Indien wäre nicht Indien, wenn alles nach Plan laufen würde. Vom Yoga-Städtchen Rishikesh, am Fuß des Himalajas gelegen, will ich ins Parvati-Tal reisen. Eine 500 Kilometer lange Strecke über kurvige, schmale Bergstraßen liegt vor mir, an deren Ende ich nach 16 Stunden Fahrt fast 1.500 Höhenmeter überwunden habe. Corona-bedingt gibt es keinen öffentlichen Fernverkehr, und so teile ich mir ein Taxi mit Freunden.

Ohrenbetäubende Musik plärrt aus den Lautsprechern des PKWs, zu denen der junge Fahrer mit großen Bewegungen und lauter, kratzender Stimme tanzt und singt. Sein glasiger, dauerbekiffter Blick richtet sich auf den Verkehr, aber seine Aufmerksamkeit ist ganz woanders. Auf der Rückbank suchen wir verzweifelt nach etwas Schlaf, doch zur lautstarken Musik weht eisiger Wind durch das weit geöffnete Fahrerfenster in den Innenraum, der uns die Möglichkeit eines Kältetods offenbart. Als wäre das nicht alles schlimm genug, sind meine beiden Begleiter aufgrund der halsbrecherischen Fahrweise auch noch dem Erbrechen nah.

Ein geplatzter Reifen bringt später eine ganz andere Misere mit sich. Es fehlen geeignete Werkzeuge für einen Reifenwechsel und der uralte Ersatzreifen im Kofferraum hat so wenig Profil wie ein Kaugummi. Kleinlaut versucht unser Fahrer in der Dunkelheit vorbeifahrende Lkws auf der verlassenen Bergstraße anzuhalten und um Hilfe beim Reifenwechsel zu bitten. Aber ohne Trinkgeld lässt sich in der bitterkalten Nacht natürlich niemand darauf ein. Viele frostige Stunden vergehen, aber irgendwann (viel später als geplant) stehe ich in den frühen Morgenstunden auf der Dachterrasse meiner Unterkunft. Mit einem heißen Chai in der Hand bewundere ich die mich umgebenden Berge. Hallo Parvati!

Um das Parvati Tal ranken sich zahlreiche Legenden. Sie erzählen von hinduistischen Göttern und ihren ach so menschlichen Charakterzügen – und sie erzählen von Haschisch. Besonders in den Coffeeshops Amsterdams, wo ein duftender Joint von einer Hand in die nächste wandert, gilt Parvati als Sehnsuchtsort.

Parvati, so heißt nicht nur der Fluss, der sich vor mir in frostiger Klarheit und umgeben von den mächtigen Gipfeln des Himalajas durch das gleichnamige Tal windet. Parvati, so heißt auch die hinduistische Göttin der Liebe, Fruchtbarkeit und Harmonie.