Zur Schweizer Hanfmesse CannaTrade 2016, die wieder in der Stadthalle Dietlikon bei Zürich stattfand, trafen sich drei international anerkannte Experten für Cannabismedizin, um zusammen eine Podiumsdiskussion auszugestalten: Professor Dr. Rudolf Brenneisen aus Bern, Dr. Franjo Grotenhermen aus Deutschland und Dr. Manfred Fankhauser, Apotheker aus dem Schweizer Emmental, der als erster Schweizer Cannabispräparate herstellen und an Patienten abgeben durfte. Gemeinsam stellten sie sich den Fragen des Moderators (und Autors dieses Texts) und des Publikums. Eine für den Druck modifizierte und gekürzte Abschrift.

Was kann Cannabismedizin leisten und wieso lohnt es sich, diese möglichst flächendeckend zu etablieren?

Franjo Grotenhermen: Ich habe in den letzten Jahren viel Erfahrung sammeln können – über Literatur und meine Patienten. Dass Cannabisprodukte bei so vielen Krankheiten eingesetzt werden können, ist ziemlich ungewöhnlich. Es gibt keine pharmakologische Substanz, die sowohl bei Schmerzen als auch bei Depressionen, bei Glaukom, bei neurologischen Erkrankungen, bei posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), bei Spastik etc. wirksam ist. Das Wirkungsspektrum von Cannabis und THC ist extrem breit.

Ich sehe in meiner Praxis vor allem fünf Einsatzgebiete. Das erste sind chronische Schmerzerkrankungen und zwar unterschiedlicher Art, zum Beispiel neuropathische Schmerzen, aber auch Migräne und so weiter. Da handelt es sich also nicht nur um Schmerzen, die normalerweise mit Opiaten therapiert werden können, sondern auch um zum Beispiel Migräne, die sonst mit ganz anderen Präparaten behandelt wird.

Die zweite große Gruppe sind neurologische Erkrankungen, also beispielsweise Epilepsie, Spastik bei Multipler Sklerose und Tourette-Syndrom.

Der dritte Bereich ist vielleicht der am besten erforschte Bereich, nämlich Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen bei verschiedenen Erkrankungen, zunächst bei der Krebs-Chemotherapie, aber auch bei HIV/Aids und Hepatitis.

Der vierte Bereich besteht aus psychiatrischen Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen, Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen sowie ADHS. Das ist ein Bereich, der erst in den letzten zehn Jahren bekannter geworden ist.

Und der fünfte Bereich sind chronisch entzündliche Erkrankungen, wie beispielsweise Rheuma, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und Morbus Bechterew.

Das sind die größeren Bereiche, aber daneben gibt es viele einzelne Erkrankungen, wo auch immer neue Erkenntnisse gesammelt werden. Ein Beispiel: Tetrahydrocannabivarin, ein weitgehend noch unbekanntes Cannabinoid in der Cannabispflanze, könnte bei Diabetes-Typ 2 ganz hilfreich sein. Cannabis kann daneben auch bei seltenen Krankheiten wie Acne inversa (einer chronischen Hauterkrankung) verwendet werden – die Pflanze hat ein ganz weites Einsatzgebiet. Das große Problem, das wir haben, ist eigentlich Folgendes: Wir sehen ein weitreichendes therapeutisches Potenzial, aber haben eine nur sehr limitierte Forschung. Einige Bereiche sind ganz gut erforscht, wie zum Beispiel chronische Schmerzen und Appetitlosigkeit, bei anderen gibt es nur anekdotische Hinweise, wie zum Beispiel bei Zwangsstörungen und ADHS. Und bei anderen Erkrankungen gibt es kaum Material oder nur kleine offene Studien, wie in Israel zur PTBS. Das ist das Problem, mit dem die Medizin und die Politik zu tun haben. Die Patienten stellen fest, dass Cannabis ihnen hilft, wir haben aber nach wie vor großen Forschungsbedarf.