In aller Regel erklären Suchtmediziner, dass „Drogen“ die Menschen krank machen. Wenn sie nicht in die körperliche Abhängigkeit oder durch Überdosierungen in die Klinik führen, dann lösen sie zumindest – so der allgemeine Tenor – psychische Erkrankungen und Symptome aus. Diese Sicht ist sehr einseitig – die Definition dieser „Drogen“ stets schwammig und immer über einen Kamm scherend. Diese einseitige Sicht, die aus ideologischen Gründen die Psychoaktiva undifferenziert in einen Topf wirft (was purer Wahnsinn ist), unterschlägt, dass Therapeuten und Ärzte in der Lage sind, mit solchen „Drogen“ die Psyche von schwer erkrankten Menschen zu heilen. Wir beschäftigen uns im Folgenden mit den Psychedelika und Entaktogenen, die, bezogen auf ihre Pharmakologie und Phänomenologie, ganz eigene Familien innerhalb der psychoaktiven Substanzen ausmachen, die weder Sucht noch Abhängigkeit erzeugen und bei sachgemäßer Anwendung den Körper nicht behelligen und eben auch zur Heilung oder Linderung bzw. Verbesserung zahlreicher psychischer Krankheiten und Leiden verwendet werden können.

Im Buch Therapie mit psychoaktiven Substanzen wird auf erhellende Weise dargelegt, wie die Beschäftigung mit heilenden Psychedelika gerechtfertigt wird: „Eine verantwortliche Therapie mit LSD, Psilocybin oder MDMA (sowie ähnlichen psychoaktiven Substanzen) ist möglich und gut begründbar. Dieses ‚Territorium‘ sollte therapeutisch, wissenschaftlich und kulturell neu – und es sollte kritisch – besetzt werden. Eine solche Psychotherapie hat großes komplementärmedizinisches Potenzial. Die Substanz-unterstützte Psychotherapie (SPT) hat gute Voraussetzungen für einen solchen Neuanfang. Sie bietet originelle, therapeutisch vielversprechende, kulturell und philosophisch interessante Behandlungsansätze. Sie hat Protagonisten vorzuweisen, die sich mit den Standards der modernen Psychotherapie- und Arzneimittelforschung auseinandersetzen. Mehrere hundert seriöse Publikationen aus den vergangenen fünf Jahrzehnten aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Psychotherapieforschung, Neurobiologie, Religionswissenschaft und Suchtmedizin legen ein Fundament für zukünftige, methodisch erneuerte Studien über ihre Wirksamkeit und die praktisch bedeutsamen Prozessmerkmale“.

Unterstützungsmittel in der Psychotherapie kommen aus verschiedenen Stoffklassen psychoaktiver Moleküle, verwendbar sind zum Beispiel die Tryptamine LSD, Psilocybin/Psilocin sowie deren Analoga CEY 19 und CZ 74, DMT bzw. Ayahuasca/Pharmahuasca, 5-MeO-DMT, DPT (Dipropyltryptamin), 5-MeO-DALT und Ibogain, aber auch Phenylethylamine, wie beispielsweise Meskalin, MDMA, MDA und Verwandte, MDMC (Methylon), Ephedrin, die 2C-x-Derivate und viele andere, sowie Substanzen aus unterschiedlichen Stoffklassen, zum Beispiel Dissoziativa wie Lachgas und Ketamin, und sogar der Fliegenpilz bzw. dessen psychoaktiver Wirkstoff Muscimol kann potenziell Verwendung finden. Es liegt in der Hand des Therapeuten, diese Substanzen sinnvoll in das Therapiegeschehen einzubringen, was möglich ist und immer wieder unter Beweis gestellt wird, zum Beispiel erst jüngst durch den Schweizer Arzt und Psychiater Peter Gasser aus Solothurn, der eine offizielle LSD-Studie mit zwölf sterbenskranken Probanden durchführte.

Claudia Möckel Graber ist psychotherapeutische Heilpraktikern und schreibt in ihrem Buch Eintritt in heilende Bewusstseinszustände (Nachtschatten Verlag): „In ernsthaften Händen und in der richtigen Form genommen, sind Substanzen wie LSD, MDMA, Psilocybin oder Meskalin wirkungsvolle Heilmittel. Die Einnahme von bewusstseinsverändernden Substanzen hat Tradition. Sie werden seit Jahrtausenden von Naturvölkern zu heiligen Zeremonien eingenommen. Für einen gewissen Zeitraum taucht der Ratsuchende in außerordentliche Bewusstseinsräume bzw. außergewöhnliche Bewusstseinszustände (ABZ) ein und bringt von dort neue Einsichten in übergeordnete Zusammenhänge und heilbringende Antworten mit. Heutzutage werden substanzgestützte Sitzungen von Ärzten, ausgebildeten Therapeuten und privaten Usern durchgeführt. Dabei ist der Einsatz von psychotrop wirkenden Substanzen in einem geschützten Setting eine bisher erfolgreich ausgeübte – wenn auch umstrittene – Therapiemethode“.

Insbesondere sogenannte terminale Patienten, also Menschen denen durch eine Krankheit, zum Beispiel Krebs oder Aids, der Tod bevorsteht, Patienten, die mit wie auch immer gearteten Abhängigkeitsproblemen zu kämpfen haben sowie Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) wurden und werden im Rahmen Substanz-unterstützter Psychotherapie behandelt.

Beispiele für bereits lange etablierte und erprobte Therapieformen, die mit Psychedelika arbeiten, sind die psycholytische Therapie, die mit niedrigeren oder auch Mikrodosierungen der Moleküle auskommt, und die psychedelische Therapie, bei der in aller Regel recht hohe Dosierungen Psychedelika zur Hilfe genommen werden, um Blockaden zu lösen.

 

Mit-Drogen-heilen

 

Die psycholytische Therapie ist eine Form substanzgestützter Psychotherapie, bei der mit moderaten Dosierungen psychedelischer und/oder empathogener und entaktogener Moleküle gearbeitet wird. Die Substanzen dienen hier unter anderem als Öffner zum Unterbewusstsein sowie als Herzöffner und Angstlöser – man kann in diesem Setting seine Probleme bestenfalls aus der Sicht eines Außenstehenden betrachten, was für Betroffene extrem hilfreich und nützlich sein kann – und bieten dem Patienten damit eine effektive Unterstützung zur Bewältigung des zu Verarbeitenden. Diese Form der Psychedelika-gestützten Therapie soll dabei insbesondere die eher langwierige und sich meist über Monate erstreckende Prozedur der psychoanalytischen Psychotherapie intensivieren und damit abkürzen. Der große Göttinger Psychotherapeut, Psychiater und Pionier der europäischen Psychedelikaforschung Hanscarl Leuner, der die psycholytische Therapie maßgeblich mit geprägt hat und Initiator des interdisziplinären Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien (ECBS) war, erläutert in seinem Standardwerk zum Thema, Halluzinogene: „Die Forderung nach intensiveren und abkürzenden Verfahren ist deshalb immer wieder erhoben worden. Das allgemein bekannte Dilemma der klinischen Psychotherapie gab Anlass zu Versuchen, die tiefenpsychologische Therapie durch Halluzinogene zu intensivieren.  Anfänge dieser Bemühungen gehen unter dem Begriff ‚psycholytische Therapie‘ bis in die erste Hälfte der 50er Jahre zurück. Dementsprechend liegen heute gut fundierte klinische Ergebnisse über diese Therapieform vor. Zwei Wege voneinander unabhängig arbeitender Untersucher führten zur psycholytischen Therapie: a) Sandison und Mitarbeiter (1954) fanden anlässlich von LSD-Versuchen bei neurotisch Kranken, dass diese eine spontane Besserung ihres Zustandes zeigten. b) Wir selbst stellten die Hypothese auf, dass die von uns entwickelte Tagtraum-Technik der Psychotherapie, das Katathyme Bilderleben, durch die Verwendung halluzinogener Drogen intensiviert und perpetuiert werden kann. Wir hatten bei den ersten Versuchen analoge Ergebnisse wie Sandison“.

Die psychedelische Therapie geht auf die US-amerikanischen Halluzinogenforscher Humphry Osmond und Abram Hoffer zurück und ist eine Form substanzgestützter Psychotherapie mit hohen Dosierungen der Moleküle. Eine psychedelische Durchbrucherfahrung soll tief in die Persönlichkeit eingreifen und dem Patienten Einblicke in sein eigenes und auch in das kollektive Seelenleben gewähren, damit er damit eine Umstrukturierung seiner inneren Beziehungen, seiner Problemwelten und seiner Persönlichkeit zu erreichen in der Lage ist. Ursprünglich war diese Therapieform aus einer Art Unfall entstanden. Der Psychedelikaforscher Dr. Torsten Passie berichtet: „Ausgehend von der Beobachtung, dass viele Alkoholiker nach dem traumatischen Erlebnis eines Delirium tremens abstinent bleiben, wollten Osmond und Hoffer um 1950 durch LSD ein Delirium tremens erzeugen, um so eine Abstinenz zu bewirken. Sie stellten jedoch fest, dass – im Gegensatz zu ihrer Hypothese – vielmehr positiv empfundene Erlebnisse vertiefter Selbstwahrnehmung und religiöser Erfahrungen eine bleibende therapeutische Wirkung hinterließen. Im Anschluss an ihre ersten Versuche entwickelten Osmond und Hoffer die psychedelische Behandlungstechnik, welche die gezielte Hervorrufung mystisch-religiösen Erlebens zur Grundlage therapeutischen Wirkens machte. Besonders betont wurde die Wandlungsmacht bestimmter mystischer Erlebnisweisen wie die sogenannte Unio mystica‘“ (www.bewusstseinszustaende.de). Hanscarl Leuner kommentiert in Halluzinogene: „Die europäischen Halluzinogenforscher hatten relativ früh Schwierigkeiten, eine Reihe US-amerikanischer Arbeiten zu verstehen, die sich mit einer vorzugsweise bei Alkoholikern angewandten Therapieform beschäftigte und durch folgende Merkmale gekennzeichnet war: Eine einmalige hohe Dosis LSD wurde verabreicht, die zwischen 400 und 1.000 Gamma lag. Im Fachjargon wurde von der ‚One-big-shot-Therapy‘ gesprochen. Es wurde postuliert, dass der Patient dadurch und mit Hilfe entsprechender Einstimmung eine transzendente oder eine sogenannte kosmisch-mystische, am Rande auch als religiös bezeichnete Erfahrung habe. Auch die von mir geleitete europäische Arbeitsgruppe fand zunächst keinerlei Zugang zu diesem Ansatz. Nur  ganz vereinzelt berichtete der eine oder andere der ihr angehörenden etwa dreißig Therapeuten über einmalige analoge Erfahrungen bei seinen Patienten“.

Der Bewusstseinsforscher Stanislav Grof hat sich viele Jahre mit der Psychedelika-unterstützten Psychotherapie befasst und unter anderem das bahnbrechende Buch LSD-Psychotherapie verfasst, worin er umfassend über ein Teilgebiet seiner Arbeit berichtet. Grof hat viele Patienten mit Psychedelika behandelt, dabei kam nicht nur LSD-25 zur Anwendung, sondern auch das DMT-Homolog Dipropyltryptamin (DPT), Methylendioxyamphetamin (MDA) und andere Substanzen. Er erklärt: „Aus unserem Blickwinkel ist das wichtigste Gebiet der LSD-Forschung die experimentelle Therapie mit Hilfe dieser Substanz. Beobachtungen des dramatischen und tiefgreifenden Einflusses, den schon winzige Mengen LSD auf die inneren Vorgänge der Versuchsperson ausübten, führten zu der naheliegenden Folgerung, dass es sich lohnen könnte, die therapeutischen Möglichkeiten dieser ungewöhnlichen Substanz zu erforschen. Anfang der 50er Jahre empfahlen mehrere Forscher unabhängig voneinander das LSD als ein Hilfsmittel der Psychotherapie, das den therapeutischen Prozess vertiefen und intensivieren könne“.

In seiner Einleitung des Buches prangert Grof auch das Drogenverbot und die irrationale Prohibition an, die die Arbeit mit solch hilfreichen und wertvollen Mitteln wie den psychedelischen Drogen unnötigerweise erschweren oder gar unmöglich machen. Stanislav Grof bedauert, „dass Psychologie und Psychiatrie infolge vielfach verwickelter Umstände ein ganz einmaliges Forschungsmittel und einen starken therapeutischen Wirkstoff verloren haben“, wobei er sich hier auf das LSD bezieht.

Ein weiteres Feld, auf dem psychedelische Moleküle sinnvoll eingesetzt werden können, sind Depressionen, die ebenfalls in der psychotherapeutischen Praxis immer wieder zur Behandlung kommen und häufig nur schwer in den Griff zu bekommen sind. Es gibt bekanntermaßen viele verschiedene Formen der depressiven Erkrankung, einige davon sind bis heute nicht einmal richtig erforscht. Bei aller Vielfalt der verfügbaren pharmazeutischen Antidepressiva ist aber mittlerweile erwiesen, dass keines der verwendeten Pharmaka auch tatsächlich eine Depression zu lindern imstand ist. Die emotionale Welt der betroffenen Patienten bzw. deren Symptome werden durch die sogenannten Antidepressiva, kurz gesagt, schlichtweg gedämpft, nicht jedoch tatsächlich behandelt oder gar geheilt. Mit Hilfe psychedelischer Sitzungen können Depressionen unterschiedlicher Form gut therapiert werden, besonders hervorgehoben müssen hier die Pilzwirkstoffe Psilocybin und Psilocin (von denen ja in summa das Psilocin der wirksame Stoff ist, denn Psilocybin wird im Körper direkt in Psilocin umgewandelt) und das Dissoziativum Ketamin. Beide Psychoaktiva haben sich gerade in letzter Zeit als effektive Werkzeuge in der Therapie von Depressionen erwiesen. Zukünftige Forschungen, die zum Beispiel zurzeit von der holländischen Stichting OPEN angestrebt werden, dürften größeren Aufschluss auf diesem Terrain bringen. (Stichting OPEN ist eine Organisation, die sich um die Rückführung der Psychedelika in den klinischen Alltag bemüht.)

Wenn ein Patient, der unter Depressionen leidet, mit den gängigen Pharmaka als austherapiert gilt, kann der behandelnde Arzt einen Versuch mit dem dissoziativen Psychedelikum Ketamin machen. Kurze Einführung zur Substanz: Ketamin wurde als nebenwirkungsärmerer Nachfolger des Phencyclidins (PCP) entwickelt und wird in der Schulmedizin seit den Siebzigerjahren verwendet. Ketamin gilt als besonders vorteilhaftes Anästhetikum, weil es erstens ein hervorragendes Narkotikum ist (das den Bewusstseinszustand stark eintrübt und gleichzeitig verhindert, dass der Patient Schmerzen erleidet) und zweitens dabei die Notwendigkeit einer Beatmung via Tubus ausschließt. Das liegt daran, dass Ketamin bei vollständiger anästhetischer Wirkung alle körperlichen Vitalfunktionen aufrecht hält. Zwar werden Parameter wie Blutdruck und Herzrhythmus unter der Ketamin-Narkose überwacht. Das ist aber eine Praxis, die im klinischen und präklinischen Rahmen ohnehin notwendigerweise gängig ist. Ketamin wird sowohl in der Humanmedizin angewendet (zum Beispiel das Präparat Ketanest), nämlich in der Notfall- und Rettungs-, wie auch in der klinischen Medizin, als auch in der tierärztlichen Praxis (zum Beispiel das Präparat Ketavet).

Weil die Substanz ausgeprägte psychoaktive, in diesem Fall psychedelische Effekte hervorruft, die dissoziativer Natur sind (das heißt, der Konsument wird sozusagen unter der Wirkung des Ketamins von seinem Ichbewusstsein und seiner Umwelt abgeschnitten), bekommen Patienten zusammen mit dem Ketamin eine entsprechende Dosis eines Benzodiazepins (zum Beispiel Valium = Diazepam), das die psychoaktive Wirkung unterdrückt bzw. unterdrücken soll (weil es nicht in jedem Fall von Erfolg gekrönt ist).

Wie wird ein Depressiver nun mit Ketamin therapiert? Patienten, die von bislang unbehandelbaren Depressionen gequält werden, bekommen eine Ketamin-Infusion (intravenös, 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht), während die psychologischen und körperlichen Funktionen überwacht werden. Ein Benzodiazepin, das die psychedelisch-dissoziativen Effekte unterdrückt, bekommt der Patient dabei nicht. Die psychoaktive Wirkung des Ketamins gehört nämlich zum Spektrum der Behandlung dazu, was viele Erkrankte nicht tolerieren. Etwa 50 Prozent der Ketaminbehandelten lehnen eine weitere Infusion mit der Substanz ab. Patient und Arzt müssen eine ganze Palette von Nebenwirkungen akzeptieren, die sowohl akuter (Koordinationsstörungen, Nystagmus, Puls- und Blutdruckanstieg, Übelkeit etc.) wie auch, wenn das Mittel chronisch eingenommen wird, langfristiger Art sind (Blasenentzündung, Nierenschädigungen, kognitive Störungen, Toleranzentwicklung etc.). Ein weiterer Nachteil ist, dass nur ungefähr 60 Prozent der Behandelten auf die Therapie anschlagen, die dann wiederum im schlechtesten Fall nur für Stunden wirksam ist – und im besten Fall zwei bis drei Tage. Nach Professor Dr. Torsten Passie von der Medizinischen Hochschule Hannover, der sich mit dem Thema wissenschaftlich auseinandersetzt und insbesondere die in England betriebene diesbezügliche Forschung genau beobachtet, ist die optimale Frequenz der Ketaminbehandlung bei Depressionen ein Zwei-Tages-Rhythmus. Das heißt: Der Patient muss alle zwei Tage in die Klinik und bekommt dort eine überwachte Ketamin-Infusion, um nach etwa vier Stunden wieder nach Hause entlassen zu werden. Die Nachteile der Ketaminbehandlung sind zum Teil erheblich. Auch ist die Forschung in diese Richtung alles andere als abgeschlossen – im Gegenteil, sie wird derzeit gerade erst so richtig begonnen. Ob Ketamin künftig als nutzbringendes Pharmakon zur Therapie von schwersten Depressionen gelten wird, ist zurzeit noch völlig unklar. Fraglich bleibt zudem, ob nicht eine Kombinationstherapie aus Ketamingabe und Psychotherapie sinnvoll sein könnte, stellen doch echte psychiatrische Depressionen weit mehr als bloße Störungen im körpereigenen Chemiehaushalt dar.

So mancher ist mit dem amazonischen Schamanentrank Ayahuasca (der aus DMT und MAO-hemmenden Beta-Carbolinen besteht) oder Ibogain (psychedelisches Tryptamin, das u. a. im afrikanischen Ibogastrauch Tabernanthe iboga vorkommt) schon von seiner Abhängigkeit geheilt worden. Ob es sich nun um Nikotinabhängigkeit oder um Opiat-, Benzodiazepin-, Kokain-, Amphetamin- oder jede andere Art von Sucht handelt. Auslöser und Schrittmacher hin zu einem unabhängigen Leben ist die tiefgehende psychedelische Erfahrung, die es dem Patienten durch Substanzen wie Ayahuasca und Ibogain ermöglicht, entweder zur Wurzel der psychisch manifestierten Abhängigkeit zu gelangen oder sogar die jeweiligen, höchst individuellen Ursachen dafür zu erkennen und zu beheben. Dieser Vorgang des Behebens kann während der Sitzung (bzw. während mehrerer Sitzungen) geschehen oder aber auch im Nachhinein im Rahmen der Nachbearbeitung der psychedelischen Therapien vollzogen werden.

In Kanada existiert sogar eine eigene Einrichtung für eine Entheogen-unterstützte Abhängigkeitstherapie, nämlich das Iboga Therapy House, in dem Menschen mit Hilfe des psychedelisch wirksamen Ibogains vornehmlich von Opiat- und Opioidsucht, aber auch von der Abhängigkeit von anderen Stoffen und verwandten repetetiven Verhaltensmustern geheilt werden. Über den Einsatz von Ibogain und anderer Mittel wie MDA und MMDA (3-Methoxy-4,5-Methylendioxyamphetamin, auch: 5-MeO-MDA) berichtet unter anderem der chilenische Psychiater Claudio Naranjo in seinem Buch Die Reise zum Ich von Anfang der siebziger Jahre: „Was die Drogen für die Psychotherapie besonders wertvoll macht, ist, dass sie den Zugang zu sonst im Unbewussten vorgehenden Prozessen, Gefühlsregungen und Gedanken erleichtern – eine Qualität, die es verdient, als ‚psychedelisch’ bezeichnet zu werden“. Genau diese Eigenschaften der psychoaktiven Substanzen sind es, die deren Unterstützung im Rahmen eines psychotherapeutischen Settings so nützlich machen. Patienten können ihre eigenen Probleme zum Teil annähernd neutral betrachten, bewerten und neu einordnen. Überdies vermittelt ein eventuell mystisches Erleben tiefgreifende Einblicke in die Struktur der eigenen Persönlichkeit und damit in die eigenen Anschauungen, Vorurteile und Egostrukturen. Im besten Fall lassen sich diese überwinden und neu aufbauen.

Das sehr stark wirksame N,N-DMT (N,N-Dimethyltryptamin) ist ein geeignetes Psychedelikum, um solche spontanen visionären Einsichten zu erlangen. Dies gilt für reines gerauchtes DMT genauso, wie es für die schamanische Ayahuasca gilt (ein Trank vom Amazonas, der unter anderem aus DMT- und Betacarbolin-haltigen Pflanzen gebraut wird) – auch wenn der Wirkungsverlauf und die Wirkung der beiden Darreichungsformen als solche recht unterschiedlich sind. Das gleiche gilt übrigens für das nah verwandte 5-Methoxy-DMT (5-MeO-DMT), mit dem das Erleben transzendenter Erfahrungsrealitäten und die vollständige Aufhebung des Egos inklusive einer Verschmelzung mit dem Absoluten Bewusstsein (Gott) möglich ist, wenn es denn korrekt gebraucht wird.

Eine modernere Variante einer DMT-Rauchmischung besteht aus den klassischen Zutaten der Ayahuasca und wird Changa genannt. Diese aus Australien kommenden DMT-Blends (es gibt sie in verschiedenen Varianten) enthalten, neben einer Auswahl verschiedener (psychoaktiver) Pflanzen, MAO-hemmende Betacarboline (meist in Form der Ayahuasca-Pflanze Banisteriopsis caapi), die in gerauchter oder vaporisierter Form der DMT-Erfahrung wiederum eine andere Note verleihen und aussichtsreiche Chancen auf spontane Einsichten gewähren.

Was ist damit gemeint? Was sind „spontane Einsichten“? Unter spontanen visionären Einsichten verstehen die Psychonauten durchaus unterschiedliche Zustände irgendeiner Art von Erkenntnis, die sie im durch DMT oder 5-MeO-DMT induzierten veränderten Bewusstseinszustand erfahren haben (dasselbe funktioniert natürlich auch mit anderen Psychedelika, wie etwa LSD und Psilocybin/Psilocin, Meskalin und vielen anderen). Das kann zum Beispiel die Erfahrung sein, dass da eine Schöpferkraft existiert, die manche Gott nennen, und mit der man sogar kommunizieren kann, und dass einem in Wirklichkeit gar nichts passieren kann. Oder die Erkenntnis, dass der Tod nur eine Illusion ist. Oder die Erfahrung, dass es in Wirklichkeit nichts gibt, außer allumfassender Liebe – und alles andere nur virtuelle Scheinwelten sind. Und solche Einsichten und Erkenntnisse vermögen das Leben des Erfahrenden nachhaltig zu verändern – und Krankheiten zu besiegen.

Es gibt zahlreiche Berichte von Psychedelikern, die nach einer solchen Durchbrucherfahrung eine nachhaltige Umstrukturierung auf psychologischer Ebene erfahren haben und Berichte von Kranken, die nach dem Trip erstaunlicherweise frei von Symptomen waren und blieben. Das sind freilich alles Einzelfälle, die bisher noch keine wissenschaftliche Relevanz haben. Sie sind aber zumindest ein Wink mit dem Zaunpfahl und sollten beizeiten einmal genauer untersucht werden. Denn solche Fälle geschehen im psychonautischen Untergrund immer wieder. Im Übrigen ist es mehr als schade, dass solche Erkenntnisse hauptsächlich im Untergrund gewonnen werden, wo ohne therapeutische Begleitung und meist ohne einen professionellen Rahmen auch die latenten Gefahren deutlich größer sind. Dies gilt es durch Aufklärung und Aktivismus zu ändern, Organisationen wie die Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) aus den USA arbeiten unter anderem daran.

Literaturtipps zum Thema

 

Neal M. Goldsmith: Psychedelic Healing: The Promise of Entheogens for Psychotherapy and Spiritual Development, Healing Arts Press

Stanislav Grof: LSD-Psychotherapie, Klett-Cotta

Stanislav Grof: Revision der Psychologie: Das Erbe eines halben Jahrhunderts Bewusstseinsforschung, Nachtschatten Verlag

Henrik Jungaberle, Peter Gasser et al. (Hg.): Therapie mit psychoaktiven Substanzen, Verlag Hans Huber, Hogrefe AG

Leuner, Hanscarl: Halluzinogene – Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie, Verlag Hans Huber

Friederike Meckel Fischer: Therapie mit Substanz: Psycholytische Therapie im 21. Jahrhundert, Nachtschatten Verlag

Richard Louis Miller: Psychedelic Medicine: The Healing Powers of LSD, MDMA, Psilocybin, and Ayahuasca, Park Street Press

Claudia Möckel Graber: Eintritt in heilende Bewusstseinszustände, Nachtschatten Verlag

Claudio Naranjo: Die Reise zum Ich, Fischer Verlag