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Wasser – Kampf um die Quellen des Lebens

Wasser scheint für das 21. Jahrhundert das zu werden, was Erdöl für das 20. Jahrhundert war: DAS entscheidende Gut, welches den Reichtum der Nationen bestimmt. Obwohl zwei Drittel der Erdoberfläche von Wasser bedeckt sind, wird das Problem der Trinkwasserversorgung eine der größten Herausforderungen an die nächste Generation sein. Oder es wird immer öfter Kriege um Wasser geben.

Heute haben nach UNICEF-Statistik über 750 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Jeden Tag sterben etwa 5.000 Kinder an vermeidbaren wasser- und sanitärbedingten Krankheiten. Bis 2030 wird erwartet, dass wir 20 % mehr Wasser benötigen werden, um Nahrung für die wachsende Bevölkerung in den Entwicklungsländern zu produzieren. Währenddessen wird sich der Wasserverbrauch insgesamt um rund 40 % erhöhen. Der steigende Grad der Umweltverschmutzung, die stetig wachsende Bevölkerung und der Klimawandel ergeben zusammen wahrlich keine optimalen Bedingungen, unter denen wir auch in Zukunft überleben können. 

„Ist Trinkwasser eine Ware oder ein Menschenrecht?“ – das ist die wohl entscheidende Frage der Zukunft. Welche grundlegende Rolle Wasser als Lebenselixier aller Lebensformen spielt, ist klar, denn Wasser IST Leben. So ist es (ganz) natürlich anzunehmen, dass Menschen keinen Preis dafür zahlen sollten. Leider ist die Realität aber weit entfernt von dem Ideal. Wasser verkommt immer mehr zu einem regulären Konsumprodukt. 

Die Vereinten Nationen führten bereits eine mehrere Jahrzehnte umfassende Reihe von Debatten zu diesem Thema. Das Ergebnis war eine Beschlussfassung im Jahr 2010, in der erklärt wurde, dass „das Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung aus dem Recht auf einen angemessenen Lebensstandard abgeleitet wird. Es ist untrennbar verbunden mit dem Recht auf das erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit, ebenso mit dem Recht auf Leben und Menschenwürde.“

Tatsächlich fördert Wasser die Verfügbarkeit von anderen grundlegenden Menschenrechten, weshalb ein Entzug des Zugangs zu sauberem Wasser einer Beschränkung von Menschen- und Lebensrechten gleich kommt. Es ist beschämend, dass wir nicht in der Lage sind, unser Recht auf Wasser angemessen anwenden zu dürfen. Auf der einen Seite haben Länder mit mehr Wohlstand und Zugang zu Wasserquellen die Tendenz zu übermäßigem Gebrauch bis hin zur Wasserverschwendung. Gleichzeitig wird hier Wasser immer öfter und stärker verschutzt, während es auf der anderen Seite Millionen von Menschen gibt, die völlig von sauberem Trinkwasser abgeschnitten sind. Denn auch wenn die Erde zu über 70% von Wasser bedeckt ist, bedeutet das nicht, dass es immer und überall im Überfluss vorhanden ist. 

Von den etwa 1,4 Milliarden Kubikkilometern Wasser auf unserem Planeten sind gerade mal 2,5 % direkt trinkbar. Von diesen globalen Süßwasservorräten liegen nur ca. 0,3 % in leicht zugänglichen Flüssen oder Seen. Durch den Anstieg der Weltbevölkerung ist seit 1950 der weltweite Wasserbedarf bereits um ca. 40 % gestiegen – und er steigt stetig weiter.

Auch in Brasilien mit seinem Amazonas (dem süßwasserreichsten Fluss der Welt) wird das Wasser immer knapper. Die voranschreitende Abholzung des Regenwaldes veränderte bereits die klimatischen Verhältnisse auf dem südamerikanischen Kontinent – nun regnet es im Rest des Landes immer weniger.

2015 führte der fehlende Regen zur schlimmsten Dürre Brasiliens innerhalb der letzten 80 Jahre. Den ganzen Sommer lang fiel kaum ein Tropfen vom Himmel. Viele große Wasserreservoirs waren völlig leer und den Menschen in São Paulo wurde das Wasser immer wieder tageweise abgestellt, damit die Betreiber großer Obstplantagen weiter mit Wasser versorgt werden konnten.

Selbst in Europa wird der Anbau besonders wasserintensiver Pflanzen zunehmend zu einem Problem – insbesondere in Spanien, wo auf rund 30.000 Hektar ein Großteil des Obst und Gemüses für den europäischen Bedarf produziert wird. Dafür werden hier immer wieder von den Landwirten illegal Brunnen angezapft, die daraufhin vertrocknen oder versalzen. Die dann nötige Reinigung des Grundwassers ist extrem teuer und muss staatlich subventioniert werden.

Es ist also nicht so, dass immer mehr Menschen immer mehr trinken müssen – tatsächlich ist vor allem die exzessive Landwirtschaft das Problem. 75 % des globalen Wasserverbrauchs geht auf Kosten der Landwirtschaft – und dabei wird nach wie vor sehr viel Wasser verschwendet. Folglich werden die weltweiten Süßwasservorräte durch die gegenwärtige Übernutzung und Verschmutzung immer knapper.

Auch der Anbau von Pflanzen zur Herstellung von Agro-Kraftstoffen wie Bio-Ethanol ist keine ökologische Glanzleistung: Laut einer Studie des Internationalen Instituts für Wasserwirtschaft (IWM) werden in bestimmten Regionen (z.B. in Indien) bis zu 3.500 Liter Wasser verbraucht, um genügend Zuckerrohr für einen einzigen Liter Ethanol anzubauen.

Dazu kommt noch der Wasserverbrauch bei der darauf folgenden industriellen Herstellung des Ethanols. So ist der Anbau von Nahrungspflanzen zur Kraftstoffproduktion heutzutage vor allem ein ethisches Problem, nicht zuletzt, weil dadurch Lebensmittel knapper und teurer werden. Um ein Mittelklasseauto mit durchschnittlicher Fahrleistung ein Jahr lang betreiben zu können, ist genau so viel Getreide notwendig, wie auf einem Hektar wächst.

Mit diesem Getreide könnten aber auch 18 Menschen ein ganzes Jahr lang ernährt werden. Umwelt- und sozialverträglicher erscheint da die enzymatische Umwandlung und Destillation von pflanzlichen Abfällen, die so oder so anfallen. Im industriellen Maßstab ist sowas aber bisher noch nicht profitabel machbar. Also wird es nicht gemacht.

Am meisten Wasser verschluckt bekanntermaßen die Produktion von Rindfleisch – für ein Kilogramm werden durchschnittlich über 15.400 Liter Wasser verbraucht. Nun mag sich mancher denken: „Aber ich esse ja nur deutsches Rindfleisch – damit verursache ich doch keine Probleme, denn bei uns regnet es so viel, dass immer genug grünes Gras da ist…“

Doch das ist auch etwas kurz gedacht, denn wieviel Wasser für die Fleischproduktion benötigt wird, hängt weniger davon ab, wo das Tier lebt, sondern wo und wie das Futter produziert wurde, mit dem es gemästet wird. Bei der heute üblichen Intensivhaltung werden die Tiere mit hochwertigem Weizen, Mais und Soja aus aller Welt gemästet. Die allerwenigsten Kühe grasen auf idyllischen Bergwiesen (wie uns das manche Werbung immer noch zu suggerieren will). Die ans Vieh verfütterten Mengen an Getreide und Hülsenfrüchten würden locker ausreichen, um etwa drei Milliarden Menschen zu ernähren. Fakt ist: Wären wir alle Vegetarier, gäbe es wohl keinen Hunger mehr auf der Welt.

Leider geht die Entwicklung aber in eine ganz andere Richtung: Mit dem Anstieg des Lebensstandards in Ländern wie China wird aufgrund des dort steigenden Fleischkonsums erwartet, dass auch der Wasserverbrauch in den kommenden Jahren weiterhin stark ansteigen wird.

Dabei hat das bevölkerungsreichste Land der Welt schon jetzt reichlich Probleme mit seinem Trinkwasser – bis zu 80 % des Grundwassers soll in China schon heute mehr oder weniger stark verseucht sein und in manchen Provinzen Nordchinas erhalten die Einwohner weniger Trinkwasser als die Bewohner der Wüstenregionen des Nahen Ostens. Daher leiten die Chinesen inzwischen mit riesigen Kanälen Süßwasser aus dem Süden in den Norden um und legen hinter gigantischen Staudämmen dringend benötigte Süsswasservorräte an.

Schon heute leben über 80 % der Weltbevölkerung in den trockenen Regionen der Welt, unter denen sich einige der ärmsten und am meisten gefährdeten afrikanischen Länder befinden. Auf Grund der unterschiedlichen Möglichkeiten des Zugangs zu sauberem Wasser und der daraus resultierenden Konflikte sieht man Wasser heute eher als begehrte Ware denn als knappes Allgemeingut. Von „grundlegenden Menschenrechten“ ist keine Rede mehr…

Die Kommerzialisierung von Wasser begann im 20. Jahrhundert und stieg parallel zur erhöhten Angst vor Wasserknappheit und Umweltzerstörung. Darüber hinaus wurde die Bereitstellung von Wasser als öffentliches Gut unter bestimmten Umständen als ertragsarm und verlustreich dargestellt, wodurch Menschen heute oftmals keine andere Wahl mehr haben, als Wasser für den Verbrauch zu kaufen, so wie sie es mit anderen Rohstoffen auch tun müssen. Dieses Umdenken hat seine Wurzeln in der neoklassischen Idee, einer Ware oder Dienstleistung einen wirtschaftlichen Wert zuzuordnen, um ihre unbegrenzte Ausbeutung zu verhindern. Dieses neue „Marktkonzept“ regelt den Wasserverbrauch der heutigen Welt.

Und so eigneten und eignen sich nun mächtige Industriekonzerne (wo immer möglich) Wasservorkommen meist auf eine der folgenden Arten an:

– durch Wasser-Bergbau in Gebieten mit großen Grundwasservorkommen

– durch intensive Ausbeutung der Flüsse und Ströme dieser Welt

– durch das Leasen von staatlichen Wassersystemen und Abwasseraufbereitungsanlagen

– durch das „Managen“ städtischer Wassersysteme 

Das ist die wohl hinterhältigste Seite der Globalisierung – Privatisierung bedeutet eben auch, sich das gemeinschaftliche Erbe der Natur anzueignen um daraus Kapital zu schlagen. Immer öfter sehen sich Regierungen gezwungen, vormals staatliche Dienstleistungen zu privatisieren – so wird Wasser plötzlich zu einem Teil der persönlichen Lebenshaltungskosten.

Wasser ist daher längst ein „Produkt“, das immer mehr Unternehmen – wie die französischen Konzerne Suez und Vivendi oder die deutsche RWE – für sich entdecken. Allein Vivendi und Suez kümmern sich schon heute um das Trink- und Abwasser von jeweils mehr als 100 Millionen Menschen in aller Welt.

An diesem Geschäft wollen natürlich auch deutsche Unternehmen teilhaben. E.ON-Tochter Gelsenwasser und der RWE-Konzern (im Wassergeschäft weltweit die Nummer 3) kauften 2001 das Londoner Unternehmen Thames Water, das die britische Hauptstadt mit Trinkwasser versorgt. Thames Water wurde 2006 zwar wieder verkauft, aber neuerdings ist die RWE AG auch in den USA, Chile, der Türkei, Australien, Ägypten, Thailand und Singapur in Sachen Trinkwasser aktiv. Schließlich stecken in der Wasserwirtschaft noch viele Milliarden.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium ist längst dabei, den deutschen Wassermarkt privaten Kapitalverwertungsinteressen zu öffnen. Gleichzeitig sollen im Rahmen einer Flurbereinigung aus 6.500 Wasserwerken marktbeherrschende Wasser-Multis entstehen. Deutsche Wasserunternehmen sollen künftig auch auf dem Weltwassermarkt gegen die übermächtige Konkurrenz aus Frankreich, Großbritannien und den USA konkurrieren können. Im nächsten Jahrzehnt wird der Jahresumsatz auf dem globalen Wassermarkt auf mindestens 500 Milliarden US-Dollar geschätzt. Von dem Kuchen will sich die deutsche Wirtschaft natürlich auch gern ein Stück abschneiden.

Wenn in Deutschland tatsächlich das Gebietsmonopol der 7.000 kommunalen Trinkwasserver- und Abwasserentsorger (wie von der Regierung geplant) fallen sollte, werden sofort private Unternehmen einsteigen. Beispiele dafür gibt es zuhauf. Die Lyonnaise (mit Thyssen/Krupp über das Unternehmen Eurawasser verbandelt) versorgt schon heute Rostock, Potsdam, Güstrow, Leuna und Goslar mit dem lebenswichtigen Nass. Wassergiganten wie Vivendi und RWE sehen sich dabei immer öfter als „Umweltdienstleister“, die nur selten ihre Beteiligungen (wie im Fall der Berliner Wasserbetriebe durch Volksentscheid) wieder abgeben müssen. 

Für den Verbraucher ist es kaum von Vorteil, wenn die Wasserversorgung von der Kommune zu privaten Firmen wechselt. Das zeigt vielleicht am besten das Beispiel Großbritannien, wo man schon lange weiß, daß mit Wasser viel Geld zu verdienen ist. Die britische Wasserindustrie wurde ja schon 1989 privatisiert – zumindest in England und Wales. In Schottland und Nordirland blieb sie auch weiterhin staatlich. 

Die englischen Unternehmen, die die Wasserindustrie übernommen hatten, machten in den ersten sieben Jahren riesige Profite und griffen den Verbrauchern tief in die Taschen – und zwar ganz ohne im Gegenzug auch etwas in Sicherheitsmaßnahmen oder die Instandhaltung zu investieren. Und so wurden schon ein Jahr nach der Privatisierung in England und Wales 2.756 Ruhr-Fälle gezählt, im Jahr darauf waren es bereits 9.935 Fälle. Gleichzeitig hatte sich die Zahl der Haushalte, denen das Wasser einfach abgestellt wurde, verdreifacht: von 7.273 Fällen im Jahr 1990 auf 21.586 Fälle ein Jahr später.

„Die Kriege der Zukunft werden um Wasser geführt“ prophezeite schon der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros Gali. Viele wasserarme Staaten schauen bereits gierig auf die Wasser-Reservoire ihrer Nachbarn und sind auch nicht abgeneigt, dafür notfalls einen Krieg vom Zaun zu brechen. Zumal Wasser besonders in jenen Regionen fehlt, in denen die Bevölkerung rasant wächst. Die Welle der weltweiten Demonstrationen, die Polizeigewalt und öffentliche Aufstände gegen die Wasserpreise zeigen das Potenzial auf, inwieweit Gewalt eskalieren kann, wenn Wasser privatisiert und als Ware betrachtet wird.

Am Euphrat und am Tigris, am Nil, am Jordan und am Ganges ist die Gefahr einer Krise besonders hoch. Als die Türkei 1990 den Stausee des neu erbauten Atatürk-Dammes füllte, floss der Euphrat hinter der Staumauer nur noch als kümmerliches Rinnsal. Irak und Syrien bezogen vorher fast 90 Prozent ihres fließenden Wassers aus diesem nun nahezu versiegten Fluß. Um die geschaffene Tatsache zu untermauern, installierte die türkische Regierung umgehend Boden-Luft-Raketen zur Verteidigung des Staudammes.

Kurz darauf begann die Türkei mit dem Bau und der Planung von über 20 weiteren Staudämmen für die nationale Bewässerung und Stromerzeugung – davon sind 10 mittlerweile fertiggestellt. Die türkischen Staudämme haben die Flüsse Euphrats und Tigris mittlerweile stark eingeschränkt, doch aufgrund bekannter innenpolitischer Probleme konnten sich Syrien und der Irak bislang nicht ernsthaft dagegen zur Wehr setzen. Doch sobald in Bagdad und Damaskus wieder stabilere Verhältnisse herrschen, wäre ein Konflikt mit der Türkei vorprogrammiert. 

Die Situation am Nil ist ähnlich. Das chronisch dürregeplagte Äthiopien startete 2012 erstmals eigene Bewässerungsprojekte mit Nilwasser. In der Vergangenheit hatte Ägyptens ehemaliger Machthaber Husni Mubarak für diesen Fall immer mit Krieg gedroht: Jede Begrenzung des Nilflusses würde Ägypten „zur Konfrontation drängen, um unsere Rechte und unser Leben zu verteidigen“. Solange Kairo jedoch mit innenpolitischen Problemen zu kämpfen hat, braucht sich Addis Abeba (noch) keine Sorgen zu machen. Doch sobald die ägyptischen Machtkämpfe beendet sind, wird eine Eskalation dieses Streits sehr wahrscheinlich. 30% der Ägypter leben von der Landwirtschaft, die ohne das Nil-Wasser unmöglich wäre. Das Land unterhält sogar bestens ausgerüstete Militäreinheiten, die auf die Verteidigung des Nilwassers spezialisiert sind. 

Zu welchen Maßnahmen sähe sich wohl Ägypten gezwungen, wenn dann auch noch der Sudan seine Drohung wahrmachen und dem Nachbarn das Wasser des Nils verweigern würde? Dann säße Ägypten komplett auf dem Trockenen, was für Kairo mit Sicherheit einen triftiger Kriegsgrund wäre.

Auch Pakistans Landwirtschaft hängt an einem einzigen Fluss: dem Indus. Daher versucht die Regierung in Islamabad mit aller Macht, den Erzfeind Indien am Bau hydroelektrischer Staudämme flussaufwärts zu hindern – bislang ohne Erfolg. Vor allem der im Bau befindliche Baglihar-Damm erhitzt die Gemüter. Islamistische Terroristen drohten mit Sprengstoffanschlägen auf das Projekt. So kündigte der Extremist Abdur Rehman Makki an, er werde einen „Fluss voller Blut“ freilassen, falls Indien den Indus blockieren sollte.

„In den vergangenen Jahren hat die Gefahr eines Wasserkrieges vor allem im Nahen Osten und in Südasien zugenommen“, erklärte schon 2012 der Konfliktforscher Ashok Swain von der schwedischen Universität Uppsala. Israel streitet sich seit Jahrzehnten mit seinen Nachbarstaaten und den Palästinensern um das Frischwasser des Jordanbeckens. Obwohl die Verteilung des Wassers im Osloer Friedensvertrag von 1994 formell geregelt wurde, bezichtigen sich beide Seiten gegenseitig, zu viel Wasser zu verbrauchen. Werden Jordanier friedlich bleiben, wenn Israel das Wasser der Flüsse Banias, Hisbanis und Jordan weiterhin hauptsächlich für sich in Anspruch nimmt? 

Fakt ist: Israelische Siedler verbrauchen im Schnitt 350 Liter täglich – Palästinensern steht dagegen nur ein Zehntel dieser Menge zur Verfügung. Von den rund 650 Millionen Kubikmetern erneuerbaren Grundwassers des Westjordanlandes, die jährlich genutzt werden, verbraucht Israel schon 80 % – genug Zündstoff für weitere Konflikte, obwohl die aktuellen durchaus reichen würden.

Auch in China bahnt sich ein weiterer Konflikt an – das Reich der Mitte beherbergt 20 % der Weltbevölkerung, hat aber nur 8 % der weltweiten Süßwasservorräte. Um seine rapide wachsende Industrie mit Strom und Wasser zu versorgen, verfolgt Peking im Rahmen des derzeitigen Fünfjahresplans die umfangreichsten Dammbauten, die je ein Land vorgenommen hat. 140.000 Megawatt sollen die neuen hydroelektrischen Staudämme an den Flüssen Mekong, Salween und Brahmaputra generieren, so viel Wasserkraft produzieren derzeit die USA und Kanada gerade mal zusammen.

Die flussabwärts gelegenen Länder beobachten dies natürlich mit Sorge. Vietnam fürchtet, dass die Dämme den Verlauf des Mekongs beschränken könnten und Indien sieht die Wasserversorgung seiner wachsenden Bevölkerung durch die chinesischen Dämme am Brahmaputra in Gefahr.

„Wasser ist der neue Keil zwischen Indien und China“, erklärte der Konfliktforscher und ehemalige Berater der indischen Regierung, Brahma Chellaney und ergänzte: „Chinas exzessive Dammbauprojekte gefährden die Interessen aller flussabwärts gelegenen Staaten. Doch kein Land wird wohl ein größerer Verlierer sein als Indien, denn der größte Anteil an chinesischem Flusswasser fließt dorthin weiter.“

Zudem zirkulieren schon seit mehreren Jahren in Peking groß angelegte Pläne, den Brahmaputra (einen der größten Flüsse Asiens) so umzuleiten, dass er nicht mehr nach Indien fließt, sondern stattdessen Felder in China bewässert. Indiens Premier Manmohan Singh ist darüber so besorgt, dass er die chinesische Führung immer wieder mit dem Problem konfrontiert – bislang beteuert Peking jedoch, die Pläne (noch?) nicht umsetzen zu wollen.

Das Konfliktpotenzial am Brahmaputra wird noch dadurch verschärft, dass kein Vertrag die Verteilung des Flusswassers zwischen den Staaten regelt. An Nil, Jordan und Indus gibt es zumindest solche Abkommen, in manchen Fällen haben sie die internationalen Spannungen auch etwas verringert. Doch ihr Nutzen könnte in Zukunft sinken, denn der Klimawandel verändert die Menge an Wasser in den Flüssen dramatisch – doch die Verträge berücksichtigen das nicht.

So könnten die veralteten Abkommen sogar zu einer möglichen Ursache von neuen Konflikten werden. Zudem bleibt selbst bei einer vertraglich geregelten Aufteilung von Süßwasser immer die Angst, dass das stromaufwärts gelegene Land eines Tages den Vertrag einfach kündigt und den Fluss gänzlich umleitet und damit für die Nachbarstaaten stoppt.

Neben dem internationalen Konfliktpotenzial zwischen souveränen Staaten gibt es auch immer mehr Beispiele von Fällen, in denen vor allem die Ärmsten der Armen für Wasser zur Kasse gebeten werden. Man mag es kaum glauben, aber tatsächlich zahlen die Menschen in den Slums von Jakarta, Manila und Nairobi heute bereits deutlich mehr für Wasser als westliche Verbraucher in Metropolen wie New York, Paris oder London. Das ist natürlich eine schreiende Ungerechtigkeit – aber auch längst trauriger Alltag für Millionen von Menschen.

Nach erfolgter Privatisierung stellte die Wassergesellschaft einer südafrikanischen Provinz denen, die zu arm waren, ihre Rechnungen zu bezahlen, einfach das Wasser ab. Als die Menschen daraufhin verschmutztes Flusswasser tranken, brach eine Cholera-Epidemie aus, an der viele Südafrikaner starben.

In der argentinischen Provinz Tucuman stiegen die Wasserpreise nach der Privatisierung um 104 % während in Ghana die Weltbank und der Währungsfonds die Regierung zwangen, die Subventionierung der Wasserpreise aufzugeben und eine Privatisierung der Wasserversorgung abzusegnen – danach verdoppelte sich der Wasserpreis auch hier schlagartig. Auch hier zahlen vor allem die Ärmsten der Armen die Wucherpreise für (meist abgefülltes) Wasser.

In Cochabamba, der drittgrössten Stadt Boliviens, wurde schon im Frühjahr 2000 das städtischen Wasserunternehmen an den US-Konzern Bechtel verkauft. Auch hier stiegen die Preise gewaltig – doch es formierte sich auch Widerstand. Es kam zu Massenprotesten, die Polizei antwortete mit Tränengas, Gummigeschossen und schließlich mit scharfer Munition. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand, Gewerkschafter und Gemeindesprecher wurden verhaftet und verbannt. Mindestens fünf Menschen starben nach Angaben von Amnesty International bei dieser mehrwöchigen Wasser-Krise. Die Konzerne, die nach Bolivien kamen, hatten kein eigenes Geld mitgebracht – sie re-investierten lediglich einen Teil dessen, was sie den Verbrauchern abgenommen hatten.

In den USA treiben vor allem Swimmingpools und Golfplätze den Wasserverbrauch in die Höhe. Auch wenn schon mal eine Dürre über Kalifornien kommt, leidet die USA noch nicht wirklich an Wassermangel. Dass liegt u.a. auch daran, dass die USA den wasserreichen Rio Grande in einer Art und Weise ausbeuten, dass für Mexiko kaum noch etwas übrig bleibt. Städte wie Phoenix oder Las Vegas wurden mitten in der Wüste errichtet und können nur mit gewaltigen Süsswassermassen begrünt und bewohnt werden. Ein ökologisches Minus-Geschäft von gigantischem Ausmaß. 

Gleichzeitig wird weltweit immer mehr abgefülltes Trinkwasser verkauft. Aus einer Studie, die von der „Inter-American Development Bank“ veröffentlicht wurde, geht hervor, dass die Mexikaner pro Jahr und pro Person etwa 127 Liter Mineralwasser verbrauchen (der weltweit höchste Verbrauch). Hier trinken aus Mangel an Optionen auch die Ärmsten teures Flaschenwasser, während die Reichen ihre Gärten mit fast kostenlosem Leitungs(trink)wasser bewässern.

Es ist eine der größten Ungerechtigkeiten unserer Gegenwart, dass heute viele unterprivilegierte Menschen gezwungen sind, überteuertes Wasser zu kaufen. Viele Wasserversorger arbeiten schon heute mit Entwicklungshilfeorganisationen zusammen, um allen, Arm und Reich, Trinkwasser zum gleichen Preis zu verschaffen. 

Schlimm, wer Schlechtes dabei denkt: Unternehmen sind wahre Meister darin, Fördergelder auf ihre Konten umzulenken – bereitwillig unterstützt von der internationalen Politik. Auch die Firma Nestlé hat reichlich Fördergelder abgegriffen und ist längst einer der größten globalen Player in der Wasserwirtschaft.

In Pakistan startete Nestlé beispielsweise eine Marketing-Kampagne für die Marke „Pure Life“. Diese war gezielt auf wohlhabende Pakistani ausgerichtet und wurde so zu einem Statussymbol für pakistanische Oberschicht. Doch auch die Armen bekamen die negativen Auswirkungen des Konsums zu spüren – sie haben mit dem Dilemma um ausgetrocknete Quellen in ihren Dörfern und verunreinigtes Wasser zu kämpfen. 

Und mehr noch: Nestlé griff diese direkt durch die widerrechtliche Aneignung der Wasserversorgung an und fördert nun Wasser aus zwei Tiefbrunnen des Dorfes Bhati Dilwan. Somit sind nun auch die Bewohner dieses Dorfes gezwungen, ihr eigenes Wasser in Flaschen (zurück) zu kaufen. Eine ähnliche Geschichte stammt aus Nigeria, wo eine einzelne Flasche „Pure Brand“ teurer ist, als das durchschnittliche Tageseinkommen eines nigerianischen Staatsbürgers.

Leider werden viele Unternehmen, die Wasser privatisieren, nach wie vor von dem Bewusstsein angetrieben, dass die Reichen in Flaschen abgefülltes Wasser kaufen würden, um in Mode zu bleiben und die Armen dies tun (müssen), weil sie es zum Überleben brauchen und somit keine andere Wahl haben.

Einen Preis für die Konservierung von Wasser und dessen Gebrauchsrichtlinien aufzurufen ist verständlich. Wenn daraus aber ein normales Konsumprodukt gemacht wird, das entscheidend dafür ist, ob ein Mensch lebt oder stirbt, dann ist das unmoralisch. Raubt man einer Person ihr Grundrecht auf Leben, weil sie die Ware Wasser nicht bezahlen kann, so ist das in mehrerlei Hinsicht extrem unmoralisch und grenzt an Totschlag.

Heute beherrschen eine Reihe multinationaler Konzerne die globalen Wassermärkte, angefangen bei der Produktion der nötigen Anlagen für die Wasserproduktion über Abfüllanlagen für Flaschenwasser bis hin zu privaten Wasserversorgern und Großhändlern. Es ist ein beunruhigender Trend im Wassersektor, der in rasender Geschwindigkeit weltweit fortschreitet. Die neuen „Wasser-Barone“ (Wall-Street-Banken und elitäre Multimilliardäre) kaufen mittlerweile Wasser auf der ganzen Welt auf, und zwar in einem unglaublichen Tempo – während in vielen Ländern Wasserknappheit längst tägliche Realität ist.

Doch es gibt auch Anlass zur Hoffnung. Anton Earle vom Stockholmer Internationalen Wasserinstitut (SIWI) arbeitete mehrere Jahre für eine Kommission, die Staaten des Okavango-Beckens im südlichen Afrika bei der Aufteilung des Wassers aus dem gleichnamigen Fluss berät. Nach dem Ende des Bürgerkrieges in Angola begann das Land mit der Planung von Staudämmen und Bewässerungsprojekten. „Das löste im flussabwärts gelegenen Botswana große Ängste aus“ erklärte Earle und fuhr fort: „Teile der Bevölkerung forderten bereits, Angola zu bombardieren.“

Doch stattdessen begannen die Staaten des Flussbeckens, im Rahmen einer gemeinsamen Organisation zu kooperieren. “Angola verzichtete darauf, Dämme ohne Rücksprache zu bauen und stimmte stattdessen grenzübergreifenden Machbarkeitsstudien zu“, sagte Earle, der die Zukunft dieser Zusammenarbeit sehr optimistisch sieht.

Solche positiven Beispiele sind leider noch sehr selten – weltweit deutet alles eher auf zunehmende Spannungen hin. Es sei denn, die bisher noch sehr teure und energieintensive Entsalzung von Meereswasser (die derzeit vor allem in den ölreichen Golfstaaten betrieben wird) lässt sich auch mit nachhaltiger Energie global realisieren. Die entscheidende Frage wird bald lauten: Siegt die Gier oder die Menschlichkeit? 

In einem kapitalistischen System ist die Frage längst beantwortet, denn hier gilt die Maximierung des Gewinns noch immer als stärkste (und legitime) Triebkraft. Vielleicht werden die Wasserkrisen der Zukunft ja die Sargträger des Kapitalismus sein, denn um die Wasserprobleme zu lösen, bräuchte es neue Ansätze wie nachhaltigen Konsum, nahezu umfassendes Recycling von Wertstoffen, die Abschaffung der geplanten Obsoleszenz (die absichtliche Begrenzung der Lebensdauer eines Produkts) und viele weitere nicht Gewinn-orientierte Maßnahmen, die heute noch utopisch klingen.

Es würde radikale Änderung unserer Ansichten und unseres Konsumverhaltens erfordern, unserer technologischen Entscheidungen und unserer Bevölkerungszahl – dann verdienen wir uns vielleicht die Chance, auf diesem Planeten weiterhin so angenehm leben zu können. Wenn uns das nicht gelingt, haben wir unser Schicksal womöglich verdient.