Auch in den Niederlanden ist nicht alles Gold, was glänzt, was den deutschen Cannabis-Konsumenten doch sehr überrascht, erscheinen dem deutschen Kiffer doch die Zustände im Nachbarland paradiesisch, was den Konsum von Cannabis betrifft. Aber auch hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die tatsächlich herrschenden Verhältnisse.

Die Cannabis-Aktivisten in den Niederlanden machen bereits mobil. Denn im Jahr 2018 findet zum 10. Mal das größte Cannabis- und Hanf-Event des „Cannabis Liberation Days“ statt. Das nehmen die holländischen Aktivisten zum Anlass, um so richtig aufzudrehen. Das freie Pot-Festival wird von der VOC organisiert, dem „Verbond voor Opheffing van het Cannabisverbod“ beziehungsweise auf Deutsch: Die Union für die Abschaffung des Cannabisverbots. Die Organisation des VOC ist in Deutschland kaum bekannt. Deshalb seien die Organisation, ihre Anliegen und Ziele sowie die wichtigsten Akteure in folgendem Artikel kurz vorgestellt. Wer sind also die Menschen, die hinter dem VOC stehen und wie funktionieren sie?

Der sozusagen historische Beginn des VOC kann ganz präzise auf eine Veranstaltung zurückgeführt werden, die Anfang Dezember 2008 in Den Haag, wo sich der niederländische Regierungssitz befindet, stattfand. Das Event wurde recht vielsagend „Das Cannabis-Tribunal“ genannt und war die Idee des legendären Drogenreformaktivisten Joep Oomen (1961-2016), der zugleich als einer der Gründer von Encod (Europäische Koalition für gerechte und effektive Drogenpolitik) fungierte. Anlass für die Veranstaltung war das zehnjährige Jubiläum des „Cannabis-Colleges“, das ein kostenloses Informationszentrum im Herzen von Amsterdam ist (http://www.cannabiscollege.com/). Das Cannabis-College bietet Beratung bezüglich des sicheren Gebrauchs von Freizeit- und medizinischem Cannabis an. Außerdem informiert es über die vielfältigen industriellen Verwendungsarten der Hanfpflanzen und bietet Touren durch den Cannabis-Garten an, um die Besucher über die Möglichkeiten und Potenziale des vollständig biologischen Anbaus beim heimischen „Indoor Growing“ aufzuklären. Der Aktivist Oomen arbeitete sehr eng mit Ben Dronkers von Sensi Seeds zusammen, der eine 200.000 Euro Auszeichnung für jeden aufstellte, der die zentrale These des Tribunals als falsch beweisen konnte, nämlich dass das Cannabisverbot mehr negative als positive Effekte besitzt. Dabei ging es den meisten Teilnehmenden weniger um die ausgelobte Belohnungssumme, als um die ideologische Basis-Arbeit, die Vorteile von Cannabis-Konsum in einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Zwei Tage lang diskutierten folglich Wissenschaftler, Politiker, Aktivisten, medizinische Cannabis-Benutzer und Coffeeshop-Besitzer die fundamentale Annahme eines überwiegenden Nutzen vom Cannabis-Konsum. Hendrik Kaptein, ein bedeutender Professor für Rechtsphilosophie, beobachtete sorgfältig alle Debatten und stellte sein Urteil am Ende des Cannabis-Tribunals vor und wog alle Argumente sorgfältig ab, die während der zweitägigen Veranstaltung vorgebracht worden waren. Er kam zu dem Schluss, dass niemand die fundamentale Annahme mit stichhaltigen Argumenten als falsch bewiesen hatte. Ein unvergessliches Highlight des „Cannabis-Tribunals“ war die improvisierte, frei gehaltene Rede von Louk Hulsman, der durchaus als intellektueller Vater der niederländischen Cannabis-Toleranzpolitik bezeichnet werden kann. Es stellte sich leider bald darauf heraus, dass dies sein letzter öffentlicher Auftritt sein würde, denn Hulsman starb nur wenige Monate später. Ein signifikantes, längeres Zitat aus seiner Rede lautete:

„Die Leute reden ständig über Verbrechen. Und sie reden darüber, als ob ein Verbrechen etwas an sich Falsches ist. Aber ein Verbrechen an sich ist natürlich gar nicht zwingend falsch. Es war nämlich kriminell, sich Juden nicht zuzuwenden, es war kriminell, homosexuelle Handlungen zu begehen; sehr viele Dinge waren kriminell. Aber Kriminalität sagt dir nichts über die Frage, ob etwas gut oder falsch ist. Ich spreche von meinem Beruf, ich bin ein Professor für Strafgesetz und Kriminologie und ich weiß alles über diese Angelegenheiten. Ich bin jetzt 85 Jahre alt und habe seit langem in der Gesetzgebung gearbeitet und ich weiß, was möglich ist und was nicht ist. Hören Sie: Die ganze Frage der Bestrafung von Drogen hat mit der Religion zu tun. Religionen – nicht alle, aber viele und sicherlich die monotheistischen Wüstenreligionen – haben Regeln darüber, was du isst und trinkst und wann du das machen solltest und wann du das nicht tun kannst. Aber wir geben vor, eine säkulare Staatsform zu haben. Und in einem säkularen Staat gibt es keinen Platz für Fragen, die mit Religion und mit anderen weltanschaulichen Meinungen zu tun haben. Die ganze Idee, dass der Staat Ihnen sagt, was zu essen und was zu trinken und wie man es vorbereitet und serviert, ist zu meiner tiefsten Überzeugung völliger Wahnsinn! “

Das Cannabis-Tribunal brachte also eine große Anzahl von Leuten zusammen, die massiv in die niederländische Cannabis-Szene involviert waren, aber von denen sich die meisten nur per Namen und nicht persönlich kannten. Jetzt hatten die Aktivisten die einmalige Chance, sich persönlich zu treffen und sich miteinander auszutauschen. Ein paar von den anwesenden Aktivisten, darunter Fredrick Polak, Joep Oomen, Henk Poncin, Darpan van Kuik und Derrick Bergman, fühlten sich, anstatt sich nur ein einziges Mal zu treffen und sich zu verabschieden, dazu berufen, eine dauerhafte Aktivisten-Plattform für alle mit Cannabis involvierten Personen schaffen. Das oberste Ziel war es dabei, eine regelmäßige Gelegenheit zu schaffen, immer wieder zusammenzukommen und Informationen und Erfahrungen miteinander zu teilen. Das bereits erwähnte „Cannabis-College“ in Amsterdam entpuppte sich dabei als ein großartiger Ort, um die monatlich offenen Treffen der neu gegründeten Organisation zu veranstalten. Die Cannabis-Aktivisten nannten die neu geschaffene Plattform „Verbond voor Opheffing van het Cannabisverbod“. Auf Deutsch heißt das übersetzt „Union für die Abschaffung des Cannabisverbots“ oder kurz mit dem Akronym VOC.

Diese monatlichen VOC-Treffen finden bis heute statt. Sie werden inzwischen immer in verschiedenen Städten in den Niederlanden veranstaltet, um es den Teilnehmern, die aus unterschiedlichen holländischen Städten stammen, zu erleichtern. In ihrem ersten Jahr produzierte der VOC eine DVD des „Cannabis-Tribunals“ und lieferte sie an alle 225 Mitglieder des niederländischen Parlaments. Sie organisierten auch den ersten „Cannabis Liberation Day“ in Amsterdam, als ein Bestandteil des „Global Marihuana Marches“. In späteren Jahren organisierte der VOC zwei weitere Cannabis-Tribunale in Den Haag und begann eine Lobby-Kampagne für nationale Politiker. Eine Arbeitsgruppe dieser Lobby-Arbeit verfasst Briefe an etliche Mitglieder des Parlaments und lokale Politiker. Außerdem werden Broschüren und andere Informationsmaterialien veröffentlicht. Ihr Leitgedanke lautet auf Niederländisch „niet pleiten maar feiten“. Auf Deutsch übersetzt heißt das: „Nicht plädieren, aber Tatsachen präsentieren!“

Was macht die Besonderheit des VOC aus? Eine bemerkenswerte Stärke des VOC ist die Vielfalt der in der Organisation vertretenen Personen. Dies gilt zum einen sowohl für die in ihr vertretene Alterskohorte von 24 bis 79 Jahren. Zum anderen trifft es auch für die Hintergründe der einzelnen Personen zu, die von Züchtern und Verbrauchern bis hin zu Coffeeshop-Besitzern und Coffeeshop-Angestellten, Journalisten, medizinischen Cannabisnutzern, Aktivisten und einem pensionierten Lobbyisten reichen. Die jährlich stattfindende Feierlichkeit zur „Cannabisbefreiung“ in Amsterdam ist sicherlich die am deutlichsten sichtbare der VOC-Aktivitäten. Aber es gibt noch viel mehr, was der VOC unternimmt. Unter den VOC-Kampagnen ist beispielsweise diejenige, die „Gerechtigkeit für Johan“ (www.justiceforjohan.nl) genannt wird und die Gerechtigkeit für den ehemaligen Coffeeshopbesitzer Johan van Laarhoven fordert, der in einem überfüllten thailändischen Gefängnis nach sehr fragwürdigen Handlungen der niederländischen Justizabteilung mehr oder wenig verrottet. Die „Cannabis? Aangenaam! „-Aktion („Cannabis? Angenehm!“) konzentriert sich auf eine wachsende Sammlung von Videos von berühmten Holländern, die über ihre Erfahrungen mit Cannabis und über die Torheit des Verbots sprechen. (www.cannabisaangenaam.nl).

Rund um die nationalen Wahlen führt der VOC eine „Abstimmungs-Cannabis-freundliche“ Kampagne, die sowohl online als auch durch Plakate in Coffeeshops stattfindet. Heute ist der unermüdliche Kampf gegen den berüchtigten „Weed Pass“ ein zentraler Bestandteil der VOC-Aktivitäten. Der „Weed Pass“ verbietet ausländischen Touristen den Zugang zu Coffeeshops. Der VOC hat seine Bemühungen jetzt auf die noch wenigen Städte fokussiert, die das „Weed Pass“-Verbot leider immer noch rücksichtslos durchsetzen. Eine der neuesten VOC-Kampagnen ist die interaktive Website Reguleren.com (https://www.reguleren.com/?lan=english), wo man sein Lieblings-Cannabis-Regulierungsmodell auswählen kann, indem man eine Reihe von Fragen beantwortet. Im März 2017 veranstaltete der VOC in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Legalize“ und dem Online-Magazin De Correspondent ein ausverkauftes Seminar zur Besprechung der Ergebnisse dieser Umfrage. Die prominenteste Sprecherin auf dem Seminare war niemand geringeres als Vera Bergkamp, die Mitglied des niederländischen Parlaments ist. Bergkamp tritt für die liberale D 66-Partei an und ist die treibende Kraft hinter einem Gesetzesvorschlag zur Regulierung der „Backdoor-Policy“ der Coffeeshops. Dieses „Backdoor-Paradox“ besagt, dass es für Coffeshops zwar legal ist, jedem Kunden bis zu fünf Gramm Gras oder Haschisch zu verkaufen, es aber illegal ist, das Gras oder Haschisch für den Coffeeshop anzukaufen. Die Coffeeshops sind demnach von der ständigen Gefahr einer Schließung bedroht, da sie sich in einer rechtlichen Grauzone befinden. So ist es jedem Coffeeshop in den Niederlanden verboten, mehr als 500 Gramm Gras oder Haschisch im Laden zu führen. Der den Coffeeshop beliefernde Dealer kommt – daher erklärt sich der Begriff der „Backdoor Policy“ – quasi illegal durch die Hintertüre in den Coffeeshop hinein, um das gewünschte Material zu liefern. Erst wenn diese Transaktion abgeschlossen ist, wird die THC-haltige Ware praktisch legal und kann in dem Coffeeshop verkauft werden. Gerade Vera Bergkamp der liberalen Partei D 66 hat sich als Initiatorin zur Abschaffung der „Backdoor Policy“ herauskristallisiert. Ihr Gesetzesvorschlag, der im Volksmund als „wietwet“ oder „Grasgesetz“ bekannt ist, bekam in der „Tweede Kamer“ (dem niederländischen Unterhaus) eine schmale Mehrheit. Damit der Gesetzesvorschlag aber auch in der Realität umgesetzt werden kann, ist noch die Zustimmung vom „Senat“ – beziehungsweise der „Eersten Kamer“ – notwendig. Die VOC-Vorstandsmitglieder haben bei mehreren parlamentarischen Anhörungen über Cannabis gesprochen. Der VOC-Vorsitzende und der Hauptsprecher des VOC, Derrick Bergman, erscheint regelmäßig in den niederländischen und in den internationalen Medien, wo er sich für eine weitergehende Liberalisierung der niederländischen Cannabisgesetze und der Zulassung von Cannabis weltweit stark macht. Die Website des VOC ist zwar nur auf Niederländisch vorhanden, aber ihr Twitter-Feed (@vocnederland) ist mehrsprachig und es lohnt sich in jedem Fall, hier einen Blick reinzuwerfen.

Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Parteien und Aktivisten, die in der Cannabis-Szene beteiligt sind und die das verbindende Element darstellen, ist entscheidend für den Erfolg des VOC. Denn durch die Pluralität der Stimmen – aber mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen, nämlich der vollständigen Aufhebung des Cannabis-Verbots in den Niederlanden – versteht es der VOC in dieser Frage, gesellschaftspolitischen Druck aufzubauen, der die politisch-administrativen Entscheidungsträger in dieser Sache ständig mit zentralen Aspekten dieser Debatte konfrontiert. Joep Oomen war hierbei ein argumentativer Meister und stellt für die jetzigen Aktivisten eine bleibende Inspiration und ein leuchtendes Beispiel dar. Seit seinem unzeitigen Tod im März 2016 wird Joep am „Cannabis-Befreiungstag“ gefeiert und seines Vermächtnisses gedacht, indem an die Besucher und Teilnehmer freie Cannabis-Samen verteilt werden.

Die Vorbereitungen für den zehnten Jahrestag des Cannabis Befreiungstages im Jahr 2018 sind bereits in vollem Gange. Das Jubiläumsjahr birgt natürlich ganz besondere Herausforderungen und der VOC verfolgt spektakuläre Pläne, die an dieser Stelle aber noch nicht verraten werden sollen, um es zu einem unvergesslichen Event zu machen. Also sollten sich auch deutsche Hanf-Aktivisten, Amsterdam-Liebhaber und drogenpolitisch liberal eingestellte Deutsche den Termin fest in ihrem Kalender vermerken, um das Event auf keinen Fall zu verpassen. Der „Cannabis-Befreiungstag“ jährt sich im kommenden Jahr, am 17. Juni 2018, im Flevopark in Amsterdam. Alle sind herzlich eingeladen teilzunehmen, um ihrer Stimme gegen die in aller Welt noch herrschenden Verbote von Cannabis Ausdruck zu verleihen. Nur durch gemeinsame Aktivitäten und durch das mediale Sichtbarwerden der Masse von Menschen, die die Aufhebung des Cannabis-Verbots fordern, wird sich vermutlich an der europäischen und auch deutschen Politik wenig ändern. Deshalb besitzt der VOC auch über die Niederlande hinaus sozusagen mindestens eine gesamteuropäische Bedeutung und der „Cannabis Liberation Day“ in Amsterdam bietet eine herrliche Gelegenheit, um in Europas Hanf-Hauptstadt eine Party mit Tausenden von Gleichgesinnten zu feiern. Dass dabei kräftig mit Joints und sonstigem gefeiert wird, ist überflüssig zu erwähnen. Und wer einmal bei der Party dabei war, weiß, dass es ein rauschendes Fest ist. Und dass das zehnte Jubiläumsfest nächstes Jahr besonders (be)rauschend wird, daran dürften keinerlei Zweifel bestehen, was aber wiederum den politisch hehren Ambitionen des VOC keinerlei Abbruch tun sollte.

Weitere Links und Literatur im Internet:

www.cannabisliberationday.org/en/ (auf Englisch)

www.voc-nederland.org (auf Niederländisch)

Twitter: @vocnederland (Niederländisch und Englisch)

@cannabisdayams (Niederländisch und Englisch)