Ende letzten Jahres gab die inzwischen beinahe weltberühmte Kapitänin der Sea-Watch 3, Carola Rackete, im Bundespressehaus/Schiffbauerdamm 40 eine Pressekonferenz, um ihr im Droemer Verlag erschienenes Buch Handeln statt Hoffen – Aufruf an die letzte Generation vorzustellen. Dabei faszinierte mich die junge Kapitänin als mutige Frau, die eben das Prinzip Hoffnung durch das Primat des Handelns ersetzt. Das sagt und liest sich einfach, aber ehrlich gesagt handelte es sich bei der von Rackete getätigten Rettungsaktion von Flüchtlingen um eine Aktion, welche die meisten unserer Mitbürger/innen aus Angst vor juristischer Repression und beruflichen Folgen nicht durchgezogen hätten. Insofern möchte ich an dieser Stelle betonen, wie groß mein Respekt vor der Frau selbst, ihrer moralisch-ethischen Integrität und ihrem Durchsetzungswillen ist.

Die Tat war die Tat und für die gilt das Gesagte uneingeschränkt. Was folgte waren ein Buch und eine Pressekonferenz. Diese beiden Dinge warfen bei mir dann allerdings etliche Fragezeichen auf.

Um 9.30 Uhr herrschte am im Bundespressehaus am Schiffbauerdamm noch die Ruhe vor dem Sturm. Nur einige Presseleute mit Fernsehkameras signalisierten, dass jetzt bald ein besonderes Event anstand. Die alten Hasen der Pressemeute verköstigten sich ausreichend am Getränkebuffet: Säfte, Wasser und Kaffee – manch einer hatte einen so roten Kopf, dass er erst gar nicht erzählen musste, wie lange er am vorigen Abend in das Bier-, Wein- oder Schnapsglas geschaut hatte. Ich wollte einfach nur einen Kaffee. Als mir die Barista einen sehr guten Cappuccino zubereitete, erkannte ich aus dem Augenwinkel, dass Carola Rackete ein wenig rechts von mir stand und sich mit einer Frau (ihrer späteren Podiumspartnerin) angeregt unterhielt. Ihre wilde Rasta-Pracht hatte sie zu einem ordentlich-gepflegt aussehenden Dutt geformt. Aber abgesehen davon schien sie keine Zugeständnisse an die Presse beziehungsweise den staatlichen Rahmen des Ereignisses machen zu wollen, da sie „nur“ ein hellblaues T-Shirt und eine Kargo-Hose trug. Eigentlich sehr sympathisch, dachte ich mir und betrachtete die Heldin, welche die Medien viele Tage lang vollkommen in Beschlag genommen hatte. Ihre Bewegungen, ihre Mimik und ihre Gestik schienen mir ganz authentisch zu sein und die Art und Weise, wie sie sich mit ihrer Gesprächspartnerin unterhielt, verriet, dass da keine Anzeichen von Hochmut, Arroganz oder asymmetrischer Kommunikation vorhanden waren. Kurzum, Carola Rackete wirkte bereits vor der Pressekonferenz so auf mich, wie ich sie aus den diversen Darstellungen der Medien kennengelernt hatte.