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https://youtu.be/eCROj2zKPnY

 

Samy Deluxe ist zurück um die Welt zu erinnern, dass er immer noch eine feste Größe im deutschsprachigen Rap ist. Er tut dies mit Männlich, seinem neuen Album, dass von der deutschen Hip Hop-Community jedoch mit sehr zwiespältigen Gefühlen aufgenommen wurde.

Das Album SchwarzWeiss von 2011 war der bisher größte Erfolg von Samy Deluxe – er schaffte es damit auf Platz eins der deutschen Charts. Entsprechend groß waren die Erwartungen an das nächste Album, welches Samy Ende 2012 mit Hut und Mantel unter dem Pseudonym Herr Sorge veröffentlichte. Viele Fans waren enttäuscht und wünschten sich ihren „alten“ Samy zurück, den sie in Herr Sorge und seiner „unpopulären Pop-Musik“ kaum noch wiedererkannten. In seinen mittlerweile 18 Jahren im deutschen Musikgeschäft benutzte Samy neben Herr Sorge auch noch eine Reihe anderer Namen wie Samsemilia, Wickeda MC oder The Big Baus of the Nauf – am populärsten war er jedoch als Samy Deluxe.

Ende März diesen Jahres erschien nun das mittlerweile siebente Album von Samy Sorge (so sein bürgerliche Name), dass er wieder als Samy Deluxe veröffentlichte. Wie schon seine letzten Alben, ist auch dieses Werk einem speziellen Thema gewidmet: Samy Deluxe setzt sich mit seiner Männlichkeit auseinander. Anlass hierfür bot sein 18ter Geburtstag als HipHop-Vokalist – er ist damit nun auch als Rapper zum Mann geworden. Zeugt daher auch sein erstes „erwachsenes“ Album von der neuen Reife? Man darf darüber streiten.

Wie zahlreiche Rezensionen und Meinungsmeldungen im Internet zu bestätigen scheinen, bleibt das neue Werk in vielerlei Hinsicht hinter den hohen Erwartungen der Fans zurück. Bereits die ersten vorab veröffentlichten Videos aus Männlich weckten vielerorts große Zweifel, ob es wirklich noch mal zu alter Herrlichkeit reichen würde. Nachdem nun das gesamte Album des Hamburgers vorliegt steht für Viele fest: Die Hoffnungen auf eine fulminante Rückkehr des norddeutschen Rapkönigs waren vergeblich. Männlich ist ein durchschnittliches Album mit Licht und Schatten – kein Totalausfall, aber mit überraschenden Defiziten.

Mit dem Intro Habt ihr mich vermisst und dem zweiten Song Offenes Herz geht alles noch recht vielversprechend los. Samy legt seinen nach wie vor sehr sauberen Flow in die Waagschale und packt noch den ein oder anderen lässigen Wortwitz mit drauf:

HipHop-Fans sind ausgerastet, als sie hörten, dass ich eine Pause mache
Sie wollen mich rappen hören, 24/7-Flow
Ihr vermisst den Rapshit, dann gib mir ‘n verdammtes Mikrofon
Ignorant und tierisch stoned, in dieser anderen Dimension
Den Leuten fehlt das Feuer, ihr wollt den Pyromanen wieder holen

Wie es aussieht, scheint Samy also immer noch „tierisch stoned“ zu sein – leider war es uns nicht möglich, dazu etwas mehr in Erfahrung zu bringen. Ein kurzes Telefoninterview wurde von Samys Management abgelehnt und man ließ uns mitteilen, der Künstler wolle auch keine alten Aussagen zu Cannabis (die er mir gegenüber vor Jahren in einem früheren Interview machte) mehr in einem aktuellen Artikel abgedruckt sehen. Komisch – aber zurück zum neuen Album.

Die besagten ersten zwei Tracks machen noch richtig Spaß, doch nun folgt eine Talfahrt, die man so sicher nicht erwartet hätte. Zweckreime? Ja, leider. Viele. Darüber könnte man vielleicht noch hinwegsehen, wären die Punchlines nicht derart harmlos ausgefallen. Naheliegendes scheint für Samy plötzlich Trumpf. Lügner wie Pinocchio? Vor und zurück wie ein Schaukelstuhl? Ehrlich? Vergessen wir bitte nicht, dass Samy einst gerade für seine treffsicheren Punchlines und Vergleiche als Innovator des deutschen Sprechgesangs gefeiert wurde – und zwar vollkommen zu recht. Heute hingegen kann dass (wie im Track Schaukelstuhl) auch schon mal so klingen:

Baby, du hast mich so lange warten lassen, das war überhaupt nicht cool
Doch jetzt stehe ich vor dir in meinem Männertanga, das ist überhaupt nicht schwul
Das ist übersexy, hör mal wie ich dieses Lied hier rappy
Heute nacht mach ich dich wieder happy”

Hm, rappy auf happy rappen? Kann man machen, muss man nicht. Samys technisch einwandfreier Flow ist natürlich weiterhin über jeden etwaigen Zweifel erhaben, täuscht aber nicht über die unterdurchschnittlichen Texte hinweg. Bestes Beispiel dafür sind vielleicht die folgenden Zeilen aus Traum:

Ich hörte als Kind, Wünsche sind Träume
Träume sind Schäume
Das war gestern
gestern ist gestern, heute ist heute”

Okay. Man nenne mich zu anspruchsvoll oder notorisch schlecht gelaunt, aber da habe ich von Samy Deluxe einfach mehr erwartet. Zumal er selbst ja ganz selbstbewusst einen „Klasse Klassiker“ angekündigt hatte:

Glaubt ihr, dass ich euch zu viel versprochen hab
Als ich sagte ich mach nen neuen Klassiker?

Ehrlich gesagt: Ja. Dabei ist Männlich kein schlechtes Rapalbum, schließlich ist alles sauber gerappt, auf interessanten Beats. Und mit Probleme beweist Samy zudem Selbstironie – im deutschen Rapzirkus bekanntlich ein seltenes Gut. Aber ein Klassiker klingt defintiv anders. Und nicht weniger erwartet man eben von einem Samy Deluxe. Zumal, wenn er ihn selber angekündigt hat.

Die mitgebrachten Featuregäste auf Männlich ändern an all dem wenig. Afrob überzeugt, ohne jetzt die ganz großen Dinger auszupacken, die er sich womöglich für sein Ende Mai erscheinendes eigenes Album aufhebt. Die Hook-Line von Flo Mega auf Penis allerdings hinterlässt erneut Fragezeichen im Kopf des Hörers:

Warum sieht das Herz nicht weiter als das Auge?
Kein Schwanz der Welt ist härter als Liebe und Vertrauen…

Am Ende bleibt Männlich in vielerlei Hinsicht hinter den zugegebenermaßen sehr hohen Erwartungen zurück. Dafür schleicht sich der Verdacht ein, dass Samy einfach keinen Bock mehr hat, auf aktuelle Entwicklungen und neue Standards im Deutschrap noch zu reagieren, sondern weiter unbeirrt sein Ding durchziehen wird, auch wenn er damit bisweilen ausgesprochen anachronistisch wirkt. Das ist natürlich sein gutes Recht, aber irgendwie schade ist es eigentlich auch.