen, die aus wahrhaftiger Überzeugung und aus ihren medizinisch-spirituellen Selbsterfahrungen eine klare Haltung gegen Cannabis-Skeptiker entwickelt haben. Jasmin Obermaier ist so ein Mensch…

Eines schönen Morgens saß ich bei einer Tasse Kaffee am Küchentisch und hatte mir gerade erst einen puren Spliff gegönnt, denn Frau und Kinder waren unterwegs. Alle paar Wochen starte ich meinen Tag genau so – vor 15 Jahren war das noch Alltag. Ich checkte meine sozialen Medien auf meinem smarten Telefon und stolperte dabei über einen Artikel, welchen ich leider nicht vollständig lesen konnte, da man dafür hätte bezahlen müssen. Es handelte sich um einen Artikel aus einer Reihe von spontanen Interviews mit einer größeren Tageszeitung. Eine junge Frau namens Jasmin Obermaier wurde in einem Café angesprochen und war bereit, ein kurzes Gespräch zu führen. Bereits aus dem Untertitel ging hervor, dass hier Cannabis bzw. CBD eine Rolle spielte, was bei mir natürlich für Neugier sorgte. Ein paar Tage später fand ich den Artikel auf einer anderen Internetseite, wo ich ihn gratis lesen konnte. Jasmin sprach von ihrer angeschlagenen Psyche, ihrer Vergangenheit und wie sie sich selber mit CBD-Produkten half. Das Gespräch war nicht sonderlich ausführlich und die Antworten wirkten zurechtgestutzt. Vielleicht hatte sich Jasmin aber auch ganz bewusst bedeckt gehalten? Ich googelte sie und fand sie zu meiner großen Überraschung auf eBay Kleinanzeigen, wo sie Sprachunterricht anbot. Auf meine Anfrage, ob sie vielleicht Lust hätte, ein Interview für einen Artikel in der THCENE zu führen, reagierte sie zunächst etwas förmlich, aber durchaus positiv. Aus “Sie” wurde “Du” und wir verabredeten uns auf einen Plausch bei ihr, in ihrem Garten. Ich packte Weed und mein Interview-Equipment ein und machte mich auf den Weg. Noch in der Bahn sah ich, wie sie ihren Status auf Messenger änderte, ein Bild von sich hochlud und mit den Worten versah: “a dream comes true”. Ich fragte mich, was das wohl sein könnte…

Magst du etwas zu deiner Person erzählen? Woher kommst du und wie hat dich Cannabis gefunden?

Ja, klar – gerne. Ich wurde in Kuwait geboren und bin ein Mix. Mein Vater kommt aus der Nähe von Gladbach. Dort hatte er auch meine Mutter kennengelernt, die aus Syrien kommt – und die beiden bekamen mich. Nach etwa vier Jahren sind wir wieder zurück gezogen. Wir sind in der Zeit häufig umgezogen und ich würde mich bis heute als Nomadin bezeichnen. Mit 16 habe ich meine ersten Cannabis-Erfahrungen gesammelt und etwa mit 18 ging der regelmäßige Konsum los. Zu dem Zeitpunkt zogen wir an die deutsch-niederländische Grenze, bei Roermond. Und wie das halt dann so war mit kleinen Traumata – die Trennung meiner Eltern und die Pubertät – irgendwie fand ich dabei zu meiner großen Liebe Cannabis. Damit kam ich auch gut durch schwere Zeiten und Schicksalsschläge bis ich 31 wurde. Das war letztes Jahr. Ich habe damit sehr gut leben können und würde mich als sehr sensiblen Menschen beschreiben, der bereits durch Kleinigkeiten erschüttert werden kann.

Welche Rolle spielte Cannabis dabei?

Gras funktioniert immer gut und hat mir beigebracht, im Moment zu leben und diesen zu genießen. Alle Kiffer kennen das: Egal, wie schlecht dein Tag auch läuft oder wenn mal wieder die Welt untergeht – wenn man dann in Ruhe, fast schon meditativ, seine Tüte baut, kann man mit vielem abschließen bzw. sich von allem weitgehend lösen. Das Leben wird mit zunehmendem Alter ja auch nicht einfacher. In der Regel macht man die ersten Erfahrungen mit Verlust und schweren Krankheiten. Cannabis war mir in diesen Phasen immer eine große Stütze und wir haben das zusammen sehr gut hinbekommen.

Wie war dein schulisch-beruflicher Werdegang?

Ich ging zunächst auf ein Gymnasium. Nach dem Abitur machte ich eine Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin mit dem Schwerpunkt Französisch, Spanisch und Englisch ins Deutsche. Anschließend absolvierte ich meinen Bachelor als Europasekretärin. Dafür musste ich nach Cardiff, South Wales und schrieb dort meine Bachelor-Thesis. Mein Abschluss beinhaltet International Business Management, Cultural Diversity und Strategic Brand Management. Dann hatte ich diese ganzen Abschlüsse, konnte damit aber einfach nichts anfangen. Nach ein paar Versuchen in einem Büro zu arbeiten, landete ich in der Gastronomie. Zu dem Zeitpunkt wurde auch mein Vater endlich sesshaft und hatte sich in der Eifel etwas zugelegt. Ich unterstützte ihn dort, ohne so richtig einzusteigen.

Du sagst, dass du mit 16 zum ersten Mal Cannabis geraucht hast – kannst du dich daran noch genauer erinnern?

Ja, total. Zu dem Zeitpunkt habe ich in Liechtenstein gelebt. Mitten in der Pubertät, ich war so ein Gothic-Girl, mit langen schwarzen Haaren und Mittelscheitel. Meine beste Freundin hatte einen älteren Bruder, der nur am chillen und kiffen war. Irgendwann bedienten wir uns bei ihm und bauten den wohl am schlechtesten zusammengedrehten Joint ever. Es war gerade Winter und überall lag Schnee. An einer Holzhütte haben wir dann den Joint geraucht. Ich kann mich noch erinnern, dass ich meine Schuhe ausgezogen habe und barfuß über ein Schneefeld lief. Aus irgendeinem Grund war ich der Meinung, dass meine Schuhe lieber nicht nass werden sollten. Der Joint hat definitiv gut reingehauen.

Wie ging es dann weiter?

Es kamen weitere Cannabis-Erfahrungen dazu – mal bessere, mal schlechtere. Es gab ein paar Experimente mit Alkohol, aber ich fand schnell für mich heraus, dass ich so nicht alt werden würde. Gras tat mir gut und somit entschied ich mich ganz bewusst dafür. Nach der Scheidung meiner Eltern sind wir an die holländische Grenze gezogen und der nächste Coffeeshop war nur 30 km entfernt. Wir sind zu jeder Gelegenheit rüber gefahren und deckten uns ein. Teilweise verkleidete ich mich als Muslima und habe mir ein Kopftuch übergezogen. Toi, toi, toi – es ist nie etwas passiert, trotz einiger Kontrollen.

War Cannabis bei euch zuhause ein Thema?

Ich machte es zum Thema und brachte Cannabis quasi in die Familie. Mein Bruder stieg mit ein und so waren wir beide die Stoner-Heads. Ich hatte ihn da etwas drauf gebracht und wir rauchten häufig zusammen. Er zog dann kurze Zeit später zu meiner Mutter, aber wir etablierten das vorher noch zuhause. Während dieser Zeit ging mein ganzes Geld für Gras drauf und ich habe mich zu einem Tom-Boy entwickelt. Ich hatte wenig Lust auf Mädchenkram. Mode und ähnliches interessierten mich nicht mehr. Vielleicht lag das aber auch daran, dass ich bei meinem Vater groß geworden bin.

Wie ist denn dein Vater mit Cannabis umgegangen?

Mein Vater ist sowas von offen und lässig. Er hatte uns lieber zuhause, anstatt uns damit auf die Straße zu verbannen. Ich rauchte auch vor ihm bzw. er roch, was die Kinder da im Keller trieben. Irgendwann hat er dann auch mal mitgeraucht.

Was ist für dich persönlich das beste Setting zum Grasrauchen?

Früher reichte mir die Möglichkeit, dass ich mir einen drehen konnte. Jeder Moment war der beste Moment für einen Joint.

Und warum behandelst du dich inzwischen mit CBD? Oder hast du ein Rezept?

Ich behandele mich selbst und das auch erst seit den letzten Jahren. Durch meine häufigen Umzüge verweilte ich nie länger in Gemeinschaften und existierte daher eher am Rand. Cannabis war für mich ein entscheidender Baustein dafür, dass ich mir mein eigenes Imperium im Kopf aufbauen konnte. Umso mehr hat es mich belastet, dass es verboten ist. Ich bin heute der Überzeugung, dass ich als hochsensibles Kind bereits sehr früh meine ersten depressiven Phasen hatte. Ich habe schon früh gemerkt, dass ich besonders in diesen Phasen von Cannabis profitiere. Mir ging es viel besser und meine Stimmungstiefs wurden zurückgedrängt. Später wurden Ängste und Panik ein Thema bei mir. 2013 gab es dann einen Suizid in meiner Familie. Meine Stiefmutter hat sich das Leben genommen – genau zu der Zeit, als mein Vater sich mit der Gastronomie niedergelassen hatte. Ich erlebte Ängste, die mir vorher fremd waren. Ich bekam große Angst um meinen Vater und mindestens ebenso große Angst, dass ich mir selber irgendwann etwas Ähnliches antun würde. Diese Ängste konnten dann auch schnell in Panik münden. Im Laufe der Zeit merkte ich dann, dass THC an dieser Stelle eher nicht so gut für mich ist. THC kam immer gut, wenn ich einen Stimmungsaufheller brauchte. Aber mein Gehirn, dass manchmal durchdrehen will und zu vielen Reizen ausgesetzt ist, harmoniert in diesem extremen Modus nicht so gut mit THC. Mittlerweile bin ich an dem Punkt, dass ich eine gute Mischung aus CBD und THC für optimal halte – je nachdem, was der konkrete Bedarf ist. Ich spreche an dieser Stelle natürlich nur für mich. Cannabis hat mein Leben sehr bereichert und ich bin mir sicher, mir würde es heute ohne nicht so gut gehen. Umso heftiger bin ich schockiert, wenn Menschen immer noch Ibuprofen vorziehen – selbst wenn sie die Möglichkeit hätten, mal an einem Vaporisator zu ziehen, um einfach mal zu schauen, ob sich hier nicht eine vernünftige Alternative versteckt.

Würdest du sagen, dass es gute und schlechte Drogen gibt?

Nein, das suggerieren uns zwar Medien und Politik, aber eigentlich nein. Drogen sind mächtig und können natürlich auch das Schlechte in dir befördern. Therapiebegleitend halte ich den Einsatz von anderen Drogen durchaus für sinnvoll. Sucht hat für mich etwas mit innerer Leere zu tun. Die Sucht nimmt den Platz in der Leere ein und verleiht dem Leben einen Sinn. Wenn neben der Sucht nichts anderes mehr existiert, ist es schwierig, da wieder rauszukommen. Woher die Kraft nehmen? Ich nahm in der Vergangenheit auch Pepp, ohne es danach zu vermissen. Ich habe es temporär genutzt, gefeiert und getanzt.

Hast du bestimmte Vorlieben in Sachen Gras?

Ich mag dieses schwere Indica-Zeug, das so richtig reinknallt. Am liebsten mag ich es trocken und crunchy. Bei Sorten tue ich mich sehr schwer und ehrlich gesagt bin ich bei der Sortenvielfalt auch gar nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Damals in Roermond gab es noch Sorten wie Santa Maria, White Widow oder Orange Bud. Die alten Klassiker halt. Nachdem ich dort weggezogen bin, hatten meine Dealer selten Ahnung, was sie da genau anboten. Ich hatte auch mal eine Haze-Phase, wurde aber sehr schnell immun dagegen und stieg wieder auf Indica-Strains um.

Und dein CBD-Gras heute? Kaufst du das in CBD-Shops oder auf dem Schwarzmarkt?

Wir haben hier bei uns mittlerweile drei Hanf-Shops mit CBD-Blüten im Angebot. Der Shop, zu dem ich gehe, hat eine größere Vielfalt und importiert wohl auch aus den USA, teilweise CBD-Sorten mit 26 %. Außerdem gibt es keine Mindestabnahmemenge. Bei einem Gramm-Preis von ca. zehn Euro bin ich damit sehr zufrieden.

Wie schaut es mit Grow-Erfahrungen aus? Hast du das auch mal ausprobiert?

Einmal hatte ich Stecklinge und versuchte tatsächlich, etwas auf die Beine zu stellen. Wir hatten allerdings einen Chinchilla und der hat alles aufgefressen. Mein Bruder war aber in Liechtenstein recht erfolgreich und hatte dort einige gute Grows. Aber für mich selber stand einfach der Konsum im Vordergrund.

Wie gehst du heute mit deiner Leidenschaft und deinem Konsum um?

Generell gehe ich eher zu offen mit den Dingen um – so habe ich schon einige Partys mit meinen Themen wie Suizid oder Depressionen gesprengt. Und mit meinem Konsum gehe ich genauso offen um.

Ich danke dir sehr für das Gespräch und wünsche dir noch viel Erfolg auf deinem Weg!

Jasmins Traum wurde somit Wirklichkeit. Wie sie mir noch erzählte, hatte sie sich schon lange danach gesehnt, ihre Haltung und ihre persönlichen Erfahrungen in Bezug auf Cannabis einmal öffentlich kundzutun. Und ich muss zugeben: Selten war ich so beeindruckt von einer Person, mit der ich über Cannabis gesprochen habe. Eine sehr klare Person, mit einer sehr nachdenklichen aber deutlichen Haltung Cannabis und dem Leben gegenüber. Viel zu häufig ducken sich Menschen bei diesem Thema weg oder sehen ihre Reputation in Gefahr, wenn das Thema Cannabis aufkommt. Wer kennt sie nicht? Die Freunde, welche sich gerne von jemandem etwas mitbringen lassen, aber sich niemals selber in Gefahr bringen würden. Wenn ich aktuelle Umfragen zu lesen bekomme, die davon berichten, dass in etwa 40 % der Deutschen sich vorstellen könnten, Cannabis auf irgendeine Weise zu legalisieren, wird mir klar, dass die Zahl noch deutlich höher liegen muss. Solange die Leute aber lieber herumdrucksen und nur dann aktiv werden, wenn sie selbst Probleme mit der Justiz bekommen, wird sich in diesem Land wohl nur sehr langsam etwas ändern. In diesem Sinne zünde ich mir jetzt einen Joint an. Auf uns und alle Offenherzigen, liebe Jasmin!