Auf den Weltmeeren sind heutzutage zehntausende Containerschiffe unterwegs, 90 % des internationalen Warenverkehrs findet auf Wasserwegen statt. Auch in Europa stehen die internationalen Häfen in einem erbitterten Konkurrenzkampf um die damit verbundenen Riesenprofite. Und auch hier (Wen wird’s wundern?) liegen die Niederlande auf dem ersten Platz – schließlich ist der Hafen von Rotterdam Europas größter Hochseehafen und damit DAS Tor für den Welthandel. Doch dieser „Sieg“ hat einen hohen Preis, denn im Schatten der Warenströme agiert auch das organisierte Verbrechen.
(Wer Teil 1 noch nicht kennt, kann ihn hier lesen)
Als zentraler Knotenpunkt des internationalen Warenverkehrs haben sich die Niederlande zur Keimzelle eines neuen kriminellen Netzwerks entwickelt, welches Europa zunehmend unterwandert und dabei auch die stabilsten Rechtsstaaten erschüttert. Wir konnte es soweit kommen?
In den 90er Jahren wurden die USA von lateinamerikanischem Kokain überschwemmt, weshalb die US-Regierung in Kooperation mit der kolumbianischen Armee erst Pablo Escobars Medellín-Kartell und anschließend das Cali-Kartell (direkt vor Ort) zerschlug. Das System musste sich nun neu erfinden – und tat dies auch. Auf der Suche nach neuen Märkten orientierte sich eine Vielzahl von Drogenhändlern nun verstärkt in Richtung Europa.
Im Süden Europas übernahmen etablierte italienische Mafia-Gruppen das Kokain und leiteten es nach Spanien und Frankreich weiter. Im deutlich reicheren Norden Europas bot (und bietet) der Hafen von Rotterdam die nach wie vor besten Bedingungen für organisierte Kriminelle. Denn hier treffen alle Waren aus Lateinamerika ein, die für Deutschland, Nordfrankreich, Belgien und weitere westeuropäische Staaten bestimmt sind. Kein Wunder also, dass es in den letzten Jahrzehnten hunderte kolumbianische Drogendealer in die Niederlande zog, um dort illegale Einfuhroptionen auszuloten.
Der argentinische Kriminologe Damian Zaitch erklärt das so: „Die Kolumbianer schätzen an den Niederlanden vor allem eins: ihre Geschäftskultur. Sie konnten hier fast unbemerkt mit Drogen handeln, indem sie sich einfach an die wirtschaftlichen Strukturen und den internationalen Containerhandel anpassten.“
Mitte der 90er Jahre waren die Drogenfunde in Europa noch recht bescheiden. Ein paar Kilo hier und da, Kokain versteckt in Koffern, in Sporttaschen oder im Körper von sogenannten „Mulis“, die per Flugzeug einreisten. Dabei gab es damals in Cali schon über 400 verschiedene Netzwerke für den weltweiten Kokain-Export – und so nahm auch in den Niederlanden der Kokainschmuggel stetig zu, der längst von internationalen Netzwerken kontrolliert wurde.
Um die Jahrtausendwende herum drang Kokain dann aus dem Party- und Nachtleben in die Arbeitswelt vor. Nun koksten unter anderem auch Elektriker, Köche, Taxifahrer oder Hochseefischer, um dem steigenden Zeit- und Leistungsdruck standzuhalten. Und was folgte daraus? Na klar – die Nachfrage explodierte.
Die kolumbianischen Kartelle brauchten nun mehr lokale Arbeitskräfte für ihre Logistik und den Straßenhandel, daher rekrutierten sie immer mehr arbeitslose Jugendliche mit Migrationshintergrund. Der niederländische Wirtschaftsjounalist Jan Meeus erläutert: „Kolumbianer arbeiten ungern mit Niederländern – und mit ‚Niederländern‘ meine ich Weiße. Sie bevorzugen Leute aus Surinam oder von den Antillen oder auch Marokkaner der zweiten und dritten Generation, deren Eltern einst als Arbeitsmigranten in die Niederlande kamen und die dann in den Drogenhandel einstiegen. Diese Gruppen vermischten sich, und Kriminelle der dritten Generation wurden mittlerweile zu zentralen Figuren der niederländischen Unterwelt.“

Auch Schwerverbrecher, die zuvor auf Bank- oder Juwelenraub spezialisiert waren, wurden engagiert und bald zu effektiven Handlangern kolumbianischer Drogenbosse. Denn diese sogenannten „Extractors“ schleusen sich immer wieder erfolgreich in den Rotterdamer Hafen ein, brechen die ihnen bekannten Container auf und holen das darin versteckte Kokain. Was hier vielleicht aufregend klingt, ist ein relativ einfacher Job. Denn wie fast ganz Europa ist auch der Rotterdamer Hafen relativ leicht zugänglich.
Ein Extractor ist in der Vergangenheit besonders aufgefallen: Gwenette Martha. Geboren auf der niederländischen Karibikinsel Curaçao, steht Martha für einen ganz neuen Verbrechertypus, denn er verkörpert das erste Bündnis zwischen holländischen Straßengangs und kolumbianischen Drogenkartellen. In Amsterdam war Gwenette Martha lange Zeit ein regelrechter Star, der schon früh aufstieg. Mit 20 war er bereits Bandenchef, bei Boxkämpfen wurde sein Name wie ein Banner („Gwenette for ever“) getragen, während er sich immer mehr zu einem Schwerverbrecher entwickelte. Er wurde oft „der Mann ohne Schatten“ genannt, weil ihn lange niemand fassen konnte.

Dabei war der Job eines Extractors für Martha so leicht, dass die von ihm extrahierten Mengen schnell anstiegen. Mit der Zeit muss er sich gedacht haben „Ein, zwei Lieferungen mehr oder weniger registrieren die Kolumbianer doch gar nicht“ und machte sich mit seiner Straßengang nach und nach immer selbständiger.
Sie dealten nun immer weniger mit Haschisch und immer mehr mit Kokain. So maximierte Marthas Gang ihre Gewinne, und alle Beteiligten wurden super reich. Kein Wunder, schließlich bringt illegale Drogenwirtschaft schon nach kurzer Zeit riesige Profite ein – und Kokain ist die mit Abstand profitabelste Droge von allen.
Ein Kilo Kokain kostet bei einem kolumbianischen Kleinproduzenten rund 1.000 Euro. In Europa bringt dasselbe Kilo im Straßenverlauf rund 60.000 Euro ein. Bei solchen Margen ist ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf praktisch unausweichlich – folglich muss jeder, der in diesen Markt einsteigen will, ein skrupelloser Schwerverbrecher mit Köpfchen sein. Was auch bedeutet, dass an jeder Line immer etwas Blut klebt. Das sollte man als aufgeklärter Kokser wissen.
Aber zurück zu Martha und seiner Bande, die sehr schnell (vielleicht ZU schnell) ihren neuen Reichtum offen zur Schau stellte. Alle trugen plötzlich Luxusuhren und edle Markenkleidung, während sie in ihren exklusiven Sportwagen zu VIP-Events fuhren. Einige inszenierten sich sogar ganz offen in Rap-Videos – DER subkulturellen Soft Power des kriminellen Milieus. Redouan Boutaka, ein enger Vertrauter Marthas, haute in Rap-Videos besonders extrovertiert auf die Kacke – und wurde kurz darauf von unbekannten Mitbewerbern erschossen.
Mitten in Amsterdam wurden nun immer mehr Rivalitäten im Drogenmilieu mit Kriegswaffen ausgetragen, was die niederländische Gesellschaft verständlicherweise alarmierte. Es folgten angestrengte Ermittlungen, an deren Ende einige Unterweltbosse verhaftet wurden. Allerdings weniger wegen Drogenhandels, sondern eher wegen verschiedener Morde, die im Rahmen des Konkurrenzkampfs um die Drogenwirtschaft begangen wurden. Wodurch die Drogenwirtschaft selbst weitgehend unangetastet und bestehen blieb.
Natürlich wussten die niederländischen Behörden längst, dass es gar nichts nutzt, die Gewaltexzesse rivalisierender Drogenbanden zu verfolgen, solange der dies verursachende Drogenhandel fröhlich weitergeht. Aber man verfolgt halt in den Niederlanden nur Gewaltverbrechen und ist tolerant gegenüber Drogenvergehen. Das kann Fluch und Segen gleichzeitig sein.
Anfang 2008 gelang es den niederländischen Ermittlungsbehörden Gwenette Martha wegen Gewaltdelikten und organisiertem Drogenhandel festzunehmen und zu inhaftieren. Aber Marthas Reichtum ließ die Gefängnismauern bald schon wieder bröckeln, er entkam am 12. Mai 2008 aus dem Gefängnis in Heerhugowaard.
Der leitende Staatsanwalt von Amsterdam bot 5.000 Euro Belohnung für sachdienliche Hinweise, die zur Wiederergreifung Marthas führen. Doch darauf biss keiner an, schließlich warnte die Polizei selbst öffentlich davor, sich Martha zu nähern, da dieser bewaffnet und extrem gewalttätig sei. Nicht auszudenken, was er mit einem anstellen würde, wenn man ihn für 5.000 Euro verpfeift. Und so tauchte Martha nach seiner spektakulären Flucht erstmal unter.
Das Kokain, dass nun nicht mehr über die Niederlande nach Europa kommen konnte, fand neue Wege auf den traditionellen Haschisch-Schmuggelrouten aus Marokko. Oft kam und kommt es fortan über spanische Mittelmeerstrände nach Europa, sodass sich Marbella in den 2010er Jahren zu einer internationalen Hochburg des organisierten Verbrechens entwickelte. Auch viele niederländische Drogenschmuggler tauschten gerne Grachten und Deiche gegen Swimmingpools unter Palmen in Marbella ein.
Die wichtigsten Entscheidungen wurden aber immer noch in den Niederlanden getroffen. Nach zwei Jahren auf der Flucht wurde Gwenette Martha 2010 doch gefasst und zurück ins Gefängnis gebracht. Seine Komplizen wollten daraufhin die lukrativen Geschäfte ohne ihn weiterführen – und erklärten sich gegenseitig den Krieg. Und dann schossen sie aufeinander.
Ende 2012 gab es allein in Amsterdam 14 Tote nach Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Splittergruppen des ehemaligen Netzwerks von Gwenette Martha. Das Vordringen und Sichtbarwerden solcher Gewalt im öffentlichen Raum beunruhigte die niederländische Öffentlichkeit immer noch sehr, angeheizt wurde das Ganze zudem durch die Recherchen zweier Journalisten und ihren Bestseller „Mocro Mafia“, der sich um die neu entstandene marokkanische Kokain-Mafia dreht.
Niederländische Rechtspopulisten machten daraufhin pauschal Stimmung gegen Marokkaner – als ob jeder von ihnen ein Mafia-Mitglied ist. Journalist Paul Vugts erklärt: „Es gibt keine ‚Mocro-Mafia‘, denn das sind nicht nur Marokkaner, sondern Männer mit unterschiedlichsten Wurzeln – zum Beispiel auch viele Türken, Antillaner und Surinamer. Außerdem ist das auch keine klassische Mafia, denn die existiert so gar nicht.“

Und trotzdem blieb und bleibt der Begriff irgendwie haften. „Mocro-Mafia“ wurde zu einem Label für die Öffentlichkeit, Politik und Polizei ebenso wie auch für die Schmuggler selbst. Dabei hat Paul Vugts Recht, denn es gab und gibt in den Niederlanden keine marokkanische Mafia im üblichen Sinne. Also keine Organisation, die ein Gebiet politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich kontrolliert, wie das beispielsweise in Russland, China und vielen Ländern Südamerikas oder auf dem Balkan der Fall ist.
Niederländischen Gangs funktionieren nach einem ganz anderen Modell: sie organisieren sich entlang der Wertschöpfung ihres illegalen Produkts und stellen dabei Kompetenz über ethnische Herkunft. Das führte zu stabilen Allianzen mit Produktionskartellen und internationalen Verbrecherorganisationen – ein neues kriminelles Modell, dass im folgenden Jahrzehnt ganz Europa erfassen sollte. Gwenette Martha, der Pate der sogenannten „Mocro-Mafia“ ist dabei nur die bekannteste Erscheinungsform dieses Phänomens, dass viel größer ist als er selbst.
Im Mai 2014 wurde Martha wegen guter Führung aus dem Gefängnis entlassen, wobei seine Freiheit nur von kurzer Dauer war. Am 22. Mai 2014 wurde er in Amstelveen ermordet, über 80 Kugeln aus Kalaschnikow-Sturmgewehren wurden auf ihn abgefeuert. Anschließend wurde wegen dieses Mordes niemand verhaftet, aber eine rivalisierende Organisation wurde verdächtigt, hinter dem Attentat zu stecken. Ein ehemaliger Vertrauter Marthas soll der Verräter gewesen sein, der den genauen Aufenthaltsort seines Chefs am Abend des 22. Mai für mehrere Millionen Euro an den Mordsponsor weitergab.

Nach dem Attentat auf Martha rauschte eine Welle der Gewalt durch die niederländische Unterwelt. Allein 2014 starben bei Revierstreitigkeiten 38 Menschen – ein absoluter Rekord in der Geschichte des organisierten Verbrechens in den Niederlanden.
2015 tauchte dann erstmal ein der Polizei bis dato völlig unbekannter Name in den Ermittlungsakten auf: Ridouan Taghi. Damals ahnte noch niemand, dass er die neue Schlüsselfigur des niederländischen Kokainhandels war. Ein durchaus geachteter und allseits gefürchteter Mann, dessen Geschäft auf höchstmöglicher Unsichtbarkeit gründete. Er war so diskret, dass ihn selbst seine engsten Vertrauten nur „T“ nannten.
In einem Dorf im marokkanischen Riff-Gebirge geboren kam Taghi als Kind in die Niederlande und wuchs im Arbeiterviertel von Utrecht auf. Mit 20 reiste er dann schon unter falscher Identität durch Belgien, Spanien und Marokko – auf den traditionellen Haschischrouten seiner Familie, die er nun zu Kokainrouten umfunktionierte. 15 Jahre lang agierte er erfolgreich im Schatten und baute dabei sein geheimes Imperium immer weiter aus.
In all diesen Jahren gab es keinerlei Ermittlungen gegen ihn, keine Festnahmen, keine Verurteilungen. Rein gar nichts. Erst 2015 stießen niederländische Ermittler erstmals auf seinen Namen und eine erste heiße Spur: Bei einer Razzia in Amsterdam wurde ein illegales Waffenlager entdeckt, das neben Handgranaten, Sturmgewehren und Munition auch dutzende Mobiltelefone enthielt.
Letztere wurden für die Polizei viel wichtiger als die gefundenen Kriegswaffen, da es spezielle Handys waren. Die Mobiltelefone waren mit der PGP-Verschlüsselungssoftware ausgestattet, wobei PGP für „Pretty Good Privacy“ steht. Dank dieser schon aus den 90er Jahren stammenden Verschlüsselungssoftware konnte niemand die Anrufe, SMS oder E-Mails der Handy-Nutzer zurückverfolgen. Denn 2015 galten PGP-Verschlüsselungen noch als völlig unknackbar.
Verschlüsselte Mobiltelefone wie die gefundenen veränderten die organisierte Kriminalität von Grund auf, sie beschleunigten die globale Drogenwirtschaft und tun das bis heute. Denn heute kann beispielsweise ein gebürtiger Niederländer in Dubai leben und in Rotterdam ein Team haben, welches Kokainlieferungen aus Containern „extrahiert“ und auf der Straße vertickt, während er gleichzeitig seine direkten Kontakte in Kolumbien oder Venezuela pflegen und nutzen kann. Und das alles, ohne sein klimatisiertes Apartment verlassen zu müssen.
Früher war der Job eines internationalen Drogenbosses tatsächlich VIEL schwieriger – da musste man noch selbst VIEL reisen, um möglichst wenig von seinem Herrschaftswissen teilen zu müssen. Heute reicht ein Krypto-Handy.
2016 interessierten sich dann (nach einer Serie islamistischer Anschläge in Frankreich und Belgien) auch französische und belgische Ermittler für die in Amsterdam gefundenen PGP-Telefone, da sie bei eigenen Razzien bereits ähnliche Handys gefunden hatten, die auch nicht entschlüsselt werden konnten. Allen Ermittlern war klar, dass ihre größte Chance darin bestand, die PGP-Verschlüsselung doch noch irgendwie zu knacken. Ganze Scharen von Hackern wurden engagiert und darauf angesetzt – es musste doch möglich sein, diese 90er-Jahre-Verschlüsselungssoftware zu knacken…
Währenddessen geriet der selbsterklärte „Kriminalreporter“ bzw. „Crime Blogger“ Martin Kok ins Visier des neuen, zuvor noch gänzlich unbekannten Drogenbosses. Er war der Erste, der öffentlich über Ridouan Taghi und seine Komplizen berichtete – woraufhin es erste Attentatsversuche auf ihn gab, denen er anfangs noch entgehen konnte. Und er entging ihnen nicht nur, er machte sie auch direkt öffentlich. Und er sagte vor laufenden Kameras: „Wer der Angst nachgibt, der verliert – und morgen bedrohen sie dann den nächsten. Daher ist Aufhören für mich keine Option.“

Die Quittung dafür bekam Kok am 8. Dezember 2016, als er vor seinem Lieblingsbordell am Stadtrand von Amsterdam durch einen Kopfschuss getötet wurde. Die schottische Polizei, die im Rahmen der „Operation Escalade“ ermittelte, brachte diesen Mord mit einer kriminellen Organisation aus Schottland in Verbindung, gegen den mutmaßlichen Täter Christopher Hughes wurde ein Europäischer Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Huges wurden Geldwäsche und die Weitergabe verschlüsselter Geräte an Dritte (darunter Kok), Drogenhandel mit Kokain sowie der Mord an Kok vorgeworfen. Nachdem man ihn fasste, wurde er zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilt.
Im weiteren Verlauf der Mordserien näherten sich die Methoden der niederländischen Drogenbanden immer mehr dem Stil lateinamerikanischer Narco-Kartelle an. Immer mehr makabre Inszenierungen zeigten ein sadistisches Vergnügen daran, die eigenen Verbrechen öffentlichkeitswirksam zur Schau zu stellen – beispielsweise, wenn ein Kopf unübersehbar vor einer Shisha-Bar platziert wurde.
Wie zu Pablo Escobars Zeiten geriet dabei auch die Presse mit ins Visier. Das Amsterdamer Magazin „Panorama“ wurde mit einem Raketenwerfer beschossen, während ein brennender Kleintransporter in das Verlagsgebäude des „Telegraf“ raste – beide Medien hatten zuvor auch über Taghi und sein kriminelles Netzwerk berichtet.
Auch der niederländische Journalist Paul Vugts schwebte damals in Lebensgefahr, er erzählt: „Meine Frau und ich mussten zwischen 2017 und 2018 über ein halbes Jahr lang in einem Safe-House leben. Ich wurde damals als erster niederländischer Journalist in so ein Schutzprogramm aufgenommen – mit gepanzerten Fahrzeugen und tagtäglich bewaffneten Sicherheitskräften um mich herum. Journalisten müssen sich wohl darüber im Klaren sein, dass auch sie potentielle Ziele werden können. Sie könnten gezwungen sein, sich zu verstecken, weil sich unsere Welt ebenso ändert, wie die kriminellen Milieus darin. Heute geht es nicht nur um Gewalttäter, die sich gegenseitig töten und entführen – wir stehen vor dem, was ich Narco-Terror nenne. Dabei sind die Niederlande natürlich kein Narco-Staat, in dem Drogenhändler das Sagen haben. Es lässt sich vieles an unserer Politik kritisieren, aber wir kämpfen gegen diesen Narco-Terror, der unser Land destabilisiert.“
2017 stellte sich einer von Taghis Killern der niederländischen Polizei und packte überraschend ausführlich aus. Nabil Bakkali beschrieb nicht nur die Struktur und Methoden der kriminellen Organisation, er verriet auch Taghi’s Pseudonym unter dem er seine Befehle erteilte. Diese Vernehmungsprotokolle wurden später zu einem zentralen Element der Ermittlungen, die zum sogenannten Marengo-Prozess führten. Aber noch lenkte Taghi von seinem Versteck in Dubai aus all seine illegalen Geschäfte selbst.
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