Ich glaube, wenn es um die Kritik an Missständen geht, gibt es noch viel Erklärungsbedarf. Natürlich soll man Missstände kritisieren. Aber die eine Frage ist immer, ob man sich dabei auch an die eigene Nase fasst, oder nur mit dem Finger auf andere zeigt. Und die zweite Frage lautet, ob man aus einer Mehrheit heraus gegen Minderheiten bzw. aus der dominierenden Gesellschaftsgruppe gegen dominierte Gruppen argumentiert.

Es gibt in Deutschland Minderheiten, deren Mitglieder wollen, dass die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft sie so behandeln, wie die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft sich untereinander auch behandeln, nämlich mit Respekt und ohne Diskriminierung. Also, da müssen die Mitglieder dieser Minderheiten sich natürlich schon entscheiden. Entweder sie wollen so behandelt werden, wie die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft sich untereinander auch behandeln, oder sie wollen mit Respekt und ohne Diskriminierung behandelt werden.

Um aber herauszufinden, ob man in Deutschland zur dominierenden Gruppe gehört, muss man sich nur auf vier Faktoren überprüfen: Ist man männlich? Weiß? Heterosexuell? Christlich erzogen? Jedes einzelne „Ja“ auf eine dieser Fragen steht für eine Dominanzgruppe. Trifft alles vier zu, ist man Mitglied der Ober-Dominanz-Super-Power-Gruppe. Und als ein solches Mitglied hat man einfach die verdammte Pflicht, gegenüber Mitgliedern der dominierten Gruppen rigoros, unnachsichtig und mit der Selbstgewissheit eines röhrenden Platzhirschs aufzutreten.

Darum erklären Deutsche dem Simon-Wiesenthal-Zentrum, wann Juden sich antisemitisch diskriminiert fühlen dürfen. Weiße erklären, mit welchem Vokabular in Kinderbüchern Schwarze sich rassistisch diskriminiert fühlen dürfen. Christen erklären, wann Muslime sich islamophob diskriminiert fühlen dürfen. Und Männer erklären grundsätzlich und sowieso, wann Frauen sich sexistisch diskriminiert fühlen dürfen.

Wie ich schon sagte, ich glaube, da gibt es noch viel Erklärungsbedarf.