Schon vor über 10 Jahren begann der preisgekrönte (u. a. Deutscher Kleinkunstpreis und Deutscher Kabarettpreis) Satiriker HG.Butzko seine Rubrik „Satiretrieb“ im THCENE-Printmagazin, während er gleichzeitig auch regelmäßig im Radio und Fernsehen auftrat. So war er u. a. in so bekannten TV-Formaten wie „Die Anstalt“ (ZDF), „extra-3“ (NDR), „Schlachthof“ (BR) oder dem „Satire Gipfel“ (ARD) zu sehen, was unterstreicht, wie weit er es mit seiner Kunst gebracht hat. Wir haben uns jedenfalls sehr darüber gefreut, ihn für viele Jahre auch in der THCENE präsentieren und nach der unglücklichen Einstellung des Printmagazins noch einmal ausführlich befragen zu dürfen.
Lieber HG., weißt du noch, was das Thema deiner allerersten Rubrik in der THCENE war?
Ach du Scheiße! Wie lang ist das jetzt her? Das war doch vor Urzeiten. Da müsste ich im Archiv kramen. Aber ich vermute, das weißt du schneller, oder?
Du hast dich in Ausgabe 6/2015 der Frage „Wer genau ist eigentlich ein Wirtschaftsflüchtling?“ gewidmet und einen Text verfasst, der auch heute noch erstaunlich aktuell ist. Altert Satire immer so gut oder ist das eher die Ausnahme?
Ja, Wahnsinn. Aber es kommt halt immer drauf an, womit man sich beschäftigt. Als ich 1997 anfing, Kabarett zu machen, war Helmut Kohl noch unser Bundeskanzler. Und Witze über ihn würden heute wohl eher nicht mehr so gut funktionieren. Allein schon deswegen, weil viele Jüngere sich jetzt fragen: Helmut wer? Viele Jüngere fragen sich ja sogar bei unserem letzten Kanzler: Olaf wer? Aber Satire, die sich nicht auf Personen fokussiert, sondern gesellschaftliche Zusammenhänge beleuchtet, hat tatsächlich sehr oft ein sehr langes Haltbarkeitsdatum. Deswegen sind ja auch zum Beispiel Erich Kästner oder Kurt Tucholsky heute immer noch brandaktuell. Und da fragen sich ja sogar Ältere: Erich wer? Kurt wer?
War es eigentlich schwer, alle zwei Monate mit einer neuen Rubrik für die THCENE um die Ecke zu kommen?
Klares Nein. Was aber damit zusammenhängt, dass ich von Anfang an völlige Freiheit hatte, sowohl was die Themen, als auch die Textlänge betraf. Und das machte es mir richtig geschmeidig, mich nach Lust und Laune auszutoben. Wofür ich mich an dieser Stelle auch mal herzlich bedanken muss.
Die allermeisten Feedbacks zu deinen Rubriken waren ja positiv, aber manchmal kam auch Kritik – wie gehst du damit um?
Ich informiere umgehend meine Anwälte und bombardiere die Person mit Unterlassungsklagen im siebenstelligen Bereich. Zusätzlich beauftrage ich eine russische Troll-Fabrik, sämtliche Accounts der Lästerer zu hacken – und schon is Ruhe. Aber mal ganz ehrlich: Kritik ist natürlich wichtig, und ich bin auch grundsätzlich immer dankbar für Feedback. Und gerne auch mit Schmäh oder Spott, und gerne auch mit dem Finger in der Wunde. Es gibt aber zwei Aspekte, die ich mir nicht reinziehe. Zum einen, wenn jemand einfach nur irgendeine Pöbelei hinrotzt, was dann mehr über den Absender aussagt, als über mich. Oder wie es der Satiriker FW Berstein einmal formulierte: „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Und jetzt fragen sich wieder viele Jüngere: FW wer? Und was ich auch nicht mag, wenn das dann auch noch aus der Anonymität heraus passiert. Ich halte meinen echten Namen und mein echtes Gesicht hin. Und wenn sich dann jemand hinter „Junglejimmyx007“ versteckt und jeglichen Respekt vermissen lässt, dann fällt es mir echt schwer, daraus irgendeinen konstruktiven Nutzen zu ziehen.
Hast du vielleicht das Gefühl, dass heute mehr kritisiert wird und die Leute empfindlicher sind als noch vor 10 Jahren?
Also, wenn du einen Zeitraum von 10 Jahren ansetzt, sehe ich kaum einen Unterschied bei der Menge an Kritik. Würdest du einen Zeitraum von 20 Jahren ansetzen, also vor dem Siegeszug von Social Media, da sieht die Sache schon anders aus. Und vor 30 Jahren musste man seine Kritik noch in eine Schreibmaschine kloppen, in einen Umschlag stecken, Briefmarke draufkleben, das Haus verlassen und in einen Briefkasten werfen. Das waren noch Zeiten, da war ein Shitstorm nur dann möglich, wenn auf dem Weg zum Briefkasten ein Orkan einen Hundehaufen auf der Straße aufwirbelte. Was die Empfindlichkeit betrifft, da allerdings sehe ich in den letzten 10 Jahren tatsächlich eine Steigerung. Stichwort Wokeness.
Wie stehst du dazu?
Ambivalent. Zunächst finde ich es in vielerlei Hinsicht absolut berechtigt, wenn sich marginalisierte Gruppen nicht mehr alles gefallen lassen und Widerstand gegen Diskriminierung und Stigmatisierung leisten – vor allem, wenn diese aus unbewussten und eingefahrenen Mustern heraus geschehen. Da finde ich die schnappatmigen Abwehrreflexe meiner Peergruppe – also alt, männlich und weiß – oftmals nur peinlich und zum Fremdschämen. Und natürlich finde ich es nicht nur berechtigt, sondern sogar notwendig, wenn Personen, die selber gar nicht betroffen sind, sich solidarisieren. Auch wenn dabei so manche gut gemeinte Aktion auch gerne mal über das Ziel hinausschießt – oder daneben geht. Oder ebenfalls nur reflexartige Muster bietet. Und an dem Punkt setze ich als Kabarettist an und sage: Man sollte es als woker Geist dann aber schon auch abkönnen, wenn es dazu dann gegen den Gegenwind wiederum Gegengegenwind gibt. Und Schmäh. Und Spott. Eine gewisse Dosis Humor und Selbstironie würde auch dieser Szene gut zu Gesicht stehen. Mein Text über den Weihnachtsmann beispielsweise, der dem Sohn eines woken Ehepaars Geschenke bringt und die Achtsamkeit ins Absurde überdreht, war mir geradezu eine kabarettistische Verpflichtung.
Was sind so deine satirischen Lieblingsthemen im allgemeinen?
Die sind sehr breit gefächert, ohne Vorlieben oder Abneigungen. Ja nachdem, was mich packt, oder neugierig macht oder triggert, am besten noch schön emotional aufregend – dann leg ich los.
Hat sich deine politische Sichtweise und damit deine Satire in den letzten 10 Jahren irgendwie verändert oder vertrittst du nach wie vor die Positionen von damals?
Beides. Ich vertrete nach wie vor die Haltung: „Logisch statt ideologisch!“. Das hat sich nicht geändert. Geändert hat sich aber, dass ich die Logik immer öfter auch bei den Sichtweisen entdecke, die ich vor 10 Jahren noch nicht so auf dem Schirm hatte. Und andersrum auch Unlogiken bei solchen Positionen finde, bei denen ich es zuvor nie für möglich gehalten hätte. Was sich nicht geändert hat, ist meine Bereitschaft zur Differenzierung. Geändert hat sich, dass ich diese Differenzierung auch bei Sichtweisen anwende, die ich früher nicht so genau beachtet hätte. Aber mittlerweile finde ich es unerlässlich, zur Meinungsbildung jegliche Lagerbildung zu überwinden. Auch wenn man dabei alte und liebgewordene Positionen überdenken muss. Was sich für mich jedoch absolut nicht geändert hat, ist die Beißhemmung, nach unten zu treten. Satire ist immer Opposition, egal wer dran ist. Und Arme und Schwache waren nie dran – und werden auch nie dran sein.
Du selbst bist ja kein Cannabiskonsument, aber du hast sicher auch eine eigene Meinung über Cannabis als Genussmittel für Erwachsene und die diesbezügliche deutsche Drogenpolitik – was magst du uns dazu verraten?
In einer Ausgabe habe ich ja mal sehr ausführlich meinen Standpunkt dazu dargelegt. Und auch der ist wieder – wie könnte es anders sein – ambivalent und differenziert. Für mich persönlich kommt kiffen nicht in Frage – und zwar so kompromisslos, dass ich nicht mal riechen will, wenn jemand in meiner Nähe kifft. Die räumlichen Einschränkungen, die fürs Rauchen eingeführt wurden, sollten natürlich auch fürs Kiffen gelten. Ich liebe zudem auch den Anti-Kiffer-Song der Antilopen Gang – wer den kategorisch scheiße findet, hat womöglich noch einen langen Weg vor sich. Andererseits würde ich aber auch niemals anderen das Kiffen verbieten, denn ich bin für ein uneingeschränktes Recht auf Rausch! Ich gehe sogar so weit, dass ich es für eine erstrebenswerte Utopie halte, irgendwann mal jeglichen Konsum aller Drogen zu legalisieren. Mit Betonung auf „jeglichen“ und auf „aller“. Ich stelle mir da eine Gesellschaft vor, in der jede Droge für den Eigenkonsum ganz legal gekauft werden kann – aber natürlich nur unter bestimmten Bedingungen. Und da wird es dann wieder differenziert.
Dann differenziere doch bitte noch etwas ausführlicher…
Zum einen sollte der Verkauf ausschließlich in staatlich lizensierten und überwachten Geschäften stattfinden, mit ebensolchen Produkten, die vom Anbau, über die Verarbeitung bis hin zum Transport fair trade und ethisch einwandfreie Lieferketten nachweisen müssen. Allein das dürfte schon eine Aufgabe sein, für die Herkules nicht zur Verfügung stünde. Zum anderen sollte erst nach dem Erwerb eines Drogenführerscheins konsumiert werden dürfen, zu dessen Erhalt man zuvor theoretischen Unterricht und Testfahrten im Beisein von Lehrkräften absolvieren und psychologische Gutachten und Gesundheitschecks bestehen muss. Und das gilt dann – wie gesagt – für alle Drogen, also auch die heute bereits legalen. Darunter fallen also auch Alkohol, Tabak, Koffein, Zucker usw. usw. bis über Glücksspiel und Online-Gaming hin zu Social Media. Denn wenn schon – denn schon! Spätestens hierfür müsste man sich dann aber mit so vielen mächtigen Lobby-Gruppen anlegen, dass man womöglich nur noch mit kugelsicherer Weste in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs sein könnte. Oder mit Lendenschurz und barfuß in Sandalen.
Klingt düster – an welche Hoffnung können wir uns da noch klammern?
Ich glaube, wenn wir eine Drogenpolitik hätten, die der Öffentlichkeit fundierte Kenntnisse über Zusammensetzung, Dosierung, Handhabung, Belastbarkeiten und Grenzen im Zusammenhang mit Suchtmitteln zur Verfügung stellen würde, sodass man sich also stets darauf verlassen könnte, dass eine bestimmte Menge eine bestimmte Wirkung auslöst und unerwünschte Nebenwirkungen nahezu ausgeschlossen sind, dann wäre schon viel gewonnen. Und wenn darüber hinaus jeder individuell vorab gecheckt wird, wie lange man pausieren sollte, um keine Toleranz auszubilden, wie man ohne Suchtentwicklung oder Abhängigkeit konsumieren kann und von welchem Zeug man besser die Finger lässt, weil man dafür keine passenden psychischen oder physischen Voraussetzungen mitbringt, dann könnten sehr viele Probleme und Schäden für den Einzelnen und für die gesamte Volkswirtschaft vermieden werden. Mal abgesehen davon, welche zusätzlichen Einnahmen es dem Staat bringen könnte, wenn er seine Drogenpolitik auf legale Füße stellen und der organisierten Kriminalität entziehen würde. Aber wie gesagt, das ist nur eine Utopie – und in vielen Details sicher noch lange nicht umsetzbar. Aber in irgendeiner Zukunft wird man diesen Text vielleicht wiederentdecken, und dann werden sich die Jüngeren fragen: HG wer?
Wie hast du eigentlich die über zehn Jahre deiner Rubrik in einem „Kiffer-Magazin“ empfunden?
Also mal abgesehen von dem sehr irritierenden und abrupten Ende kann ich nicht klagen.
Welche persönliche Bilanz würdest du nach 10 Jahren der Zusammenarbeit ziehen?
Es war mir sowohl Ehre, als auch Vergnügen.
Das können wir nur so zurückgeben. Bleibt zum Schluss noch die Frage, welche neuen Projekte bei dir in nächster Zeit so anstehen?
Ab September gibt es ein neues Live-Programm, mit dem ich dann wieder zwei Jahre auf Tour gehe. Titel: „Das wolln wir doch mal sehn“. Außerdem werde ich gleichzeitig eine neue Social-Media-Strategie ausprobieren. Seit April habe ich ja einen neuen YouTube-Kanal, und allein das ist schon eine Herausforderung – irgendwelchen Algorithmen ausgeliefert zu sein, die mit Satire und Parodie nicht auf Anhieb etwas anfangen können. Aber Hauptsache, man bleibt offen und neugierig und lernt jeden Tag etwas dazu. Also kein Gedanke an Ruhestand oder Resignation, sondern rein in die pralle Wirklichkeit ohne Netz und doppelten Boden. Und dann mal gucken, wohin das führt.

HG. Butzko bleibt auch weiterhin kreativ aktiv und hat uns die Erlaubnis erteilt, seine neu erscheinenden audiovisuellen Satire-Beiträge auf unserer Video-Seite einzubetten. Wer also auf seine Kommentare zur Zeit auch in Zukunft nicht verzichten möchte, der muss das auch nicht.



