Der Focus-Redakteur Alexander Wendt geht in seinem im Tropen Verlag erschienenen Buch „Kristall – Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts“ der Bedeutung von bewusstseinsverändernden Substanzen nach, welche diese in der phylo- und ontogenetischen Menschheitsentwicklung gespielt haben und spielen. Dabei fördert er nicht nur überraschende Erkenntnisse über den beinahe alltäglichen und selbstverständlichen Umgang mit Drogen in der Vergangenheit zu Tage, sondern er entwirft auch ein faszinierendes Panoptikum, welche Bedeutung Drogen in der zukünftigen evolutionären Menschheitsentwicklung spielen können. Ein Zukunftsausblick liegt auf der von ihm und anderen avisierten Verschmelzung von Mensch und Maschine, die für das Überleben der Menschheit von besonderer Bedeutung sein könnte.

Kurz und vereinfacht gesagt gibt es zwei Ansätze, Drogenkonsum zu klassifizieren und zu bewerten. Der eine geht davon aus, dass der Konsum von bewusstseinserweiternden Substanzen – kurz Drogen – der Leistungsoptimierung dient. Das bedeutet, dass das Mängelwesen Mensch aus sich heraus kaum in der Lage ist, den Anforderungen des Lebens aus den ihm inhärent gegebenen Möglichkeiten optimal zu begegnen. Um diesem suboptimalen Zustand abzuhelfen greift der Mensch zu Hilfsmitteln. Diese Hilfsmittel bestehen eben auch in dem, was heute landläufig und vor allem justiziell unter dem Etikett „Drogen“ firmiert. Diese Lesart dürfte – allen Unkenrufen und gesetzgeberischen Bemühungen zum Trotz – Wasser auf Mühlen der Vertreter einer neoliberalistischen, deregulierten und globalisierten Welt sein. Denn nur so ist der Mensch in der Lage, den stetig wachsenden Anforderungen der modernen Arbeits- und Leistungswelt und den sich immer höher schraubenden Parametern des Arbeitsmarkts gerecht zu werden. Zum Beispiel: Der Broker, der nicht selten einen knallharten 16-Stunden-Tag und mehr zu absolvieren hat und dabei mit Zigmillionen Euros jongliert, für die er letztlich alleine die Verantwortung trägt, muss sich zu stimulieren wissen, damit er diesem immensen Leistungs- und Erfolgsdruck überhaupt standhalten kann. Der andere Ansatz steht dem ersten diametral entgegen. Nach ihm sind Drogen ein Hilfsmittel für den Menschen die im Laufe der Menschheitsentwicklung verloren gegangene Verbindung zur Welt der Götter, zum Transzendenten, zum allumfassenden Universum wieder herzustellen. Es trifft zwar zu, dass dieser Zugang zu Drogen heute insbesondere in indischen Ashrams und spirituell-mystischen Zirkeln praktiziert wird, aber es ist kaum 50 Jahre her, als diese Attitüde der Suche nach dem Ursprung des Inneren Seins und dessen Verbindung mit der allumfassenden Welt in der Mitte Europas und Nordamerikas gang und gäbe war. LSD, Magic Mushrooms, Gras, Hasch und andere ähnliche Substanzen wurden von den Bürgerkindern (welche die Revolution gegen das Establishment der Eltern probten, um dem – in Deutschland braunen – patriarchalischen Erbe zu entfliehen und ihre eigene Subkultur zum integralen Gesellschaftsbestandteil zu machen) massenhaft konsumiert und unter dem weitverbreiteten Motto „Turn on, Tune in, Drop out“ zelebriert wurde. Die Revolution der Bürger- und Blumenkinder begleitete eine kulturelle Revolution, z.B. Kerouacs „On the Road“ oder die einschlägigen Lieder von den Beatles (“Lucy in the Sky with Diamonds” als LSD-Akronym), Velvet Underground (“Sweet Jane” als Cannabis-Metapher) oder Grateful Dead und Eric Clapton (“Casey Jones” und “Cocaine” als Hymnen an Speed und Kokain).

Sich diesem komplexen Sachgegenstand zu nähern erfordert nicht nur eine Menge Wissen über die Thematik, sondern auch eine gewisse Distanz dazu. Alexander Wendt hat sich diese Herkules-Aufgabe zugemutet und sein Buch ist, das sei an dieser Stelle vorausgeschickt, durchaus rundum gelungen.