Wer schon einmal den indischen Subkontinent bereist hat, der weiß, dass an diesem Flecken Erde alles möglich zu sein scheint…

Wir befanden uns auf der indischen Halbinsel Diu im Bundesstaat Gujarat, als wir uns früh morgens zu viert auf den Weg machten. Ziel des Tagestrips war ein in etwa 40 Kilometer Entfernung liegender Sandstrand, der uns von einem anderen Reisenden dringend ans Herz gelegt wurde. Als Transportmittel fungierten zwei geliehene Mopeds, die zwar etwas überlastet schienen, aber dennoch einen außergewöhnlich guten Job machten. Wir fuhren auf der Hauptstraße aus Diu heraus, überholten unzählige Ochsenkarren, durchquerten dichte Dschungelgebiete und genossen den herrlichen Fahrtwind ebenso wie die Blicke auf eine atemberaubende Natur. Bis wir irgendwann mitten auf der Straße stehend einen Sadhu sahen, der uns mit beiden Armen freundlich zuwinkte, und umso mehr wir uns ihm näherten, desto deutlicher konnte ich seine freudig strahlenden Augen erkennen, und sein Winken wurde zunehmend zu einem Fuchteln. Wir hielten vor ihm an, er packte mich augenblicklich am Arm und freudig lachend sprach er etwas, von dem ich kein Wort verstand. Dafür aber unsere Begleitung: Ein in London lebender Inder, der perfekt Hindi sprach und den wir einen Tag zuvor zufällig kennengelernt hatten. „Wir möchten dem Baba bitte den schmalen Waldweg zu seiner Hütte folgen. Er will uns unbedingt zu einem Dschungel-Chai einladen“, übersetzte er. Das ließen wir uns natürlich nicht entgehen.

Wir folgten ihm und erreichten nach wenigen Minuten eine Lichtung, auf der sich eine marode Holzhütte mit einer kleinen Terrasse befand – ein wunderschöner Platz und das Zuhause dieses alten Mannes, der wie sechzig aussah, aber tatsächlich schon längst das achtzigste Lebensjahr erreicht hatte, wie er uns später erzählte. Wir setzten uns kreisförmig auf seine Terrasse, er servierte seinen besonderen Tee und wir breiteten unser Lunchpaket aus, bestehend aus einer frischen Auswahl verschiedener Obstsorten. Während wir tranken und aßen, klärte uns der Sadhu endlich über den Grund seiner außergewöhnlichen Freude auf. „Ich habe auf euch auf der Straße gewartet, weil ich wusste, dass ihr kommt.“ Weiterhin verriet uns der asketische Einsiedler, dessen Dreadlocks um ein Vielfaches länger waren als er selbst, dass er uns während einer tiefen Meditation im Geiste gesehen hatte, allerdings nicht genau wusste, zu welchem Zeitpunkt wir erscheinen würden, und umso mehr freute er sich deshalb darüber, dass wir nun endlich da waren. Seine Freude wirkte ansteckend und wir lauschten, eingehüllt in dichtem Chillum-Rauch, noch über viele Stunden seinen Worten, die uns durch einen glücklichen Zufall alle übersetzt werden konnten. Sein Guru, so erzählte er uns, sei zwar schon lange nicht mehr im Diesseits, gelegentlich komme er aber in der Gestalt eines Löwen vorbei und besuche ihn an seiner Hütte – tatsächlich gibt es in dieser Region noch einige der letzten indischen Löwen. Fazit: Ein unvergessliches Aufeinandertreffen, mit reichlich leckerem Chai, vielen Chillums, viel Mythologie und viel Mystik – da kann der Strand gerne warten.