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MÄCHTIGER UND EINFLUSSREICHER, ALS MAN DENKT: NIEDERLÄNDISCHE DROGENBOSSE (TEIL 3)

Im Mai 2017 wurde in Dubai hart gefeiert, ein Mitglied des kriminellen irischen Kinahan-Clans heiratete im weltbekannten Burj Al Arab – dem wohl bekanntesten Gebäude Dubais, direkt am Persischen Golf. Und natürlich waren auch ein paar niederländische Kriminelle mit dabei…

Wer Teil 1 und Teil 2 dieses Artikels noch nicht gelesen hat, kann das gerne nachholen…

Die Kinahans betrieben in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Familienunternehmen, das mit der Heirat vom Vater auf den Sohn überging. Vorrangige Geschäftsfelder der irischen Familie waren Drogen- und Waffenhandel, Mord und Totschlag, Erpressung und Geldwäsche. Von europäischen und amerikanischen Ermittlern schon lange gesucht, führten sie nichtsdestotrotz in Dubai ein völlig unbeschwertes Leben.

Erst am Tag der Hochzeit gelang es der US-Drogenbehörde DEA schließlich, einen Informanten einzuschleusen, der dabei auf ein Treffen gleich mehrerer hochrangiger Vertreter der organisierten Kriminalität stieß: der italienische Camorra-Boss Raffaele Imperiale, der niederländisch-bosnische Drogenhändler Edin Gacanin, der chilenisch-niederländische Kokain-Trafficer Ricardo „El Rico“ Vega und last, but not least der bis dato den Behörden noch weitgehend unbekannte niederländische Strippenzieher Ridouan Taghi. Die DEA nannte diese Gruppe später das „Superkartell“ der organisierten Drogenkriminalität. 

Paul Vugts ist sehr vertraut mit der Drogenkriminalität, so vertraut, dass er 2017 der erste niederländische Journalist war, der in ein staatliches Schutzprogramm aufgenommen werden musste. Seine Expertise lautet: „Das organisierte Verbrechen ist in Wahrheit alles andere als organisiert. Verschiedene Gruppen schließen sich zusammen, investieren gemeinsam in große Kokainlieferungen und kooperieren dann einige Monate lang miteinander, bevor sie dann wieder mit anderen Partnern Geschäfte machen.“

Solche Zweckbündnisse gründen auf der Bündelung von Kapital für den Export und Vertrieb, die Geldwäsche und vor allem die Risikoteilung. Damit erinnern diese Bündnisse stark an die frühen Kapitalisten der Ostindien-Kompanien im 17. Jahrhundert, die zwischen Indien, Indonesien und China mit Opium gehandelt haben.

Die Macht des neuen „Superkartells“ ließ sich 2019 in Philadelphia erahnen, als die „Gayané“ (eines der größten Containerschiffe der Welt) überprüft wurde und der US-Zoll gleich 20 Tonnen Kokain darin entdeckte. Das Kokain kam aus Chile über Panama und die Bahamas nach Philadelphia und sollte eigentlich weiter nach Rotterdam gehen.

Jan Jansen ist schon seit über 11 Jahren Leiter der Rotterdamer Hafenpolizei, er  berichtet: „Noch bis vor zehn Jahren wurden jährlich etwa fünf Tonnen Kokain sichergestellt – also manchmal sechs, manchmal vier Tonnen pro Jahr. 2017 waren es dann plötzlich 22 Tonnen. Das war der erste Hinweis für uns, dass sich irgendetwas verändert hatte. 2018 fanden wir dann sogar 33 Tonnen, und wir beschlossen herauszufinden, warum die nordeuropäischen Häfen plötzlich so attraktiv für Drogenschmuggler geworden waren. Aber trotz rund 150 Überprüfungen im Jahr kam immer mehr Kokain in Rotterdam an – also änderten wir unsere Arbeitsweise und suchten weiter nach den Gründen für den unverminderten Anstieg.“

Der Rotterdamer Hafen ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für den europäischen  Güterverkehr, hier treffen jährlich etwa 12 Millionen Container ein. Also ein Container alle zwei bis drei Sekunden. Zudem ist Rotterdam mit über 1.000 Häfen in aller Welt eng vernetzt, und der 44 km lange Hafen bietet rund 100 km Kai-Anlagen, die man beim besten Willen nicht dauerhaft und vollständig überwachen kann. 

Trotzdem machten Jan Jansen und seine Männer auch Fortschritte: „Wir stellten fest, dass 98 % aller hier sicher gestellten Drogen über das selbe Terminal ins Land kamen – und zwar über den riesigen neuen Maasvlakte-Komplex direkt am Meer, an dessen Terminals auch die größten Containerschiffe anlegen können.“

Es stellte sich bald heraus, dass die vertraulichen Zugangscodes einiger hier angesiedelter Transportunternehmen problemlos für 120.000 Euro erhältlich waren. Jan Jansen ergänzt: „Wir erfuhren auch, dass viele dieser Firmen nur über ein einziges Geschäftskonto mit einem gemeinsamen Passwort verfügten – und wer eine der Firmen verließ, konnte die Zugangsdaten oft noch jahrelang weiterverwenden. So wurde uns klar, wie leicht sich so ein Container-Freigabecode letztendlich beschaffen ließ.“

Auch heute noch weist der Hafen von Rotterdam zahlreiche Sicherheitslücken auf, auch wenn immer mehr Container aus Lateinamerika gescannt werden. Aber Bestechung oder Einschüchterung von Zoll- und Hafenpersonal funktioniert nach wie vor gut und kostet die Kartelle kaum etwas. Selbst die vielen Tonnen Kokain, die internationale Zollbehörden jährlich aufspüren und vernichten, scheinen die Produzenten der weißen Ware nicht groß zu kümmern.

Kriminologe Damian Zaitch bestätigt: „Wir können so viel Kokain abfangen, wie wir wollen – solange wir die Netzwerke nicht zerschlagen, produzieren sie einfach mehr davon. Denn in Kolumbien sagen sie dann: ‚Eine verlorene Lieferung? Kein Problem!‘ Sie machen einen Anruf und schon ist die nächste Lieferung direkt unterwegs. Wenn von sechs Lieferungen nur eine einzige durchkommt, dann machen sie schon Gewinn, denn Kokain lässt sich schnell und billig produzieren.“

Doch Zaitch geht noch weiter und gibt zu: „Die Philosophie hinter dem Kokainverbot war: je mehr wir davon beschlagnahmen, desto höher steigt der Preis. Und je höher der Preis steigt, desto weniger Konsumenten gibt es. Das ist schließlich ein grundlegendes Wirtschaftsprinzip – nur dass es auf Kokain gar nicht zutrifft. Denn niemand bestimmt bewusst für Kokain die Preise oder die Produktionsmengen – das ist Adam Smith in Reinkultur: Eine freie Marktwirtschaft, aus der sich der Staat komplett zurückgezogen hat und in der niemand Steuern zahlt.“

Ab 2017 suchte die niederländische Polizei schließlich nach Ridouan Taghi, den sie mittlerweile mit über 20 Auftragsmorden in Verbindung brachte. Aber Taghi blieb verschwunden, bis er einen Fehler beging, der ihn zu Fall brachte: 2017 ließ er mal wieder einen Rivalen töten (diesmal im marokkanischen Marrakesch), wobei seine Killer versehentlich auch den Sohn eines marokkanischen Richters erschossen. Dieser „Kollateralschaden“ sorgte dafür, dass Taghi nun auch von der marokkanischen Polizei gejagt wurde.

„Das war DER Gamechanger – von da an duldete Marokko keine niederländisch-marokkanischen Kriminellen mehr, und die marokkanischen Behörden kooperierten fortan eng mit unserer Polizei, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten.“ ergänzt Kriminalreporter Paul Vugts.

Im Dezember 2019 stürmten Spezialeinheiten eine scheinbar unbewohnte Villa in Dubai, in der Taghi mit einem Glas Rotwein vor dem Fernseher saß. Der Unterweltboss wurde festgenommen und an die Niederlande ausgeliefert, wo er in die Hochsicherheitsanstalt Vught kam. 

Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass die niederländische Polizei bereits alles über ihn wusste, da seit 2015 die europäischen, amerikanischen und australischen Polizeibehörden gegen verschlüsselte Kommunikationsplattformen der organisierten Kriminalität vorgingen und diese nach und nach zerschlugen. Als letztes war die verschlüsselte und unster Kriminellen weit verbreitete Kommunikations-App „EncroChat“. 

Nach Taghis Verhaftung Ende 2019 rekonstruierten die Niederländer seinen Telefonverlauf und die von ihm genutzten Dienste. Seine Daten lagen nun in einem nordfranzösischen Rechenzentrum und der Gendarmerie gelang es, einen Virus in die angeblich unknackbaren Verschlüsselungssysteme einzuschleusen. Damit brach die „Firewall“ zusammen und die Behörden konnten nun Millionen von Nachrichten entschlüsseln und auswerten. 

Für die Polizei eine faszinierende Lektüre, schließlich sprachen hier international agierende Täter ganz offen über ihre kriminellen Aktivitäten – von Drogenschmuggel, Morden, Geldwäsche oder der Bestechung von Amtsträgern. Dabei wurde den Ermittlern auch klar, wie eiskalt und skrupellos die enttarnten Kriminellen ihre Taten planten und durchführten. 

Juli 2020 schlugen niederländische Einsatzkräfte dann nach monatelanger Telefonüberwachung in der „Wouwse Plantage“ zu, wo sie in einem Container auch eine Folterkammer samt fest montiertem Zahnarztstuhl vorfanden. So erfuhren die Ermittler, dass kriminelle Organisationen inzwischen auch in Europa Menschen foltern, wenn sie sich dadurch die gewünschten Informationen beschaffen können. 

Nach 50 Jahren „Krieg gegen die Drogen“ ist alles nur noch schlimmer geworden, Behörden und Ermittler haben heute kaum nicht den Eindruck, dass sie diesen Krieg je gewinnen können. Denn auch die organisierten Kriminellen passen sich immer ganz schnell den neuen Gegebenheiten an. 

So wechselte die Unterwelt nach der Zerschlagung von „EncroChat“ 2020 massenhaft zu einem anderen Anbieter: der kanadischen Plattform „Sky ECC“, die auch (dank moderner Verschlüsselungstechnologien) stark auf die Privatsphäre seiner Nutzer setzte. Bald hat die Plattform 70.000 Nutzer weltweit – fast ein Viertel davon allein im Raum Rotterdam und Antwerpen (dem größten belgischen Hafen). Was für ein „Zufall“…

Und obwohl Sky ECC technisch noch ausgefeilter als EncroChat war, gelang den Keyboard-Cowboys der Behörden ein erstaunlicher Coup: Anfang 2021 wurde eine Update-Aufforderung an alle Handys von Sky ECC verschickt, die einen Trojaner enthielt. So tappten zigtausende User in die Falle und zogen sich den Polizei-Trojaner auf ihr Mobiltelefon. So gelangten die Behörden an die privaten Schlüssel der Telefone, womit die „Live-Phase“ begann: Nun wurden die abgefangenen Daten sogar in Echtzeit entschlüsselt und mitgelesen. Nicht nur von Europol, sondern auch von den niederländischen, belgischen und französischen Ermittlern.

Unter den so von Europol gesammelten Daten waren etwa zwei Milliarden entschlüsselte Nachrichten von Kriminellen, und pro Tag fingen die Ermittler noch mal bis zu 5.000 weitere Nachrichten ab – kein Wunder also, dass man diese Datenflut nur nach und nach auswerten konnte. Vor allem belgische Ermittler machten hier die meisten Überstunden und entdeckten so auch die meisten „Leichen im Keller“ bzw. Fotos von zerstückelten Opfern – alles nicht sehr appetitlich.

Nach wochenlangem Abhören und Entschlüsseln wurde schließlich der koordinierte Zugriff eingeleitet. Eine gewaltige internationale Operation lief an, bei der internationale Zollbehörden, Polizei, Steuerbehörden und Justiz eng zusammenarbeiteten und nahezu zeitgleich in Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Marokko, dem Balkan und in Lateinamerika über 15.000 Verdächtige festnahmen.

So wurde das von der DEA „Superkartell“ genannte Verbrecher(boss)quartett schließlich zerschlagen. Nach Strippenzieher Ridouan Taghi und Trafficer „El Rico“ landeten auch Mafia-Boss Raffaele Imperial und der Drogenhändler Edin Gacanin hinter schwedischen Gardinen. Dank der Ermittlungen lernten die Fahnder eine Menge über das organisierte Verbrechen und seine Verflechtungen mit der Wirtschaft und verschiedenen Staaten, den gezielten Einsatz von Korruption und Gewalt oder den Umfang der kriminellen Profite und globalen Netzwerke.

Wie man nun feststellte, gab es Korruption auf allen Ebenen – beim Zoll (natürlich), bei der Polizei, in den Gemeindeverwaltungen, beim Finanzam und bei zahlreichen Rechtsanwälten. So konnte man sich endlich ein Bild von der Größe dieser kriminellen Gruppen und Netzwerke machen, welches aber zugleich auch zeigte, wie gefährlich die ins Visier geratenen Straftäter waren und sind.

Man beschloss, die oberen Ebenen der organisierten Kriminalität anzugreifen – diese bis dato einmalige Chance hatte sich durch den erfolgreichen Hack der Sky ECC-Verschlüsselungssoftware ergeben. Normalerweise bleiben kriminelle Führungsspitzen durch viel- und sorgfältige Abschlottungen unantastbar, aber die gehackten Krypto-Mobiltelefone führten zu großen Erkenntnisgewinnen bei den europäischen Behörden.

In der Welt der Justiz tauchte derweil ein neuer Begriff auf: die „Spitze des Spektrums“ – wie es dann auch während des sogenannten Marengo-Prozesses hieß, der erst nach vierjährigen Ermittlungen schließlich endete. Noch aus der Haft heraus drohte Ridouan Taghi mit der Entführung der niederländischen Kronprinzessin und des Ministerpräsidenten. Doch es gab nicht nur neue Drohungen.

Erst wurde der Rechtsanwalt Derk Wiersum (Verteidiger des Kronzeugen Nabil Bakkali) vor seinem Haus erschossen, später erwischte es dann den bekannten Journalist Peter de Vries, der noch kurz zuvor erklärt hatte: „Natürlich stehe ich im Schussfeld, aber wir müssen kämpfen! Genug der schönen Worte! Jetzt muss gehandelt werden!“ Wiersum forderte ein strenges Urteil für die angeklagten Unterweltbosse – und das kostete ihn das Leben.

Am 27. Februar 2024 wurde das Urteil schließlich verkündet: Ridouan Taghi wurde (wie zwei seiner engsten Vertrauten) zu lebenslänglicher Haft verurteilt, die anderen 14 Angeklagten erhielten insgesamt 190 Jahre Gefängnis. Ein hartes Urteil, was die niederländische Gesellschaft etwas beruhigte. Aber noch immer fehlt auf höchster politischer Ebene das nötige Bewusstsein für den Ernst der Lage – und dass, obwohl es hier ja auch um die immer so hoch gehaltene „innere Sicherheit“ geht.

Während die Bedrohung durch terroristische Anschläge von unseren westlichen Regierungen (zu) ernst genommen wird, unterschätzt man gleichzeitig den riesigen Einfluss der organisierten Kriminalität – dabei destabilisiert die unsere Staaten viel stärker als jede Form von politisch oder religiös motiviertem Terrorismus. Aber warum fällt es unseren Regierungen immer noch so schwer, die von der organisierten Kriminalität ausgehende Gefahr für unsere Gesellschaften zu erkennen? Weil der illegale Drogenhandel fast unbemerkt im Kernschatten des nahezu unkontrollierbaren internationalen Warenverkehrs stattfindet. Und weil sich zerschlagene kriminelle Netzwerke immer über Nacht wie von Zauberhand regenerieren.

Kriminologe Zaitch bringt es auf den Punkt: „Der sogenannte ‚War on Drugs‘ gleicht einem Glaubenskrieg, er ist bloße Symbolpolitik – ohne jede Siegstrategie. Schauen wir nur mal nach Lateinamerika, wo das eigentliche Problem nicht der Kokainkonsum ist, sondern die Produktion und der Schmuggel – denn dabei sterben tausende Menschen. Es ist also nicht der Konsum, der tödlich ist. Die bloße Sicherstellung illegaler Drogen ohne soziale Prävention – um beispielsweise Jugendliche vom Einstieg abzuhalten – ist zum Scheitern verurteilt. So lässt sich Drogenkonsum nicht eindämmen, geschweige denn eine drogenfreie Gesellschaft erreichen.“

90 % des Kokains, dass heutzutage bei uns ankommt, ist für neue Märkte wie Tschechien und Rumänien bestimmt – also Länder in denen der Absatz noch kräftig steigt. Die Zeit der Kleinmengen ist längst vorbei, „Ganz oder gar nicht!“ scheint mittlerweile auch im illegalen Drogenhandel die Devise zu sein. Inzwischen dominieren Einkaufsgemeinschaften und Großhändler den völlig unregulierten Markt.

Die größte Gefahr ist heute jedoch die Fähigkeit krimineller Netzwerke, Marktveränderungen clever auszunutzen und dabei immer stärker in die Realwirtschaft einzudringen. In unserem cannabisfreundlichen Nachbarland hat das organisierte Verbrechen sein ideales Sprungbrett gefunden, die Niederlande sind zum Ausgangspunkt einer schleichenden Kriminalisierung des Welthandels geworden, die in Europas Gesellschaften zunehmend die Rechtsstaatlichkeit untergräbt.

Aber natürlich ist man nach wie vor sehr bemüht, der Rotterdamer Hafen beispielsweise wird dadurch immer mehr zu einer Festung. Hier wurden mittlerweile die (frei verkäuflichen) Zugangscodes abgeschafft und immer mehr Kais sind vollständig automatisiert. Heute sind dort keine bestechlichen Hafenarbeiter mehr unterwegs. Nur noch unbestechliche Roboter. Die sich aber vermutlich auch hacken lassen. Aber das ist eine andere Geschichte.