Ob kalt oder heiß – der Mensch hat erfolgreich alle Klimazonen der Erde besiedelt und lebt sowohl in eiskalten wie auch in extrem warmen Gebieten. Die dortige native Bevölkerung hat sich über Jahrtausende zum einen an die jeweiligen Bedingungen genetisch angepasst, zum anderen ist der Mensch auch in der Lage, aktive Schutzmaßnahmen gegen widrige Lebensbedingungen zu ergreifen, sich etwa ein wärmendes Iglu gegen die arktische Kälte oder eine kühlende Lehmhütte gegen die indische Hitze zu bauen. Ganz zu schweigen von moderneren technischen Möglichkeiten wie Heizungen und Klimaanlagen. Wie aber kommen Cannabispflanzen mit extremen Temperaturen zurecht?

Pflanzen können nicht einfach an einen schattigen Ort fliehen, wenn die Sonne erbarmungslos heiß vom Himmel scheint und sengende Hitze verbreitet oder sich ein wärmendes Gewand überwerfen, wenn eisige Kälte herrscht. Und dennoch hat es die Cannabispflanze (genauso wie der Mensch) geschafft, sich auf allen Kontinenten (abgesehen von der Antarktis) zu verbreiten und dort zu überleben. Sie wächst im kalten Südsibirien genauso wie in der Hitze Afrikas oder Südamerikas. Es ist jedoch so, dass Hanf extreme Wärme besser vertragen kann als extreme Kälte, im unteren Bereich der Temperaturskala stößt er schneller an seine Grenzen als im oberen. Leichte Fröste im niedrigen einstelligen Minusbereich können darauf spezialisierte Landrassen oder gezielt dafür gezüchtete Sorten für eine gewisse Zeit überstehen, bei noch kälteren Temperaturen sterben jedoch auch sie ab. Denn im Gegensatz zu winterharten Pflanzen verfügen Hanfpflanzen nicht über die Möglichkeit, Glycerin als natürliches Frostschutzmittel zu bilden und kälteschützend in ihren Zellen einzulagern. Dafür steht ihnen eine andere biochemische Strategie gegen Kälte zu Verfügung: Die Bildung des bläulich-roten bis violetten Farbpigments Anthocyan, das zur Gruppe der Flavonoide gehört. Diese Substanz erfüllt für die Pflanzenzellen mehrere wichtige Funktionen, unter anderem schützt sie sie vor freien Radikalen. Eine weitere wertvolle Funktion ist der Kälteschutz: Es wird angenommen, dass Anthocyane als osmotisch wirksame Substanzen imstande sind, den Gefrierpunkt des Gewebes abzusenken und die an den Kristallisationskeimen der Blattoberfläche einsetzende Frosteinwirkung zu verzögern. Zudem absorbieren sie das kurzwellige UV-Licht der Sonne und geben die Strahlungsenergie als Wärme an die Pflanze ab. Man kennt das besonders von Outdoor-Cannabispflanzen, dass ihre Blätter und Blüten im Herbst, wenn die Tage und vor allem Nächte kälter werden, eine immer intensiver werdende Purple-Färbung annehmen, die in extremen Fällen am Ende fast schon schwärzlich anmuten kann. Mittlerweile gibt es aber auch speziell auf Lila gezüchtete Indoor-Sorten mit einem hohen Anthocyan-Gehalt, die selbst bei normal warmen Temperaturen drinnen lilarot bis dunkelblau werden. Eine andere Strategie der Cannabispflanze, um in kalten Klimagebieten überleben zu können, ist die Verkürzung ihres Lebenszyklus. Was im Laufe ihrer Evolution zur Bildung der Spezies Cannabis sativa var. ruderalis geführt hat, deren Ursprung man unter anderem in Südsibirien vermutet (dort wurde sie 1924 von dem russischen Botaniker D. E. Janischewsky erstmals so beschrieben), wo die Winter kalt und lang und die Sommer sehr kurz sind. Um in einer solch rauen Umgebung überleben und sich vor dem frühen Wintereinbruch erfolgreich fortpflanzen zu können, fangen die nur sehr schwach THC-haltigen Ruderalis-Pflanzen nach einigen Wochen vegetativen Wachstums unabhängig von der täglichen Lichtdauer automatisch an zu blühen, sie verfügen also quasi über eine eingebaute innere Blüte-Uhr (Stichwort: Autoflowering).