Schon seit Jahrhunderten kommt ein Großteil der in Europa verbrauchten exotischen Waren über die Niederlande auf den europäischen Binnenmarkt – darunter auch stets Drogen aller Art. Damit befindet sich auch heute noch das Epizentrum des europäischen Drogenhandels bei unseren freundlichen Nachbarn im Westen – doch mit den illegalen Drogen gelangen zunehmend auch Kriminalität und Brutalität in einem Ausmaß nach Europa, wie man es zuvor nur aus Südamerika kannte…
Von 2019 bis 2024 fand im schwer gesicherten Hochsicherheitsgebäude „De Bunker“ in Amsterdam Nieuw-West der sogenannte „Marengo-Prozess“ statt. Dieser richtete sich gegen siebzehn Verdächtige, die als mutmaßliche Mitglieder der sogenannten „Mocro-Mafia“
für zahlreiche Morde und Mordversuche in den Niederlanden von 2015 bis 2017 verantwortlich gemacht wurden. Auf der Anklagebank saßen Drogenbosse und ihre Handlanger, denen man 19 Morde (bzw. Mordversuche) vorwarf – und selbst im Gerichtssaal versuchten die Angeklagten noch, die Staatsanwälte (und damit den niederländischen Staat) einzuschüchtern.
Der Journalist Paul Vugts beobachtete den Prozess und erklärte dazu: „Es war ein entsetzliches Verfahren – sowohl Staatsanwälte als auch die Richter wollten anonym bleiben, denn es herrschte ein Klima der Angst, da im Laufe des Prozesses ein Journalist und der Anwalt eines Zeugen ermordet wurden. Selbst dem niederländischen Ministerpräsidenten und der Kronprinzessin wurde mit Entführung gedroht – also hatten alle Angst. Und alle stellten sich die gleiche Frage: Wer wird der nächste sein?“
Der Marengo-Prozess gilt als historisch, da er erstmals ein Bündnis aus Straßenkriminellen, Geschäftsleuten und Mafia-Bossen aufdeckte – eine Struktur, die sich inzwischen in ganz Europa finden lässt. Und nicht nur Paul Vugts fragt sich: „Wann hört das auf? Und wie sind wir überhaupt in diese katastrophale Lage geraten?“
Wie so oft lohnt sich ein Blick in die Geschichte, denn die heutige Lage ist ein Ergebnis der hunderte Jahre langen Geschichte unserer Nachbarnation, die schon immer fast ausschließlich auf den Welthandel setzte. Durch die Nähe zum Wasser (und den damit verbundenen historischen Transportwegen) wurden die Niederlande schon früh ein wichtiges Tor für den weltweiten Handel.
Die ganze Infrastruktur dieses flachen Landes ist darauf ausgerichtet, dass der Warenstrom aus aller Welt ungehindert fließen kann. Und so ist im Königreich der Niederlande auch heute noch der Handel König, wie der niederländische Wirtschaftsjournalist Jan Meeus bestätigt: „Wir sind ein Land der Kaufleute, wir waren schon früh ein Knotenpunkt des Warenverkehrs und ein Standort für Banken und Leute mit Geld. Die erste Börse der Welt wurde in Amsterdam eröffnet, als internationales Handelszentrum haben wir damals einen beträchtlichen Teil unseres Wohlstands generiert.“
Als Seefahrer-Nation gelang es den verhältnismäßig kleinen Niederlanden Ende des 16. Jahrhunderts durch systematische Raubzüge ein erstaunlich großes Kolonialreich aufzubauen. Vor allem in Südostasien und Lateinamerika wurde alles gestohlen, was sich daheim gut verkaufen ließ. Gleichzeitig betrachtete man sich aber als international erfolgreiche Kaufleute – auch wenn in der Praxis fast nur VERkauft wurde. Die exotischen und in Europa heiß begehrten Kolonialwaren wurden ja nicht etwa vor Ort bezahlt, man nahm sie sich einfach und ließ Sklaven für Nachschub sorgen. Was man kaufte, waren vor allem Schiffe, um die Handelsrouten auszubauen. Die Niederlande war ja längst nicht die einzige europäische Nation, die sich ein umfangreiches Kolonialreich eroberte – aber anfangs die erfolgreichste.
So legten die „Vereinigten Niederlande“ mit ihrem neu eigeführten „Mehrwert“ im frühen 17. Jahrhundert den Grundstein für den modernen Kapitalismus. Das Land erschloss sich mit neuen Eroberungen auch immer direkt die jeweiligen Märkte, und bald kaufte man alle verfügbaren Kolonialwaren der Nachbarländer auf, um sie zu verarbeiten und mit hohen Gewinnen europaweit zu verkaufen.
Das Instrument dieser Strategie war die Flotte der „Niederländischen Ostindien-Kompanie“ (VOC), die zu dieser Zeit größer war, als alle Flotten aller anderen Länder zusammen (!). Die VOC war auch die erste Aktiengesellschaft der Geschichte – und damit eines der mächtigsten Privatunternehmen aller Zeiten (dagegen ist Elon Musk heute ne kleine Nummer). Mit eigenem Militär, eigenem Münzrecht und einem Monopol auf den Gewürzhandel im Indischen Ozean. Die VOC plante und gründete auch Kolonien in Nordamerika, wo aus New Amsterdam später New York wurde.
Auch der erste Börsen-Crash fand in den Niederlanden statt, nachdem Tulpenzwiebeln ihren zuvor astronomischen Wert verloren hatten und eine ganze Botanik-Branche mit sich in den Abgrund rissen. Die weniger Überlebenden wandten sich nun einer anderen Pflanze zu, die hohe Profite versprach: Dem Schlafmohn. Also sicherten sich niederländische Händler im 18. Jahrhundert das Opium-Monopol, machten es rauchbar und verkauften es in sogenannten „Opium-Höhlen“. Von den gigantischen Summen, die diese Drogengeschäfte einbrachten, wurden viele der schönen historischen Häuser an den Grachten Amsterdams erbaut. Es war ein so enorm profitables und langfristig spitzenmäßiges Geschäft, dass im 19. Jahrhundert die niederländische Regierung neidisch und gierig wurde und ganz offiziell den zuvor privaten Drogenhandel übernahm, um mit den Gewinnen neue Kolonien in Indonesien zu finanzieren.

Allerdings galt Opium inzwischen eher als ungesundes Laster, weshalb die niederländischen Behörden die Preise dafür stark erhöhten, um den Konsum einzuschränken. Doch der Opium-Geist war schon aus der Flasche, da nun illegale Händler ihre Chancen sahen und weniger liquide Kunden bedienten.
Ende des 19. Jahrhunderts standen die Niederlande so vor einem Dilemma: Sie mussten sich positionieren zwischen Legalität und Illegalität, zwischen Volksgesundheit und Steuereinnahmen. Und ob nun bei Opium, Tabak oder Alkohol – die Konflikte, die sich damals am Opium entzündeten, sind bis heute aktuell.
Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die Niederländer dann mit der Gewinnung und Vermarktung eines neuen Produkts: Kokain. Als versierte Botaniker pflanzten sie aus Kolonien in Peru exportierte Koka-Pflanzen auf der indonesischen Insel Java (damals niederländische Kolonie) neben Kaffee und Tee an. Die Koka-Sträuche gediehen auf Java sogar noch besser als in ihrer peruanischen Heimat, wodurch der Wirkstoffgehalt in den Blättern ebenso deutlich stieg, wie die weltweite Nachfrage. Die in Amsterdam errichtete und von der niederländischen Kolonialbank finanzierte Kokain-Fabrik NCF machte ab 1900 der deutschen Firma MERK Konkurrenz, die hier bis dato als führend galt.

Zu der Zeit waren Heroin, Morphium und Kokain frei verkäuflich und wurden als moderne neue Arznei- bzw. Wundermittel vermarktet. Von Suchtgefahren war damals noch keine Rede.
Im ersten Weltkrieg nutzten die Niederlande dann ihre Neutralität gewinnbringend und belieferten sowohl die deutschen als auch die britischen und französischen Truppen tonnenweise mit Kokain – wodurch sie in diesem Bereich zum internationalen Marktführer aufstiegen.
„Historisch gesehen waren die meisten uns bekannten Drogen für eine lange Zeit legal. Eines Tages beschloss man aber, ihren Konsum zu bestrafen und ihnen den Krieg zu erklären. Dieser Wendepunkt markiert den Beginn der Drogenkriminalisierung – und zugleich die Geburt eines lukrativen Geschäftsmodels.“ meint Tom Decorte, Kriminologe und Professor an der Universität Gent.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Völkerbund (der Vorläufer der UNO) gegründet, der all seine Mitgliedsstaaten dazu verpflichtete, den nun illegalen Drogenhandel zu bekämpfen. Unter dem Druck der USA und Chinas unterzeichneten zahlreiche Staaten die Haager Opiumkonvention.
Damit begann eine neue Ära in der internationalen Drogenpolitik – das Zeitalter der Prohibitionisten brach an. Der freie Verkauf von Betäubungsmitteln nahezu aller Art wurde verboten, ihr Erwerb erforderte nun ein ärztliches Rezept – und die gesellschaftlichen Folgen waren verheerend. Denn die längst zahlreichen Freizeitkonsumenten sahen sich nun plötzlich mit einem Stigma und Entzugserscheinungen konfrontiert. Was blieb den Betroffenen da anderes übrig, als sich dem Schwarzmarkt zuzuwenden? Durch diese Nachfrage entstand der weltweite illegale Drogenhandel, wie wir ihn auch heute noch kennen. In den Niederlanden wurde dieser neue Markt sofort von Kriminellen besetzt, die direkt die Spielregeln für alle festlegten.
Als die Rotterdamer Polizei 1928 auf einem Schiff 60 kg Heroin fand, staunte sie nicht schlecht, weil die Kisten mit der Aufschrift ‚pharmazeutische Produkte‘ versehen waren. Daraufhin wurden Ermittlungen eingeleitet, denen es gelang, die Herkunft der Heroinlieferung zurückzuverfolgen. Die Ermittler stießen dabei auf eine pharmazeutische Fabrik in Narden, einer Kleinstadt in der Nähe Amsterdams. Der dortige Betriebsleiter Nieuwenhuis entpuppte sich als Oberhaupt eines internationalen Drogenrings, der legale Geschäfte zur Verschleierung seiner illegalen Aktivitäten nutzte. Ein echter Pionier des modernen Drogenhandels, von dem nur eine einzige bekannte Fotografie existiert, die sich zufällig in den Archiven der UNO fand.

Ende der 1920er Jahre tauchte sein Name verstärkt in den nationalen Polizeiregistern vieler europäischer Länder auf. Kein Wunder – dieser Niederländer kontrollierte damals ganz alleine etwa die Hälfte des illegalen Welthandels mit Opium, Morphium, Heroin und Kokain. Nieuwenhuis hatte einflussreiche Kontakte in China, der Türkei, Deutschland, England, Frankreich, der Schweiz und vielen anderen Ländern, in denen er erfolgreiche illegale Netzwerke betrieb.
Das führte fast zwangsläufig zur Entstehung einer niederländischen Anti-Drogen-Behörde, die mit dem „Centraal-Bureau“ die erste Drogenbekämpfungseinheit der Menschheitsgeschichte gründete – zunächst mit nur zwei Polizisten und einem Chef. Die drei waren fleißig und erstaunlich erfolgreich: Sie fanden nicht nur das Heroin von Nieuwenhuis, sondern verhafteten auch zahlreiche Opium-Schmuggler und legten die damals umfangreichste Kartei für internationale Drogenstraftäter an.
In den 1930er Jahren nutzten Nieuwenhuis und seine Partner bereits chiffrierte Telegramme und das internationale Banksystem, um ihre weltweiten illegalen Geschäfte abzuwickeln und eigene Netzwerke weiter auszubauen. Die Hauptroute für Opium verlief damals über Istanbul und Marseille nach Rotterdam.
Auch heute noch ist der Rotterdamer Hafen für Heroin und Kokain das größte Einfallstor in bzw. nach Europa. Es sind zwar nicht mehr die gleichen kriminellen Netzwerke wie in den 1930er Jahren, aber die Vorreiter des illegalen Drogenhandels erkannten damals etwas, was uns heute regelrecht banal erscheint: Sie mussten ihre illegalen Geschäfte über legale Netzwerke abwickeln. Und Rotterdam (schon damals Europas größter Hafen) bot dafür die besten Voraussetzungen, da Polizei- und Zollbehörden nicht mal ansatzweise jeden Frachtcontainer überprüfen konnten. Und es heute natürlich erst recht nicht können.
In den späten 60er Jahren kamen dann mit der weltendeckungsfreudigen Hippie-Welle auch Cannabissamen nach Europa, die vor allem in den Niederlanden sehr geschätzt wurden. Der niederländische Kriminologe Dirk Korf kommentiert das so: „In unserer romantischen Vorstellung waren natürlich alle Hippies Antikapitalisten – es gab aber auch geschäftstüchtige Leute unter ihnen, die in müffelnden Mänteln nach Afghanistan reisten, sich vor Ort gute Hotels leisten konnten und das Ganze locker mit dem Schmuggel von Haschisch finanzierten.“
Den eigenen Lifestyle als Cannabis-Dealer zu finanzieren wurde für angehende Jungunternehmer zum perfekten Geschäftsmodel. Auf Amsterdamer Hausbooten entstanden bald (ganz offen vor den Augen der Polizei) illegale Verkaufsstellen für potente Cannabispflanzen und -produkte. Damals eine durchaus übliche und dem Zeitgeist entsprechende Provokation.
Kurz darauf beherrschten die Niederlande bereits (west)europaweit den illegalen Cannabismarkt. Doch das böse „Marihuana“ wurde von manchen auch als große Gefahr empfunden, die konsequent bekämpft werden musste. Denn das damals noch weitgehend unbekannte Haschisch wurde von den konservativen Teilen der Gesellschaft vor allem mit Aufruhr und jugendlicher Rebellion verbunden, also griff die Polizei anfangs sehr hart durch. Allein der Besitz von zwei Joints konnte einen schon für mehrere Monate ins Gefängnis bringen.
Aber trotz zahlreicher Festnahmen und drakonischer Strafen wurde auch weiterhin unvermindert illegal gedealt – bald nicht mehr nur auf Hausbooten, sondern auch in vielen niederländischen Cafés, Bars und angesagten Nachtclubs, die zwar harte Drogen wie Heroin, Kokain, Speed und LSD kategorisch in ihren Räumlichkeiten verboten, bei Haschisch aber tolerant waren und den Konsum und unauffälligen Handel duldeten. Viele Haschisch-Freunde waren zudem regelrecht beratungsresistent und starteten (kaum dass ihr letztes Canna-Business gebustet wurde) direkt das nächste Hasch-Geschäft. Das alles führte in den Niederlanden zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte, die sich vor allem um die Frage drehte, ob das Strafrecht die passende Antwort auf Probleme des illegalen Drogenkonsums ist. In der Folge zeigten sich Polizei und Justiz nachsichtiger, die Strafmaße gingen ebenso runter wie die Zahl der Verhaftungen.
Während sich die Drogenpolitik der Niederlande gerade liberalisierte, steuerten die USA ab Anfang der 70er Jahre unter Präsident Nixon in eine ganz andere Richtung: Den „Drogen“ wurde als „Staatsfeind Nr. 1“ ganz pauschal der Krieg erklärt – ein Krieg, der bis heute anhält und von allen westlichen Staatsbürgern verlangt, einfach „Nein zu Drogen“ zu sagen.
Es gelang den US-Strafverfolgungsbehörden gelegentlich wichtige illegale Akteure (wie die sogenannte „French Connection“) zu zerschlagen, aber der Krieg gegen die Drogen erwies sich bald als nicht gewinnbar, denn zerschlagene Netzwerke bilden sich in der Illegalität ganz schnell neu – und verlorene Drogenmärkte in den USA wurden einfach mit neuen Märkten in Europa kompensiert.
In Amsterdam wurde derweil die Toleranz gegenüber Cannabis zum Brandbeschleuniger für Heroin, denn in den Bars und Nachtklubs boten die meisten Dealer beides an. So kamen tausende Cannabiskonsumenten erstmals mit Heroin in Kontakt. Innerhalb von vier Jahren stieg die Zahl der Süchtigen auf das Siebenfache, und Amsterdam wurde zu Europas Heroin-Hauptstadt. Diese gesundheitspolitische Krise zwang die niederländischen Behörden zu einer entscheidenden Reform des Opiumgesetzes von 1919. Das Ziel war eine strengere Politik gegenüber harten Drogen und eine liberalere Politik gegenüber Cannabisprodukten – dabei ging es um die Abgrenzung der Märkte für Heroin und Cannabis, da man nicht wollte, dass Cannabiskonsumenten auch weiterhin so leicht an Heroin kommen konnten.
1976 wurde das Optiumgesetz in den Niederlanden schließlich revidiert, seitdem können Cannabiskonsumenten ihr Rauchkraut in geringen Mengen ganz legal in sogenannten Coffee-Shops kaufen. Es war eine echte Revolution in der Drogenpolitik – und die führte bald dazu, dass Amsterdam zum coolsten Reiseziel der westlichen Welt wurde. Anfangs gab es nur 5 Coffee-Shops im ganzen Land, Mitte der 80er Jahre waren es dann bereits 175. Und zehn Jahre später dann um die 1.500 – das förderte natürlich auch den sogenannten „Drogentourismus“.
Professor Tom Decorte von der Uni Gent kommentiert das so: „Hinter dem Coffeeshop-Modell steht die Einsicht, dass Kriminalisierung und der Kampf gegen Drogen wenig wirksam sind. Die niederländische Regierung hat keine Mühen gescheut, um Europa und der Welt klar zu machen, dass der von den USA ausgerufene ‚Krieg gegen die Drogen‘ nicht zu gewinnen ist und andere Maßnahmen nötig sind.“
Der Konsum von Cannabis ist seitdem in den Niederlanden straffrei, aber als Unterzeichner der internationalen Drogenabkommen darf das Land kein Cannabis für seine Coffee-Shops importieren oder selbst anbauen, ohne damit als „Narco-Staat“ zu gelten. Um die steigende Nachfrage zu decken, musste das benötigte Cannabis also irgendwie vom Schwarzmarkt bezogen werden. Dafür entwickelten die Niederländer mit der sogenannten Hintertür-Politik eine scheinheilige Richtlinie, die aus illegalem Weed ruck-zuck ganz legales macht.
Und das funktioniert (bis heute) so: Alle Shops verfügen über eine Vorder- und eine Hintertür. Vorne kommen die legalen Kunden rein, hinten die illegalen Lieferanten. Cannabis darf zwar legal in kleinen Mengen (vorne) verkauft werden, aber eigentlich nicht (hinten) in großen Mengen illegal angekauft. Das Legale geht aber nicht ohne das Illegale, weshalb der niederländische Staat die Hintertüren zu ignorieren beschlossen hat. Daher wissen die Betreiber legaler Coffeeshops auch nie offiziell, wo genau sie ihre THC-reiche Ware eigentlich her haben.
Die illegalen Produzenten, Schmuggler und Händler freut(e) es natürlich, dass sie in den Niederlanden mit den Coffee-Shops nun sogar zahlreiche staatlich lizensierte Abnehmer für ihre Cannabisprodukte fanden, die mit ihrer Hintertür sogar einen Verkaufsort bieten können, den staatliche Behörden stillschweigend tolerieren. Das befeuerte die Cannabis-bezogene „Drogenkriminalität“ in den Niederlanden, die fortan regelrecht boomte. Denn die Hintertür wurde zum Eingang für den illegalen Markt.
In den 80er Jahren kam noch ein großer Teil des in Europa verfügbaren Cannabis (meist als Haschisch) aus dem marokkanischen Riff-Gebirge, von wo aus es auf illegalen Routen nach Europa gelangte. Zu dieser Zeit kontrollierten längst nicht mehr Hippies den niederländischen Cannabismarkt, sondern zumeist Unterweltbosse aus dem Rotlicht- und Glücksspiel-Milieu. Damit professionalisierte sich das illegale Cannabis-Geschäft, da die Berufskriminellen zuverlässiger, in höherer Qualität und zu fairen Preisen lieferten (was die Hippies zuvor nicht konnten). Zudem versorgten sie ihre marokkanischen Produzenten mit moderner Ausrüstung, die zu neuen Qualitäts- und Handelsstandards führte.
In den 90er Jahren forderte der Konkurrenzkampf zwischen innovativen Drogenhändler-Ringen in den Niederlanden erste Todesopfer, denn es gab (und gibt) nicht DIE Mafia oder DEN großen Unterweltboss, sondern viele miteinander konkurrierende illegale Schmugglergruppen. Manchmal schließen sich zwar Netzwerke für bestimmte Projekte zusammen, es gab und gibt aber keinerlei Monopol auf dem lukrativen illegalen Drogenmarkt – weshalb es auch immer mal wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Gruppen kommt.
Mit der Öffnung der DDR und des Ostblocks ab 1989 änderte sich nicht nur die Drogenlandschaft, sondern auch die darin agierenden Kriminellen. Es war die Stunde der verrückten Clubs, Parties und Events, auf denen synthetische Drogen zunehmend nachgefragt wurden. Heroin galt inzwischen als Droge der Hoffnungslosen, Ecstasy (MDMA) dagegen als gefühlvolle neue Party-Pille. Die Leute wollten einfach (nur) feiern und ihren Spaß haben.
Nun musste natürlich auch irgendwer diese neue Party-Droge in großen Mengen herstellen, und es wird Euch vermutlich nicht verwundern, wo das geschah: Na klar, in den Niederlanden. Viele Drogenhändler verlagerten damals ihr Geschäft vom Cannabis-Schmuggel zur Ecstasy-Herstellung – und nur der Himmel schien das Limit zu sein. 1995 informierten dann US-Drogenfahnder die niederländischen Behörden, dass ihr Land ca. 20 Millionen illegale Ecstasy-Pillen pro Monat herstellte – also ca. 70.000 täglich. Das waren damals 75 % der weltweiten Produktion!
Dazu kam noch eine botanische Revolution – durch neue (in den Niederlanden indoors unter Kunstlicht angebaute) Cannabissorten, die deutlich potenter als die übliche Importware waren. „Nederwiet“ bzw. „Netherweed“ wurde weltweit schnell zu einem riesigen Erfolg und einer ganz eigenen Kategorie. Und das alles letztendlich (nur) dank illegalem Unternehmergeist, der in Folge auch immer mehr „Drogentouristen“ in die Niederlande lockte und damit zunehmend den Eindruck eines unfreiwilligen Narco-Staats bestätigte.
Mit der Ratifizierung des Maastricht-Vertrages wurde Amsterdam zum Drogenzentrum des nun grenzenlosen Europas, was Frankreich und Deutschland veranlasste, den kleinen Mitgliedsstaat zu kritisieren. Im Zeitalter des europäischen Binnenmarkts ohne gesicherte Grenzen galt ihnen die niederländische Drogenpolitik als „viel zu freizügig“. Tatsächlich erwirtschaftete der illegale Cannabishandel in den Niederlanden in den späten 90er Jahren jährlich über 600 Millionen Gulden (inflationsbereinigt wären das heute ca. 450 Millionen Euro) und hatte damit eine große Anziehungskraft auf die Unterwelt. Denn längst nicht alle illegalen Dealer waren auf die Herstellung von Party-Pillen umgestiegen.
1997 wurde das Opiumgesetz in den Niederlanden erneut geändert, fortan mussten Indoor-Kulturen stark reduziert werden, außerdem wurden hunderte Coffeeshops geschlossen – ohne die Möglichkeit, neue zu eröffnen. Aber riesige Mengen Drogengeld waren längst in die niederländische Geschäftswelt eingesickert und verschafften der Unterwelt so einen Platz am Tisch der (ganz legal) Mächtigen.
2001 fand in Monaco eine Wohltätigkeits-Gala statt, bei der sich hochrangige holländische Immobilien-Magnaten trafen. Prinzessin Margarita von Bourbon-Parma versteigerte hier ein Gemälde, welches ihre Tante Beatrix (die Königin der Niederlande) zeigte. Unter den vermögenden Gästen und gekrönten Häuptern waren auch erfolgreiche niederländische Kriminelle, die sich hier einfach eingekauft hatten. An einem relativ zentralen Tisch im Festsaal saßen hochrangige Vertreter der organisierten Kriminalität – direkt neben Mitgliedern der niederländischen Königsfamilie: John Mieremet (Zuhälter im Amsterdamer Rotlichtviertel), Simon „Sam“ Klepper (Heroindealer und Kontakt zu den Hells Angels) und Willem Holleeder (bekannt geworden als Entführer von Alfred Heineken) saßen beispielsweise alle drei an einem Tisch.
„Was hatten diese Kriminellen und bekannten Gewalttäter dort auf dieser Gala zu suchen? Wir dachten ja immer, dass die Unterwelt eher abseits der Öffentlichkeit, aus dem Verborgenen heraus operiert – doch das ist ein Klischee. Tatsächlich tritt sie ganz offen auf, Seite an Seite mit der Elite des Landes. Diese Vermischung ist faszinierend, denn wenn die Niederlande zwischen Geld und Moral wählen müsste, gewinnt immer das Geld. Das hat jener Abend perfekt illustriert“, erklärte der renommierte niederländische Wirtschaftsjournalist Jan Meeus dazu.
Wenige Monate nach der Gala in Monaco brachten sich die besagten drei Schlüsselfiguren der niederländischen Unterwelt gegenseitig um. So wurde der Weg frei, für eine ganz neue Verbrechergeneration, die sich ab Anfang der 2000er Jahre wieder verstärkt auf die altbekannte Droge Kokain konzentrierte. Damit geriet auch eine neue kriminelle Organisation in den Fokus von Behörden und Medien: Die sogenannte Mocro-Mafia.
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